Jean Krier: Eingriff, sternklar

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Jean Krier: Eingriff, sternklar

Krier-Eingriffsternklar

„ALLES IST IN DEN BESTEN ANFÄNGEN“, –
(KAFKA, LETZER BRIEF)

Den Toten kündigen, denn nun alles quillt.
Ein Blatt wär schon zuviel. Es ist hohe Zeit.
In jedem Baum enorm das Meer, in
Wohnungen Wölfe, die Vögel Feder
u Flug verlieren. Schlachten u schlucken, schlimm
im Hals der letzte Bissen u nachts die Axt
im Schädel. Wachen, weinen. Wie da
denken an nichts, wo das Herz ein Spiel alt?
So Leben, alles Lieb. Aber Baum heißt Baum
u immer gibt es etwas zu tun. Und Brot
u Wein, die Katzen zart. Dass immer
bleibe es so an das Meer genagelt.

 

 

 

Nachwort

Im letzten Sommer seines Lebens genoss Jean Krier noch einmal jene Intensitäten, die ihm über die Kontingenzen des Daseins und zuletzt auch über seine schweren Erkrankungen hinweghalfen. „Spaziergänge an der Küste entlang“, schrieb er mir im Juni 2012, „Musik hören – alte Musik, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, letzte Beethoven Sonaten oder Streichquartette, Neue Musik – lesen, gute Gedichte.“ Mochte sich sein Lebenshorizont auch ständig verfinstern, so reagierte er auf die Todesdrohung mit poetischer Leichtigkeit und antwortete auf die bedrohlichen Bulletins mit Gedichten, die an die Fundamente der Existenz gehen, an die Küste der Bretagne und in Landschaften des Südens, um dort die Bewegung der Elemente und den Wechsel der Jahreszeiten zu beobachten.
Als er dann an seinen letzten Oden arbeitete, hatte er zwei schwere Herz- und Leber-Operationen hinter sich und wusste um die Begrenzung seines Lebens. Es sind überwältigend schöne Gedichte, in denen der Ton Hölderlins nachhallt und mit ihm die Bewegung der alkäischen Odenstrophe, vermischt mit den Melancholien eines Bewusstseins, das die Nähe des Todes spürt. Bereits in seinem letzten Gedichtband Herzens Lust Spiele (2010) hatte Krier eine Haltung eschatologischer Gelassenheit eingenommen:

Ja, so will ich bleiben, so, wie ich bin: ratlos u heiter

Es ist die Position des heiteren Fatalisten, eines Vergänglichkeits-Dichters, der sich die Lebenslust nicht hat austreiben lassen.
In seine letzten Gedichte hat Jean Krier immer wieder Schlüsselzitate seiner poetischen Leitbilder eingraviert: Kafka, Hölderlin, Heinrich Heine, die Psalmen und die Offenbarung des Johannes-Evangeliums. Es sind bewusst fragmentierte Oden, die sich im Bewusstsein des heranrückenden Todes zu liedhaften Evokationen aufschwingen, die aber immer wieder von rauen Sarkasmen konterkariert werden. „Alles ist in den besten Anfängen“, so heißt es in Kafkas letztem Brief an seine Eltern, datiert vom 2. Juni 1924, „alles ist wie gesagt in den besten Anfängen, aber noch die besten Anfänge sind nichts.“ In diesem letzten Brief an seine Eltern hatte Kafka noch einmal das schwer erträgliche Widerspiel von Erwartung und Enttäuschung angesprochen, das der immer wieder angekündigte, aber stets aufgeschobene Besuch der Eltern an seinem Krankenbett in ihm auslöste. Auch bei Jean Krier ist die Beschwörung der „Anfänge“ mit der Empfindung der Finalität verbunden.
Das Kafka-Zitat hat er als Titel einer Ode vorangestellt, von der drei (gedruckte) Fassungen existieren, die in diesem Nachlass-Band dokumentiert sind.
Eingriff, sternklar versammelt Gedichte Jean Kriers, die zum überwiegenden Teil nach dem Erscheinen des mit dem Chamisso-Preis prämierten Bandes Herzens Lust Spiele (2010) geschrieben wurden. Ein weiterer Gedichtband des Dichters war im Poetenladen bereits geplant, als sein Tod in der Uniklinik-Freiburg am 12. Januar 2013 alle hoffnungsfrohen Pläne zerstörte. Einzig dem großen Engagement und der Hilfsbereitschaft von Jean Kriers Ehefrau Elfi Krier-Clauß ist es zu verdanken, dass nun dieser Nachlass-Band realisiert werden kann.
Es hat viele Jahre gedauert, bis man den poetischen Rang des 1949 in Luxemburg geborenen Jean Krier zu begreifen begann. Seine ersten drei Gedichtbände – Bretonische Inseln (1995), Tableaux / Sehstücke (2002) und Gefundenes Fressen (2005) – wurden in der literarischen Öffentlichkeit kaum registriert. Nur wenige Kollegen, so etwa die Schriftstellerin Angelika Overath, erkannten, dass hier ein Dichter schrieb, der „wirklichkeitssuchend und wortwitternd an das Meer gebunden bleibt, algenbitter, mondsüchtig bis hinein in die Struktur seiner rhythmisiert-schwingenden, abbrechenden und abrupt wieder einsetzenden Langzeilen, die an die aufgipfelnde und niederstürzende Bewegung von Wellen erinnert.“
Dabei überlagerten sich von Beginn an in Kriers Gedichten deutsche und französische Sentenzen, eine poetische Gratwanderung auf der Sprachgrenze, vom Dichter immer kunstvoller absolviert. Die scheinbare Leichtigkeit der Naturbeschwörung stieß dann immer häufiger an die Grenzen einer grausamen politischen und anthropologischen Wirklichkeit. Auf schwelgerische Anrufungen des Meeres, wie sie besonders in den Sehstücken zur Geltung gebracht werden, folgen in bedrängenden Bildern und dichter Folge lyrische Evokationen des Todes. Diese Verflechtung des Naturschönen mit dem politisch Schrecklichen oder biographisch Traumatischen kann man auch in den Herzens Lust Spielen beobachten. Hier ist das im Titel aufgerufene, „beigepasste Herz“ nicht mehr die übliche Chiffre für die Passionen und Emotionen eines liebeshungrigen Ich, sondern primär ein verletzliches Organ, das ein in den Grundfesten erschüttertes Ich mit der Todesnähe konfrontiert.
In seinen letzten Oden, jenen kühnen Aktualisierungen der antiken Odenstrophe, verkehrt Jean Krier Hölderlins visionäre Erwartung vom hohen, gotterfüllten Tag der griechischen Kultur ins Gegenteil. Die göttlichen Naturgaben „Brot und Wein“ symbolisieren in der gleichnamigen Elegie Hölderlins die vom Dichter wachgehaltene Hoffnung auf eine erfüllte Zukunft. An die Stelle solcher Hoffnungssignale treten bei Krier sarkastische Zeichen aus einem apokalyptischen Weltgebäude, in dem – frei nach dem römischen Dichter Plautus – der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Die Gestalten der Schöpfung sind alle von Anzeichen des Untergangs erfasst, der „letzte Bissen“ bleibt dem todesgewissen Subjekt im Hals stecken. Und selbst das Meer, das in Kriers früheren Gedichten stets einen utopisch schimmernden Bildraum öffnete, wird hier in einen Kontext der Gewalt gerückt. Der „Dichter in dürftiger Zeit“, der in Hölderlins Elegie „Brot und Wein“ aufgerufen wird – bei Jean Krier hat er nur noch eine rabenschwarze Utopie zu verkünden. Die sinnlich-barocke „Herzkammermusik“, die bereits in Herzens Lust Spiele ertönte – sie ist auch in Eingriff, sternklar zu hören, eine Rhapsodik der Sterblichkeit, die uns einen Blick erlaubt in die Geheimnisse unseres Existierens.

