Joachim Ringelnatz: Mein Herz im Muschelkalk

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Joachim Ringelnatz: Mein Herz im Muschelkalk

Ringelnatz/Bodecker-Mein Herz im Muschelkalk

DIE NEUEN FERNEN

In der Stratosphäre,
Links vom Eingang, führt ein Gang
(Wenn er nicht verschüttet wäre)
Sieben Kilometer lang
Bis ins Ungefähre.

Dort erkennt man weit und breit
Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit.
Wenn man da die Augen schließt
Und sich langsam selbst erschießt,
Dann erinnert man sich gerne
An den deutschen Abendstern.

 

 

 

Nachwort

Er bedichtete Seifen und Füllfederhalter, für Kartoffeln machte er Reklame und für Badewannen, Juwelierwaren und Sektmarken, Zigaretten, Tapeten und Dachpappen nahm er dichterisch unter seine Fittiche. Er warb für den Besuch von Restaurants und Bars, er feierte die Mode und das Make-up der Schönen dieser Erde. Gedichte schrieb er für Kasperle-Theater befreundeter Familien, und er adorierte weibliche Wesen mit solchen und ähnlichen Gelegenheitsversen:

Dem kleinen Veilchen gleich,
Das im Verborgnen blüht,
Sei immer dick und weich,
Auch wenn dich niemand sieht.

Berühmt aber wurde er mit den „Turngedichten“ und den Versen vom Seemann Kuttel Daddeldu, mit dem er vom Kabarettpublikum der zwanziger Jahre irrtümlich gleichgesetzt wurde.

