Jannis Ritsos: Unter den Augen der Wächter

Ritsos-Unter den Augen der Wächter

ELEMENTARES

Ungeschickt, mit dicker Nadel, dickem Faden,
näht er die Knöpfe an seine Jacke. Spricht mit sich selbst.

Hast du dein Brot gegessen? Hast du ruhig geschlafen?
Konntest du sprechen? Deine Hand ausstrecken?
Hast du daran gedacht, aus dem Fenster zu sehen?
Hast du beim Klopfen an die Tür gelächelt?

Wenn es der Tod ist, kommt er – immer – nur als zweiter,
immer an erster Stelle steht die Freiheit.

 

 

Annäherung an Jannis Ritsos

Von neugriechischer Literatur kennt man in Deutschland herzlich wenig. Selbst den Literaturbeflissenen sind allenfalls die vier Namen jener Autoren aus dem Lande der Hellenen bekannt, die sich – nach welchen Maßstäben auch immer – zur „Weltliteratur“ zählen lassen:
Nikos Kazantzakis – der Romancier, Konstantinos Kavafis – der große Alexandriner, Jorgos Seferis und Odysseas Elytis – die beiden Lyriker, die den Nobelpreis erhielten. Einer gehört hier jedoch unbedingt dazu: der inzwischen achtzig Jahre alt gewordene Poet Griechenlands „kat’ exochen“ Jannis Ritsos, von den einen als „größter lebender Dichter“ gefeiert, von den anderen als „verstockter Kommunist“ geschmäht. Sein Leben und sein Schreiben sind mit den elementaren Geschicken Griechenlands verknüpft. Er selber ist ein Teil davon, seine Dichtung legt darüber Zeugnis ab.

Vermutliches Datum meiner Geburt: 903 vor Christus – ebenso gut: 903 nach Christus. Ich habe studiert
die Geschichte der Vergangenheit und der Zukunft
an der zeitgenössischen Schule des Kampfes…
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa… Von Seiten der Behörde verordnete man mir in den letzten Jahren
mein offizielles, höchst unwahrscheinliches Geburtsdatum: 1909;
es soll mir recht sein und ich blieb dabei…

Achtzig also! Daß er dies Alter erreichen würde, hätte zu bestimmten Zeiten niemand, am wenigsten wohl er selbst, geglaubt. Bereits im Frühjahr 1987 war er wieder mal so schwer erkrankt, daß zu befürchten stand, er würde sein Bett nicht mehr verlassen. Es ist das alte Lungenleiden in Verbindung mit dem berüchtigten „Makronissos-Fieber“, jene schleichende Krankheit fast aller ehemaligen Strafdeportierten auf den griechischen Inseln, die ihm noch immer in den Knochen sitzt. Dennoch stellte Ritsos sich, kaum daß er genesen war, zu langwierigen Aufnahmen für einen Film mit ihm und über ihn zur Verfügung.
Mit dem griechischen Regisseur Pandelis Voulgaris besuche ich ihn in seiner Wohnung im Athener Viertel Patissia, wenige Metro-Stationen vom Omonia-Platz entfernt. Im Eckhaus neben der Etagenwohnung der Krämer, gegenüber ein Milchladen, im benachbarten Souterrain ein Blumengeschäft. Man meint, irgendwo in seinen Gedichten diese Disposition eines Viertels, einer Straße, genau dieses Hauses schon einmal gelesen zu haben. Im Blumenladen, der zugleich Vogelhandlung ist, besorgen wir rote Nelken für Ritsos. Der Inhaber weiß sofort, zu wem wir wollen, und weist uns stolz darauf hin, daß alle Besucher von Ritsos bei ihm Blumen kaufen, daß er und sein Laden im Zentrum einer jüngeren Erzählung des Dichters stünden, daß er ihn schon lange kenne, noch aus alten Partisanenzeiten, und daß er ihn verehre.
Ritsos empfängt uns in seinem über und über mit Erstausgaben, Übersetzungen, fast täglich eintreffenden Belegexemplaren aus aller Welt, mit Bildern, Platten, bemalten Steinen und Wurzeln vollgestopften, winzigen Arbeitszimmer. Ein sehr freundlicher, alter Herr von milder, herzlich gütiger Zuvorkommenheit, der uns seine Schätze zeigt. Nach einiger Zeit gehen wir mit ihm in die streng gehütete zweite Wohnung in der kleinen Nebenstraße gegenüber, wo er sich ans Klavier setzt und uns vorspielt. In beiden Wohnungen herrscht eine ganz eigenartige Atmosphäre aus beinahe kitschiger Nippes-Anhäufung und tatsächlichen Kunstschätzen, aus Etagenwohnungsenge und großbürgerlichem Salon. Das verstimmte Klavier, das ehemals feudale Interieur – sie könnten auf einen alternden Aristokraten mediterraner Belletristik schließen lassen. Dabei steht er doch in einer Reihe mit verstorbenen Dichtergrößen dieses Jahrhunderts wie Nazim Hikmet, Raffael Alberti, Pablo Neruda oder Louis Aragon.
Aber genau diese scheinbaren Gegensätze stellen sich als typisch für ihn und seine Generation der griechischen Linken heraus. Man hat sich nie und nirgends – selbst wenn die Mittel dazu vorhanden waren, was selten genug der Fall war – in einem eigenen, angemessen großen und angemessen ausgestatteten Haus einrichten können, weil man stets und ständig damit rechnen mußte, gewaltsam daraus weggeholt und an irgendeinen Ort der Haft verschleppt zu werden. Um so peinlicher die Ordnung aller Dinge und Gegenstände, die jedem anderen als unübersichtliches Sammelsurium erscheinen muß. Jedes Buch und jedes Bild, jede Vase und jeder Stein, ja selbst der Aschenbecher hat hier seinen genauestens festgelegten Platz. Es ist die eherne Ordnung des dauerhaft Vorläufigen, Provisorischen, die – wenn es sein muß, und es mußte oft sein – in kürzester Zeit aufgelöst, aber auch genauso wiederhergestellt werden kann. Er selbst stammt zwar aus ursprünglich großbürgerlichen und vermögenden Verhältnissen, wuchs mit Gouvernanten, Kindermädchen, Dienerinnen und Privatlehrern in einem aristokratischen Herrenhaus auf, wovon die leicht feudale Patina in seinen Räumen noch ein wenig ahnen läßt, aber frühe Krankheit und der Geruch vom Tode, Einkerkerung und Verfolgung, Niederlagen und Demütigungen haben ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Dagegen anzugehen, den Tod für das Leben zu bekämpfen und es gegen die andauernden Entmenschlichungen aus dem Geiste der Despotie durchzusetzen, das war von Anfang an der Sinn seines Schreibens. Die Leute aus seinem Viertel nennen ihn mit einer gewissen Zärtlichkeit „ihren Kyr’ Jannis“. Wenn er aus dem Haus geht – was nur noch selten geschieht −, erheben sie sich von ihren Stühlen im Kafenion nebenan oder auf dem Bürgersteig, drücken ihm die Hand und fragen nach seinem Befinden. Das war nicht immer so – es gab auch andere Zeiten.

… Und wieder
kamen die Schmeichler gelaufen, sich mir zu Füßen zu werfen,
mir glitzernde Ringe an die Finger zu stecken. Sie wußten nicht,
diese Ignoranten, daß ich sie selbst gemacht habe
aus den Hülsen jener Kugeln,
die sie in den Bergen abgeschossen hatten.
Gerade deshalb, wegen ihrer monströsen Ahnungslosigkeit,
habe ich sie großzügig entschädigt
mit echten Edelsteinen und doppelten Schmeicheleien. Darüber hinaus
nur eine Gewißheit: mein Geburtsort, AKRA MINOA.

Akra Minoa, wie es in der Antike hieß, das ist das heutige Monemvassia, eine kleine Felsenhalbinsel am südöstlichen Peloponnes, wo die „Lakonen“ zu Hause waren (was für Ritsos mehr bedeutet als ein bloßer geografischer Zufall); abwechselnd im Besitz der Lakedämonier und der Athener, von den Normannen gestürmt, dann von den Franken okkupiert, die als Kreuzritter ins Land kamen, von den Venezianern und den Türken überfallen, zur Festung ausgebaut, wieder verloren, erneut eingenommen. und schließlich von den Griechen zurückerobert. Hier bauten sie aus und auf dem Marmor der Jahrhunderte, den antiken Ruinen, den alten Mauern und den Felsen, den Befestigungswällen, Kirchen und Moscheen über dem Meer ihre Häuser und richteten sich ein für ein Leben auf engstem Raum mit den natürlichen Elementen, aber auch mit sich selbst und der eigenen Geschichte. Ein Ort, in dem das, was die „Gräzität“ durch die Jahrhunderte ausmacht, kulminiert und beinahe sinnlich greifbar wird: die nüchtern strenge Archaik von Land und Meer, die geduckten Häuser, die sich gegen den Fels schmiegen, die engen Gäßchen, die Kapellen mit ihren Glocken, die steinalten Festungsmauern mit ihren Kanonen aus türkischer oder venezianischer Zeit, verwittert und verrostet von immer derselben Salzluft. Ein Ort des traumhaften „deja vu“, des Wiedererkennens aus tausendundeinem Vers von Jannis Ritsos:

Fundamente unter den Fundamenten. Die Kirchen unter den Häusern. Glockentürme über den Häusern. Wie tief in den Felsen reicht die Feigenwurzel?…

Eindringlichstes Merkmal ist der 300 Meter hohe und 1,8 km lange, steile Felsen, den man schon von weitem sieht. Mehr läßt sich zunächst auch gar nicht erkennen, kein Anzeichen von Leben oder gar einer Stadt. Man muß erst über den einzigen Zugang, den „monen emvasia“, dem die Stadt ihren Namen verdankt, durch das alte Festungstor, ehe man sich auf den gepflasterten Gäßchen diese kleine, abgeschlossene Welt erschließen kann. Direkt über dem Stadttor von Monemvassia, auf dem Fundament der alten Festungsmauern, steht heute noch sein Elternhaus. Die Familie Ritsos war im 19. Jahrhundert in der Nachfolge der reichen mittelalterlichen Archonten aus Kreta nach Monemvassia gekommen und gehörte mit den Kapuzini und den Stellakis zu den angesehensten Familien der Stadt. Sie besaß ausgedehnte Ländereien und Latifundien auf dem Festland, vor allem in Veliés, dessen Weinberge, Korn- und Ölfelder Grundlage der Ernährung und des Reichtums für die Monemvassioten waren. Hier wurde er am 1. Mai 1909 geboren; in diesem Spannungsfeld zwischen Land und Meer, aber auch zwischen Arm und Reich, Volk und Herrschaft wuchs er auf:

Von Kleinauf bewegte ich mich so in der Abgeschiedenheit des Felsens und unternahm mit ihm ausgedehnte Reisen in die Unendlichkeit, in die ganze Welt. Dabei beschlich mich allerdings oft die Angst, dieser starke Wind könne die Häuser einreißen, die Gebäude und das Mauerwerk zum Einsturz bringen, und ich suchte Schutz. Allmählich spürte ich dann, wie sich in mir über die Angst eine Kraft durchsetzte, eine Empfindung der Unendlichkeit, der Grenzenlosigkeit, der Ewigkeit. Und sehr viel später begriff ich, daß Kunst nichts anderes ist als der Versuch, sich dieser Ewigkeit zu bemächtigen; nicht um sie für den Dichter selbst zu erobern, sondern um sie an die Menschen weiterzugeben, ihnen eine Ahnung von Ewigkeit zu vermitteln.

Genau dies macht den bisweilen sogar verwirrenden Reiz der Ritsos’schen Poesie aus: der linke, politisch progressive Dichter mit dem ganz wörtlich – konservativen, ja fast altertümelnd anmutenden Begriff vom Ewigkeitswert der Dichtung. Es entspricht zugleich präzise dem, was die von ihm so oft und eindringlich beschworene „Gräzität“ in ihrem eigentlichen Wesen ausmacht: ein Topos vielfach bewegter Dauerhaftigkeit, der in der Tat – wenn auch in einem ganz anderen Sinne als dem antikisierender Archäologie – eine Ahnung von „Ewigkeit“ vermittelt. Denn es sind ja nicht nur die Universitäten und die Wissenschaftler, die antike Zivilisation in diesem Land lebendig gehalten haben. Es sind die Bauern, Hirten, Fischer und die „kleinen Leute“, die in Monemvassia wie anderswo beim Bau ihrer Häuser auf minoische, mykenische oder kykladische Reste stießen, die sie ganz selbstverständlich als ihr Eigentum betrachteten und praktisch benutzten. „Unsere Häuser sind auf anderen gebaut, geradlinigen aus Marmor / und die wiederum auf anderen. Ihr Fundament / ruht auf den Häuptern aufrechter Statuen…“ – Solche Verse enthalten mehr als eine nur symbolische Wirklichkeit. Am Ort seiner Kindheit, in Monemvassia, waren alle diese Elemente für ihn überdeutlich vorgegeben: Griechenland und griechisches Land, alltägliche Dinge der Landschaft und des Meeres, die uralten Volkstraditionen der einfachen Leute und die kosmopolitische Offenheit des gebildeten Bürgers, die Rituale der Macht und die schlichten menschlichen Gesten, die archaische Geografie und die alles überdauernde Mythologie, die zeitgenössische Topografie des menschlichen Leidens, aber auch der Schönheit. Die Gerätschaften seiner späteren Poesie, hier hat er sie vorgefunden:

Im Sommer gingen wir nach Veliés, wo die Familie ein großes Haus und Ländereien besaß. Ich nahm Teil am bäuerlichen Leben; das Korndreschen auf den alten Tennen, das Weinpressen und später, im Herbst, die Olivenlese. Bei den „Panejyria“, den Dorffesten, hörte ich oft den alten Volksliedern zu; ich hatte engen Kontakt zu den Dorfkindern, und bei den „Panejyria“ wird oft tagelang gesungen und getanzt. Vor allem bei den „Emboropanejyria“, den Marktfesten, bei denen Kühe, Pferde, Schweine, Ziegen, Schafe, Teppiche, Tücher und Stoffe verkauft wurden. Unsere Kindermädchen und Dienerinnen kamen alle vom Dorf, und sie hatten eine wunderschöne Sprache. Meine eigene Sprache entstand aus Rückbesinnungen auf dieses Volksvermögen. Sie stellen für mich einen unglaublichen Reichtum dar, von dem ich damals, als ich ihn erlebte, gar nicht ahnte, daß er einmal einen so starken Einfluß auf meine Sprache, meinen Charakter und mein poetisches Talent haben würde. Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei die Volkslieder und -tänze. Bevor ich das fünfzehnsilbige Versmaß in der Schule lernte, kannte ich es bereits, ohne mit den Fingern abzählen zu müssen, durch unsere Volkslieder. Auf dieselbe Weise lernte ich die antiken Rhythmen kennen, die man uns später auf dem Gymnasium beibrachte, die Jamben und den Trochäus des homerischen Hexameters. Ich brauchte die Silben nicht abzuzählen, ich hatte den Rhythmus bereits in mir. Ich konnte mit zwölf Jahren einen Text in Hexametern oder im fünfzehnsilbigen Versmaß genauso runterschreiben wie in Prosa. Diese Erinnerungen sind meine dichterischen Wurzeln.

Die Idylle dieser unbeschwerten und behüteten Kindheit ist jedoch nicht von allzu langer Dauer. In Griechenland hat seit 1909, dem Jahr seiner Geburt, die Umwandlung von der Monarchie zur „königlichen Demokratie“ stattgefunden. Der traditionelle Landbesitzer-Feudalismus, dessen Privilegien den Lebensstil der Archonten-Familie Ritsos prägten, wurde allmählich zu Grabe getragen. Mit ihm jene, die den Wandel zum merkantilen Kapitalismus nicht nachvollzogen, weil sie – wie die Ritsos’ die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannten. In den griechischen Geschichtsbüchern firmiert dieser historisch überfällige soziale Prozeß als „bürgerliche Revolution“. Jannis Ritsos erlebt in den folgenden Jahren die rasante Verarmung, den sozialen Abstieg seiner Familie bis auf die Nullstufe und den damit zusammenhängenden Tod seines Bruders und seiner Mutter, gefolgt von der zunehmenden geistigen Umnachtung des Vaters und seiner Schwester Loula. Mit ihr zusammen war er 1921 zum Gymnasium in Gythion auf dem Festland gegangen. Eine innige – an Klaus und Erika Mann erinnernde – Beziehung verband ihn mit dieser Schwester. Isidora Rosenthal-Kamarinea zitiert in Mit dem Maßstab der Freiheit den Ritsos nahestehenden griechischen Lyriker Nikiphoros Vrettakos, der damals dasselbe Gymnasium besuchte:

Die eng miteinander verbundenen Geschwister sonderten sich von den anderen Kindern ab. Der junge, sensible, die Einsamkeit suchende Jannis Ritsos flößte seinen Mitschülern eine Art Respekt ein. Man konnte sich die beiden Geschwister nicht getrennt voneinander vorstellen.

