Johannes Schenk: Die Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Johannes Schenk: Die Gedichte

Schenk-Die Gedichte

ZEITUNGSBOTENS KÄLTESTER MAIMORGEN

Der Zeitungsbote fährt mit Uhr
schrägen Bergs den Morgen hinauf,
der im Nordosten erscheint, aus dem Osten
nach Island gerückt der kalte Globus,
und in London steigt aus dem Äroplan
der dänische Eskimo mit Papierrollen
in grönländischen Tälern gefunden von:
Iglus aus dem ewigen Eis das Nicht
taut, die Sonnentaufresser eingeschlossen
in der Frostkugeln Gehäuse und Reste
von Kufenschlitten mit goldenen Bögen.
Am Ufer der schottischen Insel Sky
landet mit der Karavelle aus Bugsiereis
der schreckliche Berg und nimmt die Küste,
im Nu sitzen die Whiskytrinker im Düstern
und die Sturzwelle aufs Wrack der Great Eastern
kristallisiert sekundentäktlich, dies Stahlgerüst,
seeanemonenbewachsen
taucht aus Eislicht in bunten Spantenbögen.
Das Polarlicht erlischt vor Neid
mit grünem Antlitz, und ein Präsident
vor dem Parliament hält seine Rede
mit Eisbärpelz vor den leeren Bänken,
deren Besitzer sind nach dem Süden
auf schnell angelandetem Packeis,
das geschätzt wird auf vor 500 Jahren,
sich die Eskimos hier Iglus erbauten,
mit struppigen Bärten und Eisesohren.
Die Kälte des Weltalls in Lichtjahren
gemessen tritt von der Galaxien Ufer
an die Bewohner heran mit gichtigen Fingern
und bittet um Eintritt mit spitzen Türmen,
aus Glas gegossen vor der Zeit
Polarfuchsblumenumsäumt. Weiß.
Tauchen am Horizont Irlands Küste
die ersten Strände eines fernen Gehäuses
aus dem erfrorenen Meer.

 

 

 

Meine Koffer und meine Gedichte

Ich liebe Koffer. Ich habe drei. Einer ist bei Mädler in Leipzig gemacht worden, ein Überseekoffer aus Holz und Segeltuch gefertigt, mit Messingverschlüssen, ein Koffer, wie ihn Auswanderer und Seeleute im neunzehnten Jahrhundert benutzten. In ihm liegen meine Manuskripte, Handschriften und Zettel. Der zweite ist ein Handkoffer, gerade groß genug, Hemd, Hose und Bücher, die liebsten, hineinzutun und für ein paar Monate zu verreisen.
Es gibt ja auch den fliegenden Koffer und jenen Koffer, in dem es sich wohnlich machen läßt, ein fahrender Koffer, in dem ich zu Hause bin, auf der Reise durch die Welt, in der ich nicht zu Hause bin. Nur, wenn ich Freunden begegne und freundlichen Menschen. In den dritten Koffer passen die Bücher, die mir wichtigsten. Martin Buber, Isaak Babel, Erich Fried, Jakob van Hoddis, Allen Ginsberg, Ernst Bloch, Trotzki, Karl Marx, Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Pablo Neruda, Apollinaire, Rimbaud, Maupassant, Baudelaire, Walter Benjamin, Wolf Biermann … vielleicht ist er groß genug, der Koffer. Ich habs noch nicht probiert.
Ich liebe das provisorische Leben, das heißt, ich habe nie ein anderes kennengelernt. Der Koffer und meine Gedichte haben miteinander zu tun. Beide helfen sie mir, mich zu befreien. Ertrage ich es nicht mehr in dem Land, in dem ich wohne, Deutschland, wo ich in einer bösen Zeit geboren bin, nehme ich den Koffer und gehe. Nehmen meine Trauer, Angst, oder die Melancholie überhand, schreibe ich Gedichte. Um mich zu befreien.
Nicht um wegzufahren in den Gedichten, obwohl, das tue ich auch oft mit dem, was ich schreibe, wohl aber gegen die entfremdete Wirklichkeit zu träumen. Mein Traum läßt mich nicht los, ich hänge an ihm, hänge mich an seine Beine, bin ein Kotz an seinen Füßen, der Traum will mich abschütteln, manchmal gelingt es ihm beinah, aber ich kann mich jedes Mal im letzten Moment festklammern. Der Traum wird mich nicht los. Es ist der Traum von der Utopie des Lebens ohne Unterdrückung, der Traum von der Gerechtigkeit, der von einem Leben mit weniger Angst.
Die Angst ist ziemlich hemmungslos mit mir. Sie kommt ohne Einladung, oft auch, ohne an die Tür zu klopfen. Die Angst bringt mich dazu, sie aufzuschreiben, auch die Einsamkeit in den großen Städten. So wie ich meinen Koffer liebe, liebe ich Coffeeshops und Cafés, ich komme hinein, setze mich, bestelle ein Glas Tee und später eine Pastramie oder eine Zwiebelsuppe und schreibe. Die Menschenstimmen drumherum sind mein Stimulans, wie das Geräusch der Wellen auf einem Dampfer. Sie machen mich motorisch.
Ich begann, mit 14 Jahren auf Frachtdampfern zu fahren. Ich mußte die Schiffe oft wechseln, die Kapitäne sahen es nicht gerne, wenn ich den Mund aufmachte. Und es war das einzige, was wirklich groß an mir war, der Mund, sonst war ich eher klein geraten. Ich machte den Mund auf, wenn die anderen Matrosen ihre Münder schlossen, mit den Zähnen knirschten, weiterschufteten und schwiegen. Dann schwieg ich nicht. Das brachte mir nichts als Ärger ein. Kamen wir in Bremen, Hamburg oder Rotterdam an, hieß es gleich nach dem Festmachen des Schiffes: „Schenk zum Kapitän“, ich bekam dann meine Papiere, doch, meine Legitimation, mein Seefahrtsbuch durfte ich mitnehmen. Danach packte ich meine Sachen und ging.
Auf die Weise hatte ich in sechs Jahren elf Schiffe. Manche Schiffe verließ ich auch, ohne daß man es mir sagen mußte. Es waren meine wichtigsten Jahre, sie reichten von meinem vierzehnten bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr.
Was das alles mit meinen Gedichten zu tun hat? Sie waren meine Schulen, die Schiffe, denn außer der Schule im Dorf hatte ich keine andere besucht. Und auch die sah mich nur selten. Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren.
Bin auf ihnen, in ihnen, herumgefahren, habe mir ihr Inneres genau angeschaut, habe aber erst viel später gelernt, sie an die richtige Stelle zu setzen. Weil, die Erfahrungen waren zu viele, sie füllten meinen Kopf, bis er beinahe platzte, lange Zeit hatte ich nichts, nicht eine vage Idee, keinerlei Theorie, sie zu bändigen. Das war wie im Circus. Ohne Seil. Und ohne Lehrer.
Ich bekam dann einen Lehrer, er lehrte mich, die Gedichte zu befragen, Assoziationen, die mir wild aus dem Kopf purzelten, auf ihr Konkretes abzuklopfen. Er lehrte mich die Kunst des Lesens. Zeigte mir Bücher von Ernst Bloch und Walter Benjamin, von Karl Marx und Kolakowski. Mein erster Lehrer hieß Erich Fried und wohnt in London. Und ich mache hier jetzt eine Verbeugung vor ihm. Zum Dank.
Meine Erfahrungen beutelten mich sehr, aber ich hatte meine Sprache gefunden. Das erste Gedicht, in dem ich glaubte, meine eigene unverwechselbare Sprache aufscheinen zu sehen, hieß „Jakob und der Aschenhaufen“. Ich schrieb das Gedicht in dem Dorf, das ich zehn Jahre vorher verlassen hatte, um auf Schiffen anzumustern, es begann so:

Diese Abende, wo der Teekessel, der verkratzte
Lokomotivkessel durch den Dorfwinter dampft,
Schnee auftaut
und in den Löchern findest du einen Pfennig
einen Flügel, eine Windmühle …