Joachim Ringelnatz – von ihm ist hier die Rede kam in gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf die Welt. Am 7. August 1883 wurde er unter dem Namen Hans Bötticher als Sohn des Musterzeichners und Schriftstellers Georg Bötticher und dessen Ehefrau Rose Marie in Wurzen, unweit von Leipzig, geboren. Das Porträt des jungen Hans Bötticher, das der nachmalige Dichter Joachim Ringelnatz in seiner Autobiographie Mein Leben bis zum Kriege (1931) entworfen hat, vermittelt einen plastischen Eindruck von der Kindheit „An der Alten Elster“, von einer Jugend in Leipzig am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Schulzwänge und -ängste, infernalische Lausbubenstreiche, von denen er zu berichten weiß, häusliche Feste und mannigfache Auswüchse von pubertärem Erwachen, an die er sich erinnert, geben einen in seinem Detailreichtum lebensvollen Bericht jenseits von „literarischen“ Memoiren.
Der Musterzeichner Georg Bötticher, mit der Familie seit 1887 in Leipzig ansässig, spielte im literarischen und im geselligen Leben der Stadt eine angesehene Rolle. Zeitweise war er Herausgeber von Auerbachs Deutschem Kinderkalender. Auch als Autor, vorwiegend humoristischer Literatur, konnte er auf manche Buchveröffentlichung verweisen. In solcher bildungsbürgerlichen Umgebung aufgewachsen, schien es nicht verwunderlich, wenn schon der Junge, vom Vater sorglich geleitet, schriftstellerisch dilettierte. Neben der Anfertigung von „literarischen“ Aufmerksamkeiten zu Geburtstagen und Familienfesten begann der Sohn bereits 1896 zu publizieren.
Ohne die bürgerliche Sicherheit, die die Familie bot, grundsätzlich in Frage zu stellen, suchte der Freiheitsdrang des Jungen, der sich in zahllosen Kapriolen Luft zu machen suchte, weiter seine Bahn. Vom Leipziger königlichen Staatsgymnasium verwiesen, absolvierte Hans die Tollersche Privat-Realschule, eine sogenannte Presse, mit deren Hilfe es möglich werden sollte, den erwünschten Schulabschluß und somit das Sprungbrett für eine standesgemäße Laufbahn doch noch zu erreichen. Im März 1901 bestand er trotz aller Ablenkungen, Streiche und Vergnügungen das Examen und erhielt das „Reifezeugnis mit der Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligen-Militärdienst“.
Lang gehegter Wunsch von Hans Bötticher war, Seemann zu werden. Und obwohl ihm von verschiedenen Seiten nachdrücklich abgeraten wurde – nur der Vater zeigte Verständnis für diesen „Herzenswunsch“ −, blieb er entschlossen. Lapidar heißt es in der Autobiographie: „Und ich ging zur See.“ Angesichts der im kaiserlichen Deutschland jener Jahre dröhnend vorgetragenen Propaganda für eine imperiale deutsche Seemacht, der sich ein patriotisch gestimmtes Bürgerhaus wie das der Böttichers weder entziehen konnte noch wollte, erscheint der Wunsch des Jungen nicht einmal ausgefallen. Im April 1901 schiffte sich Hans im Hamburger Hafen ein, um in Le Havre das Segelschiff Elli zu erreichen. Ziel war Westindien.
In seinem Bericht von dieser ersten Fahrt, den er 1911 unter dem Titel Was ein Schiffsjungentagebuch erzählt erscheinen ließ, lesen wir vom harten Leben auf See, von Schiffsabenteuern und der Not der Seeleute, von Hunger, Prügeln, von Flucht in den Dschungel und von glücklicher Heimfahrt. Auch vom Warten ohne Arbeit und Geld auf ein neues Schiff und von seinem „Engagement“ in Malferteiners Schlangenbude auf dem „Hamburger Dom“ erfahren wir aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen. Auf verschiedenen Frachtdampfern, auf einem großen Passagierschiff der Hapag, auf Schiffen unterschiedlicher Nationalität folgten dann Fahrten als Leichtmatrose, die ihm – oft nur flüchtig – Bekanntschaft mit fremden Häfen und exotischen Ländern vermittelten. Im Juli 1903 kam das Ende der Seemannslaufbahn. Mangelnde Sehschärfe zwang Hans zum Ausscheiden aus dem Beruf. Doch die Sehnsucht nach Meer und Seefahrt blieb, auch als er, nach Absolvierung seines Militärdienstes in Kiel, nun zweiundzwanzigjährig, die kaufmännische Lehre bei einer Dachpappefabrik in Hamburg antrat.
Das Leben Hans Böttichers blieb voller Überraschungen und Wendungen. Drang zur Veränderung, zu abenteuerlichem Umherschweifen schienen ihm im Blut zu liegen. Aus dem Berufseinerlei brach er plötzlich aus, um, exotisch gewandet und geschminkt, als Kalif von Bagdad im Eltviller Bahnhof vor staunenden Kleinstädtern eine orientalisch Empfangszeremonie aufzuführen. „Eine unbändige Sehnsucht“ trieb ihn eines Tages sogar nach dem englischen Hull, wo er alten Bekanntschaften und Erinnerungen aus seiner Matrosenzeit nachgehen wollte. Schließlich landete er, verzweifelt und halb verhungert, im Antwerpener Gefängnis.
Im Jahr 1908 war der Vagant nach München übergesiedelt. Zunächst wurde er Stadtreisender einer Kaffeehandlung, fungierte dann als Buchhalter und Korrespondent eines Reisebüros, und daneben schrieb er für obskure Blätter wie Bellendes Wurstblatt und Grobian. Systematisch begann er München zu erkunden. „An einem anderen Nachmittag schlenderten wir durch die Türkenstraße“, berichtet er, „da lasen wir ein gelbes Plakat an der Tür eines Restaurants: ,Simplicissimus-Künstlerkneipe‘, illustriert durch einen roten Hund, der eine Sektflasche zu entkorken suchte.“
Die Entdeckung dieses wichtigsten Treffpunkts der Münchner Boheme war für Hans Bötticher von besonderer Bedeutung. Unter der strengen Obhut von Kathi Kobus, der geschäftstüchtigen Wirtin des Lokals, begann er seine künstlerische Laufbahn. Nach verschiedenen Auftritten im Simpl, bei denen ihm echter Beifall versagt blieb, errang er mit dem von ihm verfaßten „Simplicissimus-Traum“ den ersten Erfolg und avancierte bald zum „Hausdichter“ der Kathi Kobus. Seine Gage hielt sich in den Grenzen eines bescheidenen Trinkgeldes, so schrieb er nebenher Reklameverse, Couplets und Chansons als Auftragsarbeiten und kaufte von seinem Ersparten schließlich einen Zigarrenladen, der unter dem volltönenden Namen „Tabakhaus zum Hausdichter“ firmierte und ökonomisch ein absoluter Fehlschlag war.
