Joseph Anton Kruse: Zu Rose Ausländers Gedicht „Mein Venedig“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Rose Ausländers Gedicht „Mein Venedig“ aus Rose Ausländer: Mein Venedig versinkt nicht. –

 

 

 

 

ROSE AUSLÄNDER

Mein Venedig

Venedig
meine Stadt

Ich fühle sie
von Welle zu Welle
von Brücke zu Brücke

Ich wohne
in jedem Palast
am großen Kanal

Meine Glocken
läuten Gedichte

Mein Venedig
versinkt nicht

 

Erträumte Stadt

Stets haben mir Gedichte, die Venedig beschwören, besonders gefallen. Glücklicherweise gibt es reichlich davon. Schönheit, Geschichte, Stolz und Gefährdung der Lagunenstadt übten auf die deutsche Lyrik ihren unauslöschlichen Zauber aus. Platen, C.F. Meyer, Nietzsche, Trakl, Rilke, um nur einige der „venezianischen“ Dichter zu nennen, sind dieser Verlockung erlegen. „Wie werd ich je dies große Rätsel fassen?“ fragt August von Platen als einer der sensibelsten Chorführer der in Bewunderung dem Geheimnis Venedigs verfallenen Verehrer. Sein klassischer Vorgänger Goethe hatte bereits im elften „Venetianischen Epigramm“ festgestellt:

Pilgrime sind wir alle, die wir Italien suchen.

Demut und Betroffenheit angesichts der Einmaligkeit dieser Stadt sind in den Stimmen der Dichter gepaart. Auch in den erinnerten und erdichteten Orten der Lyrikerin Rose Ausländer spielt Venedig die Favoritenrolle.
In ihrem Gedicht „Liebe II“ aus der Sammlung Noch ist Raum (1976) bekennt sie:

Ich liebe
Berge Bäume Blumen
das Meer
manche Städte zum Beispiel Venedig.

Elf Jahre früher trug schon ein Gedicht ihres Bandes Blinder Sommer (1965) den Namen „Venedig“ als Überschrift und faßte Erscheinung wie Wirkung der Stadt in sehnsüchtige Bilder aus Architektur, Kunst und Gondelfahrt, ein Venedig, wie wir es bereisen, schätzen und aus der lyrischen Tradition kennen.
Aussage und Ton, Erinnerung und Beschwörung des Gedichts „Mein Venedig” aus dem Jahre 1982 dagegen haben sich verändert. Die seit Jahren an ihr Krankenbett im Altenheim der Düsseldorfer Jüdischen Gemeinde gefesselte Lyrikerin erschafft die Welt, die sie sich angeeignet hat, neu. Die traurige Realität ist überschritten. Die neue, persönliche Wirklichkeit heißt Venedig. Darum das Possessivpronomen in der Überschrift und zum Auftakt: „Mein Venedig“ – „meine Stadt“; darum ist es auch sinnvoll, daß die beiden Schlußzeilen des Gedichts dem ganzen Lyrikband den Titel geben. Venedig in seinem Verfall als Sinnbild der von ihr erschaffenen, unsterblichen Welt; die eigene Phantasie, der Gedanke, der Wille sind Pfänder gegen Alter und Tod.
Im Text „Offener Brief an Italien“, ebenfalls in Blinder Sommer erschienen und dem erwähnten „Venedig“-Gedicht vorangestellt, heißt es bereits genauso besitzanzeigend, Liebe erklärend:

Mein Italien
ich schreibe dir aus Amerika
daß ich dir huldige
.

Gruß und Reverenz aus der „Neuen Welt“ an das „Abendland“ ihrer Herkunft und Bildung. Nun, in der Zeit der Beschwernisse durch Alter und Krankheit, wird die Sehnsucht noch stärker, wird die Beziehung zu Italien intensiver, die seelische Eroberung unaufhaltsam, die sakramentale Aneignung Venedigs zum Mysterium ihrer Einsamkeit und ihres Widerstandes gegen den Tod.
„Italien“ wird jetzt im so überschriebenen Gedicht aus der Sammlung Mein Venedig versinkt nicht von 1982 „mein Immerland“ genannt. Der Traum überwindet jedes Hindernis:

Immer träum ich zurück
zu deinen Städten
Venedig Rom Florenz
Siena Neapel.

Denn jetzt ist die Zeit des Briefeschreibens vorüber, ist der Abstand überbrückt. Venedig gar ist mit Wellen und Brücken in das Gefühl der Dichterin eingegangen, und diese hat ihre Heimat endlich und für die Zukunft in allen Palästen am Canale Grande gefunden. Das Glockengeläut der Stadt und die Gedichte Rose Ausländers sind ein und dasselbe, verkünden die gleiche