Michael Braun, Nachwort

Editorische Notiz

In den hier versammelten Gedichten, die zwischen 2009 und 2012 entstanden sind, hat Jean Krier sehr intensiv an einer zeitgemäßen Adaption der antiken Odenstrophe gearbeitet. Wie sein großes Vorbild Hölderlin verstand Krier die Aufnahme der alkäischen Odenstrophe als Durchgang zu einer originalen Produktion; in manchen Fällen gelingt ihm dabei der Übergang zu freien, eigengesetzlichen Rhythmen. Die ursprünglich in fluktuierenden Langzeilen verfassten Gedichte werden – nicht immer konsequent – in alkäische Elfsilber transformiert; insofern ist es durchaus wörtlich zu nehmen, wenn den in Heft 204 der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter veröffentlichten Gedichten die Gattungsbezeichnung „Acht Oden“ vorangestellt ist. In vielen Fällen hat Jean Krier in den Arbeitsfassungen der Gedichte auch vermerkt, dass es sich um Oden handelt. In der Textgestalt der veröffentlichten Gedichte wird die Bezeichnung Ode ebenso ausgespart wie die zahlreichen personalen Referenzen und Annotationen, die der Autor in seinen Manuskripten am Rand der Gedichte angebracht hat. Um die Arbeitsweise des Dichters sichtbar zu machen und um einen Vergleich der einzelnen Fassungen zu ermöglichen, dokumentiert das Kapitel „Varianten“ auch Texte, in denen die Annotationen erhalten geblieben sind. In den drei Kapiteln, in denen die Gedichte aus dem Nachlass präsentiert werden, folgt dieses Buch jedoch der Textgestalt der Erstveröffentlichung und verzichtet auf die Annotationen wie auf die explizite Klassifikation der Gedichte als Ode.

„Alles ist in den besten Anfängen“
Dieses Kapitel enthält sämtliche Gedichte Jean Kriers, die nach dem Erscheinen seines Gedichtbands Herzens Lust Spiele (2010) in Zeitschriften und Anthologien aufgenommen wurden. Die Reihenfolge der Gedichte folgt dabei im wesentlichen der Text-Ordnung, wie sie von den jeweiligen Herausgebern hergestellt wurde.
Das Heft 2/2011 der Literaturzeitschrift Sinn und Form veröffentlichte Erstdrucke der Gedichte „O Stern, Kafka“: „,Alles ist in den besten Anfängen‘ (Letzter Brief)“, „St. Peter im Schwarzwald“, „Schatten springen“ und „Gratias agimus“.
Die Gedichte „Alles ist in den besten Anfängen“, – (Kafka, letzter Brief)“, „O Stern“, „Die coolste Location“, „Ode an die Freude“, „Produit de Bretagne“, „Löschen Sie das Licht“, „Genau“ und „Ein teuflisches Kind“ sind im Dezember 2012 in Heft 204 der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter erschienen.
Im Jahrbuch der Lyrik 2013 (C.H. Beck) finden sich die Gedichte „Regen“ und „,Alles ist in den besten Anfängen‘ (Franz Kafka, letzter Brief)“.
Der Poet No. 14 (2013) veröffentlichte die Gedichte „Vieles aber / ist zu behalten“, „Regen“, „Smic-Smac und „Sables emouvantables“.
In Heft 1/2014 von Sinn und Form erschienen zuletzt: „Produit de Bretagne“, „Ashbery: Musica Reservata“, „Point d’orgue“, „Ah“, „quel bonheur“ und „Denn das ist sein Teil“.

Fruits de mer
Die Texte des Kapitels „Fruits de mer“ knüpfen an die Natur-, Meeres- und Küsten-Gedichte an, die Jean Krier in früheren Gedichtbänden, etwa den Sehstücken (2002), in der poetischen Auseinandersetzung mit den Landschaften der Ile D’Ouessant entwickelt hat. Es sind Gedichte, die in ihrer rhythmischen Bewegung und ihrer vokabulären Textur ebenso fluid sein wollen wie die Wellen des Meeres. Die Landschaften mitsamt den Jahreszeiten, in denen sie sich verwandeln, halten offenbar alle Ingredienzien des Utopischen bereit: die Weite, das unberechenbare Spiel des Windes, das Blau des Himmels und den „Schaum der Tage“, den Krier im Band Herzens Lust Spiele in einer Anspielung auf den anarchistischen Dichter Boris Vian heraufbeschwört. An Sommertagen wie an Hundstagen und im Winter geht das Ich den Küstenleerpfad entlang, um sich der eigenen Bestände zu vergewissern.