1922 kommt es zur sogenannten „kleinasiatischen Katastrophe“, einer letztlich bis heute kaum überwundenen Massen-Zwangsumsiedlung von rund 1,2 Millionen kleinasiatischer, anatolischer Siedler griechischorthodoxer Herkunft aus der Türkei. Sie bringen ihre eigene Kultur, aber auch eigene politische Vorstellungen mit. Aus den Derivaten des Ersteren entwickelt sich später die heutige, touristenfreundliche Bouzouki-Musik. Das Letztere läßt eine schwerwiegende Klassenauseinandersetzung entstehen, die Griechenland für lange Zeit in zwei unversöhnliche Lager spaltet. Beides wird von den Zeitgenossen unterschätzt. Während die einen für ihresgleichen in den Kneipen der Hafenstädte das „Rebetiko“ singen, tanzen die anderen zu importierten Tango- und Walzerklängen. Hellas stolpert auf den Weg in den Faschismus. Aber davon weiß der dreizehnjährige Gymnasiast Ritsos noch nichts. Er wird es später erst, dann aber sehr konkret, erfahren. Die Kettengeräusche der Panzer, die die Demokratie zu Grabe tragen und für ihn so ausschlaggebend sein sollen, werden zum ersten Mal im Jahre 1925 laut. Damals fahren sie auf, um der Republik von Venizelos ein Ende zu setzen und die Diktatur des Generals Pangalos anzukündigen. Ritsos geht nach Athen, erkrankt an Tuberkulose und muß in eine Lungenheilanstalt. TBC, die Krankheit der Hungerleider und Habenichtse, an der 1921 schon die Mutter und der Bruder gestorben waren, haftet ihm für immer wie ein Stigma an. Die Klinikaufenthalte, zu denen er gezwungen ist, haben nichts von der betuchten Zauberberg-Atmosphäre Thomas Manns. Gleichwohl rufen sie eine Art „Settembrini/Naphta-Syndrom“ bei ihm hervor: sie bringen ihn zum politischen Denken und endgültig zur Literatur. Von 1927 bis 1931 ist er in verschiedenen „Sanatorien“ interniert, die in der Realität allerdings eher den Armenhäusern aus Romanen von Charles Dickens gleichen. Zunächst Sotiria, dann Kapsalona bei Chania auf Kreta. In Sotiria hält sich zu der Zeit übrigens auch ein junger Journalist der KPG-Zeitung Rizospastis auf: der später legendär gewordene Kapetanios Aris Velouchiotis.

Mit achtzehn Jahren wurde ich lungenkrank und kam in die Heilanstalt Sotiria, und zwar in die Armenabteilung – auf Kosten des Staates. Ich lernte zum ersten Mal Revolutionäre und Kommunisten kennen. Besonders ein junger Student, Vassilis Ierangelos, war es, der mir ersten politischen Unterricht gab. Das heißt, wir sprachen intensiv miteinander. Ich schrieb damals bereits und war literarischer Mitarbeiter der Großen Griechischen Enzyklopädie, worin auch einige Gedichte erschienen, die ich in Sotiria schrieb. Es gab mehrere Kommunisten dort und ich hörte ihren Diskussionen zu, die großen Eindruck bei mir hinterließen. Ich fand all das ausgedrückt, was ich unbewußt auch empfand. Den Marxismus kannte ich bis dahin nicht. Ich hatte nichts davon gelesen. Das Einzige, was ich kannte und was mich sehr erschüttert hatte, war die Mutter von Gorki. Die ersten Anstöße kamen sicher daher. Und im späteren Epitaphios gibt es vielleicht auch Spuren dieser Erinnerung an Gorkis Mutter. Ich begann nun in Sotiria, Marx und Lenin zu lesen, aber auch Bucharin, Plechanow, Lunatscharski und andere. Ich gab sogar ein kleines Blättchen heraus, in dem die ökonomischen Probleme und die Misere der Lungenkranken zur Sprache kamen. Ich veröffentlichte ein langes Gedicht, in dem ein Zweizeiler lautet: „Rückt die Betten weg und laßt uns tanzen / in dieser Kammer hier, wo so viele von uns starben…“ Der Aufenthalt in Sotiria war für mich der Beginn einer politischen Bewußtseinsbildung, die ich von da an weitergeführt und bis heute nicht verworfen habe.
Als ich danach in das sogenannte „Sanatorium“ Kapsalona auf Kreta kam – eine ehemalige Ölpresserei, die sich „Lungenheilanstalt“ nannte und die Zustände dort erlebte, veröffentlichte ich in einer Zeitung Chanias’ einen Protest gegen die Bedingungen, unter denen die Lungenkranken dort gehalten wurden. Wenn es regnete, war der Regen draußen genauso heftig wie drinnen und wir saßen mit aufgespannten Regenschirmen in unseren Betten. Es war grauenhaft. Nach diesem Artikel haben wir uns gemeinsam geschlossen zur Wehr gesetzt und wurden schließlich nach Chania in ein neues Gebäude verlegt. Dort traf ich mehrere alte Strafverbannte von der Insel Gavdos, die während der Haft lungenkrank geworden waren. Meine „revolutionäre Erziehung“ ging mit ihrer Hilfe weiter. Sie sind mir bis heute unvergeßlich geblieben. Als ich entlassen wurde, nahm ich aktiv an der Bewegung teil, ich wurde Gewerkschaftsmitglied und trat der KPG bei.

1927, als Ritsos in Sotiria eingeliefert wird, erscheint sein erster Gedichtband Das alte Haus. Bis dahin hatte er als Sekretär bei der Nationalbank und beim griechischen Anwaltsverein gearbeitet. Nun beginnt er, gezielt zu schreiben. Die Arbeit an den beiden Zyklen Traktor und Pyramiden, die 1934/35 erscheinen, wird aufgenommen. Ritsos verdingt sich als Regisseur, Schauspieler, Rezitator, Tänzer und Choreograph beim griechischen Arbeiterverein in Athen. Der Vater liegt in völliger geistiger Umnachtung in der Psychiatrischen Anstalt von Daphni bei Athen. 1938 stirbt er. Auch die geliebte Schwester Loula ist dort in psychiatrischer Behandlung, und ihr geistiger Zustand wird fast täglich schlimmer. Alles, was die Kindheit einmal ausmachte, ist also wie von strafender Hand in Auflösung und Zerstörung begriffen. Und auch politisch werden die Zustände für ihn immer bedrohlicher.
1935 erzwingt die Armee die Wiedereinführung der Monarchie. Der exilierte König Georg II. besteigt den griechischen Thron. Er verspricht, die Verfassung zu respektieren und läßt im Januar 1936 Wahlen abhalten, die jedoch in einem Patt zwischen den Konservativen und den liberalen Venizelisten enden. Die von der KPG organisierte „Volksfront“ erhält 4% der Stimmen und 15 Parlamentssitze. Damit ist sie für die Bildung einer regierungsfähigen Mehrheitskoalition das berühmte „Zünglein an der Waage“. Am 13. April 1936 ernennt Georg II. ohne jede parlamentarische Zustimmung den Armeegeneral Ioannis Metaxas zum Premier. Am 9. Mai 1936 wird ein von der kommunistischen Tabakarbeitergewerkschaft organisierter Streik in Thessaloniki gewaltsam niedergeschlagen. Die Polizei schießt in die Menge; es gibt dreißig Tote und mehrere hundert Verletzte. Das Foto einer weinenden Frau, die sich über den auf der Straße liegenden Leichnam ihres erschossenen Sohnes beugt, geht durch die griechische Presse. Jannis Ritsos greift das Motiv dieses Zeitungsfotos auf und schreibt den Epitaphios, die Totenklage einer Mutter um ihren Sohn. Er benutzt dazu das fünfzehnsilbige Versmaß der traditionellen griechischen Volkslieder und kleidet seine Dichtung in die klassische Form des griechischen Klageliedes. Bis dahin nur wenigen griechischen Literatur-Experten bekannt, wird er nun auf einen Schlag in ganz Griechenland berühmt. Der Epitaphios erscheint bereits im Juni 1936 in einer Ausgabe der Parteizeitung Rizospastis mit der selbst heute noch für Griechenland sensationellen Auflage von zehntausend Exemplaren. Am 4. August 1936 installiert General Metaxas mit Hilfe König Georgs II., der damit seinen 1935 auf die Verfassung geleisteten Eid offen bricht, die erste faschistische Diktatur in Griechenland. Damit sind die Weichen für eine fast vier Jahrzehnte dauernde politische Entwicklung gestellt, die erst nach dem Sturz der Junta im Jahre 1974 ihr Ende findet. Und auch literarisch läßt sich diese unheilsame Kontinuität verfolgen:
Mit dem Beginn der Metaxas-Diktatur wird der Epitaphios von Jannis Ritsos verboten, die noch im Handel befindliche Auflage öffentlich verbrannt. Erst zwanzig Jahre später, im Dezember 1956, vier Jahre nach seiner Entlassung von den griechischen KZ-Inseln, kann die heute gültige Epitaphios-Ausgabe im Athener Kedros-Verlag wieder erscheinen. Zu dieser Zeit bereist der Dichter Ritsos als Korrespondent der von Manolis Glezos herausgegebenen Zeitung Avghi, des Blattes der nach dem Verbot der KPG von 1949 neu gegründeten „Demokratischen Linken“ (EDA), die Sowjetunion, Rumänien, Bulgarien, Kuba und die DDR, wo er unter anderen den damaligen Redakteur des Sonntag, Günter Kunert, trifft. Der nach seiner mit Ritsos gemeinsam verbrachten Haftzeit durch die Folterungen schwerkranke (TBC und „Makronissos-Fieber“!) junge Komponist Mikis Theodorakis studiert mit einem Stipendium der französischen Botschaft in Athen seit zwei Jahren am Pariser Konservatorium und bereitet sich auf eine Laufbahn als sinfonischer Komponist vor gemeinsam mit seinem in Griechenland ebenfalls als „Kommunist“ verfolgten Kommilitonen Jannis Xenakis. Theodorakis möchte zeitgenössische griechische Dichtung vertonen und hat befreundete Poeten gebeten, ihm ihre Werke zu schicken. Im Frühjahr 1958 bereitet man sich in Griechenland auf Parlamentswahlen vor. Die „National radikale Union“ (ERE) unter Konstantin Karamanlis regiert das Land nach Art eines Polizeistaates; Militär und die Sicherheitskräfte gemeinsam mit den paramilitärischen Organisationen der Rechten behindern jede Opposition. Die Linke wird eingeschüchtert und offen terrorisiert. Genau in dieser politisch brisanten Zeit schickt Jannis Ritsos eine Ausgabe seines Epitaphios an Mikis Theodorakis nach Paris. Die Postsendung wird sich schon bald als der entscheidende Wendepunkt in der Karriere des Komponisten erweisen. Morgens erhält er das Buch, am Abend hat er es gelesen, am nächsten Morgen ist die Komposition des Epitaphios so gut wie fertig. Theodorakis schickt von Paris aus seine Epitaphios-Vertonung an den Dichter selbst und den befreundeten Musiker-Kollegen Manos Chatzidakis, der gerade seine Karriere als erfolgreicher Plattenproduzent („Ich bin ein Mädchen vom Piräus“ u.a.) angetreten hat. Für den Komponisten Theodorakis ist dies der entscheidende Schritt zurück zu den volksmusikalischen Wurzeln seiner Heimat – wie zwei Jahrzehnte zuvor für den Dichter Ritsos, der sich mit dem Epitaphios offen zur verpönten Volksdichtung bekannte. Theodorakis’ Epitaphios-Vertonung beruht auf einer herben, bitteren Musik, die den demotischen und byzantinischen Überlieferungen verhaftet und stilistisch in der Nähe des „Rebetiko“ angesiedelt ist. Gerade dadurch entspricht sie sehr genau der Dichtung von Jannis Ritsos. Politisch bedeuteten Text wie auch Musik in den sechziger Jahren für Griechenland hochexplosiven Zündstoff, denn niemand hatte die Metaxas-Diktatur, die Zeit der deutschen Besatzung, den Krieg und Bürgerkrieg und die sich anschließende rechtskonservative Restauration vergessen, die im Bewußtsein der Griechen an jenem Tag im Mai 1936 ihren Anfang nahm und dann ja auch durchaus folgerichtig 1967 in der Herrschaft der Obristen-Junta endete.
Die Dichtung von Jannis Ritsos und die Musik von Mikis Theodorakis schufen eine bis dahin in Griechenland nie gehörte, unerhört aufrüttelnde, geradezu revolutionierende Einheit von Poesie, Musik und politischem Engagement, die den Nerv der Griechen traf. In den nächsten Jahren bricht in ganz Griechenland, quer durch alle Klassen und Schichten tatsächlich so etwas wie ein nationaler Streit um den Epitaphios aus, bei dem es nur vordergründig um ästhetische Positionen, vielmehr um politische Fragen von „oben“ und „unten“, „links“ und „rechts“ geht.
Zweieinhalb Jahrzehnte nach seiner Entstehung wird der Epitaphios, den inzwischen jedes Kind kennt, tatsächlich zum Fanal des Aufbruchs. Im Juni 1963 stürzt die Regierung Karamanlis. Der alte Papandreou kommt ans Ruder. Griechenland wird liberaler. Vier Jahre später ist es wieder aus damit. Am 21. April 1967 putschen die Obristen. Die Werke von Jannis Ritsos und Mikis Theodorakis werden erneut verboten, insbesondere die gerade aufgenommene Vertonung der Gräzität und des Epitaphios, Dichter und Komponist verhaftet und deportiert. Der Kreis der Verbote und Verfolgungen hat sich noch einmal geschlossen. Damals, im Sommer 1936, nahm er seinen Anfang. Ritsos kann sich noch gut daran erinnern:

Am 9. Mai 1936 fand der Streik in Thessaloniki statt, der drei Tage dauerte. Anfang Juni erschien der Epitaphios in einer Ausgabe des Rizospastis mit einer Auflage von zehntausend Exemplaren. Innerhalb von zwei Monaten wurden neuntausendachthundert Epitaphios-Bücher verkauft. Die restlichen zweihundert Exemplare wurden dann im August vor den Säulen des Olympischen Zeus-Tempels verbrannt. Den Epitaphios schrieb ich in einem Stück runter, so sehr hatten mich die Ereignisse aufgewühlt. Es ist die ganze demotische Tradition darin enthalten, die Tradition der Volks- und Freiheitslieder in Distychen mit fünfzehnsilbigem Versmaß. Es sind Erinnerungen, die bis in das antike Griechenland zurückgreifen und sich auch noch auf die Anfänge des Christentums beziehen. Da ist die Figur der Muttergottes und parallel dazu die Haltung der alten Griechen, selbst im Schmerz und unter Tränen noch das Gute zu erkennen und die Schönheit wahrzunehmen. Und so ähnelt auch das Klagelied dieser Mutter einem Liebesgedicht. Sie lobpreist ihren Sohn wie eine Geliebte.
All diese Erinnerungen in Verbindung mit dem historischen Ereignis, so furchtbar es auch war, aber auch so bedeutsam für die griechische Geschichte, all diese Bezüge ästhetischer wie historischer Art verbanden sich in diesem großen Augenblick der klagenden Mutter zum
Epitaphios. Es war ein ganz besonderer Augenblick; die Erinnerung an alle großen Momente der griechischen Geschichte konzentrierte sich in diesem Augenblick. Der Epitaphios war nicht mehr allein mein Werk, er war das Werk des griechischen Volkes selbst.

