Jorie Graham: Region of Unlikeness / Region der Unähnlichkeit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jorie Graham: Region of Unlikeness / Region der Unähnlichkeit

Graham-Region of Unlikeness / Region der Unähnlichkeit

AKT III, SZENE 2

Schau sagte sie das ist nicht die Entfernung
in der wir bleiben wollten – wir wollten uns
näher kommen, sehr nahe. Aber wo
ist der Weg dahin zurück? Und ist es

Zu spät? Sie konnte die Ereignisse
vorbeirauschen hören – aber sie laufen auf einer
anderen Spur. Und in der Stille,
oder was immer es ist das folgt,

da war noch immer das Schwirren: Stäubchen, Sporen,
Nachwirkungen und so weiter riefen den Morgen danach zurück.
Dann die Dichte durch die du nicht durchkommst Warten genannt.

Dann das du, wer immer du bist, das herunterstiert um zu sehen ob’s schon vorbei ist.
Dann bloß das Aussehen der Dinge nach ihrem Angeblicktwerden.
Dann bloß das Aussehen der Dinge nach ihrem Gesehensein.

 

 

In „Fission“, dem Eröffnungstext von „Region of Unlikeness“,

des 1991 erschienenen vierten Lyrikbandes von Jorie Graham, werden in einer für ihre gesamte Dichtung charakteristischen Weise mehrere Ereignis-Schichten – die Projektion von Gesten, Blicken und Tönen aus Kubricks Verfilmung von Nabokovs „Lolitha“, die identifikatorischen Assoziationen eines dreizehnjährigen Mädchens, die Nachricht vom Mord an John F. Kennedy – übereinandergelegt und zu genau dem Augenblick synchronisiert, in dem der Film angehalten, die politische Geschichte unterbrochen und das Mädchen im Film wie das Mädchen, das ihn sieht, sich selbst als Andere gesehen sieht. Die Komplikationen dieses Blickwechsels sind nicht weniger groß als die des Je me voyais me voir, sinueuse in Paul Valérys „La Jeune Parque“. Die Schichtung, in der die Bilder von artifiziellen, individuellen und politischen Ereignissen so zusammengeführt werden, daß sie sich zu einem geschichtlichen Augenblick verbinden; diese Geschichte kulminiert in diesem wie in anderen Texten von Graham in einer Überblendung:

Werner Hamacher, Aus dem Nachwort,2008

 

Region der Unähnlichkeit ist eine ausgedehnte Meditation

über die Idee der Geschichte und insbesondere über den auf Ansehnlichkeit und Form, „auf Wohlgestalt gerichteten Trieb der westlichen Kultur“. Grahams Gedichte erkunden eine Realität, die sich jenseits der konfektionierten Vorstellungen von ihr und noch jenseits jeder „poetischen“ Gestalt überall dort zeigt, wo die Bilder, die lyrischen Fotografien und die Kino-Effekte der Erzählung verschwinden. Die Wirklichkeit, die sie entdecken, liegt dort, wo sich von ihr nichts zeigen lässt. Sie bewegt sich unterhalb des Gesagten, in den Falten des Gesehenen, den größer werdenden Pausen zwischen dem Gehörten. Jorie Grahams Lyrik schält die „immer engeren Verkleidungen / der Hüllen des / Realen“ ab, um die Spannungen zwischen innerem und äußerem Leben, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Ruhe und Bewegung, die Schichten des Lichts und des Dunkels freizulegen. Meditative Dichtung von einer Sprungkraft und Präzision, wie man sie im deutschen Sprachraum zuletzt nur in der Lyrik von Rilke und Celan finden konnte, nimmt sie die Fragen nach Sein und Zeit, Sprache und Blick, Geste und Leiden dort auf, wo die Filmtheater und Altersheime, die Cabarets, die blockierten Aufzüge und die Irrenhäuser von ihnen heimgesucht werden.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2008

 

Überblendungen

Ohne Zweifel ist die 1950 geborene Amerikanerin Jorie Graham eine der legitimen Erbinnen der grossen Marianne Moore. Komplex, hochvirtuos, voller Anspielungen und Zitate präsentieren sich Grahams Dichtungen. Ihr im Original erstmals 1991 erschienener Band „Region der Unähnlichkeit“ ist ein langer Versuch, die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache auszuloten. Durch die Überblendung verschiedener Zeit-, Ereignis- und Bewusstseinsschichten entsteht eine gestaffelte Gedichtrealität, die aus dem Jetzt der Sprache lebt und den Riss aufzeigt, der durch die Phänomene und die Sprache selbst verläuft. „Gehalten wird vom historischen Augenblick seine Unhaltbarkeit“, fasst der Übersetzer Werner Hamacher in seinem profunden Nachwort die Grundaussage zusammen. Aus dem Gestus des Entdichtens, aus der Lücke entsteht das Offene, die Wende: „Wahl ist was das Sinnliche hier das herrliche Hier ruiniert – / die Schönheit ruiniert, / Wahl die Bewegung die die Hüllen aus Licht zerreisst, die immer engeren Hüllen / der Schichten des / Wirklichen“. Auf grossartige Weise verbinden sich in diesem Band präzis eingefangene sinnliche Beobachtungen mit philosophischen Überlegungen.