Die „Künstlerkneipe“ wurde nicht nur Schauplatz seiner ersten Erfolge, sie war zunächst auch Basis einer ärmlichen Schriftstellerexistenz. Der Dichter, der insgeheim „hohe“ Verse schrieb, der 1910 zwei Bücher mit Versen für Kinder veröffentlichte, verdankte diesem Ort eine Fülle interessanter und anregender Bekanntschaften. Im bunten Reigen mischten sich dort dichtende, malende, philosophierende Bohemiens und bereits anerkannte Künstler. Max Dauthendey, Emmy Hennings, Roda Roda, Carl Rößler, Bruno Frank und Ludwig Thoma lernte er ebenso kennen wie Thomas Theodor Heine, Rudolf Wilke, Frank Wedekind und Erich Mühsam. Auch mit dem bibliophilen Kreis um Carl Georg von Maassen war er eng verbunden, und der Bibliophile und Bohemien Baron Thilo von Seebach, dem das schöne Gedicht „An Biegemann“ gewidmet ist, unterrichtete ihn zeitweise in Latein, Geschichte und Literatur. In diesem „Zauberbanne der Boheme“, wie es in einem seiner frühen Gedichte romantisierend heißt, fand Hans Bötticher, zunächst eher geduldet als gleichberechtigt, an Zurücksetzung ob seiner mangelhaften Bildung und seines seltsamen, abnormen Aussehens leidend, doch den Boden, auf dem seine künstlerische Persönlichkeit weiter reifen konnte. Das noch heute lebendige und lesenswerte Buch Mein Leben bis zum Kriege gedenkt neben den Seefahrtserlebnissen, den Schilderungen seiner „baltischen Reise“ auf das Gut der Seebachs und den Monaten als Bibliothekar des Grafen Heinrich Yorck von Wartenburg auf Schloß Klein-Oels besonders jener Münchner Jahre mit ihren Illusionen und Trostlosigkeiten und den Genüssen im Taumel der Boheme.
Die letzten Monate vor Ausbruch des Kriege verbrachte der junge Mann, dessen lyrischen und erzählerischen Arbeiten sich allmählich renommierte Zeitschriften wie Jugend, März und Die Woche geöffnet hatten, wieder in München. Ungetrübte Tage waren es, betrachtet man die Oberfläche. Mit wenigen Sätzen deutet der Autor jedoch auch die stetig näherkommende Gefahr all. Er berichtet von nächtelangen Debatten über die Aussichten Deutschlands in einem Krieg. In einer der seltenen politischen Passagen seines Buches zeichnet er sich in einem betonten Gegensatz zu seinen nationalistisch bramarbasierenden Freunden und ergreift Partei mit „Kopf und Herz“ auf der Seite seines – 1914 gefallenen – Freundes Oskar Dolch, „der Sozialdemokrat und gegen den Krieg war“.
Aus der Rückschau des Jahres 1928 hat Ringelnatz in seinem autobiographischen Buch Als Mariner im Krieg des Lebens und Sterbens auf See gedacht. Trotz seiner anfänglichen Kriegsbegeisterung, aus der er sich, ähnlich vielen anderen deutschen Schriftstellern, nur allmählich lösen konnte, hat er mit seinem Abscheu vor der militaristischen Menschenverachtung nicht zurückgehalten. Sein ständig wachsender Ekel vor dem Krieg drückt sich zwar selten verbal aus, aber Begebenheiten und Schicksale, Not und Tod in jenen Jahren werden ohne falschen heroischen Glanz und verlogenes patriotisches Pathos dargestellt. Seine Selbstkritik ob der anfänglichen kriegerischen Imponiergesten klingt ehrlich, aber seine Position als Leutnant der Reserve und die für ihn weiterhin gültigen bürgerlich-idealistischen Wertvorstellungen über Recht und Ordnung mögen ihm den Weg verstellt haben, 1918 auf die Seite der Revolutionäre überzugehen.
Der berufs- und stellungslose Hans Bötticher sah sich 1918 vor die Existenzfrage gestellt. Seine hoffnungslose Lage, durch Nachkriegsmangel, Hunger und Krankheit zusätzlich erschwert, zwang ihn zu verzweifelter Suche nach einem Platz zum Leben und nach einem Brotberuf. Zunächst hielt er sich in München, dann in Berlin auf. Er besuchte eine Obstbauschule in Freyburg/Unstrut und unternahm im Auftrag eines befreundeten Architekten verschiedene Reisen durch Nord- und Süddeutschland. Da er keine Arbeitserlaubnis besaß, mußte er Berlin wieder in Richtung München verlassen. Seine Versuche, irgendwo Fuß zu fassen, waren zunächst erfolglos, doch blieb er beharrlich bemüht, sich Möglichkeiten zum Schreiben zu schaffen. Im Dezember 1919 war in seinem Tagebuch der Name Ringelnatz aufgetaucht: „Seit einer Woche Ringelnatz-Gedichte geschrieben…“ Im Band Joachim Ringelnatzens Turngedichte (1920) zeichnete er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit mit dem Namen, unter dem er bald weithin bekannt werden sollte. Im Frühjahr 1920 verlobte er sich mit Leonharda Pieper, die er 1916 während eines Urlaubs in Eisenach kennen gelernt hatte. Im August fand in München die Hochzeit statt.
Tagsüber arbeitete Ringelnatz in der Postüberwachungsstelle der Stadt, abends trat er wieder im Simpl auf. Hans von Wolzogen engagierte ihn kurz darauf für Schall und Rauch, das Berliner literarische Kabarett im Großen Schauspielhaus, in dem Ringelnatz mit „Turngedichten“ und Versen vom Seemann Kuttel Daddeldu auftrat. Es brachte ihm erste große Publizität, es führte ihm zahlreiche Bekanntschaften und auch neue Freunde zu wie den Schauspieler Paul Wegener, es war der Beginn seiner eigentlichen Kabarett-Karriere. Sein Vortrag aber traf nicht immer auf einhellige Zustimmung. Zur Genüge gab es bornierte Reaktionen im Publikum, und in der nationalistischen Presse wurde sogar von „Ringelnatzschen Schweinetrog-Poesien“ gefaselt.
Es war auch der Beginn seiner Vortragsreisen, die ihn über Wochen und Monate des Jahres von seiner jungen Frau getrennt hielten und ihn bis 1933 in alle großen deutschen Kabaretts und auch zu Auftritten nach Wien, nach Prag und in die Schweiz führten. Die Reisen als Artist kamen dem natürlichen Drang des Dichters nach Veränderung, nach Erlebnis und Abenteuer entgegen. Sie erschlossen ihm neue Schauplätze und ergaben Anlässe für immer neue Gedichte, die unterwegs entstanden. Zum anderen wurde das Reisen mit den Jahren zum Zwang und zur Qual, denn der Unterhalt des Ehepaars mußte zum großen Teil aus solchen Einkünften bestritten werden. Die Auftrittsorte und die Arbeitsbedingungen für den Artisten waren oftmals nicht nach dem Wunsch des Dichters. Muschelkalk, seine Frau, Addressat vieler Reisebriefe, berichtete resümierend über jene Zeit: „Abgesehen von den wenigen literarischen Kabaretts, wie Wolzogens Schall und Rauch oder der Wilden Bühne der Trude Hesterberg in Berlin, mußte Ringelnatz sowohl in Berlin als auch in anderen Städten in ganz gewöhnlichen Tingeltangels zusammen mit Tanz-Girls, primitiven Komikern usw. auftreten.“ Doch ungeachtet der zahlreichen Mißhelligkeiten fand er auf seinen Tourneen oft zu freundlichen Menschen, die seine Kunst, seine Gedichte bewunderten, die als kleine Gemeinde oder als persönliche Freunde in Berlin oder in Frankfurt, in Halle, in Hamburg oder in Stuttgart ihr Haus für ihn geöffnet hielten.