Fin de partie
Bereits in Herzens Lust Spiele wird das Weltgefühl des versehrten Ich geprägt durch Becketts Fin de partie – ein „Endspiel“, das bis in die eigene Finalitätsgewissheit durchschlägt. Die Gedichte dieses Kapitels setzen diese Suchbewegung nach einer Poetik der Endlichkeit fort. In Nachtliedern spricht das Ich letzte Worte, die stecken bleiben im Hals.

Varianten
In den Varianten sind einige Gedichte dokumentiert, die in unterschiedlichen Versionen in Zeitschriften gedruckt wurden. Nur in Ausnahmefällen ist nachweisbar, welche Version als Fassung letzter Hand zu betrachten ist. An zwei Beispielen lässt sich Jean Kriers Verfahren zur poetischen Konzentration und rhythmischen Dynamisierung seiner Texte genau studieren. Das Gedicht „Kafka: ,Alles ist in den besten Anfängen‘ (Letzter Brief)“ existiert in vier stark voneinander abweichenden Fassungen, davon wurden drei gedruckt. Die Ode „Umkehr“ ist eine Vorform des „Alles ist in den besten Anfängen“-Gedichts und enthält einige Motive und Fügungen, die dann in den entwickelteren Varianten wieder aufgenommen und dann in einen anderen Kontext integriert werden. Neben dem Gedicht „Kafka: ,Alles ist in den besten Anfängen‘ (Letzter Brief)“ dokumentiert vor allem „Ah, quel bonheur“ die Verwandlungsintentionen des Dichters Jean Krier.
Gegenüber der in Sinn und Form gedruckten Version, die in diskret ironisch gewebten Langzeilen daherkommt, arbeitet die abweichende Version in den „Varianten“ mit Verkürzungen, wirkt fast wie eine elliptische Rohversion des Gedichts.

Michael Braun, Juni 2014

 

Rhapsodik der Sterblichkeit

Der luxemburgische Dichter und Chamisso­preisträger Jean Krier gehört zu den wich­tigsten Stimmen der Gegenwartslyrik im deutschen Sprachraum. Nach seinem Band Herzens Lust Spiele (poeten­laden 2010) plante er für 2014 die Publikation eines neuen Gedicht­bands, über dessen Fertig­stel­lung er verstarb. Aus dem um­fassenden Nach­lass mit mehr als 60 Gedichten konnte unter der Heraus­geber­schaft von Michael Braun das letzte Werk des Lyrikers ver­öffent­licht werden.
Dieser Band Ein­griff, sternklar beinhaltet einige der ein­drucks­vollsten Gedichte des Autors, darun­ter auch Texte, die in der Vor­ahnung des Todes ge­schrie­ben wurden. Jean Kriers virtuos arran­gierten Gedichte sind Sprach­kritik und Fest der Sprache zugleich, sie lauschen dem, was dem sensiblen Ohr des Autors vor­gesetzt und zu­getragen wird, die poetischen Möglich­keiten ab.

Es sind überwältigend schöne Gedichte, in denen der Ton Hölderlins nachhallt und mit ihm die Bewegung der alkäi­schen Oden­strophe, vermischt mit den Melan­cholien eines Bewusst­seins, das die Nähe des Todes spürt. Michael Braun

poetenladen, Ankündigung

 

Das alles zähl auf

– Gedichte aus dem Nachlass des 2013 in Freiburg gestorbenen luxemburgischen Dichters Jean Krier werden vorgestellt. –

Das nimmt mir keiner: so vollgestopft der Kopf
mit schwarzer Welt. Ein Herz, das leer u bebt
u nicht zu messen. Ein Meer, enorm, das frisch
u frei, u über Fels u Ewigkeit hinaus
. (…)

