Janheinz Jahn (Hrsg.): Schwarzer Orpheus

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Janheinz Jahn (Hrsg.): Schwarzer Orpheus

Jahn-Schwarzer Orpheus

DER SCHREI DER AHNEN

aaaDer Abgrund der Ahnen
aaaverbreitet Entsetzen,
aaaWorte, die platzen,
aaaTrommel voll Wahn

setzt an zur Toccata unheimlichen Zaubers
und in das wütende Schlagen der Ziegenklöppel
schreit ein Rhythmus im Gleichklang von Fieber und Angst
sein einziges Wort.

aaaStimme des Aufruhrs,
aaafinstere Schmähung,
aaauralten Frevels
aaaausschließlicher Laut.

Er kam aus den Zeiten und fliegt in die Zeiten,
aus wilden Fäusten in schmutzige Hände,
Gelächter aus Seufzern, gefrorenes Lachen,
ein Flüchechoral.

aaaDer Abgrund der Ahnen
aaaverbreitet Entsetzen,
aaaStimme der masse,
aaaBrüllen voll Wahn.

Gesang aus dem Schatten, Schrei aus der Erde,
in wilden Tänzen führt er zum Schwindel,
trommelt und ruft uns, verwirrt und erschreckt uns,
heimtückisches Zeichen, ach! wie es uns packt

aaavon fern und so fremd
und von damals her wirrt und uns packt und uns einscharrt,
hart und hohl und stumm und schwarz und zerstört − −

aaaSchrei aus der Erde,
aaafinstere Schmähung,
aaauralter Schmerzen
aaaausschließlicher Laut.

José Manuel Poveda 

 

 

 

