Joachim Sartorius zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Georg Trakl“

Im Kern

– Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Georg Trakl“. –

 

 

 

 

ELSE LASKER-SCHÜLER

Georg Trakl

Seine Augen standen ganz fern.
Er war als Knabe einmal schon im Himmel.

Darum kamen seine Worte hervor
Auf blauen und auf weißen Wolken.

Wir stritten über Religion,
Aber immer wie zwei Spielgefährten,

Und bereiteten Gott von Mund zu Mund.
Im Anfang war das Wort.

Des Dichters Herz, eine feste Burg,
Seine Gedichte: Singende Thesen.

Er war wohl Martin Luther.

Seine dreifaltige Seele trug er in der Hand,
Als er in den heiligen Krieg zog.

– Dann wußte ich, er war gestorben –

Sein Schatten weilte unbegreiflich
Auf dem Abend meines Zimmers.

 

Totenklage und Todessehnsucht

Bin trostlos wäre nach Krakau gekommen aber Karte nicht erhalten. Depesche entsetzt mich wo die Beerdigung ich weine Jussuf.

So lautet das Telegramm, das Else Lasker-Schüler am 9. November 1914 an Ludwig von Ficker, den Vertrauten und Freund Georg Trakls und Herausgeber des Brenner, schickte. Er hatte sie benachrichtigt, daß Trakl in der Nacht vom 3. auf den 4. November infolge einer Kokainvergiftung in dem Garnisonshospital in Krakau gestorben war, nachdem der Dichter nach der Schlacht von Grodek und nach einem Selbstmordversuch dort eingeliefert worden war. Beide, Trakl und er, hätten ihr eine Postkarte geschickt mit der Bitte, den kranken Dichter zu besuchen. Diese Karte traf aber erst am 13. November in Berlin ein.
Unter dem Eindruck der Todesnachricht hat Else Lasker-Schüler dieses Gedicht geschrieben. Um die Tragweite des Epitaphs zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Else Lasker-Schüler vor 1914 mit vielen bekannten Dichtern und Malern in Beziehung stand. Einmal schrieb sie schnippisch an Karl Kraus:

Ich kenne jetzt so viele Leute, ich mache schon für 6 Leute zusammen ein Liebesgedicht.

So gleicht auch äußerlich dieses Gedicht an den gestorbenen Freund den Liebesgedichten, die die Dichterin vor dem Ersten Weltkrieg an viele Freunde schrieb, an Giselheer den Barbaren (Gottfried Benn), an den Prinzen von Prag (Franz Werfel) oder den Prinzen Sascha von Moskau (Senna Hoy). Sie bevorzugte hierfür reimlose, zweiteilige Strophen, deren kostbare Bilder eine nicht zu übersehende Feierlichkeit schufen. Aber mit Trakl verhält es sich anders. Georg Trakl und Else Lasker-Schüler sind sich nur ein einziges Mal begegnet, im März 1914, als er seine erkrankte Schwester Margarethe Langen in Berlin besuchte. Aber der gegenseitige Eindruck muß ein starker gewesen sein. Trakl widmete ihr das große dreiteilige Gedicht „Abendland“, Else Lasker-Schüler schrieb für ihn zwei Gedichte. Auch nach ihrem Telegramm vom 9. November ließ sie Ludwig von Ficker wiederholt wissen, daß sie sofort nach Krakau gefahren wäre, hätte sie nur die Postkarte rechtzeitig erhalten.
In diesem Gedicht versucht sich die Dichterin an einem Porträt von Georg Trakl mit der Nennung von einigen wenigen inneren und äußeren Charakterzügen. Es ist von einem Dichter die Rede, der kein gewöhnlicher Sterblicher war. Denn sein Blick traf einen von weit her, von „ganz fern“. Er hat andere Erfahrungen gesammelt, war „als Knabe einmal schon im Himmel“, wo er jetzt wieder ist. Weil er so früh schon das Transzendente erfahren hat, kommen seine Worte auf Wolken, himmelsnah, daher. Nachdem sie dieses Porträt in den ersten beiden Strophen skizziert hat, hält Else Lasker-Schüler in den folgenden Strophen ihre Begegnung in Berlin – acht Monate vor seinem Tod – fest: Sie stritten über Religion, „aber immer wie zwei Spielgefährten“. Sie identifiziert den Protestanten Georg Trakl mit Martin Luther, nennt im trauernden Überschwang seine Gedichte „singende Thesen“. Sein Herz ist in Anspielung auf das berühmte Kirchenlied „eine feste Burg“. Die beiden eint der Glaube, der Glaube auch an das Wort, das „im Anfang“ war. Sie eint mehr noch, wie Ludwig von Ficker in einem späteren Aufsatz bemerkt, „die Rückbesinnung auf die religiösen Beweggründe ihrer Sendung als Seher und Dichter“ in einer sehr weltlichen und areligiösen Zeit. Sicher ist, daß die beiden sich in ihrer inneren Verlassenheit und in ihrer Schwermut über das Ungenügen der Welt als Gleiche erkannten.
Nun weilt der Schatten des Verstorbenen „unbegreiflich“ im Zimmer der Dichterin. Dieser abschließende Zweizeiler hat zu Spekulationen Anlaß gegeben. Weil das Verhältnis zwischen Else Lasker-Schüler und Margarethe Langen, der Schwester Georg Trakls, sehr schnell nach dessen Tod durch Eifersucht und antisemitische Äußerungen der Schwester getrübt wurde, nahmen einige Exegeten an, in dem Gedichtschluß äußerten sich Else Lasker-Schülers Zweifel auch an Trakls Haltung selbst. Diese Lesart scheint mir falsch zu sein. Der „Schatten“ ist der tote Trakl, und es ist ihr ganz unbegreiflich, daß dieser Spielgefährte, dieser Bruder im Geiste nicht mehr ist. Das Wort von Paul Zech „Herzhingabe“ – fällt einem ein. Das Gedicht mag nicht zu den besten der Lasker-Schüler gehören, aber es ist eine ergreifende Totenklage, in deren Bildern ihre eigene Todessehnsucht mitschwingt.

Joachim Sartorius, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg).: Frankfurter Anthologie, Zweiunddreißigster Band. Gedichte und Interpretationen, Insel Verlag, 2008

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