Jannis Ritsos: Die Rückkehr der Iphigenie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jannis Ritsos: Die Rückkehr der Iphigenie

Ritsos/Ritsos-Die Rückkehr der Iphigenie

… Spät, lange nach Mitternacht, hallte auf der Straße,
genau unter meinem Fenster, der Schritt eines
aaaaaPassanten; −
vielleicht ging so noch niemand unter dem Mond,
und vielleicht hat auch niemand außer mir solch
aaaaaeinen Schritt vernommen.
Es war der erste Mensch, der auf die Welt kam.
Es war der letzte, der aus der Welt ging. Und nie
war jemals jemand gekommen oder gegangen.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaWie gesagt,
die Welt war warm, flauschig, purpurrot – ohne einen Riß.
Nur der Mond kühlte den Flaum einer Wolldecke, die auf dem Balkon liegengeblieben war. …

 

 

 

Das Nicht-Sehen, die Maske und das Schicksal

… Alle drei hier abgedruckten Monologe entstanden während der Juntazeit, und vielleicht liegt der Pessimismus, der aus diesen Texten spricht, in Ritsos’ „Einsicht“ begründet, daß dieses anarchische und scheinbar so freiheitsliebende griechische Volk sich nicht wehrte gegen eine Handvoll von Marionetten, die ihm vorzuschreiben versuchte, was es zu sagen und zu tun hatte. Und die jene Griechen, die sich nicht daran hielten, in die Verbannung oder ins Gefängnis schickte. Darum vielleicht dann dieser jähe Wechsel im Duktus, dieser Überschwang im Ton des Dichters 1973, als im November die Studenten den Aufstand versuchten und Athen den Atem anhielt. Sechs Jahre brauchte es, bis die Griechen sich erhoben, und daß sechs Jahre lang kein wirklicher Widerstand sich regte, merkt man den hier abgedruckten Texten an, diesen nach innen gewandten „mythologischen“ Gestalten, die mit der Wirklichkeit abgeschlossen zu haben scheinen. … Denn der Einsame droht ver-rückt zu werden. Das einzige Mittel dagegen ist, nach innen zu schauen, „immer tiefer nach innen“. Das tun alle drei. Chrysothemis, die „Unscheinbare“, die Inkarnation des nach-innen-Sprechens. Iphigenie, die „Kranke unter Beaufsichtigung Dritter“. Agamemnon, der Sieger von Troja, der sich selbst demontiert, ein menschliches Wrack. In allen drei Monologen ist das Schicksal vorausbestimmt, der Fatalismus der Geschichte das Bestimmende. Und bedeutet die Rückkehr der Iphigenie eine Ankunft in einer Welt der Verinnerlichung, in der lauen, trostlosen Einsamkeit des Mythos, so bedeutet die Rückkehr von Agamemnon eine im Tod. Vielleicht ist das die eigentliche – maskierte – Botschaft in Ritsos’ Werk.

Asteris und Ina Kutulas, Aus dem Nachwort

 

Aus dem facettenreichen Werk

des Griechen Jannis Ritsos (1909–1990) werden drei Prosamonologe vorgestellt, die sich antiken Stoffen zuwenden und doch nicht historisierend sind. Die Zeiten verschwimmen, wenn die altbekannten Figuren Agamemnon, Iphigenie und Chrysothemis in heutiger Gestalt wiederkehren, von Ereignissen einer zeitlosen Gegenwart sprechen. In Haltung, Gestus und Erleben gleichen sie ganz ihren antiken Vorbildern, und doch zeigen die Antiken-Monologe (entstanden zwischen 1967 und 1972) einen klaren politischen Bezug. Die Maskierung, das Hineinschlüpfen in andere, zumal mythologische Gestalten, war während der Diktatur der Militär-Junta für den Dichter Ritsos die einzige Möglichkeit, Dinge auszusprechen, die er sonst nicht aussprechen zu können glaubte. Die Ausgabe wird durch farbige Zeichnungen auf Stein aus dem bildnerischen Werk Jannis Ritsos’ ergänzt.