Schon vorher, kurz nachdem ich aus Casablanca kommend, das erste Mal bewußt in Berlin, meiner Geburtsstadt, war und dort arbeitete als Gärtner, Straßenarbeiter oder Buchhändler, las ich Martin Bubers Chassidische Geschichten, Geschichten des Baalschem, sie berührten meine tiefsten Ebenen in mir, den Kindertraum und die Utopie, das Zuhausefühlen, das sich selber zu finden glaubt. Die Geschichten tun es bis heute. Das vage Gerechtigkeitsgefühl, das mich an Bord dazu brachte, den Mund aufzumachen, wenn etwas Unrechtes geschah, hatte hier sein erstes Lehrbuch. Nach dem Baalschem lernte ich Marx lesen, das Manifest oder Lohnarbeit und Kapital. 1965 schrieb ich das Gedicht „Der Löwe Juda“ und widmete es Martin Buber. Nun glaubte ich wirklich mich selbst und das Vertrauen in meine Gedichtsprache gefunden zu haben, meine Metrik und den Rhythmus dazu. Dies war auch das Gedicht eines Reisenden, der ich war, hatte es eben nicht anders gelernt. Das Provisorische hängte sich an meinen Mantel und ließ mich nicht mehr. Das Fragment, die kurze Filmaufnahme, der Bruch in der Syntax, das Komma, wo es nicht hingehört, ginge es nach dem ausgestreckten Zeigefinger meines Grammatiklehrers. In der Grammatik war ich der Schlechteste der Klasse. Ich machte es aus dem Gefühl. Und hörte nach inne.
Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke. Gerüche können mich wie mit einer Zeitmaschine um Jahre zurückversetzen, oft bis in meine Kindheit. Ich rieche, und ein Bild, ein sehr bestimmtes, taucht auf um dann wieder zu verschwinden. Nie, zum Beispiel, werde ich den Geruch der Schneiderin im Dorf Worpswede vergessen, den sie ausströmte, wenn sie mich Fünfjährigen an ihren Bauch preßte, um an mir Maß zu nehmen, für ein Hemd, dessen Stoff meine Mama mitbrachte.
Ich bin also ein Nasendichter? Ja, ich bin ein Nasendichter. Lerne ich eine Stadt neu kennen, rieche ich erst einmal die Straßen entlang. Durch die Küchen, Bars, Dämpfe, die aus den U-Bahnschächten auftauchen, der Geruch der Vorübergehenden im Getümmel des Mittagsverkehrs auf den Trottoirs.
Und auch in den ersten Tagen in Oberlin, trotz hohen Schnees, bemerkte ich die verschiedenen Gerüche. Ich bin aber auch ein Bilderdichter. Das bin ich eigentlich zuerst. Ich schreibe mit den Augen. Aber es gibt 6 davon. Die zwei Augen, die während des Tages geöffnet sind, die auch mal tränen, wenn ein Staubkorn hineinfliegt und wenn ich allein bin und nicht mehr zu können glaube, dann gibt es die zwei Augen, die nach innen gucken, während des Schreibens und die Erinnerung hergucken, schließlich die Augen im Traum, die die Wünsche und Ängste genauer begreifen, als ich mit meinem kleinen Bewußtsein.
Also bin ich auch ein Augendichter.
Auch ein Zungedichter. Und Ohrendichter. Wenn ich auch nicht sonderlich musikalisch bin, mir eine Melodie, gerade vorgesummt, im nächsten Moment wieder aus den Ohren rutscht, so höre ich doch den Rhythmus der Worte. Und vermag ihn zu erinnern. Auch Argot und Slang.
Ich bin auch ein Fühldichter. …

Aus einer im amerikanischen Oberlin gehaltenen Rede

 

Eine einzigartige lyrische Stimme,

so wellentrunken wie erdenschwer.
„Mein Gedicht schreibt sich selbst. Mein Gedicht hat mehrere Berufe: Es ist Matrose und Liebender, es ist Bootsbauer und Forscher, es ist Seiltänzer und Akrobat, meinem Gedicht würde bei der Vielzahl von Berufen, die es hat, von einem gewissenhaften deutschen Beamten sofort die Lizenz entzogen“, sagte Johannes Schenk, der sich auch einen „Augendichter“, „Zungendichter“, „Ohrendichter“ und „Fühldichter“ nannte, über sich selbst.
Das lyrische Schaffen bildet ohne Zweifel neben und eigentlich gar vor den Erzählungen, Romanen und Stücken das Zentrum seines Werkes. Johannes Schenk hat zeit seines Lebens Gedichte geschrieben. Die ersten Bände, Bilanzen und Ziegenkäse und Zwiebeln und Präsidenten erschienen noch in den sechziger Jahren. Und auch seine letzte Veröffentlichung fast vierzig Jahre später, Salz in der Jackentasche, war ein Gedichtband. Noch in seinem Todesjahr 2006 bereitete der Dichter ein neues Buch mit Gedichten vor, das im Typoskript fertig gestellt war, aber nicht mehr zum Druck gelangte. Insgesamt entstanden mehr als sechshundert Gedichte in fünfzehn Bänden, die in dieser dreibändigen Ausgabe zusammengefasst werden.

Wallstein Verlag, Ankündigung, 2009

 

