Javier Gómez-Montero & Petra Strien (Hrsg.): Du kamst, Vogel, Herz, im Flug

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Javier Gómez-Montero & Petra Strien (Hrsg.): Du kamst, Vogel, Herz, im Flug

Gómez-Montero & Strien (Hrsg.)-Du kamst, Vogel, Herz, im Flug

NUR EINE NOTE FÜR HÖLDERLIN

Wenn ich ohne Erinnerung bin, welche Reinheit.
Im blauen Zinnenwerk verspätet sich der Nachmittag,
hält sein Gold zurück in fernsten Netzen,
siebt das Licht durch einen letzten Spalt, dehnt sich
aaaaaund liefert mich aus
wie einen Bogen, der zittert auf entflammter Luft.
Worauf wartete die Stille? Fürsten des Nachmittags,
aaaaawelche Paläste
betrat mein Fuß, welche Wolken oder Riffe, welch
aaaaasternenklares Land?
Sie hielt sich länger als wir, jene verwelkte Rose.
Wie lieblich ist dem Ohr das Rauschen der kreisenden Planeten aus Wasser

Pere Gimmferrer
Übersetzt von Julia Gramberg

 

LAMED WUFNIK

Ich bin ein Lamed Wufnik
ohne mich ist das Universum nichts
die Köpfe der Menschen
sind wie schmutzige schwarze Brunnen
ich bin ein Lamed Wufnik
ohne mich ist das Universum nichts
auf meinen Schultern beweint Gott
den Schmerz des Universums, die Pfeile
mit denen ihn die Menschen durchbohren
ich bin ein Lamed Wufnik
ohne mich ist das Universum nichts
eines Tages erzählte ich einem finsteren
Araber, während ich schlief
diese Geschichte meines Lebens
und er sagte: „Du bist ein Lamed Wufnik“*
ohne dich ist Gott reines Nichts

* und er fügte hinzu: „und bei den Arabern ein Kutb“

Leopoldo María Panero
Übersetzt von Gerhard Poppenberg

 

 