Diese Jahre seiner Vortragstätigkeit waren nicht nur durch Reisen von Stadt zu Stadt, von Engagement zu Engagement gekennzeichnet, sie waren auch mit unermüdlicher literarischer Arbeit ausgefüllt. Joachim Ringelnatzens Turngedichte von 1920, die wie Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid zunächst bei Alfred Richard Meyer in Berlin erschienen waren, wurden 1923 in erweiterten Neuausgaben vom renommierten Kurt Wolff Verlag in München vorgelegt. Die versifizierten Reisebriefe machten, vor allem in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre, einen Großteil der lyrischen Ernte aus und wurden in Sammelbänden vorgestellt, die Ringelnatz’ Freund, der Verleger Ernst Rowohlt, prächtig drucken ließ: Reisebriefe eines Artisten (1927), Allerdings (1928), Flugzeuggedanken (1929), Gedichte dreier Jahre (1932) und Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute (1934) und schließlich Der Nachlaß (1935). Daneben erschienen die Kinderbücher Geheimes Kinder-Spiel-Buch (1924) und Kinder-Verwirr-Buch (1931). Zahlreiche Gelegenheitsgedichte entstanden, so die Reklameverse Für die Mode, nicht dagegen sei der Mensch (1936), Kasperle-Verse (1939) und Betrachtungen über dicke und dünne Frauen (1940/41). Auch dramatischen Arbeiten widmete sich Ringelnatz immer wieder, ohne damit nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Neben den großen autobiographischen Büchern, von denen schon die Rede war, den Märchen und Geschichten, die zum Teil im Band Nervosipopel (1924) gesammelt wurden, publizierte der Autor Ringelnatz zwischen 1921 und 1933, wie Walter Pape in seiner vorzüglichen Ringelnatz-Monographie feststellt, etwa sechshundert Gedichte in Zeitschriften, vornehmlich im Simplicissimus, in Die Weltbühne und in Die literarische Welt.
Diese Erfolge veränderten die soziale Situation des Dichters zunächst nicht wesentlich. Die Ochsentour des unermüdlich zum Reisen Gezwungenen, der schon 1928 klagte, daß er des Tingelns müde sei, ging unerbittlich weiter. Seit dem Ende der zwanziger Jahre war zudem die politische Reaktion deutlich erstarkt. Das demokratische Leben wurde durch die andrängende Naziflut allmählich ausgehöhlt. Besonders in München, der von den Faschisten anmaßend als „Hauptstadt der Bewegung“ beanspruchten bayrischen Metropole, verschlechterte sich das politische wie das kulturelle Klima rapid. „Aus der dümmsten Stadt in der Welt“, wie es in einem seiner Gedichte hieß, zog Ringelnatz mit seiner Frau im Frühjahr 1930 nach Berlin und richtete sich in einer Atelierwohnung am Sachsenplatz ein. Seine Vortragstätigkeit hatte in den letzten Jahren größere Anerkennung erfahren. So, konnte er sich die Orte seines Auftretens nun eher auswählen und Angebote von üblen Tingeltangels ausschlagen. So fand er auch mehr Zeit, unter besseren Bedingungen zu arbeiten und sich seiner alten Liebe, der Malerei, zu widmen.
Seit dem Jahr 1923 hatte er in zunehmendem Maße als Maler Erfolg verbuchen können. Renée Sintenis, die Berliner Bildhauerin, und ihr Mann, der Maler und Buchkünstler Emil Rudolf Weiss, sowie der bekannte Berliner Maler Carl Hofer hatten Ringelnatz immer wieder ermuntert, zum Pinsel zu greifen. Ausstellungen in der Galerie Flechtheim, bei Nierendorf und in anderen Galerien, oft verbunden mit Lesungen des Dichters, wurden zwar kaum finanzielle, aber doch große persönliche Erfolge des Künstlers. Ringelnatz als Maler wurde seit Mitte der zwanziger Jahre ein beliebtes Thema für zahlreiche Journale und Magazine. Selbst ausgewiesene Kunsthistoriker wie der damalige Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Ludwig Justi, zollten dem Maler „ohne Kunstschulbildung“ Respekt: „Seine kleinen Gemälde gehen… aus dem Beobachtungsreichtum eines Weltenbummlers und der geistigen Wendigkeit eines Menschen (hervor), der durch das Unerwartete in der Führung seiner Gedichte überrascht. Auf seinen Bildchen ist jedoch nichts literarisch, sondern alles bildhaft: die Ordnung der Massen, die Hineinstellung der Figürchen, die Verteilung der Farben. Es sind eher Einfälle als Beobachtungen, immer eigen und erfreulich.“
Berlin, das ihm schon früher freundlich entgegengekommen war, entzückte Ringelnatz auf vielfache Art. Mit Vehemenz stürzte er sich auf die für ihn bisher raren Möglichkeiten bei Rundfunk, Film, Schallplatte, ohne daß sein Elan immer zu Buche geschlagen wäre. Doch die Weltstadt hielt auch andres für ihn bereit: Freunde, Geselligkeit und urbanes Leben, in das er freudig eintauchte. In jenen Jahren entstanden erneut zahlreiche Großstadtgedichte, deren soziale Komponente die Betroffenheit des Dichters angesichts der allgemeinen Krise der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland widerspiegelte. Muschelkalk resümierte: „Bald warfen aber auch in Berlin die Hitlerjahre, von denen wir schon in München, ohne die wahren Hintergründe zu ahnen, einen Vorgeschmack bekommen hatten, ihre düsteren Schatten voraus.“
Noch im Januar/Februar 1933 war Ringelnatz in Frankfurt am Main aufgetreten. Im März/April hatte er eine Ausstellung seiner Bilder in Leipzig, dann aber wurde seine Vortragstätigkeit allenthalben verboten. In Dresden hatte man ihn schon im Februar von der Bühne geholt. In München unterband die Polizei „das geplante Auftreten des Schriftstellers Joachim Ringelnatz in der Künstlerkneipe Simplicissimus“. Andere Städte folgten, in Hamburg und Lübeck wurden bereits ausverkaufte Veranstaltungen abgesetzt. Ringelnatz verstummte in der Öffentlichkeit. Seine Bücher wurden beschlagnahmt. In den folgenden Jahren konnten sie zwar zum Teil wieder erscheinen, aber nur als „gereinigte“ Ausgaben.
Zunächst bedeuteten die Verbote, daß das Ehepaar faktisch ohne Existenzgrundlage war. Einmal noch durfte Ringelnatz unter Schwierigkeiten zu einem Gastspiel in die Schweiz reisen. Todkrank kam er im Februar 1934 nach Berlin zurück. Eine seit langem schwelende Magen- und Lungentuberkulose war zum Ausbruch gekommen. Den Sommer 1934 verbrachte er in einem Sanatorium in der Nähe von Berlin. Freunde hatten finanziell geholfen. Sein Zustand verschlechterte sich jedoch schnell. Im Oktober kehrte er in die Wohnung am Sachsenplatz zurück, fast bis zuletzt schreibend, mit literarischen Plänen beschäftigt. Am 17. November 1934 starb Joachim Ringelnatz im Alter von einundfünfzig Jahren in Berlin.
Eine große Genugtuung wurde dem Dichter noch einmal, zu seinem fünfzigsten Geburtstag, zuteil. Zum 7. August 1933 hatte Ernst Rowohlt Freunde und Bewunderer von Ringelnatz zu einer Feierstunde in das Hotel Kaiserhof geladen. Es kamen auch Asta Nielsen, Renée Sintenis und Paul Wegener, der eine kleine Festrede hielt. „Dann betrat Ringelnatz selbst das Podium und sprach eine Reihe seiner schönsten Gedichte“, wie der Freund Hans Siemsen im Berliner Tageblatt schrieb. „Und natürlich nicht als ,Jubilar‘, sondern so, wie wenn er von seinem echten Gefühl und seiner quellenden Anschauung nur so spielend den Text abzulesen brauchte. Das Publikum, unter dem viele Künstler waren, brachte ihm herzliche Ovationen dar…“

