Jan Zahradníček: Der Häftling Gottes

Zahradníček-Der Häftling Gottes

OPFERPRIESTER DES FRIEDENS

Vielleicht ist das Weltall draußen vergittert.
Und wir hier drinnen,
wir sind auf freiem Fuß. Befreit vom Joch
der Bedürfnisse und der Gewohnheit,
von einer Zeit, auf die Erde geklatscht in die Ohnzeit der Toten,
vom leeren wie weiten Gesichtsfeld der Jahre.

Wie ein noch lebender Mieter des Grabes
stemmt jeder nach seiner Art
hoch seinen Felsblock.
Jeder nach seiner Art ein Staunen der Engel, ein menschliches Weinen,
in jedem von uns würde man finden
die Zeit des Gerichtes und die Zeit der Kometen,
als sie uns abholen kamen,
wie Metzgergesellen das Vieh auf stinkenden Pritschen
zur Schlachtbank zu fahren.

Und dann nur das Zuschlagen der Türe, hinter der bleibt
ein Jammer, die Frau in eine Säule verwandelt
und die Vergangenheit in Flammen.
Und dann nur leere Augen und Hände,
während draußen
hinter siebenerlei Schlössern
sich die Braut Erde in Lerchenschleier kleidet,
um unsertwillen aufschiebend von Tag zu Tag
die unsagbare Verlobung des Geistes…

Noch gut, daß es gibt des
Schutzengels Wacht,
in der Glut ihre Kühle, ihren Regen in der Dürre,
in der Patsche ihre Sicherheit,
eine Freude tiefer als die Welt
und den Sieg auf Bannern, an denen rüttelt kein Wind.
Noch gut, daß überall und immer
wir danksagen können.

Auch für das Heulen der Hunde
und das Schlagen der Zuchthäusler-Uhr.
Auf dem Dornenlager Deines Kerkers,
während fern ein Zug durch die freie Finsternis braust,
liegst Du und wachst in unwiderlegbarem Zeugnis.
Und wenn es am Abend zur Ernte herweht von den gemähten Feldern,
atmet Dich inbrünstig an ein junges Gedicht.

Kein Papier und keine Druckerschwärze sind da,
doch eine Flamme, ein lebendiger Odem ist Dein Gedicht,
da in der Klagegemeinschaft der Darbenden und der Toten
ein Wort nach dem anderen sachte sich loslöst
von Deinem Atem
und weiterlebt nach seiner Art
und dann weiter von selbst die Fahne des Dichtens flackert,
Dein Gedicht „Die Opferpriester des Friedens“
wehklagend die Hände erhoben aus der Mittelmäßigkeit Sintflut,
ein Aufschrei der Liebe voll Zorn.

 

 

 

Einleitung

I

Ein tschechischer Literaturkritiker, der selbst fast zwanzig Jahre nichts veröffentlichen durfte, schrieb wenige Monate vor der Invasion der Roten Armee im August 1968, das Leben des außerhalb seiner Heimat nahezu unbekannten Dichters Jan Zahradníček gehöre zu den tragischsten der Geschichte der Dichtung.1 Dies gilt freilich noch nicht für die ersten 45 Jahre seines Lebens. Als Sohn von Bauern im westmährischen Dörfchen Mastnik am 17. Januar 1905 geboren, studierte er in Prag Philosophie und Bibliothekswesen und war dann jahrelang Redakteur einer kleinen in Brünn erscheinenden Zeitschrift. Sein erster Gedichtband, den er im Alter von 25 Jahren veröffentlichte, ist noch deutlich dem tschechischen Lyriker Otokar Březina verpflichtet, der in formaler Hinsicht oft mit Rilke verglichen worden ist und weltanschaulich von Schopenhauer beeinflußt war; Zahradníček hatte in den letzten Gymnasialjahren seinen Glauben verloren und fand erst später wieder zu ihm zurück. Doch schon in seiner bekanntesten Sammlung von Gedichten aus der Vorkriegszeit (JeřábyKraniche –, erschienen 1933 und achtmal wiederaufgelegt) trat er als gläubiger Dichter hervor; seit Mitte der dreißiger Jahre galt er als einer der bedeutendsten katholischen Dichter der Tschechoslowakei. Vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg, als er mit dem geistigen und moralischen Schicksal seiner besetzten Heimat rang, sah er immer deutlicher, daß alles Gnade ist – eine Gnade, der gerecht zu werden zur Lebensaufgabe wird:

Nicht habe ich mir gewählt die Landschaft meiner Geburt
noch wurde gefragt ich über Mutter, Schwester und Bruder,
und doch, könnte ich wählen, würde auch heute ich anders nicht wählen.