Nachwort

… Die Gedichte der Anthologie fordern zu einer Lesereise auf, die mit unterschiedlichen Stimmen, aber auch mit wechselnden Schauplätzen bekannt macht. Der Weg der Lektüre führt von Gil de Biedmas Barcelona über Dublin, Madrid und New York bei Hierro, er gelangt in die Leere zerstörter Bewußtseinsräume bei Panero, verweilt bei González im urbanen Madrid und mündet bei Gamoneda in den reglosen Horizont des Symbolischen. Das bedingt eine thematische und personelle Vielfalt, die nicht zuletzt durch die zahlreichen Grenzüberschreitungen von populären bis hin zu gelehrten Kunstformen bemerkenswert ist: Gimferrers imaginärer Doppelgänger idealisiert Gestalten der amerikanischen Massenkultur, aber Bach und Hölderlin gehören gleicherweise zum kulturellen Horizont des Dichters. Cirlots Hommage an den Komponisten Arnold Schönberg wiederum hindert ihn nicht, sich auch bei leichter Kinounterhaltung umzusehen: Rosemary Forsyth’ Rolle der Bronwyn in Franklin Schaffners Film „Der Herr des Krieges“ wird zum magischen Mythos der Frau überhöht: zur Geliebten aus einem anderen Leben, zu einer aus Wagners Opernwelt entführten Botschafterin des Jenseits, zur Kehrseite Ophelias. Dieses Jonglieren mit Zitaten und Anspielungen macht im Sprachbild die Grenzen zwischen den ästhetischen Ausdrucksformen durchlässig; es fügt dem Gedicht Deutungsmöglichkeiten hinzu, die auch das kulturelle Gedächtnis des Lesers wachrufen.
Einigen der in dieser Anthologie vertretenen Autoren, wie José A. Goytisolo und Angel González, gelang, was im deutschen Sprachraum kaum denkbar wäre: ein unmittelbarer Zugang zum Publikum, das die Identifikationsangebote begeistert annahm und für eine langanhaltende Popularität der Dichter sorgte. Noch immer erreichen Lyrik-Bände wie José Hierros Cuaderno de Nueva York aus dem Jahr 1998 Bestseller-Status (in fünf Jahren verkauften sich 40.000 Exemplare), breiten sich Lyrik-Festivals über das ganze Land aus und erzielen Dichterlesungen fern akademischer Kreise hohe Besucherzahlen. Wer den Blick wehmütig auf hiesige Verhältnisse richtet, darf nicht vergessen, daß die Rezeptionsbedingungen für Lyrik in Spanien ungleich günstiger sind als in Deutschland. Während die Lektüre von Gedichten hierzulande meist der Privatsphäre vorbehalten bleibt, ist die mündliche Darbietung in Spanien eine beliebte Form der Lyrikrezeption, die auch von der Rhythmisierung, von der Musikalität der Texte lebt, die Kommunikation braucht und oft eine Art Katharsis bewirkt. Anders als in anderen europäischen Ländern ist Lyrik in Spanien ein durchaus gängiges Medium aufgeklärter Bewältigung privater und sozialer Alltagserfahrung; sie hat einen festen Platz im Leben Spaniens. Kommunikation ist ein zentraler Aspekt spanischer Lyrikrezeption, und das interaktive Moment bestimmt auch die Anordnung der Gedichte dieser Anthologie. Dank einer kontrastiven Reihung kann jede einzelne Stimme für sich oder in gegenseitiger Spiegelung mit anderen wahrgenommen werden. Der Leser ist aufgerufen, sich in dieser Vielfalt auf Entdeckungsreise zu begeben und die Schwingungen zu vernehmen, die aus dem Arrangement der Texte entstehen. Absichtlich gehen bei kontinuierlicher Lektüre Verschlossenheit und Mitteilungsdrang Hand in Hand, die Schwierigkeit des Sagens korrespondiert mit der Freude des Verstehens, surreale Bilder wechseln mit geschlossenen Erzählungen, Aphorismen mit unscheinbaren Erlebnissen. Die poetische Rede sperrt sich gelegentlich, um sich bald darauf dem kommunikativen Spiel mit dem Leser zu öffnen und ein Karussell der Affekte mit humorvollen und ernsten Momenten, mit Glücksversprechen und Enttäuschungen in Gang zu setzen. Dieses Textkarussell gestattet es, bei der Lektüre Augenblicke der Erkenntnis, des solidarischen Einvernehmens und der tröstlichen Komplizenschaft zu erleben. Jeder Einzelne der in dieser Anthologie versammelten Autoren kann den Status eines „Klassikers“ der Spätmoderne in der spanischen Lyrik beanspruchen. Zugleich gehören die ausgewählten Dichter zu den prägenden Vorbildern der nachfolgenden Lyrikergeneration – nicht allein der ästhetischen Qualität ihrer Gedichte wegen, sondern auch aufgrund ihres hohen ethischen Anspruchs an das poetische Wort, dem nicht weniger als die Erdichtung eines Standorts für den Menschen aufgetragen ist, an dem sich Leben und Tod, Vernunft und Unbewußtes gegen das Banale und das Frivole die Hand reichen. Das unbeirrte Engagement der Autoren während einer langen, oft bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts oder gar bis heute andauernden Schaffenszeit richtet sich gegen das Wuchern leerer Phrasen und automatisierter Parolen. Daher sind die Themen und Darstellungsstrategien, die poetologischen Prinzipien und der Sprachgestus der Gedichte alles andere als das kurzfristige Ergebnis augenblicksverhafteter, jeweils aktueller Konjunkturen. Stellvertretend gab Valentes scheinbar einfacher, doch vieldeutiger Vers aus El Fulgor (Das Leuchten) der Anthologie den Titel: „Du kamst, Vogel, Herz, im Flug“. Die poetische Kraft dieser dem Cántico espiritual angelehnten Zeile mag zeigen, was Dichtung sein kann, wenn sie der ihr eigenen Materie, dem Wort, vertraut.