Einer der wenigen, die den Dichter nicht nur gekannt hatten, sondern ihm in tiefer Erkenntnis seines Wesens, unbeeindruckt von Tagesbeifall, Anfeindung oder Boykott, über viele Jahre die Treue hielten, der Schauspieler Paul Wegener, schrieb, noch einmal Abschied nehmend, im Dezember 1935: „Ringelnatz gab sich schwer, er war verschlossen und spröde, wie es überzarte Menschen meistens sind… Und diese selbe zarte Seele dichtete den wüsten ,Kuttel Daddeldu und die Seemannsbraut‘ usw. und stand, die Flasche in der Hand, auf den Kabarettbühnen?“
Der von Wegener angedeutete Widerspruch, die seltsame Einheit scheinbar unvereinbarer Dinge in Leben und Werk von Joachim Ringelnatz zeigt sich früh, und niemand hat sie wohl deutlicher dargestellt als Ringelnatz selbst; sein Werk gibt die eindringlichste Demonstration seines Wesens.
Das Publikum von Varietes und Kleinkunstbühnen unterschiedlicher Art, das, von Tabaksqualm und Bierdunst umwölkt, Ringelnatz inmitten zahlreicher Schaunummern als beliebige Attraktion serviert bekam, merkte oft nicht, und konnte wohl auch nicht erkennen, was das Wesentliche und das Besondere an diesem seltsamen schmächtigen Mann mit der übergroßen Nase war. „Es ist so traurig“, schreibt Erich Kästner schon 1924, „daß sich die meisten gewöhnt haben, über Ringelnatz als einen Hanswurst und Suppenkaspar zu lachen. Merken denn so wenige, daß man keine Kabarettnummer, sondern einen Dichter vor sich hat?“
Und ein Dichter wollte schon der junge Hans Bötticher werden. Bereits seine Kindheitsgedichte zeugen von besonders lebhafter Phantasie, die sich allerdings deutlich in den vom Vater vorgegebenen literarischen Bahnen entwickelt. Bis auf Ausnahmen verraten auch die Gedichte des jungen Mannes aus der frühen Münchner Zeit wenig Eigenart. Die Simplicissimus-Gedichte, die von lokalen Ereignissen leben und Begebenheiten aus der künstlerischen Boheme, speziell aus dem Simpl, aufarbeiten, bleiben von den „hohen“ Gedichten Hans Böttichers streng getrennt. Letztere folgen neuromantischen Vorbildern, ein wenig Butzenscheibenlyrik ist darin, auch deutliche Anklänge an Heinrich Heine und Richard Dehmel. Mit Ehrlichkeit und Leidenschaft nähert sich der Dichter seinen Themen. Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit, nach wahrer Freundschaft wird tränenreich beschworen. Von der späteren Komik Ringelnatzscher Dichtung ist kaum etwas zu spüren, obwohl zuweilen ein Detail genannt wird wie die lange Nase des Dichters, deren Charakterisierung als komisch er akzeptiert, ohne sein Weh und Leiden an dieser Abnormität verbergen zu können.
Bereits in den „Stumpfsinns“- Versen des Buches Die Schnupftabaksdose von 1912 distanziert sich Hans Bötticher – noch immer zeichnet er mit seinem bürgerlichen Namen – von den neuromantischen Versen seines Bandes Gedichte von 1910, in denen er das „nachtigallige Land“ besungen hatte. Erst der Band Die Schnupftabaksdose bringt einen gewissen Erfolg, ein Echo zumindest aus dem Kreise der Freunde und nächsten Münchner Bekannten. Die liebevolle Betrachtung kleiner Dinge des Alltags im Gedicht vom Briefmark oder von der Lampe, in Gedichten, in denen Gegenstände wie Nagel, Messingschraube und das vom Dichter erfundene Suahelischnurrbarthaar auf zauberhaft-liebenswürdige Weise lebendig werden, ohne daß der Autor sie ins Niedliche rückt, beteiligt uns am Gespräch und am Agieren „kleiner Wesen“. Dieser „Stumpfsinn in Versen“, wie der Untertitel des Buches lautet, läßt zum ersten Mal etwas von der komischen Kraft Hans Böttichers spüren. Die Verse seiner Unsinnspoesie, mit der er zunächst die literarische Tradition von Künstler- und Gelehrtengesellschaften des 19. Jahrhunderts fortsetzt, erfreuen trotz sichtlicher Anlehnung an parodierten Bänkelsang, an Wedekinds Moritaten und an die zahlreichen Heine-Parodien, die er vermutlich schon im väterlichen Haus kennengelernt hatte. Auch Märchen stehen Pate, vor allem die von Hans Christian Andersen. Neben einigen albernen und flachen Späßen, die mitunterlaufen, gelingen ihm durchaus bizarr-komische Erfindungen wie die vom „Briefmark“, „Die Ameisen“ oder „Logik“. Es bahnt sich die eigenartige, unverwechselbare Mischung aus scheinbar unvereinbaren Dingen an, die Sicht auf ein Nebeneinander heterogener Elemente des Lebens, deren poetisches Miteinander einen besonderen Reiz der Gedichte von Joachim Ringelnatz ausmachen sollte.
In einem Brief aus Berlin vom September 1920 berichtet der Dichter seiner Frau vom Auftreten im Kabarett Schall und Rauch: „Heute abend wurde ich zum Schluß regelrecht ausgepfiffen. Es war das berüchtigte Sonnabendpublikum…“ Die Reaktionen auf die „Turngedichte“ und auf die Verse vom Seemann Kuttel Daddeldu waren vielfältig. Vom Jubel bis zum Verriß fand sich im Blätterwald fast jede mögliche Äußerung. „Es gilt nicht für taktvoll, in Deutschland im Cabaret Politik zu machen…“, schreibt Tucholsky im Schall und Rauch-Programmheft vom Juni 1920. Politik im Sinne von Tucholsky oder von Walter Mehring, damals Hausdichter des Kabaretts, hatte Ringelnatz bei diesem seinem ersten Berliner Auftreten allerdings nicht geboten. Satirische Attacken gegen die politische Reaktion, gegen putschlüsterne Offiziere, gegen Freikorps und Kapital waren seine Sache nicht. Doch der ungewöhnliche, grotesk-satirische Impetus der Ringelnatzschen Verse differenzierte das Publikum mitunter bis zum Skandal und veranlaßte die reaktionäre Presse zu Ablehnung und auch zu unflätigen Angriffen.
Die „Turngedichte“ sind eine großartige Auseinandersetzung mit nationalistischem Sportrummel und der Komik so manchen „Fußballwahns“. Diese Turn- und Sportgedichte, die parodieren wollen, sind etwas Einmaliges in der deutschen Dichtung, obwohl sie weder in der Form – der Parodie von Klassikergedichten – noch in der Aufnahme des Themas einzig dastehen, sondern, wie Walter Pape detailreich belegt hat, nur den Höhepunkt in einer Kette von parodistischen Bemühungen seit Theodor Körner, Heinrich Heine, Joseph Victor von Scheffel, Ludwig Eichrodt und Wilhelm Busch darstellen. Ringelnatz gelingt es, in einer grotesk-satirischen Bündelung der parodistischen Elemente den nicht selten komisch wirkenden, mitunter sogar ins Groteske spielenden Sport „an sich“ ad absurdum zu führen. Trotz mancher Deftigkeit und Überzogenheit läßt es der Autor jedoch niemals zu einem Umkippen der Geschehnisse in eine haßvolle Betrachtung kommen. Er stellt sich somit nicht in die Ecke des Sportfeinds, wohin er wirklich nicht gehört, wie auch spätere Gedichte beweisen. Ringelnatz’ Beobachterfunktion bleibt im Wesentlichen ironisch, spöttisch angesichts maßloser Übertreibung einer eigentlich guten Sache. Dabei ist der antiteutonische Aspekt der Gedichte nicht zu übersehen. Dennoch bildet er nur ein Element der Gedichte, die im Kern mehr auf die menschlich-allzumenschliche Komik des Turn- und Sportbetriebs zielen. Ringelnatz hat sich nie als politischer Dichter verstanden, und er war niemals literarischer Fahnenträger einer politischen Idee. Auch in den Turngedichten tritt er nicht frontal als Zeit- oder Gesellschaftskritiker auf. Dennoch ist der Affront, der in seinen Versen mitschwingt, von den schwarz-weiß-roten „Klimmzüglern“ und „Springfritzen“, wie Erich Mühsam sie einmal titulierte, durchaus als Angriff verstanden worden. Denn die Tendenz ist – jedenfalls für Ringelnatz – überraschend deutlich, zum Teil sogar forciert satirisch formuliert und tritt in eine glückliche Verbindung mit dem grotesken Element einer Sportparodie. Sie weist mit Genuß auf eine weitere Komponente solchen athletischen Betriebs hin und kommentiert sie durch erotische Anspielung und ihren Übergang ins Obszöne:

Zwinge den Mann mit den Nerven
Nieder nach Sitte und Jus.
Kannst du dich über ihn werfen
Just wie im Koi, dann tu’s!

Die Verse vom Seemann Kuttel Daddeldu frappierten das Publikum in noch stärkerem Maße als die „Turngedichte“. Schon die sich im Sprachspiel vermischenden Elemente von Seemannsjargon und Pidgin-English in lautmalender Schreibweise erzielen eine Komik, die leicht hingeworfen zu sein scheint: „Bei Jesus Chreist!… Scheek hends!… Skool! bleddi Sanofebitsch…“ Neben diesen spielerischen Elementen stehen die mit bunten, grellen Erlebnis- und Beobachtungspartikeln vollgestopften Storys, die Mono- und Dialoge um den Seemann Kuttel Daddeldu, denen man nicht gerecht wird, wenn man sie nur als Mords-Spaß wertet, als gereimten Klamauk, als rüdes, gegen den Salonton gerichtetes, versifiziertes Seemannsgarn. Denn jenseits des lauten Tons der Matrosenspäße hört man – gewissermaßen in einer Sprechpause – den wehmütigen, zarten Herzschlag des Dichters, der „schnurrige Sachen“ erzählt, die zugleich leidvolle Erfahrungen sind: „Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.“ Das „Geheimfach“ dieser Ringelnatzschen Poesie zu entdecken, ist jeder Leser selbst aufgerufen, und schließlich wird er fündig werden. Zwischen Ernst und Scherz, zwischen knalliger Situationskomik und geheimnisvollem erotischem Abenteuer am Wilberforce-Monument wird er auf das Bekenntnis des Dichters stoßen: „Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo im Muschelkalk.“ Womit in diesem vielstimmigen Gedicht und seinem präzisen Bild Ringelnatz’ innige Liebeserklärung an Muschelkalk, seine Frau, einbeschlossen ist.
Nicht nur aus solchem Grunde scheint es falsch oder zumindest einschichtig, die Kuttel-Daddeldu-Gedichte lediglich als Reminiszenz an ein ungezügeltes Vorleben zu werten. Das Laute, Grelle und zum Teil Rüde, das wie in der „Seemannstreue“ Unappetitliches streift, ist nur eine Seite der Sehnsucht nach entschwundener Jugendzeit, wenn auch ein schnell in Auge und Ohr fallendes Element jener Poesie. Doch die leisen Töne des Verzagtseins, der Einsamkeit, der Klage über verschwendetes Leben sind unüberhörbar. Überstrahlt wird alles von der Gestalt des Seemanns Kuttel Daddeldu, eines anderen Ichs des Dichters. Sie ist ein Geniestreich von wahrhaft komischer Kraft, eine aus der Fülle autobiographischen Materials geschaffene blutvolle und zugleich literarische Figur, in der der Dichter sich und sein Leben durch Parodie zu objektivieren sucht. Der komische Abstand, den er durch diese Figur zur eigenen Vergangenheit schafft, eröffnet den Spielraum, in dem er die exotischen Märchen seines Lebens erzählt.
Der seinem Spieltrieb lebenslang ausgelieferte Ringelnatz war der Kinderwelt stets zugetan. 1924 und 1931 hat er die Kinderbücher Geheimes Kinder-Spiel-Buch und Kinder-Verwirr-Buch vorgelegt, die mehrere „brave“ Vorläufer aus den frühen Münchner Jahren besitzen. Das Geheime Kinder-Spiel-Buch ist, wie sein Nachfolger, natürlich kein „Buch für Kinder von 5 bis 15 Jahren“, wie es 1924 angekündigt wurde. Der Dichter bietet Abzählreime, und er erzählt fröhlich-händereibend von hanebüchenen Spielen, wie sie einmal, so oder ähnlich, von Hans Bötticher und seinen Freunden gespielt worden sind. Darunter befinden sich Nonsens-Verse und Gedichte, die auf heitere und parodistische Weise Erziehungsprobleme berühren. Die Reflexe auf kindliche Betätigung münden dabei zuweilen in phantastische Zügellosigkeit und umgehen auch nicht die von Wertvorstellungen noch weitgehend ungetrübte kindliche Lust am Sadistischen, am Fäkalischen und Obszönen.
So sind die Kinderbücher bei aller bezaubernden Eigenart nicht unproblematisch. Wobei natürlich nicht die Rede davon sein kann, daß sie eine „ernste Gefahr für die sittliche Entwicklung der Kinder“ darstellen, wie es 1924 im Brief eines Herrn von Zitzewitz, weiland Polizeipräsident von Potsdam, heißt. Es sind vielmehr Bücher unbändiger Spottlust ob der steifen Erwachsenengesellschaft, die kindlicher Psyche und kindlichem Spieltrieb mit Unverständnis und drakonischen Strafandrohungen gegenübersteht. Das ewige Kind in Ringelnatz ergreift lustvoll die Gelegenheit, seinem naiven Spieltrieb die Zügel schießen zu lassen, wobei er zuweilen über die Stränge schlägt und – wie im Gedicht „Silvester bei den Kannibalen“ – die Balance zu verlieren droht. Hinzuzufügen wäre allerdings, daß das Gedicht deutlich Züge eines exotischen Märchens trägt und so eher in die Gesellschaft eines Gedichts wie „Terrbarium“ und seiner immanenten Selbstkritik gehört oder in die Nähe der phantastischen Abenteuer eines Kuttel Daddeldu. Die „Grausamkeiten“ sind also nicht intellektuell begründet, sie bleiben auch in ihrer Überzogenheit naives Spiel.
Bereits Mitte der zwanziger Jahre findet der Dichter leisere Töne. Die parodistische, groteske Bewältigung seines Lebensstoffes tritt in den Hintergrund. Das zeigt sich im Band Reisebriefe eines Artisten (1927), der die lyrische Ernte der Jahre von 1921 bis 1927 sammelt. Die Gedichte sind Ansichtskarten gegen den Strich. Weniger geht es ihrem Autor um die zahlreichen Orte, die er, manchmal flüchtig genug, berührte, als um den emotionellen Niederschlag seiner Erlebnisse, der neuen Freund- und Bekanntschaften. Topographie von Stadtlandschaften kann nur selten deutlich festgestellt werden, eher das örtliche Netz von Weinlokalen. Denn der Autor fühlt sich nichts weniger als ein Tourist. Es macht ihm ein koboldartiges Vergnügen, die Erwartungen auf „Schöne Aussichten“ durch Lausbübereien, durch Hervorheben von Trinkfreuden, von Augenschmaus angesichts ihm besonders lieber Winkel in Stadt und Land, angesichts schöner Frauen oder seltener Stimmungen zu düpieren.
Die Gedichte sind natürlich mehr als ein Vexierspiel mit Kleinbürgererwartung: Wenn einer eine Reise tut… Sie entbehren nicht ganz und gar der „Beschreibung“; vom Genius loci und von mancher Städteansicht wissen sie Erstaunliches, mitunter allerdings auch nur Privates und Belangloses mitzuteilen. Da schwingt Selbstironie mit, Einsamkeit und Verlorenheit, Glücksempfindung und Melancholie, wie in dem wunderbaren Gedicht „Aneinander vorbei“, das die Grundsituation und die Gefühlslage so mancher Reise ins Bild setzt:

… Angelangt, ergibst du mittelgroß
Dich der Höflichkeit, dem Stande und dem Gelde.
Nachts im Bette träumst du hoffnungslos
Von den beiden Mädchen auf dem Felde.

Die Stimmungen wechseln zwischen Staunen, Sehnsucht, Schwermut, Leichtigkeit, Spott, Grimm, Grauen und auch Existenzangst. Ohne pompöse Geste werden Lebensweisheit und Menschenfreundlichkeit wie beiläufig mitgeteilt. Die über Strecken heitere Geographie, der das Fernweh und der Überdruß von zu gut bekannter Nähe nicht abgeht, verschmäht kaum eines der wesentlichen Elemente auch der späteren Ringelnatzschen Poesie. Dabei ist dem Dichter sicherlich manches Oberflächliche und Ungerechte über die Orte, die er gesehen, erlebt oder nur gestreift hat, unterlaufen. Die Bürger und Lokalpatrioten von „Übralldaß a.d. Elbe“ und anderen namhaft gemachten Städten wären, wenn sie weitergelesen hätten, vielleicht getröstet worden, daß Ringelnatz mit vielen Orten und selbst mit seiner Heimatstadt mitunter nicht eben glimpflich umgegangen ist.
Gegen Ende der zwanziger Jahre, in den großen Sammlungen Allerdings (1928), Flugzeuggedanken (1929) und schließlich in den Bänden Gedichte dreier Jahre (1932) und Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute (1934) verstärkt sich die besinnliche Komponente der Ringelnatzschen Dichtung. Die „lauten“ Gedichte sind zurückgetreten. Die Themen Liebe und Freundschaft, Tod und Gott finden in der Ringelnatzschen Sprache und Begriffswelt größere Beachtung. Das Mitleiden, das Mitempfinden mit dem Schicksal Benachteiligter und Gescheiterter tritt stärker in den Blickwinkel der Dichtung, ohne daß sie nun Mitleidspoesie würde. Ringelnatz vergißt nicht die sozial Deklassierten, die Arbeitslosen, die Hungernden, die Ausgestoßenen und die Einsamen, die zu wenig geliebten Kinder und Alten, er mißachtet auch „hilflose Tiere“ nicht. Der früher eher derbkomischen Auffassung solcher Themen – man denke an das Schicksal des Mannes, der mit bemachten Hosen einsam durch die Nacht irrt – folgt jetzt die stärker melancholische, die tragische Variante. Wobei das Gefühl des Dichters vom Allumfassen und Umarmen der Bedürftigen zuweilen auch an Verklärung von Armut grenzt.
Trotz des sozialen Engagements wird die Aussage aber kaum jemals direkt politisch. Sie gewinnt allerdings neue Dimensionen an Verantwortung und Mitgefühl. Das Politische wird fast nur gebrochen reflektiert als Unbehagen, zum Teil auch als Unverständnis, als Flucht in geschützte Bereiche. Der aggressive Song, das satirische Gedicht, das Chanson für das politische Kabarett, wie sie bei Tucholsky, Mehring, bei Kästner und auch bei Klabund zeitweise im Zentrum ihres Schaffens stehen, liegen nicht in Ringelnatz’ poetischem Vermögen. Seine Absicht ist es jedoch durchaus, gewisse Zeitgenossen zu attackieren: „Bürger, den ich meine“. Solche Gedichte zielen aber mehr auf den sozialen Typus des behäbigen Bürgers oder des Spießers. Deren politische Entsprechung im deutsch-nationalen Lager oder gar in dem der Nazis tritt in seinen Gedichten nicht in Erscheinung. Ringelnatz’ Traum von Gerechtigkeit und einer lebenswerten Gesellschaft besitzt keine fest umrissenen Vorstellungen. Die Sehnsucht gilt einer Welt, in der man ungestraft gut sein darf. Seine Reaktionen angesichts der politischen Wirklichkeit der Weimarer Republik, seine von tradierten konservativen Vorstellungen geprägten ethischen Grundsätze weisen gegenüber den Kämpfen der Massen, gegenüber Demokratie und Parlamentarismus auf weitgehendes Unverständnis und vor allem auf Hilflosigkeit hin. Resignation schwingt in vielen Gedichten Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre mit. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang das kleine Gedicht „Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?“. Ringelnatz’ Einzelgängertum und seine oft hilflose Verlorenheit, denen nichts von Lebensfeindlichkeit oder Unverantwortlichkeit anhaftet, drückt sich zuweilen schmerzhaft aus, vielleicht am prägnantesten in dem Gedicht „An die Masse“, über das oft gemutmaßt wurde. Wobei über dem Feststellen der Resignation des Autors der Unterton von Selbstironie und das Mitgefühl mit den Anderen zuweilen übersehen wurde.
Gewiß hat Ringelnatz ein zwischen Mißtrauen und Ablehnung schwankendes Verhältnis zur Politik besessen. Undenkbar erschien ihm zum Beispiel, Kunst und Politik zusammenzuführen. Dennoch dürfte es zu einfach sein, Ringelnatz barsch in die Ecke von Individualismus und Kleinbürgerlichkeit zu weisen. Der poetische Abglanz seiner Menschenliebe, seiner emotionellen Verbundenheit mit Hilflosen und Bedrängten vermag die Einseitigkeiten und Hilflosigkeiten des Dichters in mancher Hinsicht „aufzuheben“.
Ringelnatz’ Beschäftigung mit dem Thema des Fliegens, sein dichterischer Tribut an das neue Verkehrsmittel, ist bemerkenswert und korrespondiert mit seiner Grundhaltung, sich stets neuen Erlebnissen hingeben zu können, zum alltäglichen Wunder bereit zu sein. Manches in seinen Fluggedichten neigt zwar zum Flächigen, zum Epischen gar, zu einer Art lyrischer Reportage, aber auch wenn Ringelnatz weder der erste noch der einzige zeitgenössische Dichter war, der sich diesem Thema widmete, so ist seine poetische Erschließung des Fliegens doch bemerkenswert, denn sie wird vehement und begeistert geführt, und sie trifft echte Zeitstimmung.
Das kleine Leben ist auch im Band Flugzeuggedanken sein Gegenstand. Ein wahrer Mikrokosmos wird entdeckt, und das wunderbar-wunderliche Dichterauge nimmt jede Regung wahr. Der Beobachter zieht seinen Hut vor jedem, selbst dem kleinsten Wesen. Der Dichter meint, und setzt es auch in den folgenden Gedichtbänden in Sprache und Bild, daß es nichts gebe, was ob seiner Kleinheit zu verachten sei. Zu erinnern bleibt dabei gewiß, daß solche Kleinwelt auch die Kehrseite seiner Satire über die „satten Mittelpunkte“ der Bürgerwelt darstellt, die Kehrseite der Kritik am Pfahlbürgertum in „Schneiderhüpfl vor dem Ochsen am Spieß“ oder in den sarkastischen Porträts des „wilden Manns von Feldafing“ und des „Seriösen“.
Der Entwurf des Mikrokosmos und das von Ringelnatz variantenreich gefeierte „Glück der Einfachheit“ leiten nicht nur zu leisen Tönen über. Der Dichter stilisiert seine Situation mit Zweifel und Bangen, aber auch mit der Dankbarkeit dessen, der das Leben trotz aller Widrigkeiten noch als lebenswert empfinden darf. Er bringt die Kraft auf, seine Resignation in Selbstironie zu kleiden. Trotz des Rückzugs zu den „Welten des Inseits“ bleibt er seinem menschenfreundlichen Bekenntnis treu. Gewiß, der Kinderblick ist die besondere und ihm gemäße Betrachtungsweise; die kleine Welt von Joachim Ringelnatz hat keinen Raum für große kritische Analysen, Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen und Klassenkämpfen gibt es nicht, aber auch die späteren Gedichte treffen einen Zeitton.
Die alte Ringelnatzsche Mischung von Heiterem und Nachdenklichem verschiebt sich allmählich zugunsten von Besinnlichkeit, partiell auch von Klage und Trauer. Tiefes Gefühl und Übermut paaren sich nicht mehr so unbedenklich wie noch wenige Jahre zuvor. Dennoch, wenn’s sentimental zu werden droht, vermag der Dichter fast immer eine glückliche Wendung weg von der Tränenseligkeit zu nehmen. Trotz manchem, was Ringelnatz in jenen letzten Jahren an weniger Gelungenem, Beiläufigem und im Tonfall zu Didaktischem geschrieben hat, entstanden noch immer unvergleichliche Verse von Liebe und Freundschaft, von Dankbarkeit und Freude, von Trauer und Abschied. Davon zeugen selbst die Gedichte des Nachlasses, die von der Tapferkeit des todmüden Dichters verhalten und doch nahezu trotzig künden und sich – wie im Bild von der Verweigerung der Nachtigall – dem Tod moralisch überlegen zeigen.
Hans Bötticher, der sich seit 1919 Joachim Ringelnatz nannte, ist in sein Pseudonym nicht nur vorübergehend hineingeschlüpft, er hat es mit Leben und Werk ganz ausgefüllt. Der Matrose, der die See lassen mußte, wurde in der Zeit der Weimarer Republik einer der unverwechselbaren „Gebrauchslyriker“, dessen Themen, dessen originelle Weiterentwicklung einfacher poetischer Formen seine Gedichte für viele Menschen erreichbar machten. Ringelnatz war ein Dichter, dessen Interesse der Alltagsbanalität bürgerlichen Lebens galt und mancher vertrackten Existenz kleiner Leute. Aber die menschlichen Nöte, die er besang, waren immer auch die eigenen. Das Selbstporträt, das er in seinen Gedichten gab, ist vielleicht die wesentliche Leistung von Joachim Ringelnatz. Der wunderbar-wunderliche Humor seiner Poesie, die leise Melancholie seiner späten Verse sind der Ausdruck einer Philosophie von Verständnis und Mitgefühl, von Freundschaft und Liebe. Sie sind das Vermächtnis eines Dichters, der selbst in Resignation und Trauer den Menschen und der Schönheit der Erde verbunden blieb.

