Jan Zahradníček: Vogelbeeren

Zahradníček/Slavíček-Vogelbeeren

DER UNVOLLENDETE GESANG

Ich grüße dich, Armut,
ich grüße dich, Reichtum,
und euch, die ihr singend singt,
und euch, die ihr steigend steigt,
will ich aufs neue erinnern
an Tage, deren Zaum euren Händen entfiel.

O entsinnt euch!
Ozeane umspielten die Füße der Frauen,
ihre Ellen hoben den Raum voller Dunkel,
und als ihr gingt durch die grimmige Stille,
sprachen zu euch die Mächte des Himmels
aus der Milchstraße ihres Lächelns.

Jetzt hört, wohin rückwärts die Vögel euch rufen,
wohin die geneigten Bilder der Jahre entgleiten.
Vielleicht, daß ihr dort an der Biegung noch einmal
die Bäume der Jugend erblickt und voll Aufbruch
in den Armen des Lands ihr das Antlitz
des fließenden Wassers noch kost, das hastet wie ihr.

Umsonst war vielleicht euer Flehen
um schnurgrade Wege und euch ward gegeben
zur Freude noch Zeit, die im Ringe der Jahre
sich dreht wie die Hüfte zerbrechlicher Vasen
und Bilder vorzeigt, die bekannt sind,
so bekannt, daß ihr sie nicht mehr erkennt.

Ihr tratet noch nicht aus der Schwere, doch führen
die Wege längst anderwärts und metallen
stacheln das Los und die Sterne euch höher.
Zwar gingt aus dem Dunkel ihr manchmal hinüber
ins Silbergebild eines reineren Fühlens,
doch dann kam die Rückkehr, und es war wie zuvor.

Wie Aquarelle die Landschaft. Wer dächte,
welche Schwere sich birgt in den Jahren, entwachsen
dem Nestgrau, welche Schwere im Schwanken der Birke,
in der Freiheit des Windes noch, blätternd im Laubwerk.
Wenn schon die Blüten sich hartnäckig sträuben,
wie der Kristall erst, der Stern und die Liebe!

Die Liebe… Wie grausam sie drängte.
Alles, was scheu in euch war und was zärtlich,
entfloh mit der Hindin, es blieb nur die Schwüle.
Aus dem Laub wehte scharfer Geruch, so berauschend,
wie Schlangen zischte die Gerste, benommen
machte die Glut, die teilnahmslos reifte.

Ihr hattet so nah es zu den Müttern und Schatten,
doch widerstrebte der kühlenden Zartheit
dieser Ewigen eure Qual, noch gestaltlos,
sank sie auf alles wie Dämmer am Abend.
Des Gedächtnisses Anbruch schien weit in der Ferne
gleich der Lampe, die brannte zum Lied eurer Schwester. –

Längst ist es anders schon. Zwischen das Dunkel
des Anfangs und euren Atem gedrängt – wieviel Tage?
Was sich in euch einst versteckt hielt,
das wurde zum Baum jetzt oder zum Sternbild.
Zu kühlerem Wehen neigt sich das Weltall
und plötzlich ist voll es vom Blondhaar der Zeit.

Wie Erdstaub so wunderbar sengen die Sterne,
wie Mühsal so süß werden Düfte und Stimmen,
aus seligem Ungewiß steigen die Morgen
von Blüten, Kristallen und Köpfen empor.
Und ihr stürzt euch weiter in Fährnis,
für euch stets aufs neue die einzige Zuflucht.

Als sähet ihr alles zum erstenmal oder
als endete alles gleich jetzt: solch ein Flehen
ruft aus der Stimme des Kuckucks, dem Flüstern der Bäume.
Der Gürtel Orions über den Weiten
und eines Löwenzahns Flaum in den Haaren
gilt euch schon lange gleich viel,

denn ihr kennt nicht die Menge der Tränen,
die sie aufwiegt, solange noch Zeit ist
an Flügeln zu haften,
und lieben
das Leiden euch heißt –
Doch diesen Gesang, wer wird ihn vollenden, mein Gott?