Es scheint gewiss die Welt zu sein, in all ihrer Gegenwärtigkeit, in Worten aus Sprachen, die wir kennen und miteinander sprechen, uns ihrer gegenseitig versichernd. Und die uns in diesen Versen plötzlich doch so schmerzlich fremd anmuten, weil die Pracht ihrer Alltäglichkeit auch daran erinnert, wie vergänglich sie sind, kaum dass sie sich ereigneten.
Die nachgelassenen Gedichte des 1949 geborenen und nach schwerer Krankheit im Januar 2013 in Freiburg gestorbenen luxemburgischen Dichters Jean Krier nehmen sich selbst nicht aus von dieser Wirklichkeit der Schwärzen und Schmerzen. Ihnen steht eingeschrieben ein Ausloten jener menschlichen Grenzerfahrung des nahenden und nahen Todes trotz oder gerade angesichts der Fülle des Lebens.
Das Meer und die Alpen; die Bretagne und die Gärten; die Tiere: Katzen, Raben, Fische, Wespen; die Toten, die Literatur, Hölderlin, Kafka, Ashbery, Beckett; die Jahreszeiten mit blühenden Kirsch- und Apfelbäumen, Blumen, Hitze, Schnee; die Blicke auf Tankstellen, Parkhäuser, Gestrüpp, Ginster, Schlehen, Wiesen und Wald; „Tüten voll Müll (…) u eingeschweißte Telefonbücher“, Infusionsschläuche – vieles hat Platz in diesen Gedichten und findet zueinander, wird gefeiert. Und markiert schonungslos offen auch den melancholischen Umschlagspunkt eines Fühlen und Denkens:

(…) Das alles zähl auf
u vergiss nicht, immer wieder zu sagen, daß alles hingeht

Im Kierkegaardschen Sinne einer sich seiner selbst versichernden und verantwortenden Teilhabe am Leben haben diese Gedichte den Charakter existentieller Mitteilung, dabei oft changierend zwischen euphorischem Glück und sarkastischer Verzweiflung, zwischen hohem Ton und profaner Ernüchterung. Die von Michael Braun behutsam und unter Mithilfe von Jean Kriers Ehefrau Elfie Krier-Clauß besorgte Herausgabe dieses nun als Buch vorliegenden Gedichtkonvoluts aus den Jahren 2009 bis 2012 ist auch ein Hinweis auf einen deutschsprachigen Dichter, der erst spät, 2011, für seinen vorangegangenen Lyrikband Herz Lust Spiele mit dem Albert Chamisso-Preis und dem Prix Servias ausgezeichnet, ins Licht einer breiteren literarischen Öffentlichkeit getreten ist.
Diese Auswahl nachgelassener Gedichte erlaubt Einblicke in Jean Kriers poetischer Arbeit an einer zeitgemäßen Odenform, deren freirhythmische Verse neben großer Musikalität vor allem ausgezeichnet sind durch den souveränen Umgang mit sprachlichem Material verschiedenster Provenienzen, Stimm- und Stillagen.
Im diesem poetischen Spannungsfeld eröffnen die Krierschen Verse plötzlich weite Bewusstseinslandschaften; Möglichkeitsräume, in denen das lyrische Ich auch sein dialogisches und späteres Gegenüber sucht – dort, wo ihm die Sprache versagt, „letzte Worte, die stecken bleiben im Hals (…)“, wo die sprachliche Ordnung instabil wird, irritiert und Konventionen unterläuft; wo sie sogar ganz abbricht und die ohnehin hart gefügten Figuren, Redewendungen und Gedankengänge ihrer Eigendynamik und der Ver-Antwortung des Leser überlässt: Dort halten die Gedichte auf etwas zu, vielleicht auf ein humanes Mit-Leiden angesichts der erschreckenden Leere metaphysischer Räume.
Und wo keine Hoffnung, da bleibt doch immerhin ein Schimmer, diesseits bis zuletzt in diesem versehrten Herz:

In Tränen fließt, so Trost bei
Nacht, dass der Regen u keiner anruft.