Javier Gómez-Montero, Aus dem Nachwort

 

Erst in den sechziger Jahren

erholte sich die Lyrik in Spanien vom Schock des Bürgerkriegs und vom Druck der alles erstickenden Franco-Diktatur. Langsam, aber unüberhörbar erhoben sich die Stimmen junger Autoren, deren Gedichte mit kraftvollen Sprachbildern ästhetische Paradigmen und ethische Grundmuster für die Lyrik unserer Gegenwart entwerfen. Heute sind diese Stimmen unverwechselbar geworden; jede einzelne kann den Status eines Klassikers der Moderne beanspruchen. Ob mit leicht zugänglicher Alltags- und Gedankenlyrik oder mit hermetischen, auf den ersten Blick schwer erschließbaren Texten: Diese Lyriker erdichten den Standort für den Menschen aufs neue – in immer wieder überraschenden Wendungen.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2004

 

Fotos aus Nachkriegseuropa

– Ruiniert in den Ruinen: Eine Anthologie spanischer Lyrik. –

Als die Grablegung der spanischen Dichtung mag man sich vorstellen, wie Hispanistikstudentinnen im Hinterzimmer einer Flamencoschule in Berlin-Friedrichshain zum Klang einer Vertonung von Federico García Lorcas „Romancero gitano“ ihre Selbstfindung zelebrieren. Dieses Szenario würde aber die traurige Realität spanischer Lyrikrezeption in hiesigen Gefilden recht treffend beschreiben. Ganz im Gegensatz zu Lateinamerika, wo Autoren wie Pablo Neruda oder Ernesto Cardenal in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einen Siegeszug weit über die Grenzen ihres eigenen Kontinents hinaus erlebten, schien die Iberische Halbinsel aus der Sicht eines deutschsprachigen Publikums nach dem Bürgerkrieg jahrzehntelang nur unter dem finsteren lyrischen Nachklang des „Ich bin der Bräutigam des Todes“ der Franco-Truppen zu zittern. Während hierzulande die Figur Lorcas monolithisiert und verkitscht wurde, erhielten allenfalls noch die Größen des spanischen Exils wie Vicente Aleixandre, Rafael Alberti, Luis Cernuda oder der mit einem späten Nobelpreis geehrte Juan Ramón Jiménez Anerkennung.
Welche Ungerechtigkeit das darstellt, macht eine einzigartige Anthologie von Javier Gómez-Montero und Petra Strien greifbar, die anhand von zwölf ausgewählten Dichtern ein lebhaftes und facettenreichen Porträt spanischer Lyrik der Nachkriegsmoderne bietet. In einer erfrischend unchronologischen Anordnung gelingt es dem Band, die Vielschichtigkeit und Brisanz eines dichterischen Schaffens nachzuzeichnen, das sich um 1950 nach mehr als einem Jahrzehnt faschistischer Kultursubventionspolitik aus dem Mittelmaß der oratorischen Gleichschaltung erhebt.
Zu ersten selbstbewußten Ergebnissen führen Texte wie Juan-Eduardo Cirlots lyrischer Nachruf auf den 1951 verstorbenen Arnold Schönberg. Der Versuch, durch eine lyrische transposition d’arts die Klänge des Komponisten in sprachliche Form zu bringen, gerät zur poetischen Selbstpositionierung gegen ein dominierendes Epigonentum:

Und die Harmonie tönt, sich lösend
von leidenden Stoffen,
von toten Formen,
von traurigem Licht,
nackt in der Liebe.

Fernab der Vorbilder der vorausgehenden Generation schweift der Blick der jungen Lyriker über die Grenzen des faschistischen Spanien, aber auch der Literatur hinaus. So etwa verwandelt Clara Janés (geboren 1948) die Skulpturen Constantin Brancusis in Worte:

Schwerelos der Stein,
Parenthese der Zeit
und Altar
tiefer Einsamkeit der Menschenseele.

In ebenso sprachen- und sprachtranszendierender Weise sammelt Jaime Gil de Biedma (1929 bis 1990) unter Evozierung von Préverts und Kosmas Chanson „Les feuilles mortes“ seine lyrischen „Photos aus Nachkriegseuropa“. Innerhalb dieses „verwahrlosten“ Kontinents, „wo der Mond im zerbrochenen Fenster erscheint, / Europa vor dem deutschen Wirtschaftswunder“, spiegelt sich Ernüchterung nach der Vernichtung der Republik wider und wird doch auch zu einem in perverser Weise heimeligen Ort der dichterischen Inspiration. Die ironische und paradoxe Erfüllung einer „Vita Beata“ lautet für Gil de Biedma:

In einem alten, schlecht regierten Land,
etwa wie Spanien zwischen zwei Bürgerkriegen
hausen wie ein ruinierter Edelmann
in den Ruinen meines Denkvermögens.