 

 

 

Vögel am Lehmfirmament

Das Wort „Schicksal“ hat im Tschechischen einen auffallend harten Klang: „osud“. Zwei Silben, kurz wie zwei Schläge. Ein dunkler Laut, erstickt durch ein scharfes „s“, dann der dunkelste aller Vokale. Zum Ausklang ein „d“, das aber tonlos zu sprechen ist: als „t“. „Ossut“ schriebe sich das auf deutsch.
Der tschechische Dichter Jan Zahradníček hatte eine besondere Vorliebe für dieses Wort und ein bitteres Anrecht darauf. Er war ein Gezeichneter: einer von denen, die das Schicksal früh blindlings zu Boden wirft und, einmal aufmerksam geworden, fortan mit gezielten Stößen verfolgt. Seinem Volk ist es ähnlich ergangen. Die tschechische Tragödie findet sich in Zahradníčeks Biographie unmittelbar gespiegelt.
Die tschechische Geschichte begann ihren Weg in die Neuzeit mit einem jähen Sturz. Aus der Wiege der Reformation, der Heimat von Hus und Comenius, wurde für fast dreihundert Jahre eine Provinz des katholischen Habsburgerreiches. Darüber entschied, glaubt man den älteren tschechischen Historikern, eine Schlacht von kaum mehr als zwei Stunden Dauer. Am Weißen Berg bei Prag siegte 1620 die katholische Liga über die protestantische Union und die böhmischen Stände. Die Gegenreformation brannte dem Land ihr Zeichen ein. Auf dem Altstädter Ring nagelte man die Zunge des Prager Universitätsrektors an den Galgen und brachte 27 böhmische Protestanten mit barockem Gepränge vom Leben zum Tod. Später wurde dort eine Mariensäule errichtet. Erst 1918 verhalf Masaryk den Tschechen wieder zu politischer Selbständigkeit. Die Mariensäule wich dem heutigen Hus-Denkmal. Doch die Unabhängigkeit währte nur zwei Jahrzehnte, bis zum Münchener Abkommen. Zwar konnte Hitler nicht mehr, wie geplant, im „Protektorat“ den „größeren Teil der Intelligenzklasse ausschalten, einer Sonderbehandlung zuführen“, aber Stalin befreite die Tschechoslowakei nur, um diese Mission auf seine Weise fortzusetzen. Bald nach der Machtergreifung des Stalinisten Gottwald 1948 begannen die Schriftstellerprozesse. Zahradníček war eines ihrer am härtesten betroffenen Opfer.
Auch am Anfang seines Leidensweges steht ein Sturz. Dies ist keine Metapher. Das Kind mährischer Bauern, am 17. Januar 1905 geboren, fiel so unglücklich vom Heuboden, daß es zeitlebens verwachsen blieb. Manches von den Traumata seiner Jugend hat Zahradníček später zu Poesie geläutert (vgl. die Gedichte „Zuhaus“ und „Aus der Kindheit“). Mit 21 Jahren kam er nach Prag, um erst Germanistik und Philosophie, dann Bibliothekswesen zu studieren. Mit seinen Dichterfreunden František Halas und Jaroslav Seifert zog er durch Kaffeehäuser und Kneipen. Doch dem Buckligen fiel das leichte Leben oft schwer. Aus den künstlichen Paradiesen des Alkohols stürzte er immer wieder in tiefe Verzweiflung. 1930 erschien sein Debüt mit dem beredten Titel Versuchung des Todes. „Es gibt keinen Zweifel, daß mit Zahradníček ein Jemand in die tschechische Literatur eingetreten ist“, notierte der strengste aller tschechischen Kritiker, František Xaver Šalda, bemängelte freilich einen „gewissen mystischen Quietismus“. Auch der zweite Gedichtband, die Heimkehr von 1931, atmet noch Todessehnsucht:

Die Nacht jedoch ist tief / der Tod nur macht sie lichter
wie wenn ein Schleier sinkt / von sämtlichen Gesichtern.

Solches Vergänglichkeitspathos fand Zahradníček mitsamt den dazu passenden Alexandrinern in der Lyrik der Décadence und des Barock. Denn trotz seiner Freundschaft mit den linken Avantgardisten zog es ihn selbst eher zur Überlieferung. Er übersetzte Mörike, Rilke, Hölderlin. Die klassische Strenge war ihm nicht nur eine poetische Schule. Sein nächster Gedichtband, die Vogelbeeren von 1933, verrät einen Willen zur Form, der über das Verstechnische weit hinausgeht. Aus den Sonetten, Alexandrinern und geschliffenen Reimen dieser Sammlung spricht ein gewandelter Zahradníček, „Und wenn du das Leben einst nicht aushalten kannst, mußt du suchen, es lieb zu gewinnen“, heißt es bei Nietzsche. In den Vogelbeeren ist viel von diesem dionysischen amor fati:

Nur der Rausch allein – nicht mehr das Wehe –,
aus dem tanzend ein Gestirn erstehe,
mir ein Stachel und ein Flügel sei.