Mochten der Staatsmacht von da an die Gedichte dieses Jannis Ritsos auch als politisch subversiv erscheinen, der Literaturbetrieb, die seriösen Kritiker und ernst zu nehmenden Dichterkollegen, die sich im Falle des 1933 verstorbenen Alexandriners Kavafis gerade gründlich blamiert hatten – sie nehmen den jungen Dichter lobend zur Kenntnis. Die führende Literaturzeitschrift Nea Grammata druckt seine Gedichte. Als 1937 sein Zyklus Das Lied meiner Schwester für die inzwischen vollends geisteskranke Loula erscheint, ist Ritsos in Griechenland ein berühmter Autor, anerkannt und geschätzt auch von solchen Literaten, die seine politische Überzeugung keinesfalls teilen. Kostis Palamas, damals der tonangebende Dichter Griechenlands im Range eines „hellenischen Goethe“, veröffentlicht eine enthusiastische Eloge auf seine Poesie, die in einem Gedicht „An Jannis Ritsos“ gipfelt und eine Zeile aus dem „Lied meiner Schwester“ aufgreift „… dein Lächeln genügt mir“. Es endet mit dem Vers: „… Im tragischen Schaudern lächelt der Rhythmus / einer Schöpfung. Wir treten zur Seite, Dichter, damit du freie Bahn hast.“
Daß gerade der von Ritsos sehr geschätzte Palamas sich öffentlich so äußerte, hat ihn derartig bewegt, daß er es nie wagte, ihn auch persönlich kennenzulernen. Palamas blieb für ihn „ein literarischer Gott, den man nicht anfassen oder direkt ansehen durfte“. Eine Haltung, die auch später sein Verhältnis zu anderen berühmten Dichterkollegen grundsätzlich bestimmt hat. Außer Nazim Hikmet und Louis Aragon hat er keinen seiner großen Zeitgenossen, die ihn ihrerseits sehr schätzten, je persönlich getroffen. Schriftsteller wie Pablo Neruda, Julien Benda, Paul Eluard, Jorge Amado oder Anna Seghers, die man auf den internationalen Friedens- und Kulturkonferenzen der fünfziger und sechziger Jahre treffen konnte, wollte er nie kennenlernen, gerade weil er sie bewunderte.
Denn „bestimmte Ideale und Idole“, fand er, „sollte man sich nicht zerstören lassen“. Und wäre Louis Aragon, dem er etliche Gedichte gewidmet hat, 1977 nicht selber nach Athen gekommen, er wäre ihm wohl auch nie direkt begegnet.
1938 stirbt der Vater. Ritsos selbst war gerade erst wieder von einem längeren Sanatoriumsaufenthalt nach Athen zurückgekommen. 1940 dringen Mussolinis Invasionstruppen in Griechenland ein, werden jedoch vom griechischen Heer bis nach Albanien zurückgetrieben. 1941 fällt Hitlers Wehrmacht ein, um den geschlagenen italienischen Invasoren zur Hilfe zu kommen. Wieder verläuft ein tiefer Riß durch zwei Lager in Griechenland – Widerstand und Kollaboration. Für Ritsos ist es selbstverständlich, auf welcher Seite er steht.
Ritsos engagiert sich in den Reihen des Widerstandes. 1941 wird in einer spontanen Aktion aller demokratischen Kräfte und Gruppierungen die Hellenische Antifaschistische Front (EAM) gegründet, wenig später die aus Partisanen bestehende Nationale Befreiungsannee (ELAS), worin der ehemalige Sotiria-Patient Aris Velouchiotis eine führende Rolle spielt. Jannis Ritsos muß von 1942 bis 1944 erneut ein Lungensanatorium aufsuchen. 1944 kontrollieren die Partisanen des Widerstandes fast neunzig Prozent des besetzten griechischen Staatsgebietes. Als die Okkupatoren im Oktober 1944 schließlich abziehen und Griechenland von den Nazi-Deutschen befreit ist, wird Ritsos aus der Klinik entlassen. Athen feiert jubelnd die Befreiung. Die Vision eines „anderen Griechenland“ scheint erstmalig zum Greifen nahe. Aber die Schutzmacht England schickt sich an, die griechischen Befreiungsorganisationen gewaltsam zu zerschlagen. Es kommt zu den blutigen „Dezemberereignissen“, den sogenannten Dekemvriana, in deren Verlauf von den Widerständischen und den neuen britischen Besatzern wochenlang erbittert um Athen gekämpft wird. Die Engländer bombardieren ganze Straßenzüge in Athen, wobei auch Ritsos’ Wohnung mit einer Reihe wertvoller unveröffentlichter Manuskripte abbrennt. Die ehemaligen Partisanen werden buchstäblich abgeschlachtet.
In den Vierteln der Welt nimmt Ritsos später Bezug auf diese Ereignisse. Zu der Zeit ist er bereits auf der griechischen Strafinsel Aji Strati interniert. Der Bürgerkrieg bricht aus, an dem Jannis Ritsos auf der Seite der nun gegründeten „Demokratischen Armee“ teilnimmt, die im wesentlichen aus den überlebenden Partisanen von EAM und ELAS besteht. „Man darf nicht vergessen“, sagt er, „daß der Bürgerkrieg aus einer erzwungenen Notwendigkeit entstand. Die Befreiung von den Deutschen war hauptsächlich das Werk der vereinten Widerstandskräfte der Linken. Dann kommen die Engländer und Amerikaner mit ihren Truppen und wollen diese Bewegung zerschlagen. Die Widerstandskämpfer sind auf einmal Verräter, und die Kollaborateure der Nazis, also die wirklichen Verräter, haben die Macht und besitzen jede Art von Privilegien. Eine Art zweiter Besatzung macht sich im Lande breit, damit Griechenland nur ja nicht in die Hände der Linken fällt. Hätte es damals Wahlen gegeben, die Linke hätte achtzig Prozent und mehr der Stimmen bekommen. Der Bürgerkrieg war nichts anderes als der notwendige Widerstand gegen diese neue Okkupation.“
Tatsächlich ist die offizielle griechische Regierung kaum mehr als ein Marionettenkabinett der Briten und der im Hintergrund bereits zur Wachablösung angetretenen Amerikaner. Im Zuge der Truman-Doktrin erklären die USA Griechenland zu ihrem Interessengebiet. Der Marshall-Plan funktioniert auch in Hellas: am Kolonaki-Platz sieht man die neuesten amerikanischen Straßenkreuzer, für das Volk gibt es Plastikkämme, Sodawasser, Kaugummi und Erdnüsse in Dosen, für die Aufständischen Verfolgung und Bekämpfung mit immer größer werdender „amerikanischer Hilfe. Der „amerikanische Traum“ als Bollwerk gegen die verbohrten „Slawo-Kommunisten“ à la Ritsos, wie die Rebellen im offiziellen Sprachgebrauch der griechischen Regierung heißen. Eine damals noch beispiellose – Jagd auf „Rote“, Sozialisten, Demokraten, antifaschistische Schriftsteller und Musiker, linke Intellektuelle, organisierte Arbeiter und Angehörige der jetzt verbotenen nationalen Résistance kommt in Gang. Mit Hilfe amerikanischer Gelder und einschlägiger griechischer Gesetze werden auf den Inseln Makronissos, Jaros, Leros, Limnos und Aji Strati sogenannte „Umerziehungslager“ für Bürger errichtet, die im Verdacht „antinationaler Umtriebe“ stehen. Über fünfzigtausend griechische Demokraten sind auf diesen kahlen, öden Strafinseln in der Ägäis interniert. Ritsos schreibt seine später berühmt gewordene Romiossini, die man nur sehr ungenügend mit „Griechentum“ oder „Gräzität“ wiedergeben kann.
1948 wird Ritsos, der nie eine Waffe in die Hand genommen hat, sondern auch im Widerstand nur mit den Waffen der Literatur und der Poesie kämpfte, verhaftet und nach Limnos deportiert. Hier schreibt er seine Tagebücher der Verbannung. 1948 bringt man ihn nach Makronissos, eine wasserIose kahle Insel, fünfzehn Kilometer vor der attischen Küste, gegenüber von Lavrion und Kap Sounion gelegen, im Sommer glühend heiß, im Winter eisig kalt. Hierhin, in diese unmenschliche Inseleinöde, die auch das „griechische Buchenwald“ genannt wird, schickt man die verstocktesten politischen Häftlinge, die man für den harten Kern der Kommunisten hält, damit sie die sogenannte „Reue-Erklärung“ unterschreiben und ihrer gefährlichen Gesinnung abschwören. Einige Verantwortliche nennen diese KZ-Insel mit zynischem Aberwitz auch den „neuen Parthenon des neuen Hellenismus“. Hierhin also deportiert man auch den Dichter Jannis Ritsos. Drei sogenannte „Sonderstrafbataillone“ der Infanterie sind hier in Quartier, eines berüchtigter als das andere. Ritsos hat ihnen in seinen Versen ein bleibendes Denkmal gesetzt.
Später, nach Aji-Strati überstellt, schreibt er seinen „Brief an Joliot Curie, der sich an die ganze Welt richtet. Daß diese Gedichte, die hier entstanden, wie die Steinerne Zeit oder die Viertel der Welt, nicht verloren gingen, daran ist der große Schauspieler Manos Katrakis, der seine letzte Rolle in Angelopoulos’ Reise nach Kithira spielte, nicht ganz unschuldig. Ritsos berichtet:

Neben vielen anderen Behinderungen war es einem verboten, zu schreiben oder zu malen. Wenn sie einen erwischten, nahmen sie das Blatt weg und zerrissen es, von den Folterstrafen dafür ganz zu schweigen. Ich verspürte immer das Bedürfnis mich auszudrücken. Es war für mich die einzig mögliche Art, der brennenden Intensität der Empfindungen zu begegnen: schreiben! Damals schrieb ich die Steinerne Zeit aber wie schrieb ich! Ich war gezwungen, auf winzige Blättchen zu kritzeln in einer winzigen Schrift, die man nachher mit der Lupe entziffern mußte. So entstanden diese Gedichte, unter entsetzlich schweren Bedingungen – hinter einen Fels gekauert oder auf den Latrinen – vor allem da. Später wurde das dann nochmal auf kleinen Blättern ins Reine geschrieben; die wurden ganz eng zusammengerollt, in Flaschen gesteckt und zugestöpselt. Wenn einer der Wächter kam, hatte man eben eine harmlose Limonadenflasche in der Hand. Unsere größte Sorge war, was aus diesen Flaschen würde. Zu dritt beschlossen wir – ein Journalist, Manos Katrakis und ich −, sie an einem bestimmten Ort zu vergraben. Einer von uns dreien, dachten wir, würde schon Überleben. Tatsächlich schaffte Manos Katrakis es, sie am Fuß eines markanten Felsens nach und nach zu vergraben. Später wurden wir dann nach Aji-Strati gebracht und Katrakis verließ Makronissos eine Woche vor mir. In dieser Woche suchte ich heimlich die verscharrten Flaschen, um sie nach Aji-Strati mitzunehmen. Zu meiner Verzweiflung war nicht eine mehr wiederzufinden. Ich war mehr als deprimiert. Bei der Ankunft in Aji-Strati, wo es etwas freizügiger zuging als auf Makronissos, standen unsere Genossen am Strand, um uns zu empfangen, unter ihnen auch Katrakis. Wir umarmen uns und ich flüstere ihm zu: „Stell dir vor, die Flaschen mit den Gedichten sind verschwunden. Sie müssen sie gefunden haben!“ – „Wie kommst du darauf!“, sagt Katrakis völlig ruhig, „ich habe sie natürlich mitgenommen und besser gehütet als die kostbarste Flasche Whisky“.

Vier Jahre von Insel zu Insel, von Straflager zu Straflager – Ritsos überlebt schreibend. Er verstummt nicht und er unterschreibt auch keine Reue-Erklärung, selbst unter Androhung des Todes nicht. Sein Vergehen ist seine Poesie und seine Poesie ist der keinesfalls aufs Jenseits gerichtete Traum vom Leben; ein einfacher, alltäglicher Traum, „rund wie ein Laib Brot“:

Ich lernte den starken körperlichen Schmerz am eigenen Leibe kennen und die Angst, die gewaltige, panische Angst, ganz besonders auf Makronissos. Aber ich erfuhr auch den tiefen inneren Kampf, um den Schmerz und die Angst zu besiegen. Erst recht, als sie mir drohten und sagten: „Du wirst hier sterben, du und deinesgleichen, ihr seid schuld an der Überzeugung dieser Leute hier. Euch werden wir doppelt und dreifach foltern!( Ich sagte mir: ich habe nichts zu bereuen, aber die Antwort darauf wird meine Dichtung sein. Sie kündigten mir an: „Du kommst hier nicht mehr weg, du läßt deine Knochen hier!“ Ich war nicht zum Helden geschaffen, ich war ein sehr empfindsamer Mensch, sehr sanftmütig und weich, und jede Art von Heldentum paßte nicht zu mir. Aber ich wurde zum Handeln gezwungen, wozu ich nicht veranlagt und in keiner Weise vorbereitet war. Wenn ich getötet würde, hätte ich vielleicht das beste Gedicht meines Lebens hinterlassen.