BCN, Neue Zürcher Zeitung, 20.8.2009

„Detail aus der Schöpfung“

„und aus dem äußersten Ende der Nacht der blühende Weißdorn aufstand.“

Wenn es noch Argumente gebraucht hätte, mit diesem Vers hätte sie mich gehabt. Im anti­ki­sie­renden Rhythmus bricht sich eine Erfahrung Raum die die Enden von Sinnlichkeit und Re­flexion zusammenbiegt zu einer auf der Seite liegenden Acht, und der blühende Weiß­dorn ist geradezu zu riechen. Der Vers ist dem langen Gedicht „Chaos“ entnommen, das sich unge­fähr in der Mitte des Bandes befindet. Ein Zufall vielleicht, dem Titel entsprechend, aber nach vorn wie nach hinten gebiert der Band Ordnung. Oder etwas, das Ordnung ähnelt.
Das erste Lesen war mir ein Rausch. Niemals zuvor war ich in einer so kurzen Zeit durch einen solchen Berg von Gedichten geritten. Atemlos, erschüttert, befreit. Ja, dachte ich immer wieder, so muss man das machen.
Region der Unähnlichkeit. Region of Unlikeness. Allein das Wort Unähn­lich­keit, das Abweichende in der Identität, die selbst nicht identisch, flirrende Ränder, die ganze Dialektik in einem Wort. So wie Geschichte in einem Text von Graham zusammenschnurrt. Das ganze zwanzigste Jahr­hundert. Rhyth­misch, politisch, intellektuell. Als wäre Ordnung möglich. Als gäbe es einen Sinn jenseits des Gedichts. Aber:

Schon zu Anfang, schon bevor sie schlüpften
war alles das gewußt werden konnte
aaaaavorbei.
Die Mutter war da, ein gelbes Auge auf mich gerichtet
(„Detail aus der Erschaffung des Menschen“)

Als gäbe es Geschichte. Als sollte sie endlich beginnen.
Es gibt in der Filmsprache den Begriff Aliasing. Das Zusammenfügen der Bilder durch unser Hirn zur Bewegung lässt uns die Umdrehung der Wagen­räder als Rückwärtsbewegung erkennen, obwohl der Wagen doch vorwärts fährt. Revolutionen sind physikalisch immer beides: Aufwärts- und Abwärts­bewegungen. Revolution und Involution. Erkennbar an der Pause zwischen den Bildern, dem Moment der Bewegung also, der ausgespart bleibt.
Hier setzen die Texte von Graham an. Am Flirrenden, am Licht das von irgendwoher kommt und das immer schon Reflexion ist.

aaaaaIch seh das Licht von unserm wirklichen Platz
Den Arm aus Leinwandwebendem Licht aufsaugen
aaaaaBis die Geste des magischen Arms zerfranst,
(„Riss“)

Zuerst habe ich Werner Hamachers formidable Über­setzung gelesen. Und immer, wenn ich dachte, ich sollte mal im Urtext nachsehen, kam der nächste und wieder der nächste Vers, das ich nicht mehr wusste, wo der Ansatz war, und ich fand die Selle nicht, und später überwand ich mein lausiges Englisch und ich las auch die amerikanische Version komplett und verstand, dachte ich zumindest. Pate stand mir der Rhythmus, der in Grahams Texten und den Hamacherschen Über­setzungen niemals geliehen wirkt, niemals in jenes galoppierende Einerlei verfällt, das uns seit dem Pop allweil begegnet.
Weil Graham Geschichte denkt, weiß sie um Gangarten weiß. Rhythmus und Tempo­wechsel. Und sogar mehrere Tempi gleich­zeitig. Formationen. Ordnungen. Dass ich mich an die Klavieretüden von Ligeti erinnert fühlte und an die Stücke für zwei Klaviere. Sich über­lagernde Formationen auch hier. Strukturen, die eine dritte höhere Ordnung anklingen lassen. Und vielleicht ist es genau das, was bei der Lektüre melancholisch stimmt: Die Erinnerung an die Möglichkeit von Sinn. Als gäbe es Freiheit.

Jan Kuhlbrodt, Poetenladen.de, 24.2.2009

 

Poetische Erosionen

– Über die amerikanische Lyrikerin Jorie Graham. –

Im Mittelpunkt ihrer Gedichte stehen die Randzonen des Sagbaren. Im Vertrauten, Alltäglichen sucht sie nach dem Ungewohnten, ganz im Sinne Nietzsches, dessen Zarathustra sie einst Titel und Motto ihres ersten Gedichtbandes (Hybrids of Plants and Ghosts, 1980) entnommen hatte:

Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst.