In der lyrischen Hafenbar

– Der Dichter Johannes Schenk wollte die Welt nur ein wenig schöner machen. –

Was passt alles in einen Koffer? Nicht viel, würden die sagen, die auch im Sommer den Extra-Pulli einpacken, um für den Kälteeinbruch gerüstet zu sein. Mein Leben, hätte Johannes Schenk gesagt. Der 2006 verstorbene Dichter hat fünf Jahre vor seinem Tod in Kreuzberg einen alten Überseekoffer – aus Holz und Segeltuch gefertigt, mit Messingverschlüssen versehen – mit seinen Manuskripten, Handschriften und Fotos vollgepackt und ihn mit einer Sackkarre zur Berliner Akademie der Künste gezogen. Ein Leben konserviert in einem Koffer, der die Welt und vor allem die Meere gesehen hat, ein schönes Bild für einen Seefahrer wie Johannes Schenk – auch wenn seine Boote eher in seinen Büchern als im wirklichen Leben das Wasser berührt haben.
Wer sich auf die Spurensuche des 1941 in Berlin geborenen Autors macht, dessen Gesammelte Gedichte (und den im Nachlass aufgefundenen Roman) nun der Wallstein Verlag herausgebracht hat, entdeckt dabei Orte, die in den vergangenen 20 Jahre durch den Trubel um Berlin Mitte von vielen vergessen worden sind. Der „Zwiebelfisch“ am Savigny Platz in Charlottenburg etwa, eine Künstlerkneipe wie aus einem vergilbten Fotoband mit Bildern und Gedichten der Stammgäste an der Wand, oder das Antiquariat in der Oranienstraße, in dem zahlreiche Bücher bis heute noch mit DM-Preisen ausgezeichnet sind. An diesen zeitverlorenen Orten bekommt man dann von jemanden erzählt, der schon vor 30 Jahren aus der Zeit gefallen war. So erinnert sich Udo Koch, der Besitzer des Kreuzberger Antiquariats, an Johannes Schenk als einen, der stets mit Hut und schwarzem Seemannsmantel gekleidet war – auch bei 30 Grad im Schatten. Das fiel selbst in Kreuzberg auf, schon damals ein Sammelbecken für Künstler und kuriose Gestalten. Während die Stadtväter Bezirke wie Charlottenburg und Wilmersdorf zum Schaufenster des Westens aufhübschten, lag Kreuzberg im toten Winkel der Mauer, dank der billigen Mieten zogen die Kreativen dorthin.
 Johannes Schenk, rundes Gesicht, verträumte Augen und meist ein Lächeln um die Lippen, war einer von ihnen und dann auch wieder nicht, denn seine Welt war die der Seefahrer. „Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren“, schreibt er in seiner Gedichtsammlung Überseekoffer. Das Buch verlegte er 2000 im Eigenverlag, doch die Figuren seiner farbenfrohen und tatsächlich etwas arg durchnässten Gedichte scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen: Piraten und Zirkusakrobaten tummeln sich in den balladenartigen Gedichten, vor allem aber Matrosen, Kapitäne und schöne Frauen, die in den fremden Häfen auf Seefahrer warten. Schenks Sehnsucht glich damit nicht der seiner Generation, die lieber als herumschweifende Haschrebellen Goa, Kathmandu oder Afghanistan anpeilten. Sie schien vielmehr aus einer Zeit zu stammen, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch zahlreich waren.
Die Faszination für Boote entwickelte Schenk schon früh. Bereits als Kind baute er in der niedersächsischen Künstlerkolonie Worpswede, wohin seine Familie 1942 vor den Nazis geflüchtet war, Schiffe. Erst kleinere für die Pfützen, dann immer größere, damit seine Träume darin Platz fanden. Mit 14 Jahren heuerte er als Matrose auf echten Booten an. Doch die hierarchischen Strukturen waren nichts für einen Jungen aus einem Künstlerhaus, er kehrte zurück, nur um kurz darauf einen zweiten Versuch zu wagen: In einem umgebauten Rettungsboot – eine Ausgabe von Moby Dick an den Mast genagelt – kam Schenk bis Casablanca. Eine Szene wie aus seinen Büchern. In Marokko beendete er dann zwar seine Karriere als Seemann, doch: „Die Sehnsucht nach einem verborgenen Ort für ein paradiesisches Leben hat ihn nie losgelassen“, sagt Natascha Ungeheuer heute in ihrer Kreuzberger Wohnung.
42 Jahre hat die Malerin mit Johannes Schenk zusammen gelebt. Häufig taucht die immer noch schöne Frau mit den dunkel geschminkten Augen und den langen schwarzen Haaren in seinen Gedichten auf. Dem Autor wiederum begegnet man in Ungeheuers Atelierwohnung ständig – sie hat ihn in unzähligen Bildern verewigt, die an den Wänden hängen. Schenk wohnte im selben Haus. Seine Lebensgefährtin hat die Wohnung bis heute nicht aufgelöst. Ein Tintenfass steht da auf einem schmalen Schreibtisch und eine alte Öllampe daneben. Man kann sich gut vorstellen wie der Autor hier den Roman „Jo Schattig“ geschrieben hat. Wahrscheinlich sprach er seine etwas grellschillernden Satzkapriolen sogar laut mit, während er die eigenen Seefahrtsträume aufschrieb. Denn die Hauptfigur Jo Schattig trägt nicht nur Johannes Schenks Initiale, sondern teilt auch seine Sehnsüchte: „Ich, Jo Schattig, glaubte mit einem Schiff der Enge meiner Seele zu entkommen. Ich glaubte es, bis ich das erste gebaut hatte und mit ihm gescheitert war, und ich wurde noch durstiger und das nicht nur auf Schiffe.“
Ungeheuers Wohnung quillt fast über von Erinnerungsstücken an die Landgänge ihres Lebensgefährten, an der Wand hängen neben ihren Bildern die Masken vom „Kreuzberger Straßentheater“. Schenk hatte das Theater 1969 mit Freunden gegründet und die Stücke dafür geschrieben. Die Not der einfachen Menschen interessierte ihn, die der Arbeiter und ersten türkischen Einwanderer. Das war zwar politisch, aber im Vergleich zu dem, was um ihn herum passierte, doch von stillerer Art. „Es ist der Traum von der Utopie des Lebens ohne Unterdrückung, der Traum von der Gerechtigkeit, der von einem Leben mit weniger Angst”, heißt es im „Überseekoffer“.
In Schenks Berlin begnügte man sich dagegen nicht mit Träumen: In Kreuzberg wehrten sich die Bewohner in den siebziger Jahren heftig gegen das Vorhaben, eine Autobahn quer durch ihr Viertel zu legen, bald darauf gab es die ersten Krawalle am 1. Mai. Dem friedlichen Schriftsteller, der in den sechziger Jahren seine ersten Gedichtbände Bilanzen und Ziegenkäse und Zwiebeln und Präsidenten veröffentlichte, war das zu gewalttätig. „Er war nicht politisch, er wollte die Welt nur ein wenig schöner machen”, sagt Natascha Ungeheuer und erzählt vom Schenkschen Sonntagscafé, das er 1986 sieben Jahre lang in einer alten Fabrik in Kreuzberg betrieb. Schriftstellerfreunde wie Kurt Mühlenhaupt oder Jurek Becker lasen dort, der Maler A.R. Penck trat mit seiner Penck Band auf und immer wieder der Hausherr selbst. „Johannes war eine Lokomotive beim Lesen, er hat die Leute warm gelesen“, sagt Ungeheuer und springt auf, um einen alten Radiomitschnitt vorzuspielen. Schenks Stimme hat darin zwar nichts von einer Maschine, dafür fließt sie dunkel und samten wie ein Fluss durch das Erzählgedicht. Die klassischen Regeln der Dichtung sind Schenk dabei egal, auch haben seine Verse wenig mit moderner Lyrik gemeinsam, der Verfasser erlaubt sich vielmehr einen sehr persönlichen Stil: „Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke“, schreibt er einmal. Wer das nicht mag, wird mit den Schenk’schen Versen nichts anfangen können.
Das wahre Leben war weniger nahrhaft, die eigenen Gedichte und Romane zu verlegen wurde für das P.E.N.-Mitglied im Zeitalter „der Maschinerie aus Quarz“, wie er den Computer abfällig nannte, immer schwieriger. Die letzten Bücher erschienen nur im Eigenverlag. Nicht nur seine Person, auch seine Sprache gehörte der Vergangenheit an. Worpswede wurde da für ihn zum Fluchtpunkt. Im Sechsmonatsrhythmus pendelte er mit seiner Lebensgefährtin zwischen der Hauptstadt und seiner alten Heimat. Die Unterkunft dort passte zu Schenks Poesie: drei buntbemalte Zirkuswagen und mittendrin ein großes Boot für Lesungen. Dieses Boot steht heute als Erinnerung an Johannes Schenk im Ort. Vielleicht genügt ein Koffer doch nicht, um ein Leben darin zu verwahren, aber ein Boot ganz gewiss.

Laura Weissmüller, Süddeutsche Zeitung, 11.12.2009

Seemann in Berlin: Zum Tode von Johannes Schenk

– Die Sympathie des deutschen Lyrikers und Verfassers von Theaterstücken galt den Unterpriveligierten und Unterdrückten. Er war ein nach Berlin verwehter Seemann mit weiten Hosen und breitkrempigem Hut, der überall, wo er ging und stand, Gedichte hinterließ. –

