Johannes Schenk: Die Genossin Utopie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Johannes Schenk: Die Genossin Utopie

Schenk-Die Genossin Utopie

ICH BRING DIR EINEN FRIEDRICHSTADTPALAST MIT
Für Wolf Biermann, 1969

Wenn wir sonntags über die Grenze gehen
stecke ich meine linke Hosentasche
neben den Pfennig
neben die Schnapsflasche
oder in die Jacke einen Friedrichstadtpalast
mit 7000 Menschen für dich
den bauen wir auf bei dir
Deine Mutter macht Tee aus China
und die Leute aus meiner Hosentasche
setzen sich in deine Radleier
ein oder zwei auf die Ukulele
und deine Freundin in den Gitarrenbauch
wenn du singst
Wir freuen uns schon drauf Natascha
ich und die andern 7000
Hoffentlich wenn ich am Grenzer vorbeigeh
beult die Tasche nicht so
Mach schon mal die Tür auf für uns

 

 

 

Der zweite Gedichtband Schenks

handelt von dem, was wir vergessen: Vom Vergessen der Gefängnisse, Fabriken, Wärter, und vom Vergessen der Phantasie, die Veränderungen vorausträumt.
Was passiert bei den Leuten im Kopf? Oder: was halten Zeitungsleser von den drei Schuhen des Genossen Pinelli, warum hat man Angst bei Überfahrten und in der Nacht, warum fährt die S-Bahn mitten durch ein farbiges Bild von Cuba.
Die Gedichte sind brüderlich und kindsköpfig – sie erinnern an die „verschüttete Utopie im Kopf“.

Verlag Klaus Wagenbach, Klappentext, 1973

 

Lyrik

Vorbei sind die Zeiten der bunten Revolte, sind die Jahre 68 und 69, da sich Protest mit Witz und utopischer Phantasie verbündete. Die Kinder haben ihre Revolution gefressen. An die Stelle der Feuerköpfe Cohn-Bendit und Dutschke sind an die Universitäten staubtrockene Institutsmarxisten getreten, rote Wanderprediger, die in Diskussionen Worte von Marx, Mao und Mandel zitieren, als seien’s unbezweifelbare Wahrsprüche, und die ihren Anhängern – einer keineswegs schweigenden Minderheit – viel Theorie und wenig Praxis oder, wie Böll sagte, Theologie statt Bibel verkünden.
Da wirkt es ausserordentlich erfrischend, einen Mann wie Johannes Schenk zu hören, der nicht noch eine weitere Theorie über den Arbeiter, das unbekannte Wesen, vorträgt, sondern selbst Arbeiter ist: Schenk, gebürtiger Berliner vom Jahrgang 1941, war sechs Jahre Seemann und verdient seinen Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiter. Er hat 1969 ein Quartett mit Gedichten (Zwiebeln und Präsidenten) veröffentlicht, wirkt in Berlin-Kreuzberg beim Strassentheater mit und hat auch bei der Schaubühne am Halleschen Ufer ausgeholfen – als Bühnenarbeiter.
Schenks neue Gedichte – rhetorische, erzählende Texte zumeist – sind gesättigt von Realität. Die Wirklichkeit, wie Schenk sie sieht und zweifellos erlebt hat, ist bevölkert von „Bullen“ und Staatsanwälten, denen der Himmel voller Paragraphen hängt; von Matrosen, die den Süden nicht aus der Touristen-Perspektive und auch nicht mit Freddy/Heino-Sehnsucht im Herzen, sondern als Schiffsarbeiter erfahren; von Arbeiterinnen und Arbeitern mit „verschütteter Utopie im Kopf, ganz hinten / und bei manchem nicht mehr so weit hinten“; von Astrid Proll und Georg von Rauch; von Berliner Rentnern, Gastarbeitern, Studenten.
„Flugblätter / Zärtlichkeiten und Sachen, die schön riechen“ beschreibt Schenk in seinen direkten, sinnenhaften und zornigen Gedichten. Doch er missachtet die Tabus der heutigen Hüter der reinen linken Lehre: Er verschweigt seine Sensibilität und Individualität nicht, scheut sich nicht, auch von seinem eigenen Jammer zu schreiben; er erklärt die Utopie zu seiner Genossin, die ihm hilft zu einer möglichen Alternative zur gegenwärtigen Realität; und er wagt es auch, in einem Gedicht Wolf Biermann, dem (freilich begabteren) Bruder in Marx, seine Sympathie zu bezeugen (– was unter Orthodoxen ja schon beinahe als Häresie gilt).
In seinen Notizen über Strassentheater-Erfahrungen steckte Johannes Schenk all denen, die es angeht, das Folgende hinter den Spiegel:

Manche Genossen haben eine sonderbare Weise, anderen den Spiegel vorzuhalten. Sie malen ein Bild drauf, halten es dem anderen vor, dass er hineingucken kann. Aber der erkennt sich nicht wieder. Der Spiegel ist bemalt und dahinter wartet der, der den Spiegel hält und nimmt das Erschrecken dessen, der sich nicht wiedererkennt, als Einverständnis mit dem Bild, das er sich vom andern gemacht hat.

J. P. W., Die Tat, 26.1.1974

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Yaak Karsunke: Die Utopie als Genossin
Frankfurter Rundschau, 10. 10. 1973

J.P.W.: Arbeiterdichter heute
Der Tagesspiegel, 13. 1. 1974

 

Michael Wilke: Glaspyramide könnte Dichter-Boot schützen
Weser Kurier, 14.1.2012

Ein Abend für Johannes Schenk

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
Porträtgalerie

Nachrufe auf Johannes Schenk:

lmue: Hinter dem Meer
Süddeutsche Zeitung, 6.12.2006

sv.: Fast der Bürgermeister von Worps­wede
Berliner Zeitung, 6.12.2006

Hans-Christoph Buch: Seemann in Berlin: Zum Tode von Johannes Schenk
Die Welt, 7.12.2006

Viebahn, Fred: Johannes Schenk. Vig­netten der Erinnerung an einen alten Freund
März 2007

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