Daß solche politischen Seitenhiebe und mehr noch Tabubrüche wie die ikonoklastische Umformung eines Klassikers der Troubadourlyrik zum unverhohlen homosexuellen Großstadt-Schäferstündchen („Albada/Taglied“) unter Franco nicht als gesellschaftlich wertvoll erachtet wurden, muß kaum verwundern. Darüber hinaus aber werden die urbanen und intellektuellen Ruinen auch zur existentiellen poetischen Metapher zweier ganzer Generationen. Als „stumme Runenruinen“ aus apokryphen Palimpsesten des Mittelalters konzipiert etwa Cirlot seine Dichtung. „Es regnet immer in den Ruinen“, verkündet der 1948 geborene poète maudit Leopoldo María Panero und berichtet „sagenhafte Geschichte über Dinge, die es niemals gab / in dem eingestürzten Palast“. Ein Zusammenbruch, der jedoch nicht allein politisch oder gesellschaftlich, sondern auch sprachlich begründet ist. Schreiben ist für Panero ein Akt der „Liebe zu den Silben und den Buchstaben, / die die Welt zerstören, / die sie entlasten, / gewiß zu sein.“
Letztes Ziel der Dichtung in einer geborstenen Welt ist das Schweigen. Zur poesía del silencio wird das Werk von Autoren wie Cirlot, Antonio Gamoneda und José A. Valente. Neben die zuweilen parodistisch-grotesk gebrochene Tragik tritt aber gerade in Barcelona, der heimlichen Hauptstadt im dichterischen Bereich, eine virtuose Leichtigkeit. Sie nährt sich, so bei Pere Gimferrer (geboren 1945), aus „alten Liebes- und Spionagefilmen“ ebenso wie dem „Rausche der kreisenden Planeten“ und den Werken von Bach, Hölderlin und Octavio Paz.
Unterstützt wird eine derartige Stimmenvielfalt von der geglückten Entscheidung der Herausgeber, das Buch als Kollektivunternehmen der wichtigsten spanisch-deutschen Lyrikübersetzer zu konzipieren. Ein wenig schade ist allein, daß es dennoch den Anspruch des Titels verfehlt, die „Spanische Lyrik der Gegenwart“ zu kondensieren. Zum einen beschränkt sich die Auswahl auf Gedichte in kastilischer Sprache und schließt damit etwa die eindrucksvolle Renaissance katalanischer Lyrik nach dem Tode Francos völlig aus.
Dies führt zu so bizarren Ergebnissen wie der Ausblendung von Gimferrers gesamten, da nunmehr rein katalanischen Publikationen nach 1969. Zudem ist der jüngste Autor, Leopoldo Panero, bereits Mitte Fünfzig und veröffentlicht, dauerhaft in einer Heilanstalt lebend, praktisch nicht mehr. Sechs der elf weiteren Dichter sind tot. Sähe so die „Gegenwart“ aus, wäre Spanien eine Art Geisterhaus. Dennoch läßt die exzellente Qualität der ausgewählten Texte eine fortlebende Tradition erahnen, welche die wechselhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht abzubrechen vermochte.

Florian Borchmeyer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.1.2005

Haltbarkeitsdatum abgelaufen

– Allgemein Konsensware und kaum überraschende Neutöner bringt diese poetische Lieferung aus Spanien, die leider etwas lange unterwegs war. –

Zwischen der Gegenwart und dem Jetzt können enorme Zeitspannen liegen. Im Gegensatz zur Lyrik von Jetzt, die ausschließlich Autoren der Jahrgänge 1965 und später versammelt, sind die meisten in der Anthologie der spanischen „Gegenwartslyrik“ Du kamst, Vogel, Herz, im Flug vertretenen Dichter bereits gestorben. „Klassiker der Spätmoderne“ wäre wohl ein treffenderer Untertitel für diese Gedichtsammlung gewesen. Paul Celan und Rolf Dieter Brinkmann, unsere Zeitgenossen? Diese Analogie legt zumindest das Nachwort nahe, in dem die Auseinandersetzung zwischen hermetischer Dichtung und Alltagslyrik als der dominierende Konflikt in der spanischen Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt wird. Die Importeure bieten Renner der vorletzten Saison an, bei denen zudem eine Reihe von Registern poetischen Sprechens völlig fehlen. Werden in Spanien keine humorvollen Gedichte geschrieben? Hat niemand dort experimentelle Schreibweisen erprobt? Gibt es dort keine politischen Gedichte?