Johannes Schenk, so schrieb einst Hartmut Lange, ein philosophisch gebildeter Autor „ist als Lyriker so gut wie unverkäuflich, aus einem einfachen Grund: Er macht ausgezeichnete Lyrik. Seine Gedichte sind schön und bereiten Genuss. Der Autor beherrscht seine Mitteilung und ihre poetische Form. Die marktpolitischen Rücksichten, die seine Mitteilung aufputzen, das Gedicht aber zerstören würden, beherrscht er nicht. Insofern ist Schenks Lyrik ein kapitalistischer Ladenhüter.“
Diesen Sätzen ist nichts hinzuzufügen, außer dass Johannes Schenk am 4. Dezember überraschend in Berlin verstorben ist. Er wurde 65 Jahre alt und starb, wie er gelebt hatte, als Poet, dessen Gedichte von Schriftstellerkollegen hoch geschätzt, aber vom lesenden Publikum nicht „angenommen“ wurden, so dass es nach einem fulminanten Debüt im Wagenbach Verlag immer einsamer wurde um ihn, der zuletzt gezwungen war, sein Werk im Selbstverlag herauszubringen.
Schenk war der Typus des Malerpoeten, Theatermachers und Bohemiens, wie es ihn seit Günter Bruno Fuchs in Berlin nicht mehr gab, am ehesten vergleichbar mit Jakob van Hoddis, der „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“ dichtete, mit richtigem Namen Hans Davidsohn hieß und 1942 als „jüdischer Nervenkranker“ im KZ Sobibor ermordet wurde. Der Hinweis auf Jakob van Hoddis steht hier nicht von ungefähr: Einmal weil Johannes Schenk dessen Gedichte liebte und gegen linke Beckmesser in Schutz nahm, die nach 1968 die Expressionisten als reaktionäre Bürgersöhne verspotteten. Zum andern, weil Schenk Ende der siebziger Jahre zum jüdischen Glauben übertrat und keinen Hehl machte aus seiner Sympathie für den Staat Israel, dessen Existenzrecht er auch gegen linke Kritiker vehement verteidigte.
Was ihn von Jakob van Hoddis und andern Expressionisten unterschied, war der persönliche Bezug zum Meer, das Schenk als Schiffsjunge und später mit seinem eigenen Boot befuhr und das im Mittelpunkt fast aller seiner Bücher stand – mit sprechenden Titeln wie: Der Schiffskopf (1968), Bis zur Abfahrt des Postdampfers (1988), Überseekoffer (2000). In der Terminologie von Carl Schmitts Essay „Land und Meer“ zu sprechen, war Johannes Schenk ein Seeschäumer, und in einer biografischen Notiz für das PEN-Autorenlexikon charakterisierte er sich und seinen Werdegang so: „Aufgewachsen in Worpswede, wurde ich mit 14 Jahren Seemann. 6 Jahre auf verschiedenen Frachtdampfern. 1962 machte ich mit einem zum Segler umgebauten Rettungsboot allein eine Reise nach Casablanca. In Berlin gründete ich mit Freunden das Kreuzberger Straßentheater. Schreibe Gedichte, Stücke und Geschichten.“
Mit seinem Straßentheater, für das die Malerin Natascha Ungeheuer Bühnenbilder und Kostüme entwarf, mit Büchern wie Die Genossin Utopie (1973) und mit seiner Teilnahme an der Lissaboner „Nelkenrevolution“ von 1974 hat Johannes Schenk dem linken Zeitgeist Tribut gezollt, wiewohl ihm jeglicher Dogmatismus und Fanatismus ein Gräuel war. Er verabscheute Gewalt, auch wenn sie nur in Verbalradikalismus bestand, und verfolgte die ideologischen Haarspaltereien der siebziger Jahre mit Kopfschütteln. Als Absolvent einer Dorfschule musste er sich sein Wissen mühsam anlesen, was ihn nicht daran hinderte, sich mit Günter Grass anzulegen, ebenfalls Autodidakt, der ihm bei einer privaten Lesung in Ostberlin Naivität unterstellt hatte.
Johannes Schenk war ein fremder Gast in den Doppelhaushälften der damals noch geteilten deutschen Literatur, in seinem Zirkuswagen in Worpswede ebenso wie in seinem Kreuzberger Hinterhof, wo er, lange bevor dies Mode wurde, das „Schenk’sche Sonntagscafé“ eröffnete, das Künstlern wie A. R. Penck als Probebühne diente: Ein nach Berlin verwehter Seemann mit weiten Hosen und breitkrempigem Hut, der überall, wo er ging und stand, Gedichte hinterließ, bevor er Montagnachmittag im Atelier seiner lebenslangen Gefährtin Natascha Ungeheuer an Herzversagen starb.

Hans Christoph Buch, Die Welt, 7.12.2006

Hinein ins gezwirbelte Sonett

– In einer Gesamtausgabe ist die Pracht der Gedichte von Johannes Schenk wieder zu entdecken. –

In Berlin wurde 1941 der Schriftsteller Johannes Schenk geboren. In Berlin starb er auch 65 Jahre später. Schenks Vater allerdings, ein damals bekannter Fotograf und Autor, hatte sich und seine Familie der Hauptstadt durch eine Übersiedlung nach Worpswede entzogen, wo Schenk auch aufwuchs. Die Ambivalenz zwischen der Großstadt, die er als Ort von Ängsten und Einsamkeit wahrnahm, und der verheißungsvollen Offenheit der Landschaft bei Bremen formte Schenks Blick auf die Welt. Schon in seiner Kindheit träumte er vom weiten Erdenrund und davon, sich darauf zu bewegen, aber nicht hoch in den Lüften, sondern hautnah, authentisch, den Elementen ausgesetzt, den Aufregungen und Wellengängen des Menschenlebens. Am liebsten zur See:

Nachts
beim Lampenschein las ich den Atlas
Und befuhr den Globus. So, schon
Damals kannte ich
St. Amaliens Hafen, Kuba und die
Antillen.

Seit er 14 war, fuhr er als Matrose auf wechselnden Schiffen durch die Welt, von einem unstillbaren Fernweh getrieben. Er kam an wirklich entlegene Orte, in damals kaum erreichbare Länder. Auf keinem Schiff blieb er lange, „die Kapitäne sahen es nicht gerne“, schrieb er später, „wenn ich meinen Mund aufmachte. Das war das einzige, was wirklich groß an mir war, der Mund, sonst war ich eher klein geraten.“ Noch größer als der Mund müssen die Augen gewesen sein, mit denen der junge Seefahrer Tausende Bilder, Details, Stimmungen, Farben in sich aufnahm. Als er irgendwann in seinen Zwanzigern zu einer relativen Ruhe fand und zu schreiben begann, stürzten die Metaphern und Gleichnisse aus ihm heraus, bildeten klare Kaskaden von Worten, füllten die Seiten seiner Gedichtbände.
Johannes Schenk schrieb am liebsten lange, bilderreich ausschweifende, von keinem Kargheitsgebot behinderte Poeme. Der Schreibvorgang hatte in seinem Fall etwas Eruptives: für ein langes Gedicht, manchmal mehrere Buchseiten lang, brauchte er „oft nur eine Stunde“. Sein längstes Poem, „Galionsgesicht“, umfasst in der neuen Gesamtausgabe des Wallstein Verlags 111 Seiten. Fast immer sind plötzliche Erinnerungen der Auslöser einer funkelnden Flut dichterischer Assoziationen:

Angekommen in einer südlichen Stadt,
die Häuser mit den fliegenden Dachgärten
dort oben und die Kinder die rhythmisch
krakeelen, klappe ich meinen Koffer auf,
schaue hinein und sehe.

Der Vorgang hat entschieden etwas Zauberhaftes. Schenk muss nicht erst nach Worten suchen. Sie liegen parat und bedrängen ihn längst, wenn er sich zum Niederschreiben entschließt. „Die Bilder, die mir in den Kopf und dann in die Schreibhand kommen“, erklärte er in einer Rede vor amerikanischen Studenten, „sind sehr ungeduldig in mir. Ich schreibe sehr schnell.“ Ein 1965 Martin Buber gewidmetes Gedicht, „Der Löwe Juda“, hielt Schenk selbst für das erste, in dem er glaubte, „mich und meine Gedichtsprache gefunden zu haben“. Eine im Grunde philosophische Frage („Wo ist der Friede?“) wird hier – exemplarisch für Schenk – in spielerischen, burlesken Allegorien vorgetragen.
Auf diese Art entstanden rund 600 Gedichte in einer dichterisch üppigen, dabei hochkonzentrierten Sprache. Eingehüllt in die pittoreske Pracht seiner weltweit wahrgenommenen Bilder bilden oft sehnsuchtsvolle Ausbrüche aus der Enge den psychologischen Kern der in den Versen erzählten Geschichte, meist von Städtern, die es hinaustreibt in Weiten wie Meer oder Wüste:

Im Hannoveranischen, wo er der Gummifabrik entwich
und seine heiße Stirn ins Moorgras senkte,
dabei von der Sahara zu träumen, von Lampenputzers
kaffeebraunem Kolben und sandgelber Wüstenrose,
vom Einmalimjahrregen geweckt. Heiß dreht die Sonne
über den Kopf hinein ins gezwirbelte Sonett.