In ihrer Lyrik konfrontiert Jorie Graham, eine der wichtigsten lyrischen Stimmen der Vereinigten Staaten, Deutlichkeit im Ausdruck mit mystischer Erfahrung, Gewohntes mit Außergewöhnlichem, das Leiden an Langeweile mit schierer Ekstase. Zeile um Zeile mutet uns diese in Italien aufgewachsene, an Paul Eluard, Rilke, Hölderlin, Walt Whitman und William Carlos Williams geschulte und Maß nehmende Verdichterin sinnlich-geistiger Erfahrung paradoxe Verhältnisse zu. Sie ist die Meisterin von Abstraktionen, deren Sprache jedoch betont anschaulich bleibt.
Jorie Graham, Boylston Professor für Poetik an der Harvard University, wurde 1996 der renommierte Pulitzer Prize für ihre ausgewählten Gedichte The Dream of the Unified Field verliehen. Dieser Titel gleicht einem Programm: In einer Welt der Zersplitterung und Sinnerosion, in unserem Zeitalter des Fraktalen klagt sie die Einheit poetischer Erfahrung der Welt ein. Gedicht um Gedicht arbeitet Graham an einer lyrischen Feldtheorie, die sich, heute wagemutig genug, auf die Kraft des Wortes verläßt und seine Eigenschaft, disparate Erfahrungen zu verwehen.
Immer wieder geht sie in ihrem lyrischen Schaffen von Bildern aus. Ihr lyrisches Ich etwa vermittelt sich durch poetische Selbstporträts; man könnte auch sagen: dieses Ich entwirft sich in diesen Porträts neu. Solche Selbstporträts stellt sie zwischen mythische Figuren wie Apollo und Daphne, Demeter und Persephone. Sie sieht im sprachlichen Selbstporträt eine „verbindende Geste“, etwa zwischen Adam und Eva, dem Urpaar, das aber auch für die Urliebe steht, für die Lust zur Verführung, eine Art Urgeste, die ins Unsichtbare weist.
Gesten wirken, solange sie nicht in einen Habitus umschlagen. Geraham versteht das dadurch zu verhindern, daß sie von Gedicht zu Gedicht ganz neu anzusetzen scheint und ihre Worte aus bislang unausgeloteren Tiefen holt.
Nein, selbstsicher, abgeklärt wirken diese Gedichte nie; eher prägt sie eine beunruhigende Ungewißheit, die wohl folgender Einsicht entstammen dürfte: Wir wissen nicht, wo wir stehen, aber wir ahnen, was uns bevorsteht. Dieser Gedanke ist ein Leitmotiv, das sich durch die fünf großen Gedichtbände Jorie Grahams zieht (auf Hybrids of Plants and of Ghosts folgten 1983 Erosion, dann 1987 ihre bislang wohl wichtigste Sammlung The End of Beauty, sowie 1998 The Errancy und 2000 Swarm).
Grahams Gedichte prägt die Suche nach dem authentischen Gefühl in einer von Simulationen verstellten Welt. Aus ihnen spricht das Bewußtsein, daß wir es uns nicht mehr länger leisten können, verspielt zu sein, da wir bereits zu viel verspielt haben – an Werten und historischem Erbe.
Das Gewagte, ja, Radikale dieser Lyrik liegt in ihrem Mut zur Komplexität, sprachlichen Vielschichtigkeit sowie in ihrer geradezu mikroskopischen Genauigkeit und Differenziertheit im Gedanklichen. Die Grammatik erweist sich dabei weniger als festgefügte Struktur, denn als bewegliche Versuchsanordnung. In Grahams jüngsten Gedichten etwa kommt im Sinne dieser subtilen Genauigkeit ein geschärfter Sinn für die Welt im Dazwischen zum Ausdruck. Graham nennt dieses Dazwischen wahlweise ein „entre-deux“ oder ein „fold“, etwas Gefaltetes, aus dem sich eine weitere Falte ergibt: „plica ex plica“. So gesehen versteht sich das Explizieren einer Sache als ein Vorgang, bei dem gleichsam Bedeutung aus den die Sache umgebenden „Falten“ hervorgeholt wird, „Falten“ oder Strukturen, die im unsichtbaren Gewebe, sprich: Beziehungsgeflecht zwischen der in Frage stehenden Sache und einem anderen, mit ihr verwandten Phänomen entstanden sind. Das Dazwischen als Thema in der Lyrik Jorie Grahams gleicht einem Myzel, einem symbiotischen Bereich für künftiges Wort-Wachstum.
Was nun in diesen Gedichten erklingt? Man könnte sagen: der Kammerton einer neuen Gedankenlyrik.

Rüdiger Görner, Akzente, Heft 2, April 2003

 

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