Nachwort

Vor zehn Jahren, 1954, erschien die erste Ausgabe dieser Anthologie. Der Aufbruch der neoafrikanischen Lyrik hatte sich gerade vollendet, die Verse von Léopold Sédar Senghor, Aimé Césaire und Léon Damas hatten Widerhall und Nachahmer gefunden und dem Afrikanertum in der „negritude“ ein neues Selbstbewußtsein gegeben: Das geistige Zentrum der Negerlyrik hatte sich von den Vereinigten Staaten, die seit den zwanziger Jahren mit Langston Hughes und seinen Freunden diese Dichtung weltweit repräsentierten, eindeutig auf die Antilleninseln verlagert. Hier hatte man sich wieder zum afrikanischen Erbe bekannt, afrikanische Stilformen und Wertvorstellungen aufgenommen und in beschwörenden Rhythmen lautwerden lassen. Die Metropole Paris war der geistige Mittler, Französisch die Sprache, in der das neue Bewußtsein sich manifestierte. In Senghors berühmter Anthologie de la nouvelle poésie nègre et malgache von 1948, zu der Sartre das Vorwort schrieb, waren neben zehn Dichtern aus dem karibischen Raum nur drei Senegalesen und drei Madagassen vertreten. Afrika, selbst der Französisch sprechende Teil, war nur am Rande berührt. Sechs Jahre später kam der Schwarze Orpheus heraus, die erste umfassende neoafrikanische Lyrikanthologie. Ich konnte zeigen, daß den schwarzen Dichtern französischer Sprache kein Monopol zukam, daß aus den Dichtern in englischer und in spanischer Sprache der gleiche Geist der Erneuerung aufbrach und daß auch in afrikanischen Ländern der Funke zu zünden begonnen hatte.
1954 war in Schwarzafrika Liberia das einzige dem Namen nach unabhängige Land, die Kolonialherrschaft war fest etabliert, da und dort gewährte lokale Selbstverwaltung schien ein Ventil, die Fremdherrschaft noch zu sichern, Mau Mau war fast niedergeschlagen, und als ein Gelehrter einen 30-Jahres-Plan für die Befreiung des Kongo aufstellte, galt er als äußerst revolutionär. Wer jedoch damals den Schwarzen Orpheus zur Hand nahm, der vermochte bereits in die Zukunft zu sehen: der politischen Wiedergeburt war die geistige schon vorangegangen, in eindringlichen Rhythmen war bereits die Vision einer frei gestalteten Zukunft magisch beschworen, Kräfte waren am Werk, deren Schwung sich auch im Politischen auswirken mußte. Die in wenigen Jahren vollzogene Emanzipation der meisten schwarzafrikanischen Gebiete konnte den hellhörigen Leser der neoafrikanischen Lyrik kaum noch erstaunen. Ich habe damals im Nachwort versucht, Herkunft und Art dieser Kräfte anzudeuten. Da ich inzwischen in meinem Buch Muntu, Umrisse der neoafrikanischen Kultur (Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf 1958) eine umfassendere Darstellung gegeben habe, kann ich mich hier auf ein paar Andeutungen beschränken.
Die Ausbreitung des Alphabets und die Ausbreitung europäischer Sprachen haben nicht einfach zu einer Erweiterung der abendländischen Dichtung geführt. Gerade die Vorstellung von einer „poetischen Weltsprache“, die über trennende Sprachgrenzen hinweg das dichterische Bild als universal gültige Münze betrachtet, muß angesichts der neoafrikanischen Dichtung fallengelassen werden. Auf den Antillen sind afrikanische Sprachen erloschen; die europäischen Sprachen sind dort Muttersprachen, doch wirkten sie als Käfig, der eine nicht-europäische Wirklichkeit europäischen Werten und abendländischem Denken unterwarf. So konnte die geistige Befreiung nur gelingen, wenn dem europäischen Vokabular nicht-europäische Wertungen und Bezüge unterlegt wurden. Die bewußte Umdeutung der europäischen Vokabel in eine aus afrikanischem Denken unterschwellig bewahrte Geistigkeit führte zu einer eigenen poetischen Sprache, die mit ihren Bildern und Rhythmen jeder anderen die universale Geltung streitig macht und dennoch mit ihr im Dialog bleibt. Diese Revolution hat heute die Antillen zu dem Gebiet mit der – bezogen auf die Bevölkerungszahl – größten Autorendichte der Welt gemacht. Ihr Anstoß und ihr Vorbild hat mächtig eingewirkt auf die neue afrikanische Dichtung, die nahezu gleichzeitig aus dem Lokalismus ihrer siebenhundert Sprachen heraustrat. So bieten sich dem afrikanischen Dichter in seiner jeweiligen Lehnsprache zwei poetische Möglichkeiten: er kann sich in die poetische Sprache des Abendlands integrieren oder mit Hilfe einheimischer Bilder, Rhythmen und Stilmittel sich eine eigene poetische Sprache schaffen. So zeichnen sich in der neuen Dichtung Afrikas zwei gegenläufige Strömungen ab, die einander befehden und befruchten, und deren geistige Aktivität das rasche Aufblühen der modernen afrikanischen Dichtung bewirkt hat.
Die neue Ausgabe des Schwarzen Orpheus, nun nach zehn Jahren, mußte der verwandelten afrikanischen Welt Rechnung tragen. Das Schwergewicht des Bandes hat sich auf Afrika verlagert. Die afrikanische Abteilung, die in der alten Ausgabe nur ein Viertel des Buches umfaßte, wurde völlig neu gestaltet. Damals enthielt sie 49 Gedichte von 28 Autoren aus 12 afrikanischen Staaten. Nun enthält sie 110 Gedichte von 60 Autoren aus 23 afrikanischen Staaten. 39 afrikanische Dichter mit 79 Gedichten sind neu hinzugekommen. In der alten Ausgabe waren Gedichte aus dem Senegal, Liberia, Ghana (damals noch Goldküste), Nigerien, Kongo, Südafrika, Basutoland (heute Lesotho, Anmerkung zur Taschenbuchausgabe), Nyasaland, Rhodesien, Ruanda, Kenya und Madagaskar enthalten. Nun sind Gedichte aus Gambia, Guinea, Sierra Leone, der Elfenbeinküste, Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, aus Angola, Mosambik, Tanganyika, Uganda und Somalia dazugekommen. Auch bei den Ländern, die schon vertreten waren, kamen neue Gedichte und neue Dichter dazu; 17 Gedichte wurden gestrichen, entweder, weil die Autoren die Hoffnung, als Dichter Bestand zu haben, nicht erfüllten, oder weil sie so berühmt wurden, daß eine breite Repräsentation ihres Werkes in dieser Anthologie sich erübrigt. So war in der alten Ausgabe Léopold Sédar Senghor mit 10 Gedichten vertreten, doch da inzwischen sein gesamtes lyrisches Werk in Deutschland zweisprachig vorliegt (Botschaft und Anruf, Carl Hanser Verlag, München 1963), kann sich die neue Ausgabe mit vier charakteristischen Gedichten begnügen, von denen zwei bereits in der alten Ausgabe standen.
Auch in den anderen Abteilungen des Buches, welche die westliche Hemisphäre umfassen, kamen neue Dichter und neue Gedichte dazu und andere wurden gestrichen – nach den gleichen Prinzipien. Insgesamt enthält die neue Ausgabe 256 Gedichte von 133 Autoren gegenüber 161 Gedichten von 82 Autoren des früheren Bandes. 125 Gedichte und 60 Autoren sind insgesamt neu dazugekommen.
All diese Zahlen sind nur der äußere Niederschlag eines inneren Wandels: nicht nur hat sich der Schwerpunkt verschoben: der Ton des Buches hat sich geändert. Mußten die Dichter der Négritude die Werte des afrikanischen Erbes in intellektueller Distanz zuerst einmal aus dem Gewirr vieldeutiger Informationen herausfiltern, mußten sie angesichts westlicher Vorurteile dann ihre neue Erkenntnis als lauten Protest und heißes Bekenntnis in die Ohren des Abendlandes trommeln, um die Forderungen nach eigenständigem, unabhängigem Denken und Handeln anmelden und schließlich durchsetzen zu können, so haben die jungen Dichter in den inzwischen unabhängigen afrikanischen Staaten die Realität des afrikanischen Lebens unter den Augen, eine Realität, die sie selber leben und daher nicht lauthals bekennen müssen. „Zurück zu den Quellen“ kann ihr dringlichstes Schlagwort nicht sein, denn sie haben sich ja von diesen Quellen nie sonderlich weit entfernt. Nicht nur an den Fehlern des Abendlandes, sondern auch an eigenen Fehlern entzündet sich ihre Kritik, doch bauen sie wie die anderen an einer Zukunft, in der sich die Werte afrikanischer Traditionen mit den Werten europäischer Traditionen verbinden und zu neuer Einheit verschmelzen: der neoafrikanischen Kultur.
Ist es vermessen, in die Zukunft zu blicken? Nach weiteren zehn Jahren wird sich der Schwerpunkt dieses Buches abermals verschieben müssen. Zwei Drittel der afrikanischen Abteilung nehmen in dieser Ausgabe die Gedichte aus Westafrika ein, wo die Emanzipation früher einsetzte und früher verwirklicht wurde. In zehn Jahren wird Ostafrika nachgezogen haben; vermutlich hat dann auch die große Umwälzung in Südafrika stattgefunden. Zudem gibt es schon jetzt Zeugnisse des Entstehens einer modernen Dichtung in einheimischen afrikanischen Sprachen, die mit zunehmender Alphabetisation an Bedeutung gewinnen wird.
Jedenfalls befindet sich die neoafrikanische Lyrik inmitten einer geradezu explosiven Entwicklung, von der diese neue Ausgabe Zeugnis gibt. Auch das Verzeichnis der Dichter und Gedichte ist deshalb umgestaltet worden. In der alten Ausgabe hatte ich mich bemüht, neben der Biographie eines jeden Dichters auch dessen Werke möglichst vollständig aufzuzählen, kam es doch damals darauf an, zu dokumentieren, daß dieser jüngste Zweig der Weltliteratur nicht nur aus den vorgeführten Gedichten bestand, sondern eine Auswahl aus einem bereits beachtlichen Schaffen darstellte. Diese Dokumentation ist nun nicht mehr nötig und bei 133 Autoren auch nicht mehr möglich: sie hätte den Rahmen des Bandes gesprengt. Im Quellenverzeichnis wurden daher nur noch jene Anthologien, Zeitschriften und Einzelwerke aufgeführt, denen Gedichte entnommen wurden. Von vielen Autoren, deren Gedichte 1954 noch in Zeitschriften und Anthologien verstreut waren, sind inzwischen individuelle Bände erschienen, von anderen Dichtern, deren Schaffen sich damals noch in einer Anzahl kleiner Einzelbände niederschlug, gibt es inzwischen Auswahlbände oder Gesamtausgaben. So waren trotz der Erweiterung weniger Anthologien, weniger Zeitschriften, weniger einzelne Werke aufzuführen. Die Bibliographien der einzelnen Autoren konnten ganz fortfallen, denn im gleichen Jahre wie diese Ausgabe erscheint im Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, meine Bibliographie der neoafrikanischen Literatur, die mit über 3500 Titeln alle veröffentlichten schöngeistigen neoafrikanischen Werke – Gedichtbände, Sammlungen von Erzählungen, Romane, Theaterstücke und Anthologien – und deren Übersetzungen in andere Sprachen mit allen bibliographischen Einzelheiten aufführt. Der interessierte Leser sei deshalb hierauf verwiesen. Die Gedichte, die im Schwarzen Orpheus ihre Erstveröffentlichung erlebten oder erleben, sind abermals durch einen Stern gekennzeichnet. Damals waren es 23, nun sind es 75.