Zahradníček beklagt sein Schicksal nicht mehr, er bejaht es. Die Titel seiner nächsten beiden Gedichtbände sind Programm: Durstiger Sommer und Gruß an die Sonne. Zwar durchzieht auch die Vogelbeeren noch die barocke Antithetik von Erde und Himmel, Schwere und Leichtigkeit, Tiefe und Höhe. Doch herrscht nicht mehr nur Eitelkeit auf Erden. Jeder Schritt hienieden verheißt jetzt den Aufstieg, wird zum „Vogel am Lehmfirmament“:

Nach Flügeln geh ich, Augentagen,
Masken und Vögel streift mein Blick.
Der Schritte Zahl ist abzutragen,
und in den Schritten reift Geschick.
[…]
O Schritte, meine Last begleitend,
ihr Vögel am Lehmfirmament,
o Schritt, getan schon, noch zu schreiten,
o Schritt, der Schlund und Höhe trennt.

„Zahradníček wächst zusehends“, schrieb der knurrige Šalda, besorgt, man könnte ihn beim Schwärmen ertappen. Im Café wagte er mehr. Er ging auf den Dichter zu und sagte:

Ich verneige mich tief.

Noch drei Jahrzehnte später waren sich František Hrubín und Jaroslav Seifert einig: Zahradníčeks Vogelbeeren sind „eines der grundlegenden Werke der tschechischen Dichtung der dreißiger Jahre“.
Und in den Schritten reift Geschick… Zahradníček sollte dem seinen nicht entgehen. Als tschechischer Katholik stand er, ob er wollte oder nicht, im Schatten des Weißen Berges. Zwar verteidigte er die Freiheit der Kunst gegen jede Vereinnahmung durch die Politik:

Wie Bileams Eselin, die man schlägt und stößt, um sie vom Weg abzubringen, beharrt die Dichtung auf dem Ihrigen: denn sie sieht einen Engel vor sich.

Doch das bewahrte ihn nicht davor ins Räderwerk der Ideologien zu geraten, die sein Land überrollten.
Obwohl die Mehrheit der Tschechen im Namen Roms getauft war, gründete ihr nationales Selbstverständnis auf einem antikatholischen Affekt. Die Ära der Gegenreformation galt, nach dem Titel eines beliebten Romans, als „temno“, als Zeit der „Finsternis“. Vom Gründerpräsidenten des neuen Staates selbst stammt der Satz:

Die Reformation ist der Sinn der tschechischen Geschichte.

Gegen dieses Dogma lehnten sich manche Katholiken auf, allen voran der Romancier Jaroslav Durych. Er wollte das Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring wieder durch die Mariensäule ersetzt sehen. „Ihr wißt nicht, was der Weiße Berg ist“, belehrte er die Tschechen, „das ist ein Ort des Ruhms“. Die brachte das auf; erst recht, als zur Zeit der nationalsozialistischen Bedrohung Durych an Franco das „Schwert in katholischer Hand“ begrüßte und sein Kollege Jakub Deml gewisse Sympathien für Hitler bekundete. Die Kommunisten nutzten dies nach dem Krieg, um zur Hatz auf Katholiken zu blasen.
Die Ironie von Zahradníčeks Schicksal wollte es, daß er sich unversehens im Zentrum dieses Kesseltreibens fand. Dabei hatte er 1940 in seinem Gedichtband Die Banner mit enormer Courage alle böhmischen Schutzpatrone gegen die Nazis angerufen. Doch nicht Durych und Deml verbrachten, wie zu erwarten, die fünfziger Jahre im Gefängnis, sondern Zahradníček. Es gelang ihm noch, seinen großen Klagegesang auf die Diktaturen dieses Jahrhunderts zu beenden: Das Zeichen der Macht. 1951 wurde er verhaftet. Zu den Verhören mußte er manchmal getragen werden. In der Einzelhaft geriet die poetische Einbildungskraft vorübergehend ins Kreisen:

Die verschiedenen Schlieren, die an den Zellenwänden zu sehen waren, verwandelten sich in Gestalten, die sich bewegten, die sprachen, gestikulierten, und ich mußte die größte Anstrengung aufbringen, um das Bewußtsein meiner Identität zu bewahren.