Joachim Schreck, Nachwort

Editorische Bemerkungen

Unsere Ausgabe der Gesammelten Gedichte folgt vornehmlich den Erstausgaben der großen, zu Lebzeiten des Autors veranstalteten Gedichtsammlungen und dem Band Der Nachlaß, wie es zuvor bereits andere Auswahl- und Sammelbände praktizierten, darunter besonders der erstmals 1950 erschienene Band und auf einmal steht es neben dir. Bei der Herstellung der Texte leistete die Ausgabe Joachim Ringelnatz. Das Gesamtwerk, seit 1982 herausgegeben von Walter Pape, wertvolle Hilfe.
In unsere Ausgabe wurden nicht alle Gedichte der hier berücksichtigten Sammlungen aufgenommen, außerdem schieden die frühen „Gedichte“ (1910) aus, die der Autor in späteren Bänden oder Neuzusammenstellungen unberücksichtigt gelassen hat. Auch Gedichte eher beiläufigen oder privaten Charakters sowie einige weniger gelungene Gedichte schieden aus.
Die zu Lebzeiten des Autors in Sammlungen nicht aufgenommenen, in Zeitschriftenabdrucken verstreuten lyrischen Arbeiten konnten nicht einbezogen werden. Eine solche maximale Erfassung mußte der Ausgabe Das Gesamtwerk vorbehalten bleiben.
Nicht aufgenommen wurden in unsere Ausgabe ferner die frühen Verse für Kinder, zum Beispiel die Bände Kleine Wesen und Was Topf und Pfann erzählen kann (beide 1910), ebenso die aus privatem Anlaß entstandenen Betrachtungen über dicke und dünne Frauen  (1940/41), sowie Auftragsarbeiten wie Für die Mode, nicht dagegen sei der Mensch / Gedichte für Venus (1936) und Kasperle-Verse (1939), von denen allerdings Beispiele in unseren Band Eingang fanden.
Die vorliegende Ausgabe stellt sich somit die Aufgabe, die verdienstvollen Teilsammlungen der vergangenen Jahre zu ergänzen und das Zentrum des Autors Ringelnatz, die Gedichte, im Rahmen eines weitgehend chronologischen Aufbaus zu präsentieren, ohne damit einen Anspruch zur Vollständigkeit oder literarische „Ausgrabungen“ zu erheben. Die Abschnitte der Auswahl folgen in der Substanz den angegebenen Titeln der Erstausgaben. In einigen wenigen Fällen weicht die Zusammenstellung davon ab, hauptsächlich aus kompositorischen Gründen.
Das Nachwort ist, neben zahlreichen anderen Titeln, dem Band In memoriam Joachim Ringelnatz (1937), vor allem aber der Monographie von Walter Pape Joachim Ringelnatz. Parodie und Selbstparodie in Leben und Werk (1974) verpflichtet.

Joachim Schreck

 

„Ringelnatz gab sich schwer“,

schrieb der Schauspieler Paul Wegener im Dezember 1935 über den ein Jahr zuvor verstorbenen Freund, „er war verschlossen und spröde, wie es überzarte Menschen meistens sind… Und diese selbe zarte Seele dichtete den wüsten ,Kutttel Daddeldu und die Seemannsbraut‘ usw. und stand, die Flasche in der Hand, auf den Kabarettbühnen?“
Was hier fragend und bewundernd konstatiert wird, ist jene seltsame Einheit anscheinend unvereinbarer Dinge, die das Werk von Joachim Ringelnatz so einzigartig und eigenartig macht. Knallige Situationskomik, Ernst, Scherz, Parodie, Wehmut und Melancholie und ein durch keinerlei Konvention eingeengter kindlicher Spieltrieb vereinen sich zwanglos in der poetischen Welt jenes Mannes, der auf den Kabarettbühnen der Weimarer Republik zu Hause war und dessen lyrisches Werk in der vorliegenden großzügigen Ausgabe Würdigung erfährt.

Eulenspiegel Verlag, Klappentext, 1988

 

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Peter Rühmkorf: Joachim Ringelnatz zum 80. Geburtstag

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + IMDb +
Archiv 1 & 2 + Internet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA

 

Joachim Ringelnatz liest sein Gedicht „Im Park“.

 

Joachim Ringelnatz gelesen von Harry Rowohlt.

 

Nora Gomringer liest Joachim Ringelnatz: „Pssst!“.

 

Nora Gomringer liest Joachim Ringelnatz: „Das scheue Wort“.

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