Die Zeit der Verbannung auf diesen Inseln – das ist nach der Kindheit in Monemvassia und den ersten langen Zwangsaufenthalten in den Lungensanatorien die dritte, sein ganzes weiteres Leben prägende, Erfahrung für Jannis Ritsos. Schon der Akt des Schreibens selbst gewinnt hier eine völlig andere Dimension, die auf eine sinnliche Kommunikation mit den Dingen hinausläuft. Bis heute schreibt Ritsos ausschließlich auf einem kleinen Holzbrettchen, das er auf den Knien liegen hat. Auf solchen Brettchen schrieben die Gefangenen im Hocken, Sitzen, Stehen, beim Liegen auf der Pritsche oder wo auch immer. Für Ritsos ist dies Holzbrett seitdem eine Art transportabler Mini-Schreibtisch geworden, seit der Zeit, als er unter den Bedingungen der Verbannung seine Gedichte in miniskulöser Schrift auf dem Papier der Zigarettenpackungen immer wieder abschreiben mußte, und dazu eine harmlos wirkende, aber praktische Unterlage brauchte, die man mühelos verstecken konnte. Bis heute ist es bei dieser Art zu schreiben geblieben, lediglich die Qualität des Papiers, der Federn und der Stifte hat sich verbessert. Mit Bildern, wie er sie auch bei der Beschreibung der Partisanen in seiner Gräzität benutzt hat („Das Gewehr ist die Verlängerung ihrer Hand / ihre Hand ist die Verlängerung ihrer Seele…“) beschreibt er die Mechanik seines manuellen Schreibens:

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Schreibmaschine benutzt. Es ist mir unmöglich. Ich brauche direkten Kontakt durch meine eigene Hand. Ich schreibe mit der Feder. Die Feder ist die Verlängerung meiner Hand, und das Papier ist die Verlängerung meiner Feder. Ich brauche diese sinnliche Ästhetik des Handwerks beim Schreiben; nicht durch ein dazwischentretendes drittes Element gebrochen, etwa die Schreibmaschine. Ich will eine unmittelbare Beziehung zu den Dingen.

Und noch etwas in seiner bis heute beibehaltenen Art des Ausdrucks ist im Grunde ein Makronissos-Relikt: die vielen, vielen bemalten, zu Figuren oder Masken stilisierten Steine, Wurzeln, Knochen oder sonstigen Materialien, die ihn wie ständig zunehmende Jahresablagerungen konzentrisch umgeben. Jannis Ritsos und seine Steine – sie sind ebenfalls kleine materialisierte Gedichte, in denen man ihn wiederfindet. Wenn er nicht schreibt, malt er oder skizziert flüchtige Szenen und Gesichter auf Papier, Holz oder den Karton der Zigarettenpackung. Die Beschäftigung mit den Steinen ergab sich aus dem Drang, sich von der „subversiven“ und unter solchen Bedingungen auch anstrengenden Tätigkeit heimlichen Schreibens zu erholen. Er suchte nach Möglichkeiten, sich malend auszudrücken. Papier, Pinsel, Farben oder ähnliche Utensilien gab es nicht; sie waren auch strikt verboten und etwaige Verstöße dagegen wären von den Wächtern empfindlich bestraft worden. Also sammelte er Steine, die es ja auf diesen Inseln in Hülle und Fülle gibt. Die malte er, ihrer vorgegebenen Struktur folgend, mit Tinte aus. „Harmlose“ Szenen und Gesichter, in denen man nichts Verdächtiges sah. Auf diese Weise konnte er sich stundenlang beschäftigen, ohne sich verdächtig zu machen und setzte zugleich mit diesen Steinen der grauenhaften und erniedrigenden Wirklichkeit die Idee des Schönen und Harmonischen entgegen.
1952 entläßt man den Dichter. Er schreibt, ordnet, korrigiert die vielen Manuskripte, die er mitgebracht hat, bereitet sie zur Veröffentlichung vor. 1954 heiratet er die Ärztin Phalitsa Georgiadi, die in Karlovassi auf Samos eine Praxis in ihrem Haus betreibt. Ein Jahr später wird seine Tochter Eleftheria geboren, für die er den Zyklus Morgenstern schreibt. Die Gräzität erscheint, der Epitaphios wird neu aufgelegt und unter den beschriebenen Umständen von Theodorakis vertont. 1957 wird er zum ersten Mal in seiner Heimat offiziell ausgezeichnet. Die Mondscheinsonate, die Louis Aragon auf ihn aufmerksam werden läßt, erhält den Griechischen Staatspreis. 1963 erscheinen die Zwölf Gedichte für Kavafis aus Anlaß von dessen dreißigstem Todestag. Sie beschäftigen sich mit den poetischen Accessoires seines vermutlich wichtigsten literarischen Vorbildes; Utensilien, die ihm jedoch eher als Spiegelungen seiner eigenen dichterischen Existenz dienen, die zunehmend selber gerne mit dem Paradoxen liebäugelt. Mikroskopische Momentaufnahmen der Magie der Dinge.
Die politische Situation in Griechenland spitzt sich erneut zu. 1963 wird der Linksabgeordnete Grigoris Lambrakis ermordet, die Regierung stürzt. Die darauf folgende liberale Ära unter Georg Papandreou ist nur von kurzer Dauer. 1965 wird sie von dem frischgebackenen König Konstantin in einer Art Monarchen-Staatsstreich zu Fall gebracht. Zwei Jahre später fahren die Panzer wieder auf, um die siebenjährige Diktatur der Obristen-Junta einzuleiten.
Anders als Kavafis, der in vier Jahrzehnten 154 Gedichte hinterließ, hat Ritsos unentwegt geschrieben: gut und gerne bis zu tausend Gedichte im Jahr, die er alle in verschiedenen handschriftlichen Fassungen festhielt, bevor sie erschienen. Unterbrochen nur durch zwei längere Reisen und die immer wieder erforderlichen Sanatoriumsaufenthalte. Die Zeugenaussagen waren erschienen und die dreibändige Kedros-Ausgabe seiner Gesammelten Gedichte. Dies alles wird sofort von den Putschisten „für das gesamte Land verboten“, Jannis Ritsos selbst erneut auf die KZ-Inseln verbannt; zunächst nach Jaros, dann in das Straflager Partheni auf Leros. Die Gräzität, gerade erst von Theodorakis vertont und für die nächsten sieben Jahre die Freiheitshymne des griechischen Widerstandes, bekommt wieder eine neue Dimension.

Diese Gegend ist hart wie das Schweigen,
preßt ihre verbrannten Steine an die Brust…
preßt die Zähne aufeinander. Es gibt kein Wasser. Nichts als Licht.
Der Weg verliert sich selbst im Licht und der Schatten der Umzäunung ist aus Eisen…

Das ägäische Licht? Die Heiterkeit der weißen Inseln? Das Sonnenmaß der mediterranen Dichtung? Bei Jannis Ritsos werden solche Vorstellungen ihrer Folklore entkleidet und auf eine substantielle Härte, auf eine nicht klagende, sondern anklagende poetische Topografie reduziert. „Ach ja, wir sprachen einmal von einer Ägäis-Poesie, ja, ja…“
Jaros liegt zwischen Andros, Kea und Syros, wozu die Insel auch verwaltungstechnisch gehört. Als das Straflager auf Jaros 1968 nach mehrfacher Intervention des Internationalen Roten Kreuzes geschlossen wurde und man die Gefangenen nach Leros überstellte, protestierten dagegen als erste die Kaufleute von Syros, die bis dahin mit der Lagerverwaltung und den Häftlingen auf Jaros gute Geschäfte gemacht hatten. Außer Mäusen und Schlangen, über deren besonders scharfe Zähne bereits in der Antike berichtet wird, gibt es keinerlei Lebewesen auf dieser Insel, die schon unter den Römern als Verbannungsort für politische Gefangene diente. In den vierziger und fünfziger Jahren fungierte sie wie Makronissos als berüchtigtes „Umerziehungslager“ für die verstockte Linke. Die Lexika erwähnen einen guten Schafskäse, den die Bewohner von Syros in „normalen“ Zeiten mit ihren Tieren hier produzieren.