Doch Zahradníček schritt auf seinem Weg unbeirrt weiter fort.
Ein persönliches Angebot des Verteidigungsministers, eine Stalin-Ode aus dem Georgischen zu übersetzen und sich damit freizukaufen, lehnte er ab. Er wurde zu dreizehn Jahren Kerker verurteilt. Im Gefängnis schrieb er Gedichte, die seine Mithäftlinge auswendig lernten. 1956, nachdem Seifert auf dem Schriftstellerkongreß eine Revision der Urteile gegen seine Kollegen gefordert hatte, wurde auch ihm die Amnestie in Aussicht gestellt.
Es gehört zu den Regeln des tragischen Genres, den Helden kurz vor Schluß noch einmal in Hoffnung zu wiegen, um ihn desto wuchtiger in die Katastrophe zu stürzen. Die Dramaturgie des Zufalls gewann bei Zahradníček wahrhaft klassischen Zuschnitt. Als der Dichter zu einem Hafturlaub heimfuhr, dessen unbegrenzte Verlängerung ihm zugesagt war, wußte er noch nicht, daß seine beiden Töchter gerade an einer Pilzvergiftung gestorben waren. Damit nicht genug. Wie ein böser Deus ex machina mischte die Weltgeschichte sich ein: Der Ungarische Aufstand lehrte die Machthaber erneut das Fürchten vor den Intellektuellen. Nach dem Begräbnis seiner Kinder mußte der herzkranke Dichter für weitere vier Jahre ins Gefängnis. Dort entstanden die Lyrikbände mit den sprechenden Titeln Vier Jahre und Haus Angst. Als Zahradníček 1960 schließlich entlassen wurde, war die Zahl seiner Schritte fast abgetragen. Er lebte nur noch wenige Wochen in Freiheit.
1966 wurde er rehabilitiert, eine Neuauflage der Vogelbeeren durfte erscheinen. Doch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings verschwand sein Werk für weitere zwei Jahrzehnte im Schlund des organisierten Vergessens. Erst die Revolution von 1989 brachte es wieder ans Licht: zeitlos klassisch und deshalb noch immer auf der Höhe der Zeit.

Urs Heftrich, Nachwort

Editorische Notiz

Die vorliegenden Übertragungen basieren auf der achten Auflage von Jan Zahradníčeks Vogelbeerbäumen, hier aus klanglichen Gründen kürzer als Vogelbeeren bezeichnet (Jeřáby, Československý spisovatel, Praha 1966). Die seit 1991 im gleichen Verlag erscheinende Gesamtausgabe von Zahradníčeks Schriften wurde wegen ihrer editorischen Mängel nur zum Vergleich, nicht aber als Textgrundlage herangezogen. Gegenüber der ersten Auflage von 1933 ist das Textkorpus um vier Gedichte verringert, die der Autor später selbst verwarf. Aus den verbliebenen 41 Gedichten wurden 30 ausgewählt, nach einem einzigen, gewiß subjektiven Kriterium: ihrer poetischen Qualität. Die Übersetzung versucht, Zahradníčeks Vorliebe für die strenge Form möglichst gerecht zu werden. Reime wurden nur im Notfall durch Assonanzen ersetzt.
Bibliographische Hinweise zu Zahradníčeks Leben und Werk gibt der Aufsatz des Verf.: „Zur Originalität verdammt. Tschechische katholische Autoren im 20. Jahrhundert: Durych, Deml, Čep, Zahradníček“ in Literaturwissenschaftliches Jahrbuch, Neue Folge, Bd. 35, 1994, S. 321–342.

 

Der Dichter Jan Zahradníček (1905–1960)

zählt zu jenen verbotenen tschechischen Autoren, deren Werk erst die Revolution von 1989 wieder ans Licht brachte. Als eines der am härtesten getroffenen Opfer des Stalinismus in der Tschechoslowakei wurde er im Ausland vor allem durch seine Lyrik aus dem Gefängnis bekannt. Erstmals wird nun eine Auswahl aus Zahradníčeks künstlerisch bedeutendstem Gedichtband auf deutsch vorgelegt: Die Vogelbeeren sind, wie es in Jaroslav Seiferts Memoiren heißt, eines „der grundlegenden Werke der tschechischen Dichtung der dreißiger Jahre.“

Vitalis, Klappentext, 2000

 