Kleine Auswahl, große Qualitätsunterschiede
Doch bleiben nicht nur viele Bereiche lyrischen Sprechens unberücksichtigt, auch die Stilmittel wirken sehr begrenzt und abgenutzt. Was ein aktuelles Gedicht ausmacht: Montage, Verbindung verschiedener sprachlicher Varietäten, Entwicklung einer neuen Metaphorik oder lakonische Drastik, fehlt den meisten der hier vertretenen Gedichte. Die herausragende Ausnahme sind die Texte von Leopoldo María Panero, der in zerrissener Sprache, gespickt mit herben Akzenten, kafkaesker Symbolik und literarischen Anspielungen, eindringliche Familien- und Selbstporträts zeichnet. Seltene Glanzlichter sind auch die surrealen Schockeffekte in den Gedichten von Pere Gimferrer, die unverhüllten sexuellen Darstellungen und literarischen Echos bei Jaime Gil de Biedma sowie die drastischen Bilder des Alterns bei Antonio Gamoneda.
Ansonsten dominieren metaphysische Dichtung und Alltagslyrik. Bei ersterer besteht häufig die Gefahr, dass sie in Sentimentalität umschlägt, bei letzterer, dass sie sich entweder in pathetischer Selbstdarstellung oder in Belanglosigkeiten erschöpft. Gelingen dem an Paul Celan erinnernden Altmeister der spanischen Lyrik, José Ángel Valente, vieldeutige, aus der mystischen Tradition schöpfende Gedichte, so verfällt hingegen Ángel Crespo in eine erstarrte Lichtsymbolik voller Erhabenheit. Auch die Anverwandlung eines mittelalterlichen Vorstellungsraums bei Juan-Eduardo Cirlot sowie der interessante Versuch von Clara Janés, der einzigen in dieser Anthologie vertretenen Autorin, die Beschreibung von Skulpturen Brancusis mit Mathematik und Naturwissenschaft zu verbinden, scheitern am verklärenden Vokabular. Schlimmer noch sind die Alltagslyrik von José Agustín Goytisolo und die rosenduftenden Liebesgedichte von Ángel González. Sie driften meist völlig in den Kitsch ab: alle Menschen sind glücklich, nur der Dichter traurig, die Frauen sind schön und der Kaffee kalt. Das an sich spannende Ausloten des Spielraums zwischen Realität und Illusion schließlich gerät bei Carlos Barral und José Hierro, deren Gedichte Epiphanien des Alltags einzufangen versuchen, durch ihre allzu gewisse Sprache zu einem recht einseitigen Unterfangen.

Importverluste
Die Übersetzungen geben fast immer korrekt den Wortsinn wieder, zerstören aber oftmals ohne Not die sprachlichen Strukturen des Originals. Zudem geben einige Übersetzer den Gedichten durch Wörter wie „jählings“, „Wogen“, „Dämmer“ oder „Schlund“ noch einen Extrakick hohen poetischen Tons mit, der die deutschen Texte schnell veraltet oder sentimental erscheinen lässt. Erfreuliche Ausnahme sind die Übertragungen von Gerhard Poppenberg, der viele schöne Lösungen für die Probleme gefunden hat, die eine Übersetzung der Texte von Leopoldo María Panero mit sich bringt. Um nur ein Beispiel aufzuführen: die Mehrdeutigkeit des Satzfragments „pero dura como la piedra“ bleibt auch in dem deutschsprachigen Gegenstück „aber harrt wie der Stein“ erhalten. Bei anderen Übersetzungen hingegen hilft häufig nur der Blick auf das spanische Original, will man etwas sprachlichen Reiz dieser Gedichte erhaschen. Nicht nur beim Einkauf, auch beim Transport ist hier so einiges verlorengegangen.

Carsten Schwedes, titel-magazin.de, 9.5.2005

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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