Schenk war ein Mann von Welt, ein von Weitblick geprägter Reisender in einer Zeit, als deutsche Literatur noch sehr viel enger und provinzieller war als heute. Er blieb ein Außenseiter im deutschen Literaturbetrieb seiner Tage und erwies sich weitgehend immun gegen dessen literarischen Verabredungen: die fade Entsinnlichung, das Lehrstückhafte und Ideologische, das von Brecht vorgeführte Zerstören von Rhythmus und Klang, das Zerhacken von Versmaß und Zeile, das Zertrümmern der metaphysischen Aura des Textes. Schenk, erfüllt vom Reichtum seiner Bilder, zugleich mit der Fähigkeit begabt, sie in schlanke Verse zu setzen, schwelgte in aller sprachlichen Üppigkeit, zu der die deutsche Sprache fähig ist, wenn sie ein wirklicher Könner meistert.
Schenks Lebensgefährtin, die Berliner Malerin Natascha Ungeheuer, und der Wallstein Verlag haben sich nach seinem überraschenden Tod im Jahre 2006 daran gemacht, das verstreute, zu seinen Lebzeiten in vielen Verlagen veröffentlichte Werk in einer editorisch gut besorgten, schön gestalteten Gesamtausgabe herauszugeben. Johannes Schenks Gedichte verdienen es, auf diese Weise verewigt zu werden, wie der seltsam scheue, weltgewandte, dabei einsam arbeitende Mann, der dahintersteht.

Chaim Noll, Die Welt, 17.7.2010

Die Poesie des Johannes Schenk: Drei Gedichtbände

Worpswede. Mitten im Dorf ist sein Boot „Gaaguim“ vor Anker gegangen, und somit gibt es einen Ort, der an den Dichter, der gestern, am 2. Juni, 68 Jahre geworden wäre, erinnert. Dieses Sloopschiff war nicht nur Podium zum rezitieren seiner Verse, es war gleichsam Teil seiner persönlichen Identität und steht stellvertretend für all die Schiffe, die sein Leben begleitet haben.

Noch Ende des Jahres 2006 hatte Schenk an der Veröffentlichung von Schaluppes Logbuch gearbeitet, einem neuen Lyrikband, dessen Herausgabe sein plötzlicher Tod durchkreuzte. Jetzt wurde auch diese Lyrik in die drei Bände der Gedichtausgabe, die im Göttinger Wallstein-Verlag im Rahmen der Edition seines Gesamtwerks erschienen ist, aufgenommen. Gleich die ersten Verse dieses nun erstmals veröffentlichten Teils seiner umfangreichen Lyrik widmet der Dichter seinem Sloopschiff, in der Seemannssprache auch Schaluppe genannt. Diese Verse lesen sich wie eine poesievolle Liebeserklärung an das Schiff. Und dann nimmt er den Leser weiter mit auf die Schwingungen seiner Phantasie und entführt ihn in die Welt der Seefahrt und der Meere.
Die drei Bände enthalten das gesamte lyrische Werk und umfassen den Zeitraum von 1964 bis 2006. Sie eröffnen dem an Lyrik Interessierten einen einzigartigen Kosmos voller Poesie. Die Welt als Ganzes, sowohl in ihrer geographischen Dimension, als auch durch das lyrische Ich gefiltert, erscheint wie in einem Kaleidoskop. Dabei schöpft der Dichter aus dem Leben. „Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche, schmecke“, wie er es einmal selbst formulierte. Vor allem die freie Phantasie wird durch das Erlebte in Gang gesetzt. So durchzieht seine Zeit als junger Seefahrer das gesamte lyrische Werk. Ebenso die Figur der Geliebten. Städte wie Lissabon oder Casablanca erscheinen nicht als schöne Reminiszenz, sondern wecken das soziale Mitgefühl des Dichters, denn es sind immer die unteren Schichten der Gesellschaft, die er besonders wahrnimmt: „Daß er … die Reichen nicht mag, / die auf den hungrigen Rücken liegen der Armen.“ Gesellschaftliche Utopien, geträumte oder gescheiterte wie die von einem demokratischen Sozialismus in Chile zu Beginn der 1970er Jahre, transformiert er ebenso in Verse wie seine Zweifel und Ängste gegenüber dem Land, in dem er lebt.
Johannes Schenk erzählt in Versen, eine poetische Form, die er schon früh für sich entdeckte. In diesen Erzählgedichten sublimiert er die Wirklichkeit mittels der Phantasie. So steigt dann auch auf einer Reise nach Amsterdam van Gogh mit dem Bild der „Kartoffelesser“ ins Abteil, das der Maler seinem Bruder Theo bringen will. Oder der Dichter blickt aus der Ferne auf seine Fabriketage im Berliner Hinterhof, und Sehnsucht nach der rumpeligen Fabrik und den Freunden wird wach.
Immer schon fühlte er sich dem Jüdischen und der jüdischen Religion nahe. In „Salz in der Jackentasche“ beschreibt er die Freude über die Einladung zu einer Lesung nach Jerusalem. Und das – wie kann es bei Schenk anders sein – in Versen. „Jerushalajim / öffnete seinen Wunderkoffer und verzauberte mich.“ Es überrascht nicht, dass der Dichter sein Schiff „Gaaguim“ getauft hat, was im Hebräischen für „Sehnsucht“ steht. Denn in seiner kraft- und zugleich poesievollen Sprache wird sie spürbar, diese Sehnsucht nach einer friedvollen und gerechteren Welt.

Gudrun Scabell, Wümme Zeitung, 3.6.2009

Drei Koffer voller Gedichte

– Über Johannes Schenk (1941–2006). –

Als Seemann hat er sich gemalt, mit clownesken Stirnfransen, seinem lustigen runden Hut, einem Davidstern am Kettchen auf der nackten Brust und einer stilisierten Nasenbildung, die gemeinhin als jüdisch galt; auf einem der Ölbilder hält er einen Sextanten in Händen. Drei dieser Bilder schmücken jetzt die gewichtigen drei Bände von Johannes Schenks gesammelten Gedichten von 1964 bis 2006. Fast 1.400 Seiten sind da zusammen gekommen und mit Unterstützung der Deutschen Schillerstiftung von 1859 im Wallstein Verlag publiziert worden.
Schaluppes Logbuch, den letzten Teil, hat er selbst noch für den Druck vorbereitet. Diese späten Gedichte wären wiederum, wie alle lyrischen Texte seit 1999, im Eigenverlag erschienen. Jetzt, nach Schenks Tod am 4. Dezember 2006, hat der Verlag für eine Gesamtausgabe gesorgt, genauer gesagt, für einen Druck sämtlicher zur Publikation bestimmten Gedichte. Auch die Prosa, darunter der bisher unveröffentlichte Roman Jo Schattig, ist erschienen; Bände mit Briefen, Stücken und Hörspielen sollen folgen.
Johannes Schenk ist geliebt worden, man hat ihn als Original wahrgenommen, als Original oft auch ein wenig beiseite geschoben. Die derzeitige publizistische Beachtung verdankt er, furchtbar zu sagen, seinem frühen Tod. Das ist gut so und stimmt doch traurig, denn Johannes Schenk war ja nicht vergessen, vielmehr in die Liebe vieler Freundschaftsbeziehungen eingehüllt, die freilich als Netzwerk heute nicht mehr weit genug gespannt sind, der schwindenden Aufmerksamkeit Widerstand entgegenzusetzen.