(…)

Janheinz Jahn, Nachwort, Januar 1964

 

Das Buch

Der Völkerkundler Leo Froebenius hat einmal gesagt: „Die Vorstellung vom ,barbarischen Neger‘ ist eine Schöpfung Europas.“ Die vorliegende Sammlung bestätigt dieses Wort. Aber auch das Vorurteil von der seelischen Primitivität der Neger wird stündlich widerlegt. „Allerdings sind die Jahrtausende alten Traditionen afrikanischer Religiosität und der kultischen Dichtung fast ganz zerstört… Dennoch wissen die Dichter, daß es ein Zurück zu den alten Göttern, zu der alten Geborgenheit im natürlichen Lebensrhythmus ihren Vätern nicht gibt. So wirken diese Gedichte – besonders die aus Afrika selbst – erstaunlich modern und dem vielfach gebrochenen Lebensgefühl des Europäers verwandt. Anders jedoch äußerst sich bei den Farbigen eine elementar ungebändigte, kollektive Kraft, Bilderreichtum, Musikalität, Magie der Sprache, eine Fülle der Aussage: von zartester Sensibilität im Liebeslied bis zu den harten heftigen Gesängen, aus denen man noch den Opferschrei und die Urwaldtrommeln zu hören meint. Nur laden diese Trommeln nicht zu Jagd, Kampf und kultischem Tanz, sie rütteln an das Gewissen…“ (Südwestfunk Baden-Baden)

Deutscher Taschenbuch Verlag, Klappentext, 1973

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope

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