Insel Verlag, Ankündigung, 2001

 

Roter Korallenstrauch

Oder: Wie man Ritsos unbedingt vorlesen sollte

Es rät sich an, das Badezimmer umsichtig herzurichten. Leuchtende Ketten. Einzelne Kerzen. Kleine Teelichter. Alles sinnvoll verteilt. Ein bißchen Musik. Leise Klänge hinter Handtüchern verborgen. Nichts Aufregendes. Nahezu unhörbar. Nur nebenher und annähernd gerade so im Raum zu vermuten. Besser noch wie hinter der Kachelwand aus der Nachbarsstube drängend. Es rät sich an für ein winziges Lüftchen in Tuchfühlung zum Ort des Geschehens: der Badwanne zu sorgen. Ein Stückchen Fischflosse in eine Ecke verfrachtet erhöht die Imagination. 
Es rät sich an, die verschiedenen Wasser munter sprudeln zu lassen, um Teil zu haben am Entstehen seltener Düfte: die Melange aus Rosmarin, Moschus, Schneeglöckchen, Weihrauch, Zimt und Kuckucksblume (so vorhanden), die unbedingt zu erzielen ist. 
Es rät sich ferner an, das Buch bereit zu legen. Wie es sich selbstredend anrät, die Liebste bereits nackend um sich zu haben, möglichst auf dem Schoß. Möglichst im Bestreben sie mit ihren freien Händen Schaum schlagen, die Elemente sinnlich plätschern zu lassen. 
Es rät sich an, sie selbst wählen zu lassen, von welcher Seitenzahl an begonnen wird, was die Lektürebereitschaft ungemein erhöht. 
Es rät sich sodann dringend an, dicht bei der Wanne Platz zu halten und erst mit der Lesung zu beginnen, wenn die Wannenbadende in der Wanne darum bittet. Aber Achtung: Beginne äußerst zaghaft. Stottere hin und wieder. Schau nur auf die Seiten. Zögere mitunter einzelne Sätze ein Stück weit hinaus, weiter als nötig ist wie als wüßtest du nicht. Lies unbeirrt den Text in unterschiedlicher Tonart. Es rät sich an, insgesamt sanft zu eröffnen und mit der Zeit im Tone sicherer zu werden, versuchsweise vorwärtsdrängend gar zu lesen: in Stößen, wie inmitten von Intimität begriffen. Es rät sich ferner an, den Text absichtsvoll vage über allem säuselnd zu zelebrieren, ohne dem häßlichen Hang nach Übertreibung zu folgen. Wobei es sich anrät, ganz frei jedweder Hektik, an sich selbst die freie Hand nun zu legen, ein Kleidungsstück nach dem anderen still vom Leibe zu lösen, was einige vorbereitende Handlungsgriffe verlangt, will man schließlich unauffällig selber nackt im Lesebadewannenraum zu sitzen kommen. Weshalb es sich durchaus gut macht, hat man das liebste Wesen im Badewasser ein wenig ins Dämmern versetzt und zum Äugleinschließen gebracht. Man lese darob die Kapitel weise aus und schlage das Buch daraufhin kindisch-stolz zu, wie als hätte man einen großen Pudding aufgegessen. 
Sagt die Liebste dann ohne die Augen zu öffnen: Das war ein schöner Text, weißt du dich am Ziel mit dem Autor im Sinne der Farbe Rot. Das Rot vom Korallenstrauch. Dies eine Rot meine ich. Bestehend von Juli bis September. Man weiß oder man wisse hiermit: Seine prächtig roten Blüten werden von nur den mutigsten und sorgsam auserwählten Vögeln lustvoll bestäubt.

Peter Wawerzinek, Janis Ritsos Hommage, Juni 2009

Asteris Kutulas: Begegnungen mit Ritsos

Asteris Kutulas: Interviews mit Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos – Die Maske und der Kommunismus

Asteris Kutulas: Interview mit Elli Alexiou über Jannis Ritsos

Ein Dialog zwischen Asteris Kutulas und Peter Wawerzinek über die fabelhafte Welt des Jannis Ritsos

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Jürgen Werner: Gedichte als Waffen und Lobpreisung der Liebe
Neues Deutschland, 2.5.1984

Erasmus Schöfer: In allen Adern der Erde
die horen, Heft 134, 2. Quartal 1984

Asteris Kutulas / Uwe Goessler: Weg eines Dichters
Neue Deutsche Literatur, Heft 4, April 1984

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Gerd Prokot: Jannis Ritsos – Künstler, Kommunist und Freund der DDR
Neues Deutschland, 27.5.1989

Gisela Steineckert: Gruß an Genossen Ritsos
Neues Deutschland, 27.5.1989

Armin Kerker: „Hast du dein Brot gegessen, konntest du sprechen?…“
die horen, Heft 153, 1. Quartal 1989

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDb
Nachruf auf den Jannis Ritsos: Neue Zeit

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 1/2.

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 2/2.

 

Jannis Ritsos: Epitaphios in der Version von Grigoris Bithikotsis  und Keti Thimi.

 

Jannis Ritsos liest, Mikis Theodorakis dirigiert und Maria Farantourie singt aus dem Epitaphios.

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