Geboren wurde Johannes Schenk 1941 in Berlin. Weite Teile seiner Kindheit und Jugend hat er im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen verbracht. Sein Vater, der Schriftsteller, Sachbuchautor und Avantgardephotograph Gustav Schenk hatte „dort in einer Art inneren Emigration mit seiner Familie Zuflucht vor nazistischen Zumutungen gefunden“ (Fred Viebahn: Vignetten der Erinnerung an einen alten Freund, www.lyrikwelt.de/gedichte/viebahng1.htm). Das Museum of Modern Art hat später Photos von Gustav Schenk angekauft.
Der Sohn ist mit 14 Jahren Schiffsjunge geworden, „und hatte sich dabei unheilbar angesteckt mit Träumereien vom weiten Meer, deren vielfach versuchte Verwirklichung ihm später jedoch von einem Boot zum anderen missglückte; so blieb es immer wieder dabei, dass er sich seine romantische Fernweh (sic) in pittoresken Gedichten von der Seele schrieb.“
Der zitierte Fred Viebahn, Freund über vierzig Jahre, will vielleicht andeuten, dass Johannes Schenk nicht sechs Jahre lang auf 13 Frachtdampfern gearbeitet hat, wie es überall sonst zu lesen steht. Waren es drei Jahre zur See oder sechs oder zwölf? Es ist müßig, die Biographie zu verifizieren. Die nachgelassenen Gedichte wie erst recht schon die frühen, besonders „Jona“ von 1974, kreuzen zwischen Wasser und Himmel, werfen ihre seemännische Fachsprachlichkeit aus, und das abrollende Seemannsgarn verflicht sich mit europäischer Geschichte, mit „Salazars Blechhelm“ und der Festung Caixas, „wo die Gefangenen in Kammern, engen, bis zum Halse bei Flut, / bis zum Knöchel bei Ebbe / im schlammigen Wasser des Tejo stehen müssen“.
Der vermeintlich mildere Faschismus Portugals hat seine oppositionellen Schriftsteller in die Wasserfolter von Ebbe und Flut gestellt. Jeder Tourist, der in Lissabon das berühmte Kloster Belém anschauen will, sieht auch das Gefängnis unter dem Turm am Tejo. Jona sieht die Gefangenen nicht, aber das lyrische Ich hat sie doch gesehen. Es schaut zu Wasser auf weite Strecken die Welt an wie Saint-Exupéry es aus der Luft getan hat; der Matrose mit Fernweh hat Rimbaud gelesen.
Von einem eigenen Boot hat er immer geträumt. Einmal scheint er diesen Traum verwirklicht zu haben, indem er ein Rettungsboot umgebaut hat, das ihn immerhin von Gibraltar nach Casablanca gebracht hat. Dort wird der Reisende krank, schwer krank. Gerettet hat ihn wohl ein „Monsieur Thaurin, schnauzbärtig, der gerne aß: / Artischocken Steak Minute, Miesmuscheln / und beim Wein über die Pensées redet“ („Bilanzen und Ziegenkäse“, 1968).
Der Leser von Blaise Pascals Pensées führte in Casablanca ein „Büro für Bilanzen, liebt aber die Reichen nicht“ (Alexander von Bormann, KLG); „sein Boot lag neben meinem“ im Hafen. – „Jona verkauft den Sextant aus Messing.“ (Aus: „Der Bauch von Casablanca“):

Kauft sich dafür
In der Medina eine schwarze Dschellabah.
Will an Land gehen.
Sich an eine Hausmauer legen. Karussel fahren,
wenn er kann. Sich aufgeben.
Aber dann morgens Rufe vom Kai aus Stein.
Und drei Leute mit finsteren Hüten kaufen
das Schiff für eine Handvoll Geld.
Fürs Fährgeld.
Im Reisebüro nimmt er das Billett.
Nach Marseille.
Bevor er geht verschenkt er noch alles:
Die Decken an Muhamad, den Fährmann im winzigen Boot,
die Segel den Tee. Ein kleines Relief aus Ton
dem Zimmermann von der Werft,
der den Käufern im Hut versichert,
das Schiff ist im Holz noch hinreißend gut.

so könnte man – zitierend – fast das ganze Leben Johannes Schenks nachzeichnen. Der kürzlich gestorbene liebenswerte Germanist Alexander von Bormann hat 1981 das Buch Jona den „geschlossensten“ Gedichtband von Johannes Schenk genannt und ihn als ein großes Erzählgedicht bezeichnet, das er dann aber in die Nähe von Hans Magnus Enzensbergers Mausoleum rückt. Enzensbergers „Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“ sind jedoch anonymisierte Epitaphe für Männer, die in einen Geschichtsprozeß eingereiht werden. Johannes Schenks Gedichte erzählen auch da, wo sie politische Bezüge und revolutionäre Hoffnungen benennen, immer von dem einen Menschen, der in die Ferne aufbricht oder aus ihr zurückkehrt, von dem mitleidenden „Genossen“, der sehen und schmecken kann. „Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke“, schrieb er 1980.
Bormann zitiert Karl Krolow, der 1976 Jona einer „heimatlos werdenden politischen Sensibilität“ zugeordnet hat. Politische Sensibilität und stilistischer Sensualismus statt biographischer Realismus – das scheint in der Tat eine angemessene Einordnung für einen empfindsamen und emphatischen reisenden Revolutionär, der sein Leben nicht nur auf Schiffen, sondern in einem Zirkuswagen in Worpswede und in „der zweiten Etage, Dresdener 117“ in Berlin-Kreuzberg gelebt hat.
Die Adresse ist kein Geheimnis, sie findet sich mehrfach in den Gedichten und ist auch die Anschrift von Natascha Ungeheuers Atelier. Wer in Berlin unter den Yorck-Brücken nach Kreuzberg fährt, liest das in schwindelnder Höhe angebrachte, zu Herzen gehende Graffito „Guten Morgen, Du Schöne“. Wer anders als die wunderbare Malerin Natascha könnte gemeint sein? Sie war die Frau an seiner Seite, Johannes Schenks Lebensmensch. Ihr fremder Name ist das erste Wort seines vielleicht deutschesten Gedichts; es stammt vom 24. November 1976 und ist das „Gedicht für Wolf Biermann“.
Auf diesen anderthalb Seiten hat Johannes Schenk seine berlinischen und seine literarischen Koordinaten gezogen. Auf Natascha folgt Aras, Aras Ören, der türkische Dichter des alten West-Berlin, der in diesem Winter siebzig wird. P.P. Zahl wird genannt und Erich Fried. Den nennt er „meinen Lehrer in London“. Und Johannes spricht von seinem Koffer. Der ist nach dem Überseekoffer und dem Handkoffer für die nötigste Kleidung der dritte, der Bücherkoffer, den er 1980 auch in seiner im Oberlin-College, Ohio, USA, gehaltenen Rede „Meine Koffer und meine Gedichte“ beschrieben hat.
Hier, im Gedicht, ist er „Voll mit Büchern: / Von Marx, von Rosa, Neruda, von Babel, von Hoddis, von Biermann / Von meinem Lehrer in London, Erich Fried.“ In der amerikanischen Oberlin-Rede kommen noch Allen Ginsberg, Ernst Bloch, Brecht und Heine, Apollinaire, Rimbaud, Baudelaire und andere hinzu. Das sind die Namen, die jemand nennen muss, der so lebt und reist, wie Johannes Schenk es getan hat. „Ich liebe Koffer“, sagt er am Anfang der Rede; bei Walter Benjamin, den er auch nennt, war es nur eine Aktentasche.
Alle Namen sind richtig gesetzt. Die Koordinaten sind deutlich. Aber ein Name fällt auf, weil er nicht zum Kanon zählt, sondern eher ein Surplus markiert. Ich meine Jakob van Hoddis, den Dichter des Neopathetischen Cabarets in Berlin, den Autor von „Weltende“, der ein Jahr nach Schenks Geburt als psychisch kranker Dichter aus einer jüdischen Pflegeanstalt bei Koblenz in den Bezirk Lublin deportiert wurde. Er hatte Spottgedichte und Grotesken geschrieben, und schon 1910 hat man ihm einen „großen grausen Humor“ nachgesagt.
Es ist gut zu wissen, dass Johannes Schenk ihn gelesen hat. „Schön noch immer unsere Träume“, heißt es im „Gedicht für Wolf Biermann“:

Wohinein
die von oben ihren Müll schütten, diesen entsetzlichen Müll
der Gesetze. Wovon ich mir nicht den Kopf voll machen will.
Und traurig bin. Aber auch voll Wut…

Um nochmals die amerikanische Rede von 1980 zu zitieren:

Ich liebe das provisorische Leben, das heißt, ich habe nie ein anderes kennengelernt. Der Koffer und meine Gedichte haben miteinander zu tun. Beide helfen sie mir, mich zu befreien.