Andreas Kohm, Badische Zeitung, 15.12.2014

Sammlung

überwältigend schöner Gedichte. Aus dem Nachlass des 2013 verstorbenen Chamissopreisträgers. Der gebürtige Luxemburger, inspiriert von französischen Inseln und den menschlichen Gegebenheiten dort, schreibt seine Gedichte auf Deutsch. Beeindrucken lässt er sich von Naturgewalten und beobachtbaren Phänomenen, wie nur die Natur sie offenbart. Auf die Frage, warum er seine Gedichte nicht auf Französisch verfasst, antwortete er einmal, dass er nur auf Deutsch die Intensität seiner Eindrücke und Empfindungen beschreiben kann.
Krier schrieb viele Jahre für die Zeitschrift Das Gedicht. 2011 wurde Krier für seine freirhythmischen Elegien, für den Band Herzens Lust Spiele ausgezeichnet. Er war nach zehn Jahren der erste Lyriker, dem dieser Preis verliehen wurde.
Seine patchworkartig gewebten Wortteppiche wirken prosanah und geben Erfahrungsmomente und Lektüreerlebnisse wieder. Krier orientiert sich vor allem an den Werken Hölderlins, Kafkas und der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Seine Prosa erschließt sich nicht gleich. Krier nimmt Kafkas Brief „Alles ist in den besten Anfängen“ zum Anlass, um sich mit seinen Anfängen auseinanderzusetzen, die gleichzeitig mit der Empfindung von Finalität verbunden sind.
Der 1949 in Luxemburg geborene Lyriker, studierte Anglistik und Germanistik in Freiburg (im Breisgau). 2011, im Jahr der Verleihung des Chamisso-Preises, wurde er ebenso mit dem Prix Servais geehrt. Krier hinterließ ein Konvolut an Gedichten, die er veröffentlichen wollte. Der Zustimmung seiner Ehefrau und der mühevollen Arbeit Michael Brauns ist es zu verdanken, dass die Gedichte Jean Kriers über seinen Tod hinaus einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht werden können und eine angemessene Würdigung erfahren.

Cornelia Stahl, litges.at, November 2014

Bittere Nachlese

Die alkäische und die asklepiadische Odenstrophe – diese ganz spezifischen Anordnungen von betonten und unbetonten Silben in einer rhythmisch festgelegten Abfolge von Versen – gäben „einigen der schönsten Gedichte von Klopstock und Hölderlin einen feierlichen Ton von großer Sprachkraft“, heißt es etwas salbungsvoll in Hans-Dieter Gelferts Einführung in die Verslehre. Dieser Ton jedoch sei „dem modernen Leser fremd […], so dass die antiken Odenformen heute wohl nur noch parodistisch verwendet werden können.“ Aus dieser vermutlich achtlos dahingeschriebenen Endgültigkeit seiner Wertung braucht man dem Autor keinen Strick zu drehen. Das Misstrauen gegen jegliches Diktat der Form ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Kennzeichen einer verbreiteten Auffassung von Literatur, mit der nicht nur Gelfert, Jahrgang 1937, aufgewachsen ist, sondern auch ein Dichter (Jahrgang 1949), dessen Werk die antike Odenstrophe zu erneuern sucht und sie – fern von aller Parodie, wenn auch keinesfalls fern von Sarkasmus und Ironie – mit bitterem Ernst zu füllen weiß. Er tut dies unaufdringlich, indem er der Betonung der natürlichen Sprache stets treu bleibt, unter Aufopferung der natürlichen Syntax allerdings, in einer bestechenden Verknappung und Verdichtung von Sprache und Bildlichkeit.
Nach Jean Kriers Tod im Januar 2013 ist im Leipziger Verlag Poetenladen ein Nachlassband erschienen, der formal wie inhaltlich an Herzens Lust Spiele anschließt, also an den herausragenden Band, für den Krier 2011 in Luxemburg den Servais-Preis und in Deutschland den renommierten Chamisso-Preis erhielt. Die Kontinuität wird nicht zuletzt durch den biografischen Kontext gegeben. Eingriff, sternklar setzt sich von seinem Vorgänger durch ein sogar noch gesteigertes Bewusstsein von der eigenen Endlichkeit des Ichs ab, das in diesen Gedichten spricht, durch eine akute „Finalitätsgewissheit“, wie der Herausgeber Michael Braun in seinen aufschlussreichen Anmerkungen im Anhang des Buches schreibt.
„Und du zitterst u stirbst, während die Straßen verstopft sind / mit Autos u Fußbällen u die schlimmen Kinder toben“ heißt es in „Es ist Nacht“. Wie ein ferner Anklang an W.H. Audens lyrischen Versuch auf Brueghel läuft fast nur nebenher die Lebenszeit aus, mitten in irgendeinem Alltag mit seinen zahlreichen Profanitäten, die grundsätzlich Bestandteil von Kriers Lyrik sind, und auf Schritt und Tritt einhergehen mit dem ganz Wesentlichen und Gewichtigen, den großen Fragen nach Sinn und Existenz. Ein durchdringendes Nennen der letzten Dinge klingt aus den letzten Gedichten von Jean Krier, wo es keine Hoffnung auf Überleben mehr gibt, wo das Ende unaufhaltsam naht und sich die Trostperspektiven und Sinnangebote erübrigt haben: „Wie gesagt, das ist alles ein Irrtum“, muss sich das Ich eingestehen:

Der da
im Flur, das ist kein Engel, u das bist nicht du,
zur Blutbildsäule erstarrt

Auch die gewohnte Fülle an literarischen Referenzen ist in den Gedichten aus Eingriff, sternklar nahezu vollständig auf das Leitmotiv von Sterblichkeit und Todesnähe ausgerichtet. Die Worte „sing von Wut, Blut und Krieg“ lassen sich als Paraphrase auf den Anfang der Ilias lesen, der ja vom Streit zwischen Agamemnon und seinem besten Helden Achill kündet, durch den eine Serie von Ereignissen in Gang gesetzt wird, die unweigerlich zum Tod dieses Helden führen müssen. Im Zitat aus Brentanos Märchen vom Myrtenfräulein („Da wirst Sterne du wie Blumen pflücken“) schwingen die vorherigen Verse Brentanos mit:

Selig, wer in Träumen stirbt

Selbst die mehrfach wiederkehrende Anspielung auf den Kinderreim auf den unglückseligen Reiter „Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben“, ist nur ein weiteres Zeichen, das vom Ende kündet.
Larmoyant oder wehleidig wirken diese Verse mit ihrer eigentümlichen Mischung aus getragenem Ton und schroffer Bildlichkeit nie. Gelegentlich blitzen die schalkhaften Distanzierungen auf, durch die Krier nicht nur seinen Lesern, sondern auch dem einen oder anderen ehemaligen Schüler in Erinnerung bleiben wird. Da geistert auf einmal der von Krier so geschätzte Marcel Proust wie ein Gespenst über den nächtlichen Flur, wenn das Ich des Gedichts mutmaßt:

Vielleicht ist es Marcel, der versucht, sich vor
dem Backwerk aus dem Staub zu machen.

So macht sich am Ende auch dieses Ich, das der Leser trotz aller Warnungen dieses oder eines anderen Deutschlehrers nur zu gern für den Autor nimmt, aus dem Staub:

Und so verlasse ich ohne Bedauern u unbekümmert
mein Haus, das mir nicht gehört, mit den Tüten voll
Müll, den ewigen Andeutungen u eingeschweißten
Telefonbüchern. Denn dies ist die Zeit, die ich mein
Leben nenne, herrlich u sinnlos.
[…]

Elise Schmit, d’Lëtzebuerger Land, 17.10.2014

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Kristoffer Cornils: Zwischen Pathos und Profanem
fixpoetry.de, 26.12.2014

Paul-Henry Campbell: Suchbewegung nach einer Poetik der Endlichkeit“
fixpoetry.de, 13.11.2014

Armin Steigenberger: Mais quel bonheur
signaturen-magazin.de

Nina Janz: Die zweite Hälfte des Lebens
literaturkritik.de, Mai 2015

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Jean Krier liest aus Herzens Lust Spiel.

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