In Jaros und in Partheni auf Leros mußten die Gedichte, die ich schrieb, auf unterschiedlichste Art und Weise versteckt werden. Sie wurden in die Kleider eingenäht, ins Futter der Mäntel und Jacken usw. Da wir nicht wußten, ob und wie wir sie behalten konnten, brachten wir sie mit verschiedenen Methoden in Sicherheit. In Koffern zum Beispiel, deren Holzleisten innen ausgehöhlt waren, um die Gedichte als schmale Papierröllchen hineinzustecken. Andere fanden bessere Methoden heraus, und schließlich vergruben wir die Gedichte in Blechdosen im Boden. Es war aber nicht nur die Angst, sie könnten verloren gehen, es war vor allem die Angst vor den Konsequenzen, wenn diese Gedichte – unter der Diktatur und natürlich gegen sie geschrieben – von den Wächtern gefunden würden. Und so hüteten wir diese Dinge doppelt und dreifach gut. Und doch blieben sie, in der Erde vergraben und versteckt, weiterhin lebendig und machten nicht nur mir, sondern auch meinen Lagergenossen Mut.

Auch hier reagiert er mit der einzigen Waffe, die ihm zur Verfügung steht: der Poesie, die noch alle Despotien überdauert hat und die in diesem Falle von der Realität so weit entfernt ist, weil sie so nahe liegt wie das beinahe greifbare Licht oder die Wellenbewegung des Meeres vor den Barackenfenstern der griechischen Insellager.
Kein Gedicht hat je Putschisten, Invasoren oder Diktatoren aufgehalten, aber keine Waffe, kein Verbot, keine Deportation hat sie auch je vor einem Gedicht schützen können. Während der Zeit seines Hausarrestes in Karlovassi auf Samos durfte Ritsos weder das Haus, noch die Insel verlassen. Jeder Kontakt zur Außenwelt war ihm untersagt. Er wurde von drei Sicherheitspolizisten bewacht, von denen einer auf der Straße stand, ein anderer vor dem Haus, in dem seine Frau weiter ihre Arztpraxis betrieb, und der dritte vor der Tür zum Wartezimmer der Patienten, um mögliche Kontakte zwischen ihnen und ihm zu verhindern. Ein Bauer aus einem der umliegenden Dörfer hat es dennoch einmal gewagt, ihm ein Töpfchen Honig in sein Arbeitszimmer zu stellen. Die Wächter haben ihn sofort nach draußen gezerrt und vor seinem Fenster zur abschreckenden Warnung zusammengeschlagen. Spaziergänge waren nur in Begleitung der Wächter und nur abends auf der Strandpromenade erlaubt; dort, wo sie von den alten ehemaligen Gerbereien und den verfallenen Fabrikgebäuden eingesäumt wird und Touristen sich nur selten verlaufen. Die Samioten selbst, die ihm und seiner gefürchteten Begleitung begegneten, machten entweder einen weiten Bogen oder wandten den Kopf ab. Ihn zu grüßen, wagten sie nicht, aus Angst vor den Folgen oder aus Scham über ihre Angst.
1974, nach dem Sturz der Junta, kommt Jannis Ritsos wieder frei. Seine dichterische Hypothek ist immer noch die gleiche geblieben:

… Ich glaube an die Dichtung, die Liebe, den Tod
gerade deshalb glaube ich an die Unsterblichkeit.
Ich schreibe einen Vers
Ich schreibe die Welt…

… Und wenn euch unsere Verse
eines Tages ungeschickt erscheinen, denkt nur daran, daß sie
geschrieben wurden
unter den Augen der Wächter und mit der Lanze immer in unserer Seite…

In Karlovassi auf Samos, im Hause seiner Frau, verbringt er nach wie vor die Sommermonate. Die Einheimischen dort haben ihm an den Strand zwischen der Promenade und dem Meer eine Sitzgelegenheit aus Zement gebaut, die sie weiß tünchten und „Ritsos-Thron“ nannten. Es ist ein stillschweigendes Geschenk der Samioten, die sich ihrer Erniedrigung schämen. Auf diesem „Thron“ sitzt Ritsos, wenn er auf Samos ist, jeden Abend zur Zeit des Sonnenuntergangs. Hier schrieb er in den letzten Jahren auch die meisten seiner Gedichte.

In seiner Athener Wohnung knipsen wir die Scheinwerfer aus, verpacken die Mikrophone, Bandgeräte und die Kamera. Es ist genug. Jannis Ritsos steht vom Sofa auf und stellt die Ordnung, die wir gestört haben, wieder her. Die Kristallaschenbecher neben die Nippes-Vase und die schöne Bronzemaske, wo sie hingehören; die Deckchen wieder auf die Armlehnen der Sessel und diese wieder in die diagonale Position zueinander, wie sie vorher standen. Dann zieht er sich mit einem Päckchen Zigaretten und einer Schachtel Aspirin zurück. Ruh dich nur aus, Jannis, du hast uns viel geschenkt. „Na ta ekatostissis“!

Armin Kerker, Nachwort

Wo immer man in den letzten vierzig Jahren

Griechenland literarisch zur Kenntnis nahm – nur allzu häufig aus rein politischem Anlaß −, war vor allem von Jannis Ritsos die Rede. Sein Leben und sein Œuvre sind mit den elementaren Geschicken dieses Landes verknüpft. Seine Biographie ist Teil griechischer Historie, seine Dichtung wäre ohne sie nicht denkbar. Griechenland und griechisches Land, alltägliche Dinge der Erde und des Meeres, die Rituale der Macht und die einfachen menschlichen Gesten, die archaische Geopgraphie und der alles überdauernde mythos, die zeitgenössische Topografie des menschlichen Leidens, aber auch die dem entgegegesetzte Schönheit von Menschen und Landschaft – das sind die „Gerätschaften“ seiner Poesie.

Carl Hanser Verlag, Klappentext, 1989

 

Rezension zu diesem Buch:

Timo Brandt: Über das epische Erzählen, Weben, Singen des Jannis Ritsos
lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, 28.1.2014

 

Von der komplizierteren Wahrheit des Gedichts als Widerstand

– Ritsos auf Deutsch: Unphilologische Überlegung zum Dichter als Vorbild. –

Es ist schon Glückssache, wenn einer heutzutage noch Altgriechisch kann. Aber Neugriechisch? Nur Besessene wie Armin Kerker machen sich da zu schaffen. Deutsche von heute meinen ja wohl, daß Griechen von heute schon deshalb zu verstehe seien, weil sie als heimgekehrte Gastarbeiter beim Servieren von Wein und Oliven Deutsch sprechen. Griechenland wird von uns meist als antikes Ensemble bereist, nicht als politischer und kultureller Schauplatz des Jahrhunderts. Es ist ein Gefangener unseres Antiken-Enthusiasmus, eine Kolonie der humanistisch Gebildeten bzw. ihrer touristischen Abkömmlinge. Die Ehrfurcht vor den steinernen Zeugen wirft Schlagschatten auf die Lebenden und deckt sie zu.
Mit mehreren Büchern hat Kerker dagegen angearbeitet: mit seinem Kreta-Buch, mit seinem Lesebuch Griechenland – Entfernungen in die Wirklichkeit, mit seinen Übersetzungen, Artikeln und Kommentaren. Vor allem aber mit der Vermittlung des Jannis Ritsos, den er nachdichtet, erläutert, porträtiert, in Auswahlausgaben darstellt, durch Gespräche hebammenartig zu poetologischen Bekenntnissen treibt, seine Wohnumstände und „Schätze“ inventarisiert, ihn im Film dergestalt zur Erscheinung bringt, daß der literarische und politisch-humanitäre Mythos namens Jannis Ritsos uns als Mensch hier und jetzt noch einmal geboren wird.
Kerker arbeitet damit gegen die „zweite Schuld der Deutschen“, wie Ralph Giordano die verdrängte Verantwortung für die Verbrechen der Nazideutschen gegen die Juden genannt hat. Sie besteht auch gegenüber Griechenland.
Nicht nur mit den Deutschen hat es das bessere Griechenland schwer. Auch intern hat „l’autre Grèce“, wie Aragon sagte, das „andere“ Griechenland, einen schweren Stand immer gehabt, also das demokratische, das volkorientierte, das nicht-monarchistische, das nicht-obristische. Der Kampf der geschichtlichen und gesellschaftlichen Kräfte miteinander, des „einen“ – feudalistischen, antidemokratischen – Griechenland gegen das „andere“; dieser permanente, zumindest latente Bürgerkrieg seit einem halben Jahrhundert wird als Spektakel des Grauens wirklich greifbar nur im Geschick des Einzelnen, des Betroffenen, der vielleicht sogar Opfer und Täter in einer Person ist.
Sucht man nach der reinsten Personifizierung von Widerstand, Opferschaft und Überlebensgeist, so tritt keiner charismatischer ins Bild als jener eine Dichter, als Jannis Ritsos.
Die Täterschaft des Jannis Ritsos war nie die eines Waffentäters, der auch als Opfer Töter ist. Es sei denn, man verstehe seine Produktion von Widerstand durch Geist und Gedicht als Waffenproduktion. Aber „das Wort als Waffe“, diese Agitprop-Vorstellung, ist eine Fatamorgana intellektueller Ohnmacht. Dichtung, zumindest im Sinne von Ritsos, ist sie nicht. Es mag „das Wort“ sein, das den Totalitarismus von Machthabern antastet und ihn zum Terror reizt. Aber „das Wort“ ist nur das Ausdrucksfähnlein eines Eisbergs von Widerspruch und Unbeugsamkeit, an dem schließlich jeder Tyrannendampfer seine Titanic-Erfahrung macht. – Dieser Eisberg, zu neun Zehnteln unter der Oberfläche der Aktualität, ist von anderem Stoff und anderer Energie als das aktualistisch fuchtelnde „Wort als Waffe“.
Ritsos hat von sich gemeint, daß er der am meisten schreibende Dichter der Welt sei. Anders als Paul Celan hat er sich also nicht „am Rande des Schweigens“ angesiedelt. Auch in den Situationen äußerster existentieller Bedrohung in Lagern und Gefängnissen hat er nicht nur phantasiert. Er hat geschrieben. Mit der Folter, mit dem Hunger, mit dem Tod kann man nicht rechten, nicht Argumente austauschen. Sprachspiele sind obsolet, der geistreichen Zunge wird der Mund tot gemacht. Der Mitmensch als Scherge und Vollstrecker tritt als „Gegenmensch“ (Jean Améry) auf, der durch seine Drohungen und Handlungen unter der Perspektive der Auslöschung seines Opfers das Urvertrauen in die mitmenschliche Geborgenheit zerstört.
Die Lage ist radikal. Falls es überhaupt eine Möglichkeit des Opfers gibt, in ihr zu überstehen, darin nur durch eine tiefverwurzelte Radikalität des Widerstehens, die sich durch nichts verzettelt. Radikalität schreibt keine Leitartikel, sie schreibt Gedichte, die so komplexe Organismen sind wie Menschen. Die Außerordentlichkeit des Jannis Ritsos, die uns so schwer begreiflich erscheint, liegt in der Kraft, noch in der verzweifeltsten Lage Gedichte wie Menschen hervorzubringen, die ihn schützten. Der Widerhall an Liebe, Dank, Bewegung bei jenen Griechen, denen er unter der Tyrannis ein schützendes Volk von Gedichten zugesellt hat, bezeugt, daß die Überwindung der Tyrannis nicht vordergründig agitatorisch geschieht, sondern aus tieferem Grund und komplizierterer Wahrheit.
Ritsos hat sich, hat sein Ich und seine Existenz stellvertretend für das „andere Griechenland“ behaupten können. Weil Griechenland als Geschichte, Natur und politische Gegenwart in ihm versammelt ist. Das subjektive Ingenium des Schreibenden korrespondiert und verschmilzt mit dem objektiven Ingenium, das ihn geprägt hat. Das Medium, in dem diese Korrespondenz und Verschmelzung erscheint, ist das Sprachwerk der Gedichte.
In der Sprache kommt alles zusammen: die Geschichte aller Sprechenden und die Geschichte des Ichs, das schreibt. Die agitprop-konforme Sprachnutzung selektiert, schmälert, verkürzt, was Sprache alles sein kann. Manchmal, gewiß, für einen kurzfristigen Nutzen, den die Schlagfertigkeit bietet. Aber schon Majakowski, der als Agitprop-Künstler einsame Größe hatte, verzweifelte an dem Gefälle zwischen seiner reichen Natur, die spiegelte, was eine neue Gesellschaft sich wünschen mußte, und der armseligen Zielsetzung, der Agitprop, entsprechend einengend, dienen sollte.