Gemeint ist dabei immer auch die Befreiung von Deutschland.

Die Angst ist ziemlich hemmungslos mit mir. Sie kommt ohne Einladung, oft auch, ohne an die Tür zu klopfen. Die Angst bringt mich dazu, sie aufzuschreiben, auch die Einsamkeit in den großen Städten.

Das gehört zu Johannes Schenks Grammatik des Lebens. Deshalb glaubte er auch, Ende der 90er Jahre den deutschen P.E.N. verlassen zu müssen und in das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland eintreten zu sollen.
Das geschah zur Zeit der späten Verschmelzung der deutschen P.E.N.-Zentren Ost und West. Der Fahrensmann war aber dann gar nicht mehr so häufig im Ausland. Gern wäre Schenk, als er einen Literaturpreis erhalten hatte, mit dem Geld in der Tasche noch einmal nach Casablanca aufgebrochen, doch nachdem der Anlass im Dorfkrug von Worpswede mit Freunden gebührend gefeiert worden war, reichte das Geld nicht mehr für die Fahrkarte nach Bremerhaven oder Hamburg. Die Freunde werden den Dichter dafür geliebt haben.
Und die schreibenden Freunde? Sehr viel scheinen sie nicht getan zu haben, obwohl Johannes Schenk seit 1967 in V.O. Stomps Neuer Rabenpresse, in Klaus Wagenbachs Quartheften, in Jürgen Mantheys Reihe das neue buch und seit 1969 als Gründer des Kreuzberger Straßentheaters doch sehr präsent war. Yaak Karsunke und Lothar Baier haben als Kritiker reagiert, auch Hadayatullah Hübsch, Joachim Günther, Hans-Jürgen Heise, Michael Krüger, Jürgen Theobaldy, Heinrich Vormweg, Michael Buselmeier und – wie schon erwähnt – Karl Krolow und Alexander von Bormann. Das waren Zeitungs- und Zeitschriftenkritiken.
In einem seiner Bücher ist Hartmut Lange, der 1965 aus der DDR nach West-Berlin emigriert war, sehr nachdrücklich auf Johannes Schenk eingegangen. In seinem Aufsatzband Die Revolution als Geisterschiff. Massenemanzipation und Kunst (das neue buch, 1973) ist Lange angetreten, die Kunst vor der Demokratie zu bewahren, sie als „subjektive Einvernahme objektiver Sachverhalte“ zu definieren und sie just um 1968 gegen Kollektivierung und politische „Einvernahme“ zu verteidigen. Sein Eintreten für das Quartheft Zwiebeln und Präsidenten (1969) im Aufsatz „Lyrik als kapitalistischer Ladenhüter“ ist eigentlich ganz wunderbar: „Schenk“, so schreibt er, „ist in der unglücklichen Lage, Lyrik zu produzieren, die für die zur Zeit marktfördernden Praktiken völlig ungeeignet ist. Der Mann ist als Lyriker hierzulande so gut wie unverkäuflich, aus einem einfachen Grund: Er macht ausgezeichnete Lyrik.“
Im Anschluss daran zitiert Hartmut Lange das Gedicht „Spaziergang“ aus Zwiebeln und Präsidenten. So weit, so gut, aber Hartmut Lange hat damals vielleicht nicht gewusst, wie sehr ein Lob nachhaltig schadet, wenn es sich gleichzeitig zur Untermauerung des Lobes gegen Helmut Heißenbüttel, Arno Schmidt, Ernst Jandl, Franz Hohler, Hans Magnus Enzensberger oder auch den Schenk-Rezensenten Krolow wendet und deren Texte als „billigen Protestfusel“ im Geiste oder im Ungeist der 68er abqualifiziert. Es war natürlich der helle Wahnsinn, die Götter zu stürzen und an die Stelle ihrer Throne eine Ruderbank für Johannes Schenk zu stellen. Klaus Wagenbach und die Tintenfisch-Bände stellte Hartmut Lange in seinem taktischen Ungeschick unter den Verdacht kotigster Koprophilie. Ein Bauprinzip Heißenbüttels wird als „Markenliteratur“ der „Substanzlosigkeit“ verkannt, aber andererseits gelingen Hartmut Lange ein paar geschickte Floretthiebe:

Was hat Karl Krolow eigentlich gegen Sodomiterei? Ich würde mich da nicht festlegen. Wo kommen Kommunisten hin, wenn sie sich alles verkneifen! Ich zum Beispiel esse gern Austern, und ich fürchte Karl Krolow, weil: Er denunziert das Sinnliche…

Schön gesagt, aber ich glaub es überhaupt nicht. Hat der wirklich nur ihn bewundernde Studentinnen vernascht und nie eine Auster? Wie war das denn mit der Sodomiterei bei Krolow oder der Ernsthaftigkeit des literarischen Experiments von Helmut Heißenbüttel ? Die Fragen von 1968 waren doch andere.

Man sollte sich angewöhnen, Johannes Schenks Gedichte nicht zu vergleichen mit Heißenbüttel, Jürgen Becker, Ernst Jandl oder wem auch immer. Schenk hat sein ganzes Leben verdichtet und dennoch kein realistisches, autobiographisches Werk hinterlassen. Glücklicher Weise. Er hat sein Leben in Wortfeldern vertäut, verankert und wieder in Fahrt gebracht. Was eine „Hafennutte“ ist glaubt jeder zu wissen, aber was ist ein Bugspriet, was sind Mastpardunen, eine Brigantine, eine Huk, ein Nock oder ein Gaffelschoner oder die Saling, die uns auch der Duden nicht richtig erklären mag. Wer Ulf Stolterfoht, den so viel jüngeren Dichter liest, hat bei ihm gelernt, dass aus dem Fundus der Fachsprachen sich Räume auftun, die Lebenswelten aus Wörtern sind. Zum Verständnis von Johannes Schenk wäre ein Glossar hilfreich gewesen, doch es gibt ja auch einschlägige Lexika und das Internet. Man findet auch ohne Hilfe hinein in die Klänge der Wörter.
Eine Korrektur offensichtlicher Fehler in den Erstdrucken hat hier und da stattgefunden, kaum in den bisher ungedruckten, aber ein postumes Lektorat wäre doch auch nur schwer vorstellbar. So muss eine Frau im Gedicht „ihre zwei Busen“ behalten, das falsch geschriebene „Nessecaire“ in einem der Nachlassgedichte blieb stehen, und ein „Jüdisches Arbeiterlied“, das als Motto dem Band Zittern vorangestellt ist, müsste der Sprache nach ein jiddisches Arbeiterlied genannt werden. Die „Nachweise“ der Erstdrucke und ein paar sachdienliche Angaben zu Schenks Schreibweisen sind Vermerke des Verlages. Einen Herausgeber haben diese Nachdrucke nicht.
Der letzte Teil, Schaluppes Logbuch genannt, ist nicht Nachdruck, sondern Erstdruck. Es sind Johannes Schenks letzte Gedichte, und sie zeigen deutlich, dass es noch einmal eine Entwicklung gegeben hat in diesem Lebenswerk. In die Sinnlichkeit der Erfahrungen dringt eine kühner gewordene Sprache, die um Nuancen nur, aber doch spürbar weniger um sofortiges Verstehen bemüht ist, sich auf eine Rätselhaftigkeit einlässt, die kleine Geheimnisse zwischen Autor und Leser zulässt. Daraus spricht ein Mut zur Sprache, der bei Johannes Schenk immer auch ein Mut zum Leben ist.
Der Dichter dieser letzten fünfzig Seiten ist nicht müde geworden, sondern sprachwach und bilderreich. Er glättet nicht, lässt Rauhigkeiten zu, schreibt ein Listengedicht, eine Vokabelreihung also, schichtet die Wörter „schleppen“, „schlapp“ und „Lappen“ in eine Zeile – ein unangestrengter Modernismus durchdringt Schenks späte Gedichte, eine Helligkeit eher als ein Verdämmern.