Wie so viele seiner Landsleute hoffte er, das Ende des Krieges werde Freiheit, Frieden und Versöhnung unter den Menschen und mit Gott bringen; doch schon ein Jahr vor der kommunistischen Machtübernahme erschien das große, vielbeachtete Gedicht „La Salette“, in dem er über sein Land und die Welt dunkle Wolken heraufziehen sah. Inzwischen war er einer der bekanntesten religiösen Dichter seines Landes geworden und betätigte sich unter anderem auch als Übersetzer; so erschienen, von ihm übertragen, eine Hölderlin-Auswahl, Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und Die Letzte am Schafott von Gertrud von Le Fort; auch arbeitete er lange an einer Übersetzung der Divina Comedia.

Im Juni 1951 wurde Zahradníček verhaftet und ein Jahr darauf wegen „Teilnahme an einer gegen den Staat gerichteten Bewegung“ zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt; es war dies die Zeit, da nahezu alle tschechischen Dichter von Rang, die sich nicht zum Kommunismus bekehren ließen, in Gefängnissen verschwanden. Später wurde die Strafe auf neun Jahre herabgesetzt; Zahradníček saß teils in Brünner, teils in Prager Gefängnissen. Im Jahr 1956 wurde er für einige Wochen aus der Haft entlassen, weil seine Frau und seine Kinder nach einer Pilzvergiftung schwer erkrankt waren; die Frau und der Sohn überlebten, die beiden Töchter starben. Als er damals das Gefängnis verließ, hatte man ihm Hoffnung gemacht, er würde nun bald endgültig entlassen, da er mehr als die Hälfte seiner Strafe abgegolten hatte. Doch seine Rückkehr fiel zeitlich mit dem Ungarischen Aufstand zusammen, welcher den Behörden Anlaß genug war, keine Amnestien mehr zuzulassen. So erlangte er die Freiheit erst im Mai 1960 wieder, nunmehr als ein Schwerkranker. Der kleine schweigsame Mann mit dem scheuen Lächeln hatte schon als Kind an einer Herzstörung gelitten, die durch einen verformten Brustkorb verursacht war; später kam häufig schwere Bronchitis hinzu; im Gefängnis erlitt er zweimal einen Herzinfarkt. Schon während der Haft war er gelegentlich so schwach, daß er die Stiegen zu den nicht endenwollenden Verhören von einem ausnahmsweise menschenfreundlichen Wärter hinaufgetragen werden mußte; nach seiner Entlassung fühlte er sich oft so elend, daß er seine Besucher nicht einmal mehr durch das Dorf zur Autobus-Haltestelle begleiten konnte. Dennoch kam es für seine Familie unerwartet, als er wenige Monate später, am 7. August 1960, einem Erstickungsanfall erlag.
Sechs Jahre danach, im Sommer 1966, wurde dann das Urteil, aufgrund dessen er neun Jahre im Gefängnis gewesen war, als rechtswidrig aufgehoben; nicht einmal die nach der kommunistischen Machtübernahme erlassenen Gesetze hätten seine Verhaftung und Verurteilung gerechtfertigt. Dennoch gehörte Zahradníček auch weiterhin zu jenen Schriftstellern, deren Werke selbst nach einer Rehabilitation nicht im vollen Umfang veröffentlicht werden durften. An eine Herausgabe seines Gesamtwerkes ist deshalb bis heute kaum zu denken; in der Tschechoslowakei dürfen seine älteren Gedichtbände nicht wieder aufgelegt werden – und viele seiner späten Gedichte liegen bisher nur in Manuskripten vor, die freilich immer wieder unter der Hand vervielfältigt und verbreitet werden.

II
Sieht man von der Prägnanz seiner Sprache und der schmerzdurchwobenen Schönheit seiner Bilder ab, die in einer Übersetzung freilich nur zum Teil zu vermitteln sind, so beeindruckt den Leser der späten Gedichte am meisten Zahradníčeks tiefe, durch keinen Schicksalsschlag zu erschütternde katholische Gläubigkeit; sie ist insofern durch und durch „vorkonziliar“, als sie – trotz seiner beachtlichen Bildung – der Volksfrömmigkeit des gläubigen Mähren entspringt, von keinerlei Pseudo-Intellektualität angekränkelt ist und sich, wie man dies heute fast nur noch bei der älteren Generation antrifft, an der Meßliturgie des Kirchenjahres emporrankt. Schon in den Jahren vor der Gefangensetzung wurden seine Gedichte immer häufiger zu einer betenden Theologie in Versform; in den Gefängnisjahren, vor allem nach dem tragischen Tod seiner Töchter, tritt sogar die theologische Reflexion in den Hintergrund und ringt der Dichter nur noch um die Gnade, sein Schicksal in bewußter Nachfolge Christi zu bewältigen. Die letzten Gedichte erinnern zuweilen an Beethovens späte Quartette: unter dem Druck des eigenen Leidensweges fällt alles Künstliche, zuweilen sogar die dichterische Form, auseinander, genauer: wird der Inhalt so sehr selbst zur Form, daß man diese erst bei wiederholtem Lesen entdeckt.

Zahradníček ist insofern mit jeder Faser ein katholischer Dichter, als sein Glaube für ihn nicht bloß ebenso real ist wie die ihn umgebende „Wirklichkeit“, sondern diese „Wirklichkeit“ für ihn neben seiner gläubigen Schau geradezu verblaßt. Auf der einen Seite steht „die Welt“, ein von sich aus sinnentleerter Bereich, ein ebenso kunstvolles wie künstliches Theater mit sich selbst belügenden Schauspielern, die zugleich ihre eigenen Zuschauer sind und sich der haltlosen Sorge um den Leib, der Eitelkeit, den gelehrten Ausreden und am Ende dem gegenseitigen Terror, ja der haßerfüllten, in ihrer Mittelmäßigkeit an die Hölle erinnernden Folter widmen. Ihr steht die Welt des Glaubens gegenüber, die Zahradníček gerne anhand des Bildes einer Kirche und des in ihr abgehaltenen Gottesdienstes, mit Glocken, Kerzen und Orgeln, und zumal der Eucharistiefeier darstellt; es ist der Bereich der in sich ruhenden Stille, des kindlichen Vertrauens, der Anbetung des Lammes. Diese beiden Bereiche grenzen unmittelbar aneinander, ohne sich doch je zu überschneiden: die Welt als Angeld der Hölle, der Glaube als der im Gebet vorweggenommene Himmel. Dabei ist der Weg von der Trostlosigkeit der Welt zur Freude des Glaubens so leicht zu beschreiten, daß die meisten Menschen ihn übersehen: man muß ja nur, wo immer man steht, die eitlen Gerätschaften dieser Welt beiseite legen und barfuß, im Zweifelsfall von allem entblößt, die Schwelle des Königreichs Gottes überschreiten, um schlagartig, mit jeder Faser seines Seins, die wahre Heimat des Menschen zu betreten.

Freilich ist dieser Weg auch schmerzlich, da er in der Nachfolge Christi ein Kreuzweg ist; nur daß eben das Kreuz, sofern man es nur freiwillig auf sich nimmt, ja umarmt, ein befreiendes Joch ist – und zudem diejenigen, die dies nicht einsehen können oder wollen, entsetzt erleben müssen, wie auch sie an ihr Kreuz genagelt werden, nur eben an ein trostloses, an ein Kreuz ohne den Erlöser. So dreht sich Zahradníčeks Bilderwelt um die Passion Christi: den Ölberg, die Geißelung, das Tragen des Kreuzes den Kalvarienberg hinauf, Christi Kreuz selbst zwischen den Kreuzen der beiden Schächer, die Kreuzabnahme, die Grablegung; aber dann nicht weniger die Auferstehung, die Himmelfahrt, und – alles zusammenfassend – das geschlachtete und zugleich verklärte Lamm (das übrigens im Tschechischen männlichen Geschlechts ist und wörtlich mit „Widderlein“ übersetzt werden müßte). Das Leiden Christi wird für diesen Dichter so sehr zum Ausdruck des menschlichen und nicht zuletzt auch seines eigenen Leids, daß er in jedem der vielen Verfolgten, Verhafteten und Gefolterten Christi Leidensweg wiedererkennt und – insbesondere in der Folge „Das Zeichen der Macht“ – von Darstellungen rein menschlichen Leidens unvermittelt zu Worten über das Leiden des Gottmenschen übergehen kann, wobei Christus von ihm immer wieder als der schlechthin Schlichte, ja als Tor dargestellt wird, da erst in der „Torheit des Kreuzes“ das Leiden seinen vollen Sinn entfaltet. Nur diejenigen, die ihr tägliches Schicksal, und sei es noch so schmerzlich, gegen alle Auffassungen der „Welt“ freudig als Nachfolge des Herrn auf sich nehmen, erfahren, wie auch und gerade die äußersten Martern in die Freiheit und zur wahren Freude führen.

Diese tiefe, ganz persönlich gelebte Gläubigkeit ist eingebettet in eine Fülle anderer Erfahrungen: der unberührten Natur und des ländlichen Lebens, in denen man Gott gleichsam „auf die Finger schauen«“ kann, wie er sie segnend gestaltet und beschützt, vom Veilchen bis zum Gewitter, vom reifenden Korn bis zur Weinlese; der Sonne, die Zahradníček ähnlich wie gelegentlich die Verfasser der Bücher des Alten Testaments (z.B. Psalm 89, 37; Jesus Sirach 43, 2) als das größte Werk Gottes erlebt, als ein die Zeiten schleppendes Saumtier des göttlichen Herrschers, die wärmende Quelle alles Lebens, den Inbegriff der Anwesenheit Gottes in dieser Welt; der goldenen Stadt Prag mit ihrer überreichen religiösen Tradition, versinnbildlicht in den zahllosen Türmen der vielen gotischen und barocken Kirchen, die vom Prager Hügel zu sehen sind, auf welchem auch der mächtige Veitsdom steht; dann aber auch auf demselben Hügel „die Burg“, von welcher herab früher christliche Kaiser und Könige herrschten, und in der heute ebenso mitleidslose wie im Grunde bemitleidenswerte Machthaber residieren, die das sich nur noch nach Frieden sehnende Volk unterdrücken; die zugleich graue und knallige Vorstadt mit ihren Mietshäusern und Industriekomplexen, und überhaupt die moderne Welt der Produktion und Technik; sein eigenes Gefängnis mit dem vergitterten Fenster, dem Guckloch für den Wärter und der für endlose Zeiten zugeschlagenen Tür, welche den Dichter nicht bloß seiner Freiheit, sondern gleichsam auch seiner Sinne beraubt, so daß er die herrliche Vielfalt der Welt nur noch durch das Gehör und in der Erinnerung erlebt;2 nicht zuletzt aber auch die Heiligen, die den Lauf des Lebens schon siegreich beendet haben und nun unsere Fürsprecher sind – Fürsprecher des Durchschnittsmenschen, der den Herrn nahezu täglich verleugnet und dennoch, wenn er sich Ihm wieder zuwendet, auf Seinen Schutz, Sein Erbarmen und Seine Gnade hoffen darf. Neben Maria, Joseph und dem Erzengel Michael ist es in besonderer Weise der heilige Wenzel, an den sich Zahradníček als Tscheche wendet, der frühmittelalterliche böhmische Fürst, der auf den Stufen einer Kirche von seinem Bruder ermordet wurde und in „seinem Land“, in Böhmen und Mähren, als der Heilige der Nation, ja des tschechischen Staates, verehrt wird und dessen mächtiges Denkmal einen der wichtigsten modernen Plätze Prags beherrscht.

Immer kränklich, neun Jahre in Haft, davon viele Monate in einer Einzelzelle, gequält von der Sorge um seine Familie, tief verwundet durch den Tod seiner beiden Töchter: Zahradníček mußte härter als viele seiner Zeitgenossen erleben, was das Kreuz bedeutet. Dennoch sind auch seine späten Gedichte im Grunde eine Botschaft der Freude. Und zwar nicht nur einer sozusagen „theoretischen“ Freude, die von der Einsicht in die Erlösung zehrt, sondern einer auch die dunkelste Lebenswirklichkeit so sehr durchdringenden, mit jeder Faser des Seins erlebten Helligkeit, daß der Dichter in der Nacht seiner Zelle, inmitten qualvoller Erinnerungen und verzweifelter Hoffnung immer wieder einen Jubelgesang anstimmen kann, ein Loblied, das freilich „noch weint“. Insofern ist seine späte Dichtung auch ein ganz persönliches Bekenntnis, das den Gläubigen zu trösten und zu stärken vermag und jenen, die das Christsein nur von außen kennen, ein Hinweis darauf sein könnte, welch unüberbietbares Geschenk für den Christen das Vertrauen auf den Schöpfer und Erlöser ist – zumal für den Katholiken, dem sein Glaube bei aller Transzendenz Gottes nicht verwehrt, in tausenderlei Aspekten und Dingen dieser unserer Welt etwas zutiefst Vermittelndes zu erblicken, und der deshalb mehr als Christen anderer Konfessionen den Glauben des einfachen Volkes achten, ja auch als Gebildeter mit ihm und aus ihm hervor seine Frömmigkeit vollziehen darf. Insofern ist Zahradníčeks Dichtung auch eine Warnung an jene, die – in einem bürgerlich-rationalistischen Anfall von puristischem „Protestantismus“ – leichtfertig volkstümliche Traditionen der Mutter Kirche abbauen wollen: die konkrete Glaubensgestalt, die uns dieser Christ in seiner Dichtung vorlebt, wächst aus einem jahrhundertealten Erbe hervor und wäre ohne dieses kaum vorstellbar – ohne Volksglauben und fromme Legenden, ohne zweitausend Jahre christlicher Kunst, ohne die von einer schier unerschöpflichen Symbolfülle durchwebte Liturgie, ohne die Geschichte der Mystik (in welcher Zahradníček mit seiner Naturliebe und seiner Betonung der Schlichtheit gläubigen Lebens wohl am meisten an franziskanische Traditionen anknüpft). Der Glaube, dem wir in diesen Gedichten begegnen, ist ein selten plastisches Beispiel dafür, welchen – auch der Welt zugewandten – Reichtum die Kirche zumal seit dem Mittelalter entfaltet hat und welch religiöse Verarmung es nach sich ziehen würde, wollte man in falsch verstandener Bereinigungsfreudigkeit den Glauben auf ein nicht für die Entfaltung in die Tradition hinein „offenes“ und insofern traditionsloses Evangelium oder gar auf abstrakte Glaubenssätze, denen letzte theologische Gewißheit zukommt, reduzieren.

III
Wenn ich nichts übersehen habe, so ist bisher kein einziges Gedicht Zahradníčeks ins Deutsche übertragen worden; nur eine Auswahl in englischer Sprache, darunter auch der Gedichtkreis „Das Zeichen der Macht“, ist vor kurzem in Australien erschienen.3 Neben dem Umstand, daß Tschechisch ohnehin keine Weltsprache ist, dürfte die Erklärung darin zu suchen sein, daß Übersetzungen tschechischer Dichtungen aus mehreren Gründen schwierig sind.

Zunächst einmal ist die tschechische Sprache, obwohl an ungekünstelter abstrakter Begrifflichkeit vergleichsweise arm,4 ungemein reichhaltig in der Darstellung von Stimmungen. Neben einer Fülle von Dingbezeichnungen, die oft nahezu synonym sind und dennoch verschiedene Gefühle nuanciert zum Ausdruck bringen, dienen hierzu insbesondere Diminutiva und eine besondere Eigenschaft tschechischer Verben. Wenn im Tschechischen Wohlwollen, Liebe oder gar Zärtlichkeit ausgedrückt werden sollen, bedient man sich gerne verschiedener, nahezu unübersetzbarer Verkleinerungsformen; auch Adjektive und sogar Adverbien haben häufig diminutive, oft dem Erfindungsreichtum des Sprechers überlassene Formen. Was Tätigkeitsworte betrifft, so können sie im Tschechischen – und zwar ebenso für die Gegenwart als auch für die Vergangenheit, zuweilen sogar für die Zukunft – in einfachster Weise ausdrücken, ob es um ein einmaliges oder wiederholtes, ein zeitlich punktuelles oder sich erstreckendes Ereignis geht. Obwohl dies zur Wiedergabe von Stimmungsnuancen äußerst hilfreich ist, läßt es sich im Deutschen ohne zum Teil höchst umständliche Umschreibungen kaum wiedergeben.

Des weiteren sind Zahradníčeks späte Gedichte zwar meist ohne Reim und in einem sogenannten „freien Rhythmus“ abgefaßt; doch gerade dieser scheinbar völlig ungeregelte Rhythmus bereitet dem Übersetzer Schwierigkeiten. Im Tschechischen liegt nämlich der Akzent stets auf der ersten Silbe eines Wortes, ja er verschiebt sich bei einsilbigen Präpositionen auf diese, so daß er gelegentlich sogar auf Konsonanten fällt, insbesondere auf Laute von zwei oder gar drei Buchstaben mit einem r oder l. Da Zahradníčeks Gedichte Gedanken und Bilder von großer Einprägsamkeit vermitteln, steht der Übersetzer deshalb häufig vor der Wahl, entweder genau den Gedankengang wiederzugeben oder aber den Rhythmus zu bewahren – einen Rhythmus, der überdies in keiner Weise festgelegt scheint und sich erst bei wiederholtem Lesen erschließt. Die Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten wird durch den Umstand erschwert, daß der Dichter jeweils in einem Vers einen vergleichsweise abgeschlossenen Gedanken vorträgt, weshalb es nur in den seltensten Fällen zulässig erscheint, beim Übersetzen die Verse umzubauen. Die Versfolge ist schon allein deshalb von Bedeutung, weil der Bilderreichtum häufig dadurch bewirkt wird, daß ein Vers zugleich das Ende eines und der Beginn eines ganz anderen Gedankens ist.

Bei meiner Arbeit habe ich mich bemüht, so weit wie möglich wörtlich zu übersetzen (also auch Vieldeutiges vieldeutig sein zu lassen) und den Rhythmus zumindest dort, wo dies ohne allzuviel Künstlichkeit möglich war, durch eine vom tschechischen Original abweichende Wortfolge zu erhalten. Dieses Vorgehen konnte ich freilich nicht durchgehend anwenden; in dem einen oder anderen Falle ließ es sich einfach nicht vermeiden, ein Adjektiv oder Adverb fortzulassen oder gar – insbesondere bei den wenigen gereimten Gedichten – den Gedanken zu umschreiben. Die Interpunktion handhabt Zahradníček in einer ganz eigenen, oft geradezu eigenwilligen Art und Weise; die Übersetzung sucht ihm auch hierin zu folgen, jedoch mit einiger Freiheit.

Die Gedichte des ersten Teils, die vor seiner Gefangensetzung geschrieben und zum Teil gedruckt worden sind, wurden von Zahradníček noch selbst veröffentlicht. Dies ist bei den Gedichten des zweiten und dritten Teils nicht der Fall. Bei der Gedicht-Folge „Das Zeichen der Macht“ wurde von tschechischen Literaturkritikern die Frage aufgeworfen, ob sie überhaupt abgeschlossen sei oder nicht vielleicht einzelne Teile verlorengingen. Die Gedichte nämlich, die Zahradníček im Gefängnis schrieb, wurden zum Teil auf abenteuerlichen Wegen herausgeschmuggelt und dann abgeschrieben; zum Teil prägte sie der Dichter sich ein und schrieb sie während der wenigen Monate, die er nach der Entlassung noch zu leben hatte, nieder, wobei ihm der eine oder andere Vers, und vielleicht auch ganze Strophen, nicht mehr einfielen. Die hier vorgelegte Übersetzung kann deshalb – abgesehen davon, daß sie ja nur eine kleine Auswahl enthält – in gar keiner Weise Anspruch auf Vollständigkeit erheben.5Die Gedichte aus den Jahren 1945 bis 1950 sowie der Zyklus „Das Zeichen der Macht“ wurden nach der im Jahre 1969 in Rom erschienenen Ausgabe: Jan Zahradníček: Básně (Gedichte) übersetzt. Der Übertragung der Verse aus der Gefängniszeit liegt ein Manuskript zugrunde, welches mir freundlicherweise der in den Vereinigten Staaten lehrende tschechische Germanist Prof. Dr. Rio Preisner zur Verfügung stellte.
Eine frühere Fassung meiner Einleitung und der Übersetzung des Gedichts „Verehrung des Kreuzes“ sind im Januarheft 1984 (13. Jahrgang) der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (S. 73–84) veröffentlicht worden.[
/footnote]

Wo mir Hinweise auf den Anlaß eines Gedichtes oder auf nicht allgemein bekannte historische Ereignisse oder Legenden hilfreich erschienen, habe ich sie am Ende des Bändchens in kurzen Erläuterungen festgehalten.

Professor Ernst Zinn, Universität Tübingen, war so freundlich, das Manuskript durchzusehen und mich bei der endgültigen Gestaltung des Textes zu beraten. Dafür darf ich ihm an dieser Stelle herzlich danken.

Nikolaus Lobkowicz, Vorwort

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

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