Die Sprache, sagt Ritos, entwirft Bilder, sie malt Dinge, die das Auge nicht sieht, Gemälde des menschlichen Inneren, die unsichtbar bleiben. (…) Die griechische Sprache birgt sehr viele Erinnerungen. Von der Antike bis heute sind die Wurzeln dieselben geblieben. Es gibt homerische Ausdrücke, die heute noch in den Dörfern gebräuchlich sind.

Die Dichtung sei schon immer der Atem Griechenlands gewesen. Und wenn das so ist, so ließe sich hinzufügen, ist eine Tyrannis, die die Dichter und die Dichtung würgt, jene Instanz, die Griechenland den Atem nimmt, am Ende also sich selber.
Was aber heißt: Jannis Ritsos auf Deutsch? Ist er übertragbar, übersetzbar, kann er Modell sein für deutsche Autoren? Sollte er weniger rezipierbar sein, als etwa Neruda, das südamerikanische Pendant Ritsos’? Es ist ein beliebtes Exkulpationsspiel vieler Leute, die die Lyrik lieben, sie für unübersetzbar zu erklären. Es ist das Spiel mit dem Sakrileg, der Verletzung des Geheiligten. Aber Dichtung ist nichts Heiliges, sie ist die Emanation eines Menschen, dessen Dichtung selbst schon Übersetzung ist: die Übersetzung der Wirklichkeit aller Dimensionen in das Chiffrengefüge der Sprache.
Wäre das Übersetzen an sich unmöglich, wäre es auch die Dichtung. Dies wäre die Aporie menschlicher Phantasie-, Ausdrucks-, Identitätsarbeit. Aporien sind gordische Knoten. Wer sie lösen will, muß sie durchhauen. Das gebietet der griechische Mythos. Jedes Gedicht, jedes „bedeutende“ jedenfalls, hat den gordischen Knoten des Übersetzungsrätsels durchhauen.
Ritsos sagt:

Oft wird behauptet, wirklich gute Dichtung sei unübersetzbar. – Nein – an der Übersetzbarkeit der Dichtung erweist sich, ob sie bedeutend ist oder nicht. Daß sie die Grenzen der eigenen Sprache überspringt und in einer fremden Sprache Gestalt annimmt, das macht ihren Wert aus.

Das heißt, sie muß dem Übersetzungsvorgang standhalten. Sie braucht den adäquat befähigten Übersetzer und den befähigten Leser, der noch einmal das Gedicht der Übersetzung für sich selber transportiert. Die Übertragbarkeit, die Rezipierbarkeit, sie hängen ab von der dichterischen Umsetzungskraft der Ausgangssprache. In ihr müssen wesentlich jene Elemente konzentriert sein, die man als Konstanten der Menschheit verstehen könnte, deren kulturkreisindividuelle Ausprägung zwar eine akzidentelle Erscheinungsform in einer bestimmten Sprache annehmen, jedoch ohne sich in ihr zu erschöpfen. Das Akzidentelle muß sich in der Übersetzungssprache die Analogie suchen, der fünfzehnsilbige Vers im griechischen Volkslied braucht die wachrufende Entsprechung hier. Goethes  Faust geht auch auf Chinesisch.
Von Ritsos und von der Akzeptanz, die er zu Hause hat, ist zu lernen – nicht daß er unübersetzbar ist, sondern daß wir in (West-)Deutschland profund verarmt sein müssen, wenn er uns unübersetzbar oder überholt erscheinen sollte. Der Dichter als zoon politikon, als gesellschaftliches Wesen leistet hier zuwenig, die Deutschen mit ihrer historischen Verkommenheit, ihrer kulturgeschichtlichen Bewußtseinsnichtigkeit erweisen sich als unzulänglich vorbereitet, wenn Dichtung auf sie zukommt, sei es deutsche oder eingedeutschte.

Uwe Herms, die horen, Heft 153, 1. Quartal 1989

JANNIS RITSOS

wenn der hellenische wind versiegt
der feigenbaum seine wurzel
auf stein setzt
das menschenohr voll ist
von leblosem knorpel
selbst dann
fliegt deine stimme
noch unbehelligt vom sturz
durch eine flut von strahlen
heller als das weiß der kalkhütten
umtanzt von gierigen augen die
deine lippenschwingungen aufsaugen
als sähen sie goldgeröstete hammel
in einem meer von blauen spiegeln.

Ich höre deinen letzten schrei
zart über den hügel kommen.

Rodja Weigand

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Asteris Kutulas: Begegnungen mit Ritsos

Asteris Kutulas: Interviews mit Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos – Die Maske und der Kommunismus

Asteris Kutulas: Interview mit Elli Alexiou über Jannis Ritsos

Ein Dialog zwischen Asteris Kutulas und Peter Wawerzinek über die fabelhafte Welt des Jannis Ritsos

Beitrag zum 75. Geburtstag des Autors:

Jürgen Werner: Gedichte als Waffen und Lobpreisung der Liebe
Neues Deutschland, 2.5.1984

Erasmus Schöfer: In allen Adern der Erde
die horen, Heft 134, 2. Quartal 1984

Beiträge zum 80. Geburtstag des Autors:

Gerd Prokot: Jannis Ritsos – Künstler, Kommunist und Freund der DDR
Neues Deutschland, 27.5.1989

Gisela Steineckert: Gruß an Genossen Ritsos
Neues Deutschland, 27.5.1989

Armin Kerker: „Hast du dein Brot gegessen, konntest du sprechen?…“
die horen, Heft 153, 1. Quartal 1989

Fakten und Vermutungen zum Autor
Nachruf auf den Jannis Ritsos: Neue Zeit

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 1/2.

 

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 2/2.

 

 

Jannis Ritsos: Epitaphios in der Version von Grigoris Bithikotsis  und Keti Thimi.

 

 

Jannis Ritsos liest, Mikis Theodorakis dirigiert und Maria Farantourie singt aus dem Epitaphios.

Share on Facebook0Email this to someoneShare on Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.