SATZGOLD

Sieht durch das blaulinsige Fernrohr
das Doppel der holzbeladenen Schiffe,
die steif und hellhäutig über den Ozean
schwimmen, einen Schwall dicker Wogen
schleppen die hinter sich, schlapp einen Lappen
im Heck der irgendein Land darstellt, im Nu
holt müde ein ferner Bootsmann das Tuch ein,
zerknüllt es in der Hosentasche, wirft es ins Meer
weils als Schnupftuch nicht taugt. Sieht
unser Kapitän alles verdoppelt. Winkt.
Und durch das Glas zieht sich das Kielwasser
des Frachtschiffs Ferne, in die ein Wal bläst,
ein fliegender Fisch vorm Maul der Makrele,
und ein bronzierter Bauchnabel der Frau,
die nach der Insel will mit kräftigem Arm
auf dem Wogenkamm und Busen, der tropft.
Salzgold.

Herbert Wiesner, die horen, Heft 236, 4. Quartal 2009

Johannes Schenk

– Die Gedichte. –

Mit vierzehn Jahren war er Schiffsjunge, dann Matrose, später Tellerwäscher, Gärtner, Buchhändler, Straßenarbeiter und Bühnenarbeiter. Seine ganzen Habseligkeiten hatte er meist in drei Koffern untergebracht. Einen Koffer für Hemd und Hose, einen zweiten für die Bücher seiner Lieblingsautoren (Heine, Brecht, Neruda, Biermann usw.). Und im dritten Koffer bewahrte er seine Manuskripte und Handschriften auf, denn neben all den erwähnten Berufen war Johannes Schenk auch oder vor allem Schriftsteller.
Johannes Schenk, 1941 in Berlin geboren und 2006 ebenda verstorben, war Malerpoet, Theatermacher und Bohemien. 1969 hatte er mit Freunden das „Kreuzberger Straßentheater“ gegründet und 1986 das legendäre „Schenksche Sonntagscafé“ eröffnet. Abgesehen von der Seefahrt hatte es für ihn all die Jahrzehnte nur zwei Wohnorte gegeben: das Atelier seiner Lebensgefährtin Natascha Ungeheuer in Berlin-Kreuzberg und seinen bekannten Zirkuswagen in Worpswede.
Johannes Schenk hat zeit seines Lebens geschrieben: Erzählungen, Romane und Theaterstücke. Das bestimmende Zentrum seines literarischen Schaffens bilden jedoch zweifelsohne seine Gedichte. Hier hat er zu einer poetischen Sprache gefunden, die seine Gedichte zu unverwechselbaren Gebilden machten.
Von Anfang an ist es der erzählerische Impuls, der sich durch die Gedichte von Johannes Schenk zieht und der sie zu einer Art Journal macht. Seine Gedichte waren für ihn wie die Schiffe seiner Jugend oder wie sein Zirkuswagen in Worpswede, wie der Geruch des Meeres oder das Gefühl des Morgenwindes. „Gedichteschreiben heißt auch“, äußerte Schenk einmal selbst, „sein eigener Arzt sein und sich immer wieder neu vorm Tod retten. Gedichte sind meine Rettungsboote.“
Die Prosagedichte sind Entdeckungen und Wahrnehmungen des Autors, sie dehnen den Augenblick aus, berichten von Erlebten oder widerspiegeln die ständige Suche nach seinen Wurzeln. Bereits in einem frühen Gedicht heißt es: „Mein Freunde sind die Zwiebeln, die Mülleimer, die Puppenkrüppel, die Lokomotiven auf Abstellgleisen, die ausgespukten Kerne, die Waschfrauen und die Bücherseiten…“.
Der Göttinger Wallstein Verlag hat nun die gesammelten Gedichte von Johannes Schenk in einer dreibändigen Ausgabe herausgebracht, von den ersten Gedichtbänden Zwiebeln und Präsidenten und Bilanzen und Ziegenkäse aus den 60er Jahren bis zu seiner letzten Veröffentlichung Salz in der Jackentasche. Den Abschluss bilden 45 Gedichte aus Schaluppes Logbuch, die der Autor in seinem Todesjahr zum Druck vorbereitete und die hier erstmals erscheinen.
„Mein Gedicht hat mehrere Berufe: Es ist Matrose und Liebender, es ist Bootsbauer und Forscher, es ist Seiltänzer und Akrobat“ – insgesamt hat Johannes Schenk mehr als sechshundert dieser eigenwilligen Gedichte geschrieben und bisher in fünfzehn Bänden veröffentlicht. Nun sind sie hier in einer prächtigen Ausgabe im Schuber zusammengefasst.

Manfred Orlick

 

JOHANNES SCHENK

Die blinde Dirne

Die blinde Dirne mit den blutroten Augen stellt ihr Fragen laut.
Sie will wissen, was für Vorlieben ihr Gegenüber hat,
wie wild seine Lippen küssen und ob er gerne Hintern haut.

Ihr Haar so rot wie ein Flammenstoß ihre Brustwarzen
Feuer spein ihr Geschmeide riesengroß.

Sie trägt ein Kleid aus Luft, das muss sie nie bügeln.
Sie verbreitet einen kessen Duft, dem kann sich niemand entzügeln.

Sie verführt die Knaben die sonst desgleichen nie tun.
Sie kreischt nur einmal laut aus vollem Hals und alle fangen an zu muhn.

Peter Wawerzinek 

 

Michael Wilke: Glaspyramide könnte Dichter-Boot schützen
Weser Kurier, 14.1.2012

 

Ein Abend für Johannes Schenk

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Brigitte Friedrich Autorenfotos

Nachrufe auf Johannes Schenk:

lmue: Hinter dem Meer
Süddeutsche Zeitung, 6.12.2006

sv.: Fast der Bürgermeister von Worps­wede
Berliner Zeitung, 6.12.2006

Hans-Christoph Buch: Seemann in Berlin: Zum Tode von Johannes Schenk
Die Welt, 7.12.2006

Fred Viebahn: Johannes Schenk: Vignetten der Erinnerung an einen alten Freund
P.E.N. Zentrum, März 2007

2 Antworten : Johannes Schenk: Die Gedichte”

  1. Peter Christian Hall sagt:

    Liebe Macher dieser schönen Seiten,
    beim Lesen des Textes „Meine Koffer und meine Gedichte“ habe ich eben in der vierten Zeile nach dem Zitat seines ersten Gedichtes einen winzigen Schreibfehler gefunden: dort steht glaubt – ohne e, also statt glaubte.Pardon, ich weiß, das mag schulmeisterlich und kleinlich klingen, aber als gewesener Redakteur (und immer noch Autor) weiß ich, wie schwer es sein kann, solchen Klein kram zu entdecken.
    Aber nicht zu vergessen: danke, das ist interessant und schön gemacht.
    Mit besten Grüßen
    P C Hall

  2. Redaktion sagt:

    Lieber Herr Hall,
    vielen Dank für ihre aufmunternden Worte und den Hinweis auf einen Schreibfehler. Wir würden uns vielmehr solche Leser und Kommentatoren wünschen, aber leider wird zu selten auf Fehler unsererseits hingewiesen. In dem speziellen Fall von „Mein Koffer und meine Gedichte“ ist es aber so, dass die Wallstein-Ausgabe den Text genauso gedruckt hat („glaubt“ statt „glaubte“) wie er auf der Internetseite erscheint. Nach einer kurzen Diskussion in der Redaktionsrunde waren wir der Meinung, dass der Text „…das Zuhausefühlen, das sich selber zu finden glaubt.“ korrekt ist und so bleiben sollte.
    Mit den besten Grüßen
    Die Redaktion

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