Jakob Haringer: In die Dämmerung gesungen

Haringer-In die Dämmerung gesungen

DER DICHTER

Alles Glück, es ward nie Seligkeit,
Und der schönste Stern wird nie zum Licht,
Aber auch das tiefste Erdenleid
Ward kein Leid: es wird bloß zum Gedicht!
Und des Lebens schönste Dinge sind
Strophen bloß und euerm Herz zum Tand:
Jeder Dichter ist ein blindes Kind.
Worte sind sein armes Vaterland!
Sucht auf alles Leben nur den Reim!
Ach der Reim ihm alles Sein verdirbt –
Fand er keine Hand und kein Daheim.
Der ist Dichter bloß, der ewig stirbt.
Dichter ist nur, wer nie ein Gebet
Und als Toter durch das Leben geht.
Ist die Welt ihm eine tote Stadt,
Weil er bloß sein Herz zum Leben hat –

 

 

 

Nachwort

Zürnen Sie bitte nicht dem Verzweifelnden, wenn er, der auf Erden keinen guten Menschen kennt, noch vor Torschluß sich an Ihre Güte klammert. Ich bin am Ende. Helfen Sie mir bitte noch ein letztes Mal, in kurzem erscheinen neue Bücher von mir, und ich bin dann sicher der Not enthoben, so aber kein Schutzengel sich meiner bis dorthin erbarmt, verreck ich in dieser Elendsstadt, in der täglich fünfzehn Selbstmorde passieren, die das dümmste Menschengesindel der Welt beherbergt und wo Schubert auf Taschentüchern, Klosettpapier, Margarineumhüllungen. Retten Sie, Verehrter, mich ein letztes Mal, nie vergesse ich Ihnen Ihre Hilfe. Ich weiß nicht, was beginnen, seit Wochen kein Bett und knurrender Magen, stinkende Wäsche, alles zerrissen, krank, krank. Es geht nicht mehr so weiter, verzeihen Sie mir!!!! Ich bitte Sie nochmals um ihre Hilfe, um eine barmherzige Antwort. Ein gütiges Schicksal wird es lohnen. Immer Ihr armer, elender Haringer.

Mit solchen oder ähnlichen herzerweichenden Hilfeschreien wie diesem, der an den Berliner Arzt, Geigenbauer und Schriftsteller Julius Levin gerichtet ist, wendete sich Jakob Haringer sein Leben lang an Schriftstellerkollegen und vermögende Freunde. Inhalt und Tenor der Briefe bleiben unverändert. Sie haben immer nur ein Thema – die krasse Notlage des Absenders: „Seit Monaten bin ich stellenlos, hungrig und krank. Nun beehrt mich zum Herz- und Lungenleiden auch noch – Rückenmarkschwindsucht“, heißt es in einem Brief vom 1. Dezember 1918 an Alexander von Bernus. Hermann Hesse klagte er 1934 aus Ebenau bei Salzburg:

Mir geht’s über alle Maßen schlecht, ich leb von den Beeren im Wald, beim Bäcker krieg ich nichts mehr, da zuviel für Brot schuldig… renn total zerfetzt rum, haben Sie nicht bitte eine alte Hose für mich oder alte Wäsche… es ist zum Kotzen… Schrecklich, in den Zeiten eines Hitler und Hindenburg, der Männchen und Hauptmännchen nichts zu sein als bloß ein Dichter!!

Immer aufs neue weiß er sein Elend in den grellsten Farben zu schildern, so daß die ewigwährenden Bitten um Kleidung, Lebensmittel, Geld oft nicht vergeblich sind. Es wird sogar behauptet, er habe die Almosen-Aktionen zeitweilig rationalisiert und die Bettelbriefe in vierhundert Exemplaren drucken lassen und an Kollegen gesandt, deren Anschrift er Kürschners Deutschem Literaturkalender entnahm. Der Illustrator Marcus Behmer, einer seiner Gönner, habe ihn einmal besucht und sei erstaunt gewesen, den Bettler in einem eleganten Anzug zu erblicken. In seinem Zimmer habe er einen Schrank geöffnet, der voller Kleiderspenden hing. Allerdings hat sich Haringer auch sehr rasch die Zuneigung hilfsbereiter Kollegen verscherzt. Blieb einmal die erwartete Hilfe aus, reagierte er mit unflätigen Beschimpfungen. Dünkte ihm der überwiesene Betrag zu gering, schickte er ihn postwendend zurück. Mit derlei Anekdotischem ließe sich wohl fast die gesamte Biographie einfärben, das hieße aber, der Legende, die zum großen Teil auf maßlose Übertreibungen oder gar Falschmeldungen Haringers selbst zurückgeht, neue Nahrung geben. Alle Daten und Fakten, die Haringer in Umlauf setzte, sind mit äußerster Vorsicht zu verwenden. Schon allein die zahlreichen Versionen, die es von seinem Geburtsjahr gibt (1883, 1888, 1889, 1893, 1897, 1898 usw.), deuten an, wie sehr es der Un-Bürger Haringer darauf anlegte, die Zeitgenossen zu foppen und alle authentischen Lebensspuren durch Mystifikationen zu verwischen. Während er im Kürschner des Jahrgangs 1928 angibt, er sei 1883 geboren, steht schon im Jahrgang 1932 wahrheitsgemäß 1898. Kurz vor seinem Tode schrieb er an Gregor Müller:

Meinen Geburtstag sollte, wenn schon sonst kein Mensch, so doch mein Verleger wissen, es ist mein fünfzigster, und er steht vor der Türe: 16.III.98. Alle Geschenke bitte meinem Kammerdiener abgeben!

Auch seinen Namen hat Haringer mehrfach geändert. Aus Hans Haringer (so in einem Brief an Alexander von Bernus) wurde in der Öffentlichkeit Jan Jacob Haringer, später Jakob Haringer. In seiner letzten Veröffentlichung, dem Gedichtband Das Fenster, nennt er sich auf der Titelseite Jakob von Haringer. Gregor Müller teilte dazu dem Aufbau-Verlag mit:

… das ,von‘ vor seinem Namen glaubte er anscheinend tatsächlich. Das ,von‘ auf dem Titelblatt des Fensters hat er mir buchstäblich abgebettelt. Ich fand es lächerlich, konnte es ihm aber nicht abschlagen.

Am zählebigsten halten sich die Hinweise auf angebliche Preisverleihungen. Erst jüngst war wieder in der Publikation eines seriösen Verlages zu lesen, Haringer habe 1926 den Kleistpreis erhalten, obwohl leicht festzustellen ist, daß die Preisträger jenes Jahres Alexander Lernet-Holenia und Alfred Neumann heißen. In Wirklichkeit stand er 1925 und 1927 auf der Kandidatenliste. Auch von einer Auszeichnung mit dem Schillerpreis kann keine Rede sein. Lediglich die Schillerstiftung hat ihn einmal auf eine Veröffentlichung in den Weimarer Blättern (Dezember 1921) hin mit einer Ehrengabe bedacht. Leider ist die „Akte Haringer“ nach 1933 neben vielen anderen Akten unbequem gewordener Schriftsteller einer Altpapiersammlung zum Opfer gefallen. Reichlich ominös ist auch die Verleihung des Gerhart-Hauptmann-Preises (1925) zugegangen, die der Junior eines Berliner Seifenhändlers namens Wasservogel ankündigte, ohne dann den versprochenen Geldbetrag auszahlen zu können, da die väterliche Firma gegen die kostspielige Kaprice Einspruch einlegte.
Jakob Haringer erhob aber nicht nur seine Biographie in das Reich der Dichtung, er gründete auch Phantasieverlage für seine Privatdrucke, so den Christof Brundel Verlag in Amsterdam, den er später nach Paris verlegte, oder den Verleger Grigat in Ebenau bei Salzburg, wo er einige Jahre ein Haus besaß. In diesem Falle borgte er den Namen seiner Freundin Hertha Grigat, mit der er 1931/32 zusammenlebte. Nicht alle in den Privatdrucken vermerkten Buchtitel sind nachzuweisen. In vielen Fällen handelt es sich um Drucke in wenigen Exemplaren von geringem Umfang (mitunter nur vier Seiten!), die sich heute allenfalls in Privatsammlungen wie der von Manfred Schlösser (er ist im Besitze des Nachlasses von Haringers langjährigem Mäzen, des Basler Arztes Richard Doetsch-Benziger) in annähernder Vollständigkeit befinden. Mit den öffentlichen Hilfsmitteln sind sie nicht zu bibliographieren. So läßt sich schwer trennen, welche der angegebenen Titel als Druck vorhanden sind und welche sich Haringer nur ausgedacht hat. Weit mehr noch hat es der phantasiebegabte Dichter aber verstanden, seine Leser mit vorverlegten Entstehungsdaten in die Irre zu führen. So will er das von Pampigkeiten strotzende Pamphlet „Leichenhaus der Literatur oder Über Goethe“, das er 1928 als Nummer 5–7 seines Publikationsorgans Die Einsiedelei. Ein Stundenblatt drucken ließ, 1914 geschrieben haben („einige Sätze ausgenommen“). Mit sechzehn Jahren! Damals hatte er gerade eine Lehre aufgenommen. Am Schluß des Privatdrucks Das Schnarchen Gottes (1931; drei Hefte von je vierzig Seiten) findet sich die aufschlußreiche „Notiz für fachsimplige Entwicklungstrottel“:

Zum größten Teil während der Schlächterei 1914–1917 geschrieben.

All diese Hinweise sind stark anzuzweifeln. Man tut gut daran, sich nur an den Erscheinungsjahren der Bücher zu orientieren und, sofern möglich, an den Daten der Einzeldrucke in Zeitschriften und Anthologien.

René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker Vom Schweigen befreit:

Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?

Dazu ist es nicht gekommen, noch nicht. Unterdessen ist jedoch der Schweizer Werner Amstad endlich einmal der Frage nachgegangen, wer Haringer wirklich war, wie er tatsächlich gelebt hat. Mit dem authentischen Material, das er in geduldiger Kleinarbeit sammelte, entzog er fortan der Haringer-Legende den Boden. Lassen sich auch nicht mehr alle Stationen dieses unsteten, vagantischen Lebens rekonstruieren, so ergibt sich doch aus seiner Dissertation (Fribourg 1966) ein über weite Strecken gesichertes Lebensbild. Auf seinen detaillierten Ermittlungen basieren die nachstehenden Angaben zur Person. In diesem Rahmen kann allerdings nur in verkürzter Form davon Gebrauch gemacht werden.
Jakob Haringer kam als Johann Franz Albert am 16. März 1898 in Dresden-Neustadt, Markgrafenstraße 16 (heute: Rothenburger Straße), zur Welt. So will es jedenfalls das Taufregister wissen. Legende zu sein scheint hingegen die Behauptung, die ledige Münchner „Ladnerin“ habe ihren ersten Sohn während einer Eisenbahnfahrt geboren. Solche Angaben fügen sich allzu „passend“ in ein feuilletonistisch aufgemotztes Lebensbild. Die Mutter entstammte der kinderreichen Familie eines bayrischen Volksschullehrers. Der Vater Johann Haringer verdiente seinen Lebensunterhalt als Bücherreisender. Erst zehn Jahre später, als fast Fünfzigjähriger, nach Scheidung seiner ersten Ehe, konnte er Franziska Albert heiraten. Sie hatte sich während dieser langen Wartezeit als Kleinhändlerin durchgeschlagen. Wann sie ihren Sohn nach München nahm, wie lange er in Dresden (bei Verwandten?) erzogen wurde und ob er dort wirklich einige Jahre die Volksschule besuchte, ist ungeklärt. Mit der Geburtsstadt verband Jakob Haringer nichts. In seinem Werk findet sich keinerlei Bezug darauf. Zur Heimat wurde ihm das bayrisch-österreichische Grenzgebiet. Prägende Eindrücke vermittelte die Landschaft um Salzburg. An sie blieb er zeitlebens gebunden. Sie bildet den einzigen ruhenden Pol in seinem Vagantendasein. Ihr Fluidum ging in seine Gedichte ein. Wie stark ihn diese Stadt mit ihrer Umgebung anzog, bezeugt am eindringlichsten der kurze Prosatext „Salzburg“, in dem er der Stätten seiner Jugend voller verklärter Hingabe und wehmütiger Liebe gedenkt […] In dieser Grenzlandschaft wuchs Haringer von seinem zehnten Lebensjahr an auf. Seine Eltern pachteten Gastwirtschaften, ein unruhiges Gewerbe, das die raschen Ortswechsel erklärt. Nach der Heirat bewirtschafteten sie das Bahnhofsrestaurant in Hellbrunn bei Salzburg. 1910 bis 1914 übten sie ihren Beruf im bayrischen Traunstein aus. Dort besuchte ihr Sohn Johann die Realschule, von der er im Herbst 1913 nach Ansbach überwechselte. Schon zu Ostern 1914 brach er den Schulbesuch ab. An ein Vorrücken in die nächste Klasse war nicht mehr zu denken. Dem Schüler wurde „grober Unfleiß“ bescheinigt, auch von einer „lückenhaften Grundlage“ war die Rede. Verwandte wußten von Disziplinschwierigkeiten zu berichten. Zu Klagen dieser Art hat Haringer auch späterhin immer wieder Anlaß gegeben. In einer Salzburger Feinkosthandlung trat er eine kaufmännische Lehre an, der er jedoch bereits nach neun Monaten überdrüssig war. Von diesem Zeitpunkt an (Februar 1915) trieb es ihn unruhvoll von Ort zu Ort. Die zahllosen kurzzeitigen Aufenthalte sind nur noch bruchstückhaft zu belegen. Da sich nicht mehr nachweisen läßt, wo er gearbeitet hat, ist eine Trennung von Fiktivem und Authentischem auch hier nicht möglich. Vermutlich ist er bis 1917 als Arbeiter und kleiner Angestellter tätig gewesen. Ob er tatsächlich Tagelöhner, Knecht, Lastträger, Klavierspieler war oder in Glasschmelzereien schuftete, wie er angab, bleibe dahingestellt. Seine Eltern, die 1914 nach Hellbrunn zurückgegangen waren, unterstützten ihn in diesen Jahren wahrscheinlich nicht mehr. In späteren Zeiten hat er sich aber wiederholt bei ihnen aufgehalten. 1916 bis 1919 lebten sie im bayrischen Grenzort Simbach am Inn, 1919 bis 1923 im benachbarten Braunau auf österreichischer Seite, danach wieder für kurze Zeit in Simbach. Von 1925 bis 1936 blieben sie dann als Pächter der Schloßwirtschaft von Aigen vor den Toren Salzburgs und machten sich „seßhaft“.
Im Februar 1917 wurde Haringer zum Militärdienst eingezogen. Nach der Rekrutenausbildung in München kam er als Kanonier an die Westfront. Aus den Briefen an seinen Entdecker und Förderer Alexander von Bernus geht hervor, daß er einem Artilleriekommando für Gerätenachschub zugeteilt war, dessen Standort sich in Ath/Belgien befand. (Bernus hatte Haringer im Januarheft 1917 seiner anthroposophisch ausgerichteten Zeitschrift Das Reich als erster mit zwei Gedichten vorgestellt, dieser Veröffentlichung war ein Besuch Haringers im November 1916 vorausgegangen.) Im September 1917 meldete er sich aus dem Lazarett. Ende des Jahres wird er nach München verlegt. Im September 1918, nachdem er schon längere Zeit beurlaubt war, wird er wegen eines Herzklappenfehlers endgültig aus dem Heer entlassen. Fortan bezog er eine kleine Kriegsinvalidenrente in Höhe von 47,50 Mark monatlich.
Zur Zeit der Räterepublik lebte Haringer in München. Die aktive Teilnahme auf seiten der revolutionären Bewegung, wie sie von ihm behauptet wurde, gehört zu den fragwürdigsten Episoden seines Lebens. Auf keinen Fall hatte er irgendeine Funktion inne. Dafür fehlt jeder Anhaltspunkt. Für die Berichte, denen zufolge er „Kultusminister unter Eisner“ gewesen sei, lassen sich keine Beglaubigungen beibringen. Dies gilt auch für die Episode, die sich während des Einmarschs der konterrevolutionären Truppen abgespielt haben soll. Wegen einer aufrührerischen Rede habe ihm die Erschießung gedroht, außerdem sei er beschuldigt worden, Landauer und Levien Fluchthilfe geleistet zu haben. Deswegen sei er monatelang inhaftiert gewesen. Erich Wollenberg, einer der militärischen Führer der Räterepublik, gab an, Haringer habe zu jenen Tausenden gehört, die Anfang Mai 1919 wahllos festgenommen wurden. Nach acht Tagen Haft im Fort Hartmann (Ingolstadt) sei er wieder freigekommen. Die revolutionären Ereignisse hatte Haringer ganz bestimmt als Sympathisant miterlebt, möglicherweise auch als Teilnehmer in einer unauffälligen Rolle. Die Methoden der Konterrevolution erfuhr er als Häftling am eigenen Leibe. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, daß der Enttäuschte kurz darauf, im Juli, in einem Kloster auftaucht und sich mit dem Gedanken trägt, der Welt zu entsagen. Das mönchische Leben in der Benediktinerabtei St. Ottilien bei München schien ihm aber doch zu schwer. Nach zwei Wochen ließ er diesen Vorsatz fallen und setzte sein Wanderleben fort.

In der Zeit kurz vor und nach der Novemberrevolution, die eine Überfülle kurzlebiger literarischer Periodika hervorbrachte, fand Haringer des öfteren Publikationsmöglichkeiten. Eine regelmäßige Mitarbeit an einem dieser Blätter läßt sich allerdings nicht feststellen. Die Drucke sind breit gestreut. Neben dem bereits erwähnten Reich, in dem er sein Debüt gab, und den Weimarer Blättern, in denen er auf Vermittlung des Verlegers Erich Lichtenstein mit fünfzehn Gedichten und dem oft nachgedruckten Prosagedicht „Bruchstück eines Lebens“ vorgestellt wurde, sind es hauptsächlich die „Nebenstellen“ des Spätexpressionismus gewesen, in denen der junge Dichter zu Wort und Namen kam. Etwa in den Zeitschriften Konstanz 1919 und Der Komet, die sein Freund Rudolf Adrian Dietrich herausgab, in der Münchener Bücherkiste und Georg Brittings Sichel, im Saturn des Heidelberger Verlegers Hermann Meister, in der Flöte und im Sturmreiter, auch in den beiden wichtigsten Organen der Dresdner, Menschen und Neue Blätter für Kunst und Dichtung, um nur einige zu nennen. Fast scheint es, als habe Haringer keine „Dependance“ ausgelassen – oder als habe keine auf seinen Namen verzichten wollen.
In kleinen Verlagen dieses Umfelds erschienen auch die ersten Gedichtsammlungen. Mit einer schmalen Auswahl unter dem Titel Hain des Vergessens, reihte ihn der Dresdener Verlag von 1917 in die Folge „Das neuste Gedicht“ ein, deren Initiator der Buchhändler Felix Stiemer war. In enger Verbindung dazu sind seine gleichaltrigen Freunde Konrad Felixmüller, Heinar Schilling, Walter Rheiner und Rudolf Adrian Dietrich zu sehen, in deren Händen auch die Zeitschrift Menschen lag. Dietrich könnte übrigens der Dresdner „Verbindungsmann“ für Haringer gewesen sein. Nähere Kontakte zu dieser Gruppierung scheinen indessen nicht bestanden zu haben. 1921 folgte der Band Die Kammer bei Franz Ludwig Habbel in Regensburg, dem Verlag der katholischen Jugendbewegung. Für diese Publikation, die dem Autor ein Honorar von 800 Mark eintrug, hatte sich Georg Britting eingesetzt. Gleichzeitig war damit eine Einladung verbunden. Der Autor nahm an und hielt sich mehrere Wochen als Gast seines Verlegers in Regensburg auf. […] Wenn auch zahlreiche Unternehmungen des Spätexpressionismus die Plattform für den Eintritt in die Literatur bildeten, kann man Haringer allenfalls zu den Randgängern jener Stilrichtung zählen. Gewiß hat er sich einiger ihrer Stilmittel bedient, die er noch dazu derart monomanisch einsetzte und vielfach unglücklich handhabte, daß seine Poesie Schaden nahm. Viele seiner Bilder und Genitivmetaphern, mit denen er einen Stimmungswert zu umschreiben und gleichzeitig zu verstärken suchte, wirken manieriert. Neben mancher geglückten Findung wie „das Butterhörndl des Monds“, die sich in seine Gedichte harmonisch einfügen, läßt er schranken- und bedenkenlos die albernste Verstiegenheit passieren: „Gottes Unterhosenbeine schwindeln“, „da beert uns Glück tollkirschern Leichenwagen“, „des Monds Monokel glänzt in des himmlischen Sternochsenbarons Fresse“, „in der Küche des Hirns bäckt Gott heute Pfannkuchen“, „der Sorge Zuluhäupling“, „verlorner Koffer des Herzens“ usw. usw. Ebenso gewaltsam wirkt auch der massierte Gebrauch verbalisierter und adjektivierter Substantive: „die fabriknen Meere“, „keine Wahrheit lexikont Gott“, „Marienkind sterntalert Posthorn grün“, „Mädchen zerrosen an Gottes Balkon“, „das amselt nimmer der Hoffnung Marientelegraph“, „Frauen novembern August“. All diese Bilder stehen autonom, das heißt, sie weisen nicht über sich hinaus. Es wäre müßig, einen Sinngehalt entschlüsseln zu wollen. Zeile wird zusammenhanglos an Zeile gesetzt. Ein logischer Ablauf ist nicht zu erkennen. Das Gedicht tritt auf der Stelle. Mit diesen diffusen Stimmungsbildern wird allenfalls ein Ungefähr erreicht, das auch die Assoziationsmöglichkeiten einschränkt. Alles scheint wie im Rausch hingeworfen, ohne jede Kontrolle, von einem, der sich keine Disziplin auferlegt und der zwischen Schwulst, Kitsch und Poesie nicht zu unterscheiden vermochte oder dies nicht wollte. Typisch für Haringers Sprachgebung sind auch zahlreiche Eigenbildungen, die Knaben-, Mädchen-, Sommer-, Frühlings-, Abend- und Heimat-Komposita, mit denen er oft eine glücklichere Hand bewies als bei der Prägung von Metaphern. Mitunter gelangen ihm auf diese Weise bildkräftige Verstärkungen: Bettlerschmach, Teufelszuchthaus, Ölbergsnacht, Stundendreck, Bergwerksschwermut, Schwarzleid, Kummerähre. Andererseits kennt er auch hierbei keine Grenzen und begnügt sich mit poetisch klingenden Wortgebilden ohne Treffsicherheit: Seelenbeeren, Fieberknie, Teppichhirn, Herbstfabrik, Augenmärz.
Haringers lyrische Grundstimmung ist aber im Kontrast zu seiner mehr surrealen als expressiven Metaphorik romantisch, ähnlich wie bei Hermann Hesse, Max Herrmann-Neiße. So manche Zeile klingt, als wäre sie von Eichendorff ausgeborgt. Die schönsten Gedichte gelangen ihm, wenn er sich ganz schlicht, liedhaft äußerte, wenn er diesen einmal angeschlagenen Tonfall durchhielt und auf die nur aufgesetzten Kunstmittel verzichtete. Dann kommt er zuweilen dem Volkslied nahe. Mit all seinen Brechungen, Kratzern, Dissonanzen tendiert er aber stärker zum Chanson. Manchmal schimmern in den schnulzigen Versatzstücken, in der Abgegriffenheit der Sprache Drehorgelweisen und Gassenhauer als Grundmuster durch. In solchen unkomplizierten Formen vermochte er sein naives Lebensgefühl am reinsten auszudrücken. In diesen ganz der Emotion entsprungenen Gedichten spielt Musik als Stimmungsträger eine wesentliche Rolle. Nicht nur, daß Gedichte nach Musikstücken benannt sind, daß die Komponisten, die er nennt (Mozart, Beethoven, Oginski, Chopin, Godard, Tschaikowski, Fibich, Strauß, Gungl, Lanner), aufschlußreiche Fingerzeige für sein Musikverständnis geben, daß Instrumente von der Orgel bis zur Ziehharmonika in reicher Auswahl darin figurieren, dazu Spieluhr, Leierkasten, Grammophon – er versteht es auch, dieses Element in Sprache umzusetzen, in die Verse einfließen zu lassen, sie gewissermaßen damit zu tränken. Im Musikalischen ist ein ausgeprägter Traditionsbezug vorhanden. Die starke Bindung an den österreichischen Kulturbereich zeigt sich hier besonders deutlich.
Den einmal verwendeten Tonfall hat Haringer bei nur geringer Variabilität beibehalten. Eine Entwicklung läßt sich in seinem Werk bis zum Exil nicht erkennen. Allenfalls deuten die Gedichte aus den Vermischten Schriften (1935), in die im wesentlichen die Privatdrucke Der Reisende oder Die Träne (1932) und Andenken (1934) eingingen, einen Übergang an. Ungewiß ist dabei freilich, ob die Publikationsfolge mit den Entstehungszeiträumen synchron geht.
Zur Monotonie tragen vor allem die ständig wiederkehrenden Themen bei, im Grunde kennt er nur eins: die Darstellung der eigenen Person und ihres Schicksals. In einem von Gedicht zu Gedicht fortlaufenden Lamento besingt er sein Elend, oft ergibt er sich sentimentaler Wehmut und läßt sich vom Selbstmitleid fortreißen. In Klagelitaneien, Beschwörungsformeln, Bittgesängen, Gebeten, Bußpsalmen, in denen immer wieder kindhafte Gläubigkeit katholischer Observanz aufschimmert, wie auch in den unflätigsten Flüchen sucht er sein Unglück zu bannen. Er hadert mit seiner lumpenproletarischen Randexistenz, die auf Brosamen vom Tische der Reichen angewiesen ist:

Ich möcht so gern ein andres Leben leben,
könnt ich vergessen, wer ich war und bin!
So wie ich lebe, ach! das ist kein Leben – – –

Ohne je ernsthaft daran zu denken, die Außenseiterrolle eines Deklassierten aufzugeben.
Unablässig kehren die Schauplätze des Vaganten wieder, den es von Ort zu Ort treibt und der überall das gleiche Milieu vorfindet: Kneipen, Cafés, kleine Beisel, Vorstadtwirtshäuser, Wartesäle, Eisenbahnkupees, Kinos, Rummelplätze, Stundenhotels, Herbergen, Spitäler, Spielplätze, triste Mansardenzimmer, ländliche Kapellen und Kirchen. In diesem eng umzirkten Bereich bewegt sich sein Leben im Gleichmaß eines Weberschiffchens. Überall stößt er an, nirgendwo kommt er zur Ruhe. Er entzieht sich jeglicher Eingliederung in eine soziale Gemeinschaft und lebt seine Unbürgerlichkeit mit verblüffender Konsequenz. Alles Geordnete, Maßvolle ist ihm ein Dorn im Auge. Voller Zorn beschimpft er Schule, Justiz als seine Erzfeinde, Behörden aller Art, mit denen er dank seines saloppen Lebensstils immer und ewig kollidiert:

Für euch blöde Schullehrer und verschißne Affen –
Für euch feige Richtertrichinen und Abortbanditen,
Für eure Gerechtigkeit, eure Ehre –
O ihr falschen Hottentotten, bin ich nicht auf der Welt!

So leitet er seine lästerliche Gedichtsammlung, Das Schnarchen Gottes, ein, für die er keinen Verleger fand.
Seine heile Welt ist die verlorene Kindheit. Bezeichnend dafür sind Gedichttitel wie „Schöne alte Jugendzeit“, „Rubin der Kindheit“, „Einst im Frühling“, „Jene Zauber von einst…“, „Kinderglück“. In dem Gedicht „Versteinerter Regenbogen“ finden sich die aufschlußreichen Verse:

Ich hab als Kind zu wenig wohl gespielt,
drum muß das ganze Leben ich verspielen.

An diese Lebensperiode knüpft sich für ihn ein unerschöpfliches Reservoir schöner Erinnerungen. Es mag Verklärung im Spiel sein, die Flucht in die Vergangenheit der eigenen Biographie ist allzu verständlich angesichts der Konflikte und Schwierigkeiten, die ihm die Erwachsenen bereiten. Mit ihrer Welt kommt er nicht zurecht. In den Konventionen und Gesetzen verstrickt er sich wie die Fliege im Spinnennetz. Er findet nicht mehr heraus. In seiner Hilflosigkeit reagiert er aus der Sicht des normalen Bürgers albern, lächerlich, unangemessen. Das Oxymoron „Kind im grauen Haar“, das zum Titel eines Bandes wurde, trifft Haringers Situation recht genau. Auch Hermann Hesses liebevoller Hinweis in der Weltbühne vom 2. November 1926 zielt in diese Richtung:

Da singt ein vereinsamter Dichter am Abend vor sich hin, krank und hungrig, spielt zärtlich mit den Trümmern seiner Jugend, und viele holde Bilder schimmern auf, welken schnell wieder hin. Die hurtigen Menschen nennen das ,Romantik‘, mit einem Ton von Mitleid und Verächtlichkeit. Einige aber fühlen, daß dies arme Sonntagskind in einer Welt ohne Sonntage ein Dichter ist.

Die zweite positive Sphäre außerhalb einer Welt, die nur aus Negationen zu bestehen scheint, ist ein imaginäres Reich des Glücks, dem seine Sehnsüchte und Wünsche gelten. Während er sein Elend detailliert schildert, bleibt das Gegenbild abstrakt, es sei denn, er malt sich ein Dolcefarniente seines Geschmacks („süß im Gras liegen, herrliche Zigaretten rauchen…“) als menschlichen Idealzustand aus. Für ihn als Ausgestoßenen, der mit irdischen Gütern stiefmütterlich bedacht ist (und wenn er sie hat, nicht zu halten weiß), ist der Lebensgenuß höchstes Ziel. Der Verlassene und Unbehauste sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit:

Ich bin ein Fremdling geblieben,
Fand keine Ruh, kein Zuhaus,
Ach, ich hab kein Glück gefunden,
O wär dies Leben schon aus.

Nach seiner Vorstellung ist es reine Glückssache, welches Leben ein Mensch führt. In seinem fatalistischen Denken hält er sich für den ewigen Pechvogel, der alles falsch macht, gegen den sich alle verschworen haben. In dem lakonischen Gedicht „Tot“ hat er dem bündig Ausdruck zu geben vermocht:

Ist alles eins,
Was liegt daran,
Der hat sein Glück,
Der seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist alles eins,
Der fand sein Glück!
Und ich fand keins.

Damit ist für ihn alles gesagt, damit hat er sein Leben auf eine Formel gebracht, die seine ganze Philosophie enthält. Er beklagt seine Not, trauert um entschwundene Kindheit, Jugend, Liebe, Freundschaften, räsoniert über die Vergänglichkeit des Lebens und wie sinnlos jenes ist, das er führt. In seiner Verlassenheit spricht er sich Trost zu, als müßte er sein Leid besänftigen, beschwichtigen. Trägt er diese Gefühlsäußerungen zu dick auf, vermag er dichterisch nicht mehr zu überzeugen. Dann drängt sich der Eindruck auf, seine Haltung könnte Attitüde sein. Nie weiß man genau, was den tatsächlichen Lebensumständen entspricht und wo die Stilisierung beginnt, was natürlich ein legitimes poetisches Mittel ist. Aber Haringer benutzt es, um die Realität zu verschleiern, um sie in eine märchenhaft-illusorische Stimmung zu tauchen, von allen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu abstrahieren. Friedemann Spicker prägte das Bonmot vom „Bettler im maßgeschneiderten Anzug“ und konstatiert eine „sympathische Mischung von Naivität und Gerissenheit“. Hypertrophierung und Diminution sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Mit all seinen Selbstdarstellungen schuf der phantasiebegabte Dichter eine Kunstfigur, an deren reale Existenz er fest geglaubt haben dürfte und mit der er sein Defizit an Lebensglück, Gesellschaftsfähigkeit usw. kompensierte.
Ohne die Hilfe prominenter Kollegen, reicher Gönner, großzügiger Freunde hätte Haringer seinen Lebensstil nicht über Jahrzehnte durchhalten können. Neben den Almosen, die ihm seine Bettelbriefe eintrugen, war er vor allem auf Menschen angewiesen, die ihm Obdach beziehungsweise Unterschlupf gewährten und ihn in dieser Zeit auch verpflegten. Mehr als ein paar Wochen hielt es ihn an einer Stelle nicht. Daneben bedurfte er aber auch jederzeit des Beistandes für seine literarischen Arbeiten, wie er ihm beispielsweise von Hermann Hesse gewährt wurde. Sein wichtigster und einflußreichster Fürsprecher war, zumindest eine Zeitlang, Alfred Döblin. Er setzte sich dafür ein, daß 1925 im Gustav Kiepenheuer Verlag der Band Dichtungen erschien. Haringer hatte Döblin mit dem Privatdruck Weihnacht im Armenhaus (1924) so beeindruckt, daß er diese erste große Sammlung anregte, die den Namen des Autors weithin bekannt machte. In dem Text, den Döblin dazu schrieb, heißt es:

Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, – einmal, daß er zu sich gefunden hat, – einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist es alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg…

Auch wenn dieser nicht sehr treffsicheren Charakteristik des namhaften Romanciers nur der Wert einer Gefälligkeitsadresse zukommen mag, ihre Wirkung war verhängnisvoll. Haringer wurde fortan mit weiteren bedeutenden Dichtern aller Völker und Zeiten verglichen, bis er am Ende „zum größten Dichter der Welt“ avancierte, so jedenfalls wurde es Karin Michaelis in den Mund gelegt, während er sich selbst bescheidenerweise nur als den „größten Dichter Europas“ vorstellte. All diese überschwenglichen Waschzettelurteile haben eine gerechte, sachliche Beurteilung erschwert und dem Ruf des Dichters mehr geschadet als genutzt. Zu dem Kreis, der in der einen oder anderen Form für Haringer einstand, zählten unter anderen Franz Blei, Friedrich Dessauer, Max Herrmann-Neiße, Franz Jung, Klabund, Ludwig Kunz, Julius Levin, Heinz Liepmann, Kurt Pinthus, Carl Sternheim, Otto Stoessl, Emil Strauß, Berthold Viertel, Otto Zarek, Paul Zech und Siegfried von Vegesack, auf dessen Wohnsitz, Burg Weißenstein im Bayrischen Wald, sich Haringer im Januar 1925 aufhielt. Zu den engeren Freunden, die über viele Jahre zu ihm hielten, gehörte der Schriftsteller Paul Heinzelmann. […] Nach 1945 gab er in seiner Minipresse (Steinklopferverlag Fürstenfeldbruck) die „Steinklopfer-Reihe der Außenseiter“ heraus. 1955 widmete er dem toten Freunde zwei Hefte: die Auswahl Der Orgelspieler und seine eigene Schrift Jakob Haringer in memoriam. Darin berichtet er, auf welche Ablehnung er 1948 mit seinem Nekrolog stieß. Heinzelmann kommt auch das Verdienst zu, schon damals auf die überragende Bedeutung des Fensters hingewiesen zu haben.
In den Jahren 1925–1928 stand Haringer im Zenit seines bescheidenen Ruhms. Die zahlreichen Reaktionen in der Presse auf seinen Lebensstil wie auf seine Gedichte, das Erscheinen des Bandes Dichtungen in einem der angesehensten Verlage, die zweimalige Kandidatur für den Kleistpreis, der Zuspruch berühmter Kollegen, die Parodien auf seinen Lyrikstil – all das macht deutlich, daß Jakob Haringer damals im Gespräch war. Ende der zwanziger Jahre wurde aus dem Getriebenen ein Gehetzter. Wegen einer Reihe von Bagatell-Delikten wurde nach ihm gefahndet. Es lagen Strafanzeigen vor wegen Meldevergehen, Beleidigungen, Gotteslästerung, übler Nachrede, Verleitung zum Meineid, falscher Anschuldigung. Begonnen hatte das alles im Herbst 1926, als er mit seinen Habseligkeiten die österreichisch-bayrische Grenze überschritt und zwei Perserteppiche zu schmuggeln versucht hatte, die ihm gar nicht gehörten, er hatte sie aus „Gefälligkeit“ für jemand mitgenommen. Die Einzelheiten sind im Grund auch ohne Belang. Bezeichnend ist nur, welch einen Rattenschwanz von Verfehlungen diese eine „Untat“ nach sich zog. Haringer reagierte völlig unangemessen, da er dem Paragraphendschungel nicht gewachsen war. Er verhedderte sich heillos in den Maschen des Bürgerlichen Strafgesetzbuches. Die panische Angst des „Kinds im grauen Haar“ vor jeder Begegnung mit der Gerichtsbarkeit ließ es zu einem Fluchtkünstler werden. Da die Behörden seiner nicht habhaft wurden, ließen sie ihn per Steckbrief suchen. Stuttgart, Ottersberg bei Bremen, Essen, Hamburg, Berlin, Zürich, Prag, München, Aurezzio im Tessin, Wien, Graz, Kloster Seckau in der Steiermark waren nur einige Stationen auf dieser Hetzjagd, deren Route nie mehr genau zu rekonstruieren sein wird, die aber wenigstens ungefähr den Aktionsradius des Flüchtigen geographisch umreißen mag. Ob er sich wirklich in Südfrankreich aufgehalten hat, wie angegeben, ist fraglich.
Wegen des Teppichschmuggels sollte Haringer 4.000 Mark Strafe zahlen, später wurde der Betrag „auf dem Gnadenweg“ bis auf 200 Mark herabgesetzt. Die Querelen zogen sich über Jahre hin. Allerdings hat Haringer die beleidigten Beamten mit seinen Ausfällen immer aufs neue zu erzürnen und zu reizen gewußt. 1929 blieb er einer Gerichtsverhandlung mit der schriftlichen Erklärung fern, er werde der Einladung zu dieser „Vergnügungsreise“ nicht nachkommen. Amstad hat ausführlich über die aufreibenden und entnervenden Jahre der Verfolgungen berichtet. In Briefen an Behörden, an die Presse, an Freunde – die nicht immer vom wahren Sachverhalt informiert gewesen sein dürften – setzte er sich zur Wehr. So heißt es in einem Bericht der Staatsanwaltschaft Traunstein vom 16. Juni 1931 an die Generalstaatsanwaltschaft in München:

Seit dem Jahre 1928 befaßt sich Haringer in zahlreichen Zuschriften an amtliche Stellen mit den gegen ihn durchgeführten und anhängigen Strafverfahren. Der Ton seiner Briefe ist gereizt, ausfällig und beleidigend. Alle Beamten, die an den Verfahren gegen ihn beteiligt waren, werden verunglimpft und ,schwerer Ausschreitungen‘ beschuldigt.

Paul Heinzelmann zog sich 1928 ebenfalls ein Gerichtsverfahren zu mit seiner Flugschrift Justiz-Mord an Jakob Haringer?, die mit einer von Arno Holz, Ernst Barlach, Hermann Stehr, Alfred Mombert und Alfred Döblin unterzeichneten Petition um „Gnade und Gerechtigkeit“ schließt. Erst 1943, sieben Jahre nach seiner Ausbürgerung, nachdem er schon fünf Jahre als Emigrant in der Schweiz lebte, hob das Amtsgericht Traunstein die Strafverfolgung auf und zog die Haftbefehle zurück.
Ab 1929 sind mehrere nervenärztliche Untersuchungen und kürzere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken nachzuweisen, die mit den nicht mehr zu entwirrenden Schwierigkeiten jener Jahre in Zusammenhang zu bringen sein dürften. Und sollte man den ungezügelten, aggressiven Haßausbruch, den hemmungslosen Gebrauch ordinärsten Sexual- und Fäkalvokabulars, wie er sich in der berüchtigten Sammlung Das Schnarchen Gottes (1931!) auf schockierende Weise entlädt, nicht auch in diesem Zusammenhang sehen? Als ein wildes Um-sich-Schlagen aus einem Gefühl ohnmächtiger Wut heraus? Ja, erhalten diese mit explosiver Brachialgewalt herausgeschleuderten Unflätigkeiten gegen den Staat und seine Ordnungshüter, gegen Anstand und Moral, gegen Gott und die Welt nicht erst aus den Lebenserfahrungen jener Phase ihren tieferen Sinn? Der von Haringer angegebene Entstehungszeitraum 1914–1917 scheint dagegen wenig glaubhaft. Da die Gedichte im Zustand höchster Erregung ohne jede Distanz herausgesprudelt wurden, mußten die meisten künstlerisch mißlingen. Sie stellen eine Art Verteidigung dar, die freilich allzu selbstgerecht ausfiel: „Ein Mordpolizist / führt einen heiligen Sträfling durch der Spießer Stinkgassen“, „Du lieber Gott! du läßt mich nicht verkommen / in diesem eklen Polizistenmist“, „Wenn die Regen tropfen und Amseln dichten, / müßt ihr Beamtenwanzen echte Menschen richten! / Aber was ihr mich schlecht macht und narrtet…“, „Ob ihr mich achtet und richtet, / ob ihr mich lästert und ehrt – / Aller euer Schund ist nicht mal / meine Verachtung wert!“, „Ein Amtsgericht / lallt idiotisch Bellen. Denn du vermehrst nicht mal / diese Rasse von Dummköpfen und Schuften. Tja / Zuwiderhandelnde werden ströngstens bestraft. Es / wundert dich, daß der Adler, / im Käfig mit Vipern eingepfercht, / endlich verendet“.
Es kann nicht Sinn und Zweck dieses Nachwortes sein, nach pathologischen Zügen zu fahnden, das sollte einer medizinischen Untersuchung vorbehalten bleiben. Dabei sei auf die aufwendige, jedoch wenig ergiebige Pathographie von Robert Flinker verwiesen.
Ab 1933 ist Haringer in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. In Hitlerdeutschland scheint er sich nicht mehr aufgehalten zu haben. Die Breslauer Anschrift, die er im Frühjahr 1933 in einem Brief an Wilhelm Lehmann angibt, könnte eine alte Deckadresse gewesen sein. Es wurde still um den Vagantendichter. Über die Jahre von 1933 bis 1938 ist wenig bekannt. Nachdem er mit den beiden Sammlungen Heimweh (1928)und Abschied (1930) Autor des Paul Zsolnay Verlages gewesen war, verlegte 1935 Anton Pustet in Salzburg den Band Vermischte Schriften.
Das Erscheinen dieser Sammlung nahm die Wiener katholische Monatsschrift für Kultur und Politik zum Anlaß einer Würdigung des Dichters. Dieser Aufsatz rief einen faschistischen Skribenten namens Wolfram auf den Plan, der in dem unter seinesgleichen üblichen Jargon kategorisch feststellte:

Der Dichter Jakob Haringer, für dessen fromme Muse sich heute Organe der Katholischen Aktion glauben einsetzen zu müssen, gehört zu jenen üblen Vertretern des jüdischen Kulturbolschewismus, die in der vergangenen Systemzeit es sich zur Aufgabe gesetzt hatten, das ganze deutsche Schrifttum systematisch zu verseuchen und für den Bolschewismus reif zu machen, indem sie hemmungslos alle religiösen und kulturellen Werte des deutschen Menschen begeiferten und lächerlich machten.

Diese Schmähung, veröffentlicht im Oktober 1936 in den Nationalsozialistischen Monatsheften, schloß mit einer der damals in so vielen Fällen praktizierten apodiktischen Absage an Person und Werk:

Und dieser Dichter, Jakob Haringer, ein Schänder unserer deutschen Sprache, einer der übelsten Vertreter literarischen Unrats – macht heute in katholischer Frömmigkeit… Es ist uns unverständlich, wie man sich im katholisch-konfessionellen Lager für eine solche literarische Erscheinung wie Jakob Haringer einsetzen kann. Nach den Auffassungen und Grundsätzen, welche wir heute im nationalsozialistischen Deutschland vom Dichterberuf haben, ist es ein Verbrechen am deutschen Gedanken, einen Dichter zu propagieren, der so maßlos am deutschen Schrifttum sich versündigt hat, ein Verbrechen am deutschen Volkstum, einen Dichter zu propagieren, der in zahllosen Werken in unglaublichen Schamlosigkeiten und Gotteslästerungen sich ergangen hat. Im Namen der Sauberkeit müssen wir von diesem „Erzbischof deutscher Dichtung, Kardinal der Worte, Papst des Verses“, müssen wir von solchem Sänger Katholischer Aktion Abstand halten.

Bereits im Juli 1936 war Haringer aus Deutschland ausgebürgert worden. Wie der Dichter zu jenem Deutschland stand, was er von seinen Machthabern hielt, hatte er in dem Gedicht „Deutschland-Ode“ unmißverständlich zum Ausdruck gebracht. Mit dieser Absage, in ihrer Klarheit ein Einzelbeispiel seiner Lyrik, reihte sich Haringer in die Front der antifaschistischen Exilschriftsteller ein.
Anfang März 1938 hielt sich Jakob Haringer in Ebenau und Salzburg auf. Die Ablehnung der Hitlerdiktatur war ehrlich und tief, wenn auch daraus keine bewußte politische Haltung abgeleitet werden sollte. Während der Annexion Österreichs floh er in die Tschechoslowakei. Am 26. März 1938 wandte er sich von Prag aus an Richard Doetsch-Benziger in Basel, der etwa ab Mitte der dreißiger Jahre zum getreuesten Helfer und engen Vertrauten aller Nöte wurde:

… ich bin den Henkern mit 1.000 Todesnöten entkommen. Es geht grauenhaft zu: täglich ca. 150 Ermordungen und ca. 50 Selbstmorde. In allen Auslagen Karten, auf denen die Schweiz schon zu ,Großdeutschland‘ gehört! Größenwahnsinnige Verbrecher! Gestern verbrachte ich ca. zehn Stunden im Wasser, um die tschechische Grenze zu erreichen, gehetzt und ,preisgekrönt‘ von der Gestapo… Wann endlich sieht die Welt ein, was ihr vom Hakenkreuz blüht??…

Wieder begann ein Lebensabschnitt im Zeichen existentieller Bedrohungen und Gefahren. Haringer blieb auf der Flucht, jetzt mußte er seine Haken aus ganz anderen Gründen schlagen. Der vertrackten Schweizer Asylpraxis mit ihren bürokratischen Bestimmungen wußte er nur die alten Methoden des raschen Untertauchens und plötzlichen Abreisens entgegenzusetzen. Nicht zu sagen, wie viele Male er die Schweizer Fremdenpolizei zum Narren hielt, wie oft es ihm glückte, in letzter Minute eine Hintertür zu finden. Steckte er wieder einmal in der Klemme, fanden sich renommierte Bürger des Landes, die die Hand schützend über ihn hielten.
Noch Ende März gelangte Haringer in einem Flugzeug nach Entzheim ins Elsaß, von dort fuhr er nach Basel weiter. Nach kurzen Aufenthalten in Zürich, Bern, Basel kehrte er ins Elsaß zurück, wo ihm verschiedenen Orts Obdach gewährt wurde. In Straßburg hielt ihn die Polizei Mitte Juni einige Tage fest, da seine Papiere nicht in Ordnung waren. Danach tauchte er wiederum in der Schweiz auf. Das Zürcher Ehepaar Rudolf und Katharina Bernoulli aus der berühmten Gelehrtenfamilie nahm sich des Flüchtlings an. Aus nicht unbegründeter Furcht, an die Grenze gestellt zu werden, wie es damals so vielen erging, lebte er illegal, benutzte auch hier Deckadressen. Anfang Januar 1939 verschwand er heimlich über die französische Grenze. Er lebt dann in Paris, ohne jede Sicherheit, ständig in Furcht vor erneuter Haft. Im Frühjahr kehrt er heimlich in die Schweiz zurück. Die Freunde, die er hier hat, bieten einen gewissen Rückenhalt, wenn seine Situation kritisch wird. In der Folgezeit sind mehrere längere Erholungsaufenthalte bezeugt, die begüterte Familien ermöglichten. Ende des Jahres hielt er sich wieder in Zürich auf. Sein Stadt-und-Landstreicher-Status (er besaß keine fremdenpolizeiliche Aufenthaltsbewilligung) zwingt ihn nach wie vor zu einem Leben in der Illegalität. Er wird regelrecht weitergereicht von Unterschlupf zu Unterschlupf. Bis Oktober 1940 hielt er diese Taktik durch, dann vertraute er sich der Zentralstelle für Flüchtlingshilfe an. Sie sorgte für die Unterbringung in einem Lager. In der Arbeitskolonie Dietisberg/Baselland hielt er es bis zum 10. Januar 1941 aus, dann entwischte er, um wieder in Zürich unterzutauchen. Erst nach mehreren Anläufen wurde die Polizei seiner im Februar habhaft. Sie lieferte ihn sofort in ein Internierungslager ein, das zu dem Gefängnis Bellechasse im Kanton Fribourg gehörte. Zunächst hielt sich Haringer an die Lagerdisziplin, aber auf Dauer vermochte er sich nicht einzufügen. In einem Bericht über das Lager, das auch von anderen Insassen als abschreckend geschildert wurde, schrieb er:

In diesen schrecklichen Monaten habe ich 20 Kilo abgenommen, fünf Zähne sind mir ausgefallen, und meine Leiden (siehe Arztatteste) haben sich verschlechtert, von den Seelenqualen, denen ich dort ausgesetzt war, ganz abgesehen… Ich war unter strengstes Zuchthausreglement gestellt, jedoch hatten die eigentlichen Verbrecher den sogenannten ,politischen‘ gegenüber viele Vorteile. Wochenlang hatten wir Spazierverbot. Dabei schwebte die Angst über uns, entweder nach Frankreich ausgeliefert (besetztes Frankreich) oder nach Deutschland abgeschoben zu werden…

Am 30. August meldete die Anstaltsleitung an die Berner Polizei:

Wir setzen Sie hiermit davon in Kenntnis, daß der hier internierte Haringer Johann Jakob, geb. 1898, staatenlos, ehem. Deutscher, heute nachmittag aus der Anstalt entwichen ist.

Der Entflohene schickte korrekterweise die Anstaltseffekten zurück, unterließ es aber nicht, sich bei den Behörden über die Behandlungsweise zu beschweren. Vorbeugend stellte er dem Bundesrat in Aussicht, in England und Amerika werde sein Buch Die Morde und Bestialitäten der Schweiz an den Flüchtlingen des Hitler-Regimes erscheinen, sollte man wagen, ihn wieder in Haft zu nehmen. Erneut befand er sich auf der Flucht vor den langen Armen des Gesetzes. Professor Bernoulli ersuchte die Polizei um Milde und eine Chance für den Gehetzten. Danach setzte sich der bekannte Verleger Emil Oprecht mit Erfolg für ihn ein. Er erreichte, daß Haringer zunächst einmal in die Nervenheilanstalt Schlößli in Oetwil bei Zürich aufgenommen wurde, wo er auch die Möglichkeit erhielt, literarisch zu arbeiten. Hier blieb er von Januar bis Juni 1942, von dort wurde er nach Leysin verlegt, wo sich ein Interniertenheim für Kranke und Arbeitsunfähige befand. Nachdem er im Januar 1943 noch einige Wochen in einem Lager in Brissago im Tessin zubringen mußte, gelang es den Freunden dann, für ihn den Status eines „Privat-Internierten“ durchzusetzen. Ein halbes Jahr lebte er in Burgdorf, dann nötigten den Gastgeber seine Umgangsformen zum Abbruch des Aufenthaltes. Fortan hielt er sich in Bern auf und überdauerte hier in relativer Ruhe die letzten Kriegsjahre. In dieser Zeit war er fortgesetzt literarisch tätig. Er bemühte sich um Buchveröffentlichungen und um die Unterbringung von Beiträgen in Zeitschriften. Schon 1933/34 und 1937–1940 war er mehrfach im Kleinen Bund vertreten gewesen. In der illustrierten katholischen Wochenschrift Alte und neue Welt des Benziger Verlages in Einsiedeln sind zwischen 1936 und 1945 Arbeiten von ihm zu finden. Regelmäßig mitgearbeitet hat er dann 1944–1947 an dem Berner Familienblatt Der Aufstieg. Im Frühjahr 1946 übersiedelte Haringer in die Gemeinde Köniz bei Bern, wo er zwei Dachkammern in einem Bauernhaus bewohnte. Sein Leben verlief nun endlich, frei von Bedrängnissen, in geruhsameren Bahnen, ohne daß er sich angepaßt oder umgestellt hätte. An hilfreichen Freunden und caritativen Unterstützungen mangelte es nicht, auch scheint er erstmals im Besitze eines kleinen Vermögens gewesen zu sein. 1947 reiste er in den Tessin und kaufte in Sala Capriasca bei Lugano einen abgelegenen, baufälligen Stall. In diesem notdürftig hergerichteten „Landsitz“ verbrachte er die Herbstmonate dieses Jahres. Aber das bescheidene Glück in der Dachkammer konnte auch nur eine Station in diesem bewegten Leben sein. Die jahrzehntelange Vagabondage und die Verfolgungsjagden hatten den Körper aufgezehrt. Wenige Tage nach seinem fünfzigsten Geburtstag war die Lebensuhr abgelaufen. Am 3. April 1948 brach er nach einer Feier im Kreise Zürcher Freunde, zu der seine Verleger Werner Classen und Gregor Müller den Jubilar geladen hatten, vor seinem Zimmer tot zusammen. Ein Herzschlag hatte sein Leben beendet.
Werner Classen veröffentlichte 1947 die von Haringer zusammengestellte Epikur-Auswahl Fragmente zur Lebenskunst. Das Bändchen enthält thematisch angeordnete Aussprüche und vom Herausgeber stammende Bemerkungen zu Epikur, die teilweise in eigene Lebensweisheiten einmünden. Im gleichen Verlag erschien dann noch der Nachlaß-Band Lieder eines Lumpen. Aus dem Gebetbuch des armen Jakob Haringer mit einem Vorwort von Peter Härtling. Diese von Haringer vorgenommene Lyrik- und Prosa-Auswahl enthält zahlreiche Gedichte aus früheren Bänden. Bisher unveröffentlicht blieben die in Oetwil entstandenen epikureischen Betrachtungen „Lob der Faulheit“ und das längere Prosastück „Verhängte Laternen“. Insgesamt schrieb Haringer wenig Prosa. Proben davon bieten das „Räubermärchen“ (1925), die „Vermischten Schriften“ und die „Lieder eines Lumpen“. Meist handelt es sich dabei um Texte, die zum Prosagedicht tendieren, oder um aphoristische Betrachtungen, wie sie sich auch in den „Fragmenten zur Lebenskunst“ finden.

Im Pegasus-Verlag von Gregor Müller erschien 1946 der Gedichtband Das Fenster. Er enthält ausschließlich neue Gedichte und zeigt Haringer auf einer neuen Stufe seines Schaffens. Doch die Öffentlichkeit nahm von diesem literarischen Ereignis kaum Notiz. Nicht viel mehr als zweihundert Exemplare ließen sich absetzen, der Rest der Auflage wurde verramscht oder wanderte in den Reißwolf. Haringer war nicht mehr gefragt. Zeugnisse der Exilliteratur, wie sie seine Sammlung darstellt, fanden in den ersten Nachkriegsjahren keine Beachtung. Über die Zusammenarbeit mit Haringer berichtete Gregor Müller in einem Brief vom 9. Mai 1981 an den Aufbau-Verlag:

Seine Gedichte waren Würfe, er hat nicht daran gefeilt und gearbeitet. Er hatte keine Selbstkritik und gehörte zu den Autoren, bei denen Herrliches neben ganz Schwachem steht… Haringer hatte mir 1945 das Fenster-Manuskript angeboten. Wie oft er es zuvor schon anderswo versucht hatte, weiß ich nicht… Nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam Haringer in regelmäßigen Abständen häufig nach Zürich und blieb jedesmal etwa eine Woche bei uns zu Gast. Er gehörte fast schon zur Familie, was er sichtlich auch genoß… Seine Egozentrik war gelegentlich schon sehr anstrengend und seine Ausdrucksweise ziemlich vulgär, was jedoch durch seine unglaubliche Infantilität gemildert wurde. Schwer zu verdauen war – undifferenziert ausgedrückt – sein Größenwahn. Er überspielte und kompensierte dauernd. Ein Bohemien war er nur äußerlich, er suchte Geltung, Ansehen, materielle Bestätigung… Bevor das Fenster in Satz ging, kämpften wir lange und hartnäckig um das Manuskript. Zunächst mußten fragwürdige Gedichte (zumeist überbordende balladeske Gebilde) ausgeschieden werden. Im übrigen ging es ausschließlich um Rechtschreibung und Zeichensetzung (er war darin maßlos und inkonsequent). Er hat mich danach mit Vorliebe als „Duden-Papst“ und „Genie-Killer“ beschimpft. Aber mit dem Resultat war er dann doch sehr zufrieden und einverstanden, ja sogar stolz darauf…

Gemessen an der bis 1935 publizierten Lyrik, die kaum eine Entwicklung erkennen läßt, stellt der letzte Band eine ungewöhnliche Steigerung dar. Erstaunlich ist vor allem die Haltung, die der Autor jetzt an den Tag legt. Sie verrät Distanz zur eigenen Biographie, Abgeklärtheit, Gelassenheit, menschliche Reife, ja sogar Lebensweisheit. Hier schreibt einer in einem beruhigten, entspannten Gestus, der sich Disziplin auferlegt, der sich durch treffsichere Bildwahl und Vergleiche auszeichnet. All das deutet stark darauf hin, daß der Band Gedichte enthält, die erst in der Berner Zeit entstanden sind. Die Sprache ist geschmeidig, flexibel, sehr musikalisch, zuweilen kraftvoll-fest. Bevorzugt werden einfache, schlichte Töne. Mit ihnen ist Haringer unverwechselbar geworden. In ihnen drückt sich ein tiefer Gefühlsreichtum aus. Zartheit und Sensibilität überraschen, kein Vergleich zu den grobianischen, rüden Auslassungen früherer Jahre. Ihm gelingen jetzt glanzvoll in sich geschlossene Gebilde, wirkliche Verdichtungen, in die seine Erfahrungen der unruhvollen und bitteren Exiljahre in geläuterter und sublimierter Form eingeflossen, eingeschmolzen sind, frei von jeder Pose und Attitüde. Seine elegischen, von Heimweh getragenen Gefühlsäußerungen erinnern an die Gedichte Max Herrmann-Neißes. Sie wirklich erlitten. Sein Vokabular baut auf elementare, anspruchslose Grundworte: Glück, Herz, Schicksal, Wunder, Zauber, Sehnsucht, Traum, Schmerz, Liebe, Engel, Stern, Nacht, Wolke, Mond, Lichter, Regen, Schatten, Rose, Vogel, Gras, Falter, Biene, Kammer, Märchen. Noch stärker tragen diesen Moll-Ton die Adjektive: sanft, mild, hold, zärtlich, lieblich, himmlisch, lieb, schön, lind, keusch, fromm, still, glücklich, süß.
Der früh gealterte Dichter hält Rückschau. Vom Leben erwartet er nichts mehr. Todesahnung und Reue mischen sich in das resignative Resümee. In zahlreichen Variationen bringt er zum Ausdruck, seine Zeit vertan und viel versäumt zu haben. Haringers Weltschmerz bleibt apolitisch. Sein Denken erschöpft sich in Darstellungen der eigenen Person. Darin allerdings erreicht er am Ende literarische Größe. Mit der Sammlung Das Fenster gelang ihm das besagte Einfache, das so schwer zu machen ist. Eine gesellschaftliche Alternative war von ihm nicht zu erwarten. Der „arme Verschwender“ hört gelassen sein Unglück rauschen und fächelt sich Trost zu. Wehmutsvoll und mit einem leisen Greinen in der Stimme verklingt sein Lied in der Dämmerung:

Nur ein Bettelmann war ich im Leben,
Kaiser war im Leid ich, in der Pein!

Wulf Kirsten, Nachwort

 

Jakob Haringer – Ein Schandmaul betet zu Gott

Seine Mutter war eine Zigarrenverkäuferin und sein Vater ein ambulanter Buchhändler. Das Geburtsregister weist den Sohn als einen Sachsen aus, doch Sachse war er nur durch Zufall. Er kam auf einer Reise der Eltern in einem Eisenbahnzug zur Welt – kurz vor Dresden. Seine ersten Kindheitsjahre verbrachte er in München. Sein späteres Schicksal wurde die Landstraße. Er war ein unvergleichlicher Herrgottsdichter, der seinen Glauben pries, verfluchte und wieder pries. Die Behörden aber registrierten nur seine Flüche und verfolgten ihn quer durch Deutschland wegen Gotteslästerung und Beleidigung. Er starb, als er fünfzig war, in der Emigration. Die letzten Zeilen, die man in seiner Schreibmaschine fand, klingen wie eine Erfüllung:

Und die weiße Landschaft lag unberührt vor mir – wie der Weg ins Paradies.

Er hieß Jakob Haringer. Er schrieb tausend und mehr Gedichte. Mit seinen Gedichten weinte und schimpfte er sich in den Himmel:

Für euch blöde Schullehrer und verschißne Affen –
Für euch feige Richtertrichinen und Abortbanditen,
Für eure Gerechtigkeit, eure Ehre –
O ihr falschen Hottentotten, bin ich nicht auf der Welt!
Wenn ihr lang verfault in fünfzig Jahren –
Ihr feigen Schufte, blöden Kamele
Denken die Einsamen meiner Wehmut –
Denn für euren Krempel war ich nicht auf der Welt!!
Rührt euch Polizisten noch ein Maronibrater –
Senkt ihr vor Gott noch eure Scheißgesichter?
Leckt mich am Arsch, ihr Arschlöcher, nein,
Er ist für euch zu gut –
Denn für euch, merkt euch’s, bin ich nicht
Auf der Welt…
Gottes sind Frösche und Nachtigallen!
Aber nicht ihr standesgemäße Rotznasen!!
O ihr bürgerlichen und geistigen Henker –
Für euch war ich nicht auf der Welt!
Flöh und Wanzen, Freund! und andere Menschlein
Kannst du leider nicht so ganz ignorieren. Doch Gott, Du!
aaaaawas bildest du dir überhaupt ein?
Ist das noch leben… pah! für das bin ich nicht auf
Der Welt.
Feiges Herz Du! bang – für Was denn überhaupt??
O ihr Götter! ich verachte euch –
Bin ich nicht stärker als ihr Alle…
Wenn nur das Herz nicht so feig, ach so feig wär

Seine Wehmut faßte Jakob Haringer in Verse wie diesen:

Maria wäscht ihr Hemdelein,
Ihr Kindlein spielt im Sand.
Der Joseph muß im Wirtshaus sein.
Der Mond zieht schon ins Land –
Und weil ich nicht dabei sein kann,
Muß ich halt einsam sein…
Maria fängt zu weinen an,
Der Josef kommt schon heim – – –

Jakob Haringer war ein Bettler. Jakob Haringer war ein Vagant. Seine Lust war das Fortgehen, der lange Rausch der Straße, der Gedanke: du reist hier nur durch. Im Blickwinkel hatte er die Ferne, die Unendlichkeit. Die aber wieder ganz handfest, ganz gegen alle Logik erreichbar: Was sich seinem Auge darbot, war sichtbar das Zusammenwachsen von Landschaft und Himmel am Horizont; unsichtbar, daß es da für den Menschen einen Übergang geben könnte. An der Verknüpfung von Erde und Himmel nähte er ein Leben lang – mit dem Mut der Verzweiflung, dem Trotz und der Resignation:

GOTT

Ich hab Dir so viele Gelübde gemacht,
Und ich konnte nicht eines Dir halten;
Und es war ja auch immer bloß finsterste Nacht,
Da vergißt man die Hände zu falten.
Die Meere von Unglück, die hart Du geschickt,
Ach alles ist elend zersplittert.
O hättest Du einmal bloß milde geblickt,
Ich wär nie so versteint und verbittert.
Mein Herz blieb immer das ärmste Stück,
Sonst kam Dein Lächeln zu allen –
Mit einem kleinen, ganz kleinen Glück,
Wär ich für Dich gefallen!

 


STERN DER TOTEN

Und Dank, mein Gott, für all das Schöne, Große,
Und Liebe, ach und ewig nie Gewährte,
Für alles dies, ach, was Du nie gegeben!
Und daß ich immer bloß der Hoffnungslose;
Und daß nur Sterben dieses ganze Leben…
Was Du auch schenkst, ist stets das nie Bescherte,
Und was Du gibst, hast Du nicht nur genommen:
Es machte krank und müd wie arges Fieber –
Nur, was im Wahn bloß, und was nie gekommen,
Das duftet heute noch wie Gras und Flieder
Und rauscht wie Regen auf dies tote Herze nieder –

Lange vor dem Spanier Federico García Lorca schrieb Jakob Haringer Sätze, die den gleichen Zauber haben:

„Ein weißes Lied schlägt seine toten Augen auf“
„Mond legt silberne Schiefertafeln in die Kammern des Leids…“
„Am Fluß singt leis ein Kind die Kähne an…“
„Ein Winterzweig macht deine Schneeterrassen sommertraurig“
„Des Betens Geheimnis harft, – ein Wolkenschiff fährt am Himmel“
„Auf deinem Haar liegt schon der tote Reif der Sorge…“
„Gott ist lang zerquetscht wie eine Fliege“

Jakob Haringer war ein Mann am Rand der Gesellschaft, wohin die Frömmigkeit verbannt ist, wo der Glaube seine radikalen Anhänger hat. Sein Leben lang teilte er das Elend der Armen und die Einsamkeit der Elenden, die von ihrer Einsamkeit gesteinigt werden. Er konnte gütig und bitterböse sein. Seine Stimmung wechselte schnell wie das Wetter im Hochgebirge. Er zog die Menschen an und drückte sie mit ein paar giftigen Worten urplötzlich an die Wand. Er hatte ein Bedürfnis, sich unmöglich zu machen, um sich selbst möglich machen zu können:

DIE BERGPREDIGT ODER RESIGNATION

Ob ich in dies dreckige Loch noch meinen
Schwanz stecke,
Oder lieber nach Haus geh und das Geld spar –
Und mich dann selber schön am Arsch lecke,
Ich bin und bleib doch so wie so bloß
Derselbe Narr!
Ob ich dies Geld noch hab oder gar keins,
Ihr müßt mich ja so wie so kostenlos begraben,
Und wir sind halt einfach alle Kinder des Schweins,
Überhaupt was kümmert mich euer ganzer Saft- und Sargladen!
Ob ich auch meinen eignen Schwanz auffriß,
Frißt doch Gott die ganze dreckige Welt leer –
Ob ich auch alle Stern in meinem Scheißhaus
Ausgeschifft…
Jesus, auch der liebe Herr Jesu kehrt nimmermehr!!

Jakob Haringer führte ein Leben ohne Rücksicht auf Sicherheit. In sich trug er das Heimweh nach einem nie erlebten Glück. Einern Glück, in dem sich alle Problematik auflöst.

DIE TOTEN SÜNDEN

Man kommt nicht heraus aus dem Hirn!
Und man kommt nicht hinein in den Traum,
Und das Herz flög so gern doch spaziern…
Ach man möcht gern heraus aus dem Herz;
Es half kein Gebet und kein Gott –
Uns hält auch der Teufel zum Narrn,
Unsere Liebe ward Falschheit und Spott,
Unser Herz heult im Schinderkarrn.
So zerschlägt man sein eigenes Herz,
So vergießt man sein eigenes Blut –
Wo hat dies Fragen schon Wert,
Was hat das Hoffen noch Sinn:
Dem einen ist alles beschert,
Und uns geht alles verkehrt!
Man kommt nicht heraus aus dem Hirn –
Und man möcht gern heraus aus dem Herz…
Aber hin ist hin!

 

DER GOTT

Woher mag wohl der erste Atem kommen?
Auf daß sich Totes plötzlich lebend regt;
So wie ein Wind auf einmal sich bewegt,
So wie ein Zündholz durch die Hand entglommen.
Erstes Erinnern! Erstes banges Sehnen –
Wer fragt, der rührt schon an die Ewigkeit.
Und wer erklärt, ist ein verbranntes Scheit,
Denn letzte Stern stehn bei ersten Tränen.
Ob weh wir morgen, ob ich lustig heut,
Ob heut noch der und jener Stern dann sinkt,
Ob einer hungert oder sich betrinkt –
Du dummes Herz, laß ab dein ganzes Fragen:
Solang du lebst, solang ist Frühlingszeit,
Das Herz, das lebt, wird immer wieder Ernte tragen!

Als Haringer einen Namen als Dichter hatte, schlug er diesen Ruf anders als die anderen in bare Münze um: Er bettelte bei seinen Künstlerkollegen. Mit Hilfe von Kürschners Deutschen Literatur-Kalender stellte er Gottes Gerechtigkeit auf seine Weise her. Er stahl nicht, und er raubte keine Bank aus. Und er wollte nichts für nichts haben. Er nahm Papier, Federhalter und Schere. Er fertigte Hefte an, in die er eigenhändig seine Gedichte hineinschrieb. Dann steckte er die Hefte in Briefumschläge, schrieb prominente Anschriften aus Kürschners Literatur-Kalender darauf und verschickte sie mit den Worten:

Verzeihen Sie bitte diese Fetzen. Aber ich bin ärmer als arm. Mir geht’s elender als einem Straßenhund…

Da übertrieb jemand, dem das Geld in den Händen zerrann.
So brachte er sein poetisches Renommee und die Tatsache, daß der Erlös aus seinen Büchern zu gering zum Leben und zuviel zum Sterben war, immer wieder in ein finanzielles Gleichgewicht. Mit dem Geld, das er auf seine Bettelbriefe bekam, kaufte er sich Wein und Zigarren – immer von der besten Sorte. Zu trinken und zu rauchen erhielt bei ihm jeder, dem es schlechter ging als ihm. Und oft spielte Jakob Haringer mit dem geschenkten Geld den Verleger seiner Werke, die von den großen Buchverlagen nicht angenommen wurden. Es waren seine besten Bücher. Er gab sie im Selbstdruck heraus, legte sie neuen Bettelbriefen bei und erhielt neues Geld. Im Anhang zu diesen Büchern dankte er den Helfenden mit den Worten:

In ewigem Angedenken an die treuen Kameraden in meiner tiefsten Nacht.

Dann zählte er ihre Namen auf: Alfred Döblin, den Autor des Romans Berlin Alexanderplatz, Klabund, den Meister der literarischen Kurzform, Franz Jung, den Schriftsteller des Proletariats, Max Herrmann-Neisse, den Lyriker, Carl Sternheim, den aggressiven Dramatiker, Paul Zech, den Arbeiterschriftsteller, und viele andere.
Zu den Geldgebern gehörte auch der Jugendstil-Zeichner Marcus Behmer. Der kam eines Tages in das bayrische Dorf, in dem Haringer lebte. Auf der Straße sprach er einen Mann an, der einen eleganten dunklen Anzug trug:

Können Sie mir sagen, wo hier ein Herr Haringer wohnt?

Der Angesprochene erwiderte:

Haringer? Der bin ich!

Marcus Behmer reagierte empört, denn er fühlte sich vom „armen“ Jakob Haringer verschaukelt. Doch der redete beschwichtigend auf Behmer ein und nahm ihn mit in sein Zimmer. Dort öffnete Haringer den Schrank und zeigte dem verblüfften Besucher weitere zehn Anzüge. Die Erklärung: Haringer hatte die Masche mit dem Geldbitten überzogen und schließlich nichts mehr bekommen. Ein neuer Text an die alten Spender mußte her. „Bin völlig abgerissen“, hieß es nun in den Bettelbriefen. Der Spruch tat seine Wirkung, noch einmal flossen die Spenden. Der Vagabund wurde ein Herr mit vielen Anzügen.
„Glaubt jenen nie, die da von Glück geschrieben“, dichtete Haringer am Ende seines Lebens, „glaubt keinen Singsang, wie sie sich gefreut: Ach, wenn ich glücklich war, da hab ich nie geschrieben – Da saß ich still und hab mich bloß gefreut.“ Von einer Zeit des stillen Sitzens hat Haringer sein Leben lang geträumt. Doch zur Unruhe war er geboren. Es begann im Eisenbahnzug am 16. März 1898. Die Unruhe setzte sich fort im ständigen Umhergetriebensein der Eltern, die im Bayerischen und Österreichischen Gastwirtschaften übernahmen. Haringer ging in Traunstein, Salzburg und in Ansbach zur Schule. Später schrieb er:

Meine Eltern sind schlichte Leute. Sie haben sich’s vom Mund abgespart und mich auf die Schule geschickt, „damit sich der Bub nicht so plag’n braucht wie unsereins, und daß er vielleicht später, wenn er Beamter oder Pfarrer ist, für seine alten Leut was übrig hat“. Aber der Bub ist kein Pfarrer geworden, sondern ein Taugenichts, der dem lieben Herrgott den Tag stiehlt… Er las von Kolumbus, Sokrates, Galilei. Von ihren Fesseln und den tausend Martern, die ihnen hartherzige, verblendete Menschen angetan. Weinte über van Gogh, der elendig, zerknirscht, in unsagbaren Himmelsfarben aufschrie und von nichts lebte als seiner Not.

Jakob Haringers Schulweg endete nach der vierten Realschulklasse. Er wurde Verkäufer, Tagelöhner, Knecht, Lastträger und Fabrikarbeiter. Mit 19 Jahren zog er als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, kämpfte als Kanonier in Flandern, brach zusammen, kam ins Feldlazarett, wurde als „kriegsuntauglich“ entlassen, schrieb die ersten Gedichte, kämpfte nun mit Lyrik gegen falsches Heldentum. In München schloß er sich 1919 den Führern der bayrischen Räterepublik an, wurde nach der Niederschlagung dieses politischen Versuchs verhaftet, saß im Gefängnis Stadelheim und in der Festung Ingolstadt.
Nach seiner Entlassung ließ er sich in Gmain bei Bad Reichenhall nieder.
Dort versteckte Haringer den ehemaligen Räterepublikaner und „Militärchef der Nordgruppe/Dachau“, Erich Wollenberg, vor dem Zugriff der Polizei. Dort schrieb er seinen ersten Gedichtband, der unter dem Titel Hain des Vergessens noch im gleichen Jahr in dem für Experimente offenen Dresdner Verlag erschien. Dort bandelte er mit jedem Mädchen an, das ihm über den Weg lief. Reich war er an Liebschaften und arm an Geld. So sollte es ewig bleiben. Der Ortsgendarm urteilte:

A so a Rotzbua ko do koa Schriftställa sei, a Schriftställa mus do a Geld habn, aba der Depp hot koa Geld.

Und weil er kein Geld hatte, wechselte er immer wieder das Zimmer.
Polizeilich in der Reichenhaller Gegend gemeldet, zigeunerte Haringer durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Tschechoslowakei. Ein Freund beschrieb ihn damals so:

Auf den ersten Blick überraschte mich seine kräftige, gewandte Gestalt. Die mageren, nervös spielenden Hände glichen denen eines Musikers. Aus dem gutgebildeten Kopf drangen die hochgewölbte, beinahe faltenlose Stirn und das scharf geprägte Kinn. Dazu kamen die tiefliegenden, doch klaren und guten Kinderaugen, die einen in wunderlicher Schärfe anzublicken vermochten, bald in jugendhafter Fröhlichkeit, dann wieder, in raschem Wechsel, in schmerzlicher Resignation. Um den Mund herum herrschte ein Zug von Pfiffigkeit.

Haringer mischte sich unter die Leute in den Kneipen. Er sprach ihre Sprache, war einer der ihren, ohne von ihnen akzeptiert zu werden. Er liebte ihre Deftigkeit, doch Wirtshausschlägereien ging er aus dem Wege. Sein Prügel war das Wort. Das handhabte er für damalige Ohren in beleidigender und gotteslästerlicher Manier. Gedichte wie dieses, das er mit „Gebet“ überschrieb, brachten die Selbstgerechten, die „Frommen“ gegen ihn auf:

O lieber Gott! du wirst mich schon beschützen,
Vor Polizisten, Freunden, Schuftenpack –
Vor Allem, was da Amt und Würden, Litzen,
Du Guter, kaufst ja nicht die Katz im Sack!
Du, ach mein Gott! du wirst mich schon bewahren,
Vor all den Blöden, die da stinken groß,
Ob sie in vollen, ob in grauen Haaren –
Du hältst mein Herz und stürzt der Schlechten Los.
Du läßt die Würmer wohl sich Götter dünken,
Bald brennst du nieder doch der Laffen Mist,
Du läßt wohl vielen Dreck zum Himmel stinken,
Bis du Gewitter auf den ärmsten gießt.
Und morgen kann Dein dümmstes Schwein verrecken,
Der Dreck glaubt immer ja, er sei ein HERR.
Was kümmert’s uns, wenn kleine Schäflein blöken,
Als ob die Welt schon ganz zu Grunde wär.
O Gott! ich weiß, daß bald du alle findest,
Wenn sie auch leugnen, daß du stets verreist,
Ob du dich gleich im kleinsten Stern schon kündest,
Ob dich auch süß der kleinste Vogel preist.
Du lieber Gott! du läßt mich nicht verkommen
In diesem eklen Polizistenmist,
Und ist mein kleines Herz auch fast verglommen –
Was tut’s, wo Du mir Herd und Heimat bist.

Die Staatsanwaltschaften wurden gegen Haringer tätig. Er floh durch die Lande, wurde gefaßt, konnte entkommen, wurde wieder gefaßt. Seine Erfahrungen mit der Justiz hielt er in einem Zweizeiler fest:

Wer zu blöd fürn ärgsten Mist
Wird ein teutscher Sau-Jurist

Und im Gefängnis schrieb er:

Ehrliche Fäuste liebt Gott oft mehr
Als betende Hände, die lügen so sehr,
Die lügen Demut und kindliches Tun,
Und sind voll Ehrgeiz und wollen Ruhm
Gott ist kein Richter, kein Wurm und kein Hund!
Wird ihm die trotzige Faust oft zum Mund,
Wird ihm die Faust oft zur Träne, die fleht –
Mehr als der Frömmler winselnd Gebet.
Öffnet er leis oft die Faust und die Pein –
Legt einen goldenen Stern dann hinein.

Ein Jakob Haringer auf der Flucht war ein denkbar schwieriger Partner für Buchverlage. So wurde er der Hausierer an den Türen seiner prominenten Dichterkollegen, denen er seine Gedichte übergab und die sie ihrerseits den Verlegern anboten. Ein solcher Prominenter war Alfred Döblin. Er verhalf Haringer zum literarischen Durchbruch.
Im alten Gustav Kiepenheuer-Verlag Potsdam setzte er 1925 die Veröffentlichung von Haringers Dichtungen durch. Noch im selben Jahr erhielt der 27jährige Vagant den mit 5.000 Reichsmark dotierten Gerhart-Hauptmann-Preis, ein Jahr später den Kleist-Preis, die begehrteste deutsche Literatur-Auszeichnung. Das Berliner Tageblatt nannte Haringer einen „Stern der Verheißung“, das Sächsische Volksblatt rühmte ihn einen der „genialsten Dichter des neuen Deutschland“.
Die Richtung für diese überschwenglichen Beurteilungen hatte Döblin angegeben:

Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, einmal, daß er zu sich gefunden hat, einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg.

Wie ist ihm denn zu Mute? Schwer zu sagen. Polar. Nämlich so: Von Menschen seiner Art wird das Malheur angelockt. Er hat nichts, wird ignoriert, bekommt Stöße: das färbt ihn waschecht durch, aber – verändert ihn nicht. Es treibt ihn nicht aus Rothenburg hinaus; er baut einige andere Häuser an. Er wird Veteran im Dulden der Misere; wird aber gar nicht weise davon. Die Tücke des Objekts bleibt, aber er bleibt auch. Sie sind oder werden kongenial. Das ist sein Kniff, der andere Pol. Er schreit gegen die Verleger, wird aber kein Gewerkschafter. Das Unglück bleibt sein liebes Privatmalheur. Vor allem: es bleibt seins. Es gibt in der deutschen Lyrik feine Köpfe, kluge Herzen, die manches fühlen, gute Geschmäcker, tüchtige Könner, die es ernst mit ihrer Arbeit nehmen. Dieser Typ ist unerwartet da: ein lyrischer Poet, ins Heute verschlagen, beständig hintapsender Träumer; der wirkliche, komplette, kranke, verängstigte, psychopathische Romantiker. Manche Lyriker hatten das teilweise, manche spielen es. Er ist es, durch Geschick, Unglück, konstitutionell. Haringer ergeht sich lässig, einfach, bis zum Knittelvers, bis zur Trivialität. Er ist bloß Mensch, kein repräsentierender deutscher Dichter.

Jakob Haringer, „bloß Mensch“, dichtete:

Die Abendglocken klingen
Die Kinder gehn schon heim,
Die letzten Vöglein singen,
Ich denk an dich und wein…
Steh unter rauschenden Linden
Was hat ich geträumt und geirrt!
Laß mich eine Herberge finden
Heilige Mutter Marie…

Der Komponist Arnold Schönberg vertonte mehrere Gedichte dieses Mannes. Es sind die einzigen Lieder, für die Schönberg seine Zwölftontechnik verwandte. Haringer war auf einen Schlag so populär, daß ihn der Schriftsteller Robert Neumann als sentimentalen Herrgottsdichter parodierte. Hermann Hesse aber lobte dieses Sentiment:

Da singt ein vereinsamter Dichter am Abend vor sich hin, krank und hungrig, spielt zärtlich mit den Trümmern seiner Jugend.

Was Hesse außerdem an dem 30jährigen Haringer schätzte, waren dessen ganz einfache Worte:

Ist alles eins
Was liegt daran,
Der hat sein Glück,
Der seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist alles eins,
Der fand sein Glück!
Und ich fand keins.

Die Frauen, die ihn liebten, liefen ihm davon. Seine große Liebe hieß Hertha Grigat. Er hatte die schwarzhaarige Frau in Berlin kennengelernt. Sie war 18 und er 31.
Es kam eine Beständigkeit in sein Leben, wie er sie nie zuvor erfahren hatte. Der renommierte Paul Zsolnay Verlag nahm sich seiner an. 1928 erschien dort sein Lyrikband Heimweh, 1930 kamen Gedichte unter dem Titel Abschied heraus. 1931 ließ er seine ketzerische dreibändige Lyrikausgabe Das Schnarchen Gottes mit Zeichnungen von Marcus Behmer in 200 Exemplaren erscheinen. Kein Verlag traute sich, diese Gedichte, die schamlos rüde Genialität atmeten, zu veröffentlichen. In jeder Zeile, in jeder Äußerung zeigte er sich da lachhaft nackt.

VON DEN TOTEN

Lieber im Grünen sizen,
Als mit euch Idioten schwizen!
Lieber besoffen und tot,
Als von Euch Titel und Lob!
Lieber in den blaun Himmel schaun,
Als eure Freuden und Checks und Fraun!
Ihr verreckt ja viel eher als unsereiner,
Ihr Schweine und alles Schöne Verschleimer.
Wenn die Mädchen lachen und die Blumen blühn,
Müßt ihr zur Börse und für eure Scheißweiber
Wie Esel ziehn…
Wenn die Regen tropfen und Amseln dichten,
Müßt ihr Beamtenwanzen echte Menschen richten!
Aber was ihr mich schlecht macht und narrtet –
Nahm mir’s zu Herzen wohl mal…
Heut, wo mein Kind auf mich wartet –
Ist mir doch alles egal!!
Heut wo mein Kind für mich betet –
ist’s mir wurscht, was ihr verblödet –
Man kann im Leben nicht immer tanzen –
Freilich Pest bleibt Pest und Wanzen, sind halt Wanzen

*

Ich mein eigenes Versuchskarnickel,
mein ekelhaftestes Laboratorium,
Lade mein Herz mit der Dummheit Dynamit und
Spreng’s in die Luft,
Kann nicht schwimmen und schlafe
unterm Wasser;
Zerreiße die tausend Pulsschläge wie ein Kind
sein Bilderbuch,
Überquere die Ozeane mit einem Besenstiel –
Ich meines Herzens gräßlichster Lust- und Raubmörder,
Alle Gaskessel des Hirns zünd ich an –
Alle Tunnels verschütt ich, Alles töt ich;
Und immer noch hängt an der Decke explodiertes Hirn.
Immer noch schleimen Pulsschläge wie giftige zerschnittene Natternleiber,
Immer noch ist der ekle Drache nicht zerschmettert,
Immer noch belüg, betrüg ich mich selbst und die tausend Ahnen in mir –
Ich Paracelsus, ich Golem, ich weißer Rabe im
größten Dreck.
Ich Sperma das weiterwächst unterm Kirchdach.
Des Hirns
Tausend Schmeißfliegen millionen ekle schmierige Experimente,
Medizinen, Operationen teuflisch ersinnen. Der dicke Petrus
Pfeift auf dem Schlüsselloch dem Lieben Gott. Und
Das arme Herz ach das blöde Luder trägt Alles –
ah Alles …

Im November 1931 kaufte Haringer in Ebenau bei Salzburg ein kleines Häuschen, und Hertha Grigat lebte bei ihm. 1932 kam ein Sohn zur Welt, Johannes, 1933 eine Tochter, Ingeborg. Bei der Geburt seines Sohnes im efeuüberwucherten Klammhäusl Nr. 9 war er dabei. Als seine Tochter zur Welt kam, lebte er nicht mehr mit Hertha Grigat zusammen. Nach einem Zerwürfnis war sie nach Deutschland zurückgekehrt. Haringer hat sie nie wiedergesehen.
Hertha Grigat überlebte den Krieg in Braunschweig, kurz vor Kriegsende heiratete sie in die Kruppdynastie ein, wurde die Frau von Berndt-Rembrandt v. Bohlen u. Haibach. Haringers Kinder, die zunächst in einem Heim lebten und dann zur Mutter zogen, erfuhren erst nach dem Kriege, wer ihr wirklicher Vater war.
Der Sohn Johannes ist heute 44 Jahre alt und lebt als Restaurator in Norddeutschland. Er sagt:

Ich habe mit meiner Mutter nie über meinen Vater reden können, ohne daß sie Haßausbrüche bekam. Ich weiß nicht, warum. Aber wenn man einen Menschen so haßt, dann muß eine starke Liebe vorausgegangen sein.

Jakob Haringer hat viele Gedichte über Frauen geschrieben. Als er seine Liebe zu Hertha Grigat besang, schwamm der Dichter im Gefühl davon:

Du mein Trost im Weh,
O du liebes Reh!
Bei den Toren nur und dir ist Trost.
Ach die Welt ist schlecht,
Aber du warst echt –
Schönstes Ostern! Liebste Weihnachtspost!
Alle trogen arg.
Alle waren mein Sarg –
Aber du warst echt und ohne Trug!
Unser Kind – es lacht
Licht die tiefste Nacht,
Hell des Lebens ärgsten Menschenspuk.
O es war zu schön.
Doch auch DU wirst gehn,
Wirst verlöschen wie ein kleiner Stern.

Nach der Trennung von der Geliebten verkaufte Haringer 1933 sein Haus in Ebenau und wurde wieder einmal Untermieter mit Einzelzimmer in Salzburg. Im Deutschland der Nazis war er verfemt, in Österreich konnte er vorerst bleiben. In den Nationalsozialistischen Monatsheften wurde Haringer als „übler Vertreter des jüdischen Kulturbolschewismus“ bezeichnet, der „hemmungslos alle religiösen und kulturellen Werte des deutschen Menschen begeifert und lächerlich macht“. Am 22. Juli 1936 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Am Tage des Einmarsches der deutschen Truppen in Österreich, am 11. März 1938, wollten ihn die Nazis verhaften. Doch Haringer war am Abend zuvor gewarnt worden und nach Prag geflohen.
An einen Freund in Basel schrieb er aus Prag:

Ich bin den Henkern mit tausend Todesnöten entkommen. Gestern verbrachte ich zehn Stunden im Wasser, um die tschechische Grenze zu erreichen, gehetzt von der Gestapo. Wann endlich sieht die Welt ein, was ihr vom Hakenkreuz blüht?

Mit einem Flugzeug gelangte Haringer nach Frankreich, von Frankreich kam er in die Schweiz. Dort versteckte er sich bei Freunden. Dann wurde er interniert, kam ins Zuchthaus nach Bellechasse, konnte fliehen, wurde wieder gefaßt. Der Kreuzritter-Dienst, eine Organisation, die sich für Emigranten einsetzte, erreichte, daß der schwer herzkranke Dichter privat untergebracht wurde.
Der Sozialist aus urchristlicher Einstellung, der einst für die Räterepublik in München gekämpft hatte, überprüfte ganz prosaisch, ganz kühl seinen politischen Standort. Er schrieb:

Es gibt keine Theorie, die an sich revolutionär ist und sich nicht zu reaktionären Zwecken verwenden ließ. Der Marxismus ist von einer Lehre zur Droge geworden, zu einer Gewissenserleichterung. Vielleicht wird einmal die Losung zu geben sein: der Marxismus ist Opium für das Volk. Lebendig am Marxismus ist vor allem die Ideologiekritik. Marxismus kann als eine kalte Technokratie verstanden werden, ist aber im Wesen eine tragisch-menschliche Schau. Der Sozialismus wird den Marxismus überleben… Es könnte sein, daß der Faschismus militärisch besiegt wird und doch sogar in den Siegerstaaten wiederentsteht, und vielleicht sogar unter demokratischer oder sozialistischer Maske als ,Roter Faschismus‘.

Nach Kriegsende urteilte Haringer:

Es ist gefährlich, den Kampf aufzunehmen, ohne im tiefsten mit sich selbst einig zu sein. Ich denke an die Geschichte des Eremiten, der, um sich ganz Gott hinzugeben und allen irdischen Gelüsten zu entsagen, sich selbst entmannte. Nun war er zwar frei von allen Anfechtungen, zugleich aber hatte er die Energie der Liebe zu Gott verloren, war aber wegen seiner Kastration unfähig, in das normale Leben zurückzukehren. So steht es mit vielen kommunistischen Bürokraten, die den Glauben zu der stets wechselnden Parteilinie verloren haben, aber durch ihre eigentümliche Deformation auch die Fähigkeit verloren haben, zum normalen Menschentum zurückzukehren. Sie wirken oft wie Schlafwandler und sind – hinter der stählernen Maske – verschüchterte, übervorsichtige Menschlein.

Was den Dichter Haringer am Marxismus am meisten störte, ist dessen „Verachtung für das Innenleben“. Dieses „Innenleben“ sah er am tiefsten und ehrlichsten repräsentiert durch die bäuerliche Bevölkerung: „Ich habe bei Bauern ein so tiefes Wissen um das menschliche Leben gefunden, wie ich es in der Stadt nie erlebt habe. Die Nähe der Tiere, der Natur, der Unmittelbarkeit der großen Ereignisse, Geburt, Liebe, Tod, geben solchen Menschen oft eine Weisheit, die unermeßlich ist. So ein Bauer ist dann wie ein Gehöft, das von außen klein und unscheinbar wirkt, das aber tiefe, weitläufige Keller besitzt.“ Zum Bäuerlichen zog es ihn nach 1945 hin. Die Gemeinde Köniz bei Bern nahm den 47jährigen Dichter auf. Im Dachgeschoß eines Bauernhauses wurden ihm zwei Zimmer zur Verfügung gestellt. Hier schrieb er:

Dies stille Frommsein ist ja gut für Greise –
Die Sünder tun einander nimmer weh.
O in der Sünde festlichem Gewimmel –
Ach, bloß die Laster machen gut und rein.
Ich bin so ungeeignet für den Himmel!
Laß lieber mich ein frommer Heide sein.

Der Pegasus-Verlag in Zürich veröffentlichte 1946 eine Auswahl unter dem Titel Das Fenster.

Unter der Weide
Wenn du betest, bete wie ein Kind,
Weil die Kinder alle Gottes sind.
Ist die Kindheit nur an Wundern reich.
Denn sie glaubt ja an ein Märchenreich.
Bist du müde auch und grau dein Haar,
Denk daran, wie schön es damals war,
War ein Hund bloß, war ein Kieselstein –
Doch wie selig ließ uns alles sein.
Bete nur, als sei noch Kinderzeit,
Und viel linder wird dein größtes Leid.
Müssen immer wieder Kinder sein –
Wird der graue Sand zum Edelstein!
So ein Traum der schönen alten Zeit,
So ein tiefes, süßes Kinderleid
War viel mehr als aller Kaiser Thron;
So ein Mohn trug alle Not davon,
Und beim Beten schlief man weinend ein:
Morgen werd ich wieder glücklich sein!

 

DER BAUM

Der Baum hat auch kein Weib. Vielleicht
Freut er sich, daß er blüht,
Und daß er in die Wolken reicht,
Und manchmal julimüd.
Der Baum ist auch allein – wie Gott,
Und bricht ihm mancher Ast,
Der andre, weil viel Winterpein,
Der eine voll Sommerlast.
Und wo er wurzelt, bleibt er stehn
Und will nur Kampf und Licht…
Das Herz doch, das muß immer
gehn,
Bis es in Nacht zerbricht.
So wünsch ich, da der Spuk zu End,
Wenn ich längst Asche, daß
Aus meinem Staub ein Baum aufwächst –
Ein Baum – der Bruder Gottes!

Nur 200 Exemplare konnten verkauft werden. Der Rest wurde eingestampft. Mit der Familie des Polizeisekretärs Hans Jenk in Köniz freundete sich Haringer an. Frau Jenk bereitete dem Dichter immer wieder seine geliebten Dampfnudeln. Zum Essen kam er stets zu spät. Als aber die Familie Jenk einmal eine Einladung nicht einhielt, donnerte er per Brief:

Warum sind die Herrschaften nicht gekommen? Hab vor lauter Wut alles selber gefressen und gesoffen bis 5 Uhr früh… Wenn ich gewußt hätte, hätte ich nicht das alte Geschirr abgewaschen, hätt’s noch ein paar Monate stehen lassen. Was mach ich bloß mit dem sauberen Tellerzeugs? Wird bloß wieder staubig.

In Köniz erinnerte sich Jakob Haringer an eine Angestellte im Berliner Telegrafenamt, Else Rüdrich. Eine stille Liebe aus der Vorkriegszeit. Wann immer die Liebschaften mit den anderen zerbrachen, war er zu ihr gefahren. Doch sie hatte sich nie aus ihrem Schneckenhaus der Ängstlichkeit gewagt. Sein derbes Wesen hatte sie immer wieder abgestoßen. Sie war in der Nacht in Salzburg bei ihm gewesen, als er flüchten mußte. Sie war nicht mit ihm gegangen. Während des Krieges besuchte sie ihn in der Schweiz, wurde von Gestapo-Beamten beschattet und verlor nach der Rückkehr ihre Stellung in Berlin.
Jakob Haringer schrieb Else Rüdrich am 20. März 1948, sie möge nach Gottmadingen an die deutsch-schweizerische Grenze kommen, er wolle sie heiraten. Else Rüdrich kam am 3. April. Sie wartete. Wer nicht eintraf, war Haringer. Sie schrieb ihm nach Köniz. Der Brief kam zurück mit der Aufschrift:

Empfänger am 3. April 1948 gestorben.

Auf der Fahrt von Köniz nach Gottmadingen hatte Haringer in Zürich bei Freunden Station gemacht und die bevorstehende Hochzeit mit etlichen Flaschen Wein gefeiert. Als er sich schlafen legen wollte, brach er vor dem Bett zusammen und war tot. Das Herz hatte versagt. Else Rüdrich sagt heute:

Er war so vollkommen anders als alle anderen. Er war ein Poet und polterte nur, um Verletzungen durch andere zuvorzukommen. Eigentlich war er im Innersten seines Wesens ein schüchterner Mann.

Hertha Grigat, heutige Frau v. Bohlen u. Halbach in Linz am Rhein, lehnte es ab, über Haringer zu sprechen:

Ich will nicht mehr an ihn erinnert werden.

Ihr gemeinsamer Sohn schaut auf die Fotografie seines Vaters und meint:

Er hatte gütige Augen. Ein solcher Mann kann nicht schlecht gewesen sein.

Und wieder fragt er:

Warum reagiert meine Mutter nur so schroff? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Er schenkte ihr einmal eine schwere Goldkette. Meine Mutter hat sie noch getragen, als sie schon meinen Stiefvater kannte. Die Kette zerschmolz, als im Krieg unser Haus in Braunschweig beim Bombenangriff in Flammen aufging. Nur eine Madonna aus Porzellan widerstand den Flammen. Auch sie war ein Geschenk meines Vaters. Die Madonna steht noch heute in Linz.

Kurz vor seinem Tode schrieb Haringer:

Erwartung ist alles und immer das Schönste. Die in der Sehnsucht leben, wachsen zu Riesen. Man besitzt nie einen Menschen mehr, als wenn man ihn nie besessen. Das Erlebnis ist der Grabstein der Phantasie, schon deshalb flieht der Träumer oft die Erfüllung seiner Sehnsucht.

Ein solcher Träumer war Jakob Haringer, ein Träumer aus schierer Verzweiflung. Ein Mann, der nicht bekam, was er gesucht hatte, und der nun träumte, der Traum sei alles. Der Fatalismus ist ihm am Ende über den Kopf gewachsen. Er hat es selbst bemerkt. „Da tät die Trauer bitterlich seufzen, wenn sie dich nimmer hätt“, schrieb er. Seine Selbstauflösung hatte er in den Frauen gesucht, die er liebte. Aber er selbst nahm sich wieder zurück. Das Leben zerfiel ihm. Es zerfiel ihm in Dichtung. Die Selbstauflösung in Wörtern:

O in einem sauberen Spital liegen,
In den Grimmschen Märchen lesen,
Am Radio „Poem“ von Fibich hören.
An einen wunderschönen Juliabend denken,
Oder an die erste Jugendliebe.
Dann vielleicht sterben
Oder einen Brief bekommen,
Man habe ein Schloß geerbt,
Mit Wäldern, Wiesen und alten Mühlen.
Dann Tränen im Aug zu den Sternen aufblicken,
Nachts noch in den Kirchen einbrechen
Und Maria tausend rote Kerzen anzünden –
Und weinen, weinen über ein neues Leben…

*

Und wird es sein wie leises Dunklerwerden
Innen im Kelch der Blumen, wo verstummt
Nun das Fagott der Bienen und der Tanz jäh abbrach
Des Falters, der verliebt am Maiwind hing,
So wie das Schließen weißer Winden, wenn im Dämmern
Der erste Stern der Nacht
goldne Messe leis einorgelt
Oder wird Licht schneien, immer mehr und mehr,
Ach wird es Feuer sein, drin Sonnen schmelzen
Und was auf Erden ward, geschah!
Es war nur eine Handvoll Schmerz und Kummer,
Leid und Erniedrigung – ach alles schmilzt
Wie später Märzschnee in silbernem Mittag.
Oder ist’s so: der alte Mittwochsbettler
Räudig und krank und immer eklig zitternd
Schlägt zuckend er um mich die dürren Arme:
Ich mach die müden armen Augen zu und Rosen
Ach, dunkle Rosen duften aus gelobtem Munde…

*

Nach dem Tode des Dichters suchte die Gemeinde Köniz die Erben. Der Nachlaß lag ausgebreitet in seinem Zimmer: neben vielen Originalmanuskripten seiner Bücher Tausende von Zetteln, Papierschnitzeln, Streichholzschachteln, auf die er seine Gedichte geschrieben hatte. Niemand wollte die Hinterlassenschaft haben. Polizeisekretär Jenk packte Papiere und Zettel zusammen, tat sie in drei Kisten und stellte sie auf den Boden des Gemeindeamtes. Dann wurden die Kisten vergessen.
Sechzehn Jahre nach Haringers Tod schrieb der Student Werner Amstad aus Morschach eine Dissertation über Jakob Haringer, die bisher einzige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk und Leben dieses Dichters. Als ich 1976 – zehn Jahre nach Amstads Doktorarbeit – nach den letzten Aufzeichnungen Haringers suchte, entsann sich der längst pensionierte Polizeisekretär Jenk der drei Kisten. Darin lagen Bücher Haringers, die niemand kaufen wollte, die Manuskripte seiner erschienenen Werke und alte Briefumschläge, Theaterzettel, Zigarrenpackungen, Zettel, Zeitungen, auf die er seine Einfälle niederschrieb. Da finden sich Sätze wie diese:

Gott ist ein leerer Teller für die Hungernden… Wie erbärmlich klein werden vorm Tode alle Gemeinheiten dieses Lebens… Mit den Dummen ist das Schicksal immer mild… Anstand hat nur der, der fühlt, wie den anderen zu Mute ist… Glückliche sind meistens geistlos… Ja, was Lügen betrifft, da nehmens viele sehr genau… Manchmal schämt sich einer für die ganze Menschheit… Muß doch noch warten auf das Kamel, das mich mal durchs Nadelöhr führt…

Auf dem Friedhof von Köniz ist die Urne mit der Asche Haringers beigesetzt. Der 50jährige hinterließ ein Werk von mehr als 20 Bänden. Ein Querschnitt durch sein lyrisches Schaffen erschien 1979 unter dem Titel Das Schnarchen Gottes und andere Gedichte.

Jürgen Serke, in Jürgen Serke: Die verbrannten Dichter, Fischer Taschenbuch Verlag, 1983

 

Fakten und Vermutungen zum Autor+ Archiv

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Nico Bleutge: Sprachschaufel
Süddeutsche Zeitung, 21.6.2004

Michael Braun: Der poetische Chronist
Neue Zürcher Zeitung, 21.6.2004

Wolfgang Heidenreich: Gegen das schäbige Vergessen
Badische Zeitung, 21.6.2004

Tobias Lehmkuhl: Das durchaus Scheißige unserer zeitigen Herrlichkeit
Berliner Zeitung, 21.6.2004

Hans-Dieter Schütt: „herzwillige streifzüge“
Neues Deutschland, 21.6.2004

Frank Quilitzsch: Chronist einer versunkenen Welt
Lese-Zeichen e.V., 19.6.2004

Zum 75. Geburtstag des Herausgebers:

Christian Eger: Leidenschaftlicher Leser der mitteldeutschen Landschaft
Mitteldeutsche Zeitung, 19.6.2009

Jürgen Verdofsky: Querweltein durch die Literaturgeschichte
Badische Zeitung, 20.6.2009

Norbert Weiß(Hg.): Dieter Hoffmann und Wulf Kirsten zum fünfundsiebzigsten Geburtstag
Die Scheune, 2009

Zum 80. Geburtstag des Herausgebers:

Lothar Müller: Aus dem unberühmten Landstrich in die Welt
Süddeutsche Zeitung, 21./22.6.2014

Thorsten Büker: Der Querkopf, der die Worte liebt
Thüringer Allgemeine, 22.6.2014

Jürgen Verdofsky: Querweltein mit aufsteigender Linie
Badische Zeitung, 21.6.2014

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Archiv + Interview
Laudatio 1 + 2 + 3 + 4
Dankesrede 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 +7 + 8
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Dirk Sibka Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Wulf Kirsten

 

Wulf Kirsten – Dichter im Porträt.

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