Die Distel steckt der Halde Schutt in Brand

Es ist verdienstvoll, daß der Vitalis Verlag, noch dazu unter der kundigen Hand des Literaturwissenschaftlers Urs Heftrich, einen „Klassiker der Moderne“ präsentiert. Von Jan Zahradnícek lag in deutscher Übersetzung bisher lediglich der längst vergriffene Band Der Häftling Gottes  aus dem Jahr 1984 vor, in welchem Nikolaus Lobkowicz das spätere Werk von Jan Zahradnícek vorgestellt hat. Die Dichtung Jan Zahradníceks verbindet sich in der tschechischen Literatur mit dem Begriff der „katholischen Moderne“, zu welcher auch bedeutende Namen wie Jakub Deml, Jan Cep oder Jaroslav Durych gezählt werden.
1933 war  Jeráby  erschienen und setzte sich so erfolgreich durch, daß einige Neuauflagen erfolgten.
Im Deutschen sind Jeráby Kraniche, aber auch Kräne oder Ebereschen – also Vogelbeerbäume. Urs Heftrich hat aus klanglichen Gründen „Jeráby“ mit „Vogelbeeren“ übertragen. Diese eigentümliche, aber legitime Vorgehensweise wirft ein Licht auf die Übersetzungen der vorliegenden Verse, die zweisprachig abgedruckt sind. Dabei kann nicht genügend betont werden, daß Jan Zahradníceks Verse eigentlich nur unter Verlusten in eine andere Sprache übertragen werden können, da vor allem die Sammlung  Jerábynoch durch eine strenge Rhythmik gekennzeichnet ist.
Jan Zahradníceks Religiosität kommt in den Versen von  Jeráby/Die Vogelbeeren  noch nicht so expressiv zum Ausdruck wie in seinen späteren Gedichten. Deutlich spürt man den Einfluß des symbolistischen Dichters Otokar Brezina in dieser Verssammlung. Im Gedicht „Schreie“ besingt Zahradnícek ländliche Motive, und gleichzeitig schieben sich bereits Visionen dazwischen, welche das Vorgegebene überschreiten:

Ihr Ebenen, mit Dörfern besprengt,
ihr Türme und Pappeln, wiegt meinen Gedanken,
unruhig, wenn er nicht mehr Platz hat;
ihr Berge, die ihr über den Horizont wie Kamelherden schreitet
zu den Brunnen von Eden, nehmt mich mit!

Es vermischen sich Farben, Düfte und Erinnerungen von Zahradníceks mährischer Heimat mit Ahnungen vom Schicksal und einer ungewissen Zukunft. Als vitalistischer Trost vertritt hier noch das Paradies mit seinem Garten Eden eine tröstende Zuversicht. In der späteren Dichtung wird Jan Zahradnícek aus einer tiefgläubigen Gottesbeziehung zunehmend Kräfte schöpfen. Noch aber sind existentielle Bedrohungen eher vage:

Du aber, Sonne, sollst glühen über Armeen von Ähren,
wenn um die Reife sie ringen,
und du, Orkanroß mit flatternder Mähne,
sollst traben, bis die Schale der Stille zerspringt
und der Vogel Sturm auffliegt…

Das Schicksal sollte den 1903 geborenen Jan Zahradnícek in brutalster Weise treffen. Die Stalinisten verhafteten ihn 1951, und ein Jahr später wurde er wegen „Teilnahme an einer gegen den Staat gerichteten Bewegung“ zu 13 Jahren Haft verurteilt. Ein ungeheurer Schlag gegen den zeitlebens kränkelnden Dichter, der zudem unter einer körperlichen Verwachsung litt. 1956 gewährten ihm die Machthaber einen Hafturlaub, nachdem seine Familie von einer Pilzvergiftung heimgesucht worden war. Im Gefängnis war er nicht darauf vorbereitet worden, daß zwei seiner Töchter bereits an der Vergiftung gestorben waren. Trotz der gegebenen Zusage der Behörden, den Hafturlaub auszudehnen, sorgten die Ereignisse des Ungarn-Aufstandes zu einer weiteren Restriktion. Jan Zahradnícek wurde wieder inhaftiert und erst im Jahr 1960 entlassen. Seine Freiheit konnte der schwerkranke Dichter, Zahradnícek hatte im Gefängnis zwei Herzinfarkte erlitten und mußte zu den Verhören zuweilen getragen werden, nur noch wenige Wochen genießen. Am 7. August 1960 starb er an einem Erstickungsanfall. Sechs Jahre später wurde seine Verurteilung offiziell als rechtswidrig aufgehoben.
Eines seiner Gedichte aus dem Band  Jeráby/Die Vogelbeeren  drückt die Sorgen von Jan Zahradnícek aus:

Doch diesen Gesang, wer wird ihn vollenden, mein Gott?

Von der geistigen und geistlichen Verarbeitung, mit der Jan Zahradnícek seinem Schicksal begegnete, geht eine merkwürdige Beruhigung aus. Als tiefgläubiger Mensch hat er die Nachfolge Christi angetreten – und wunderbare Verse geschrieben. Sein Gesang ist vollendet!

Berliner LeseZeichen, Heft 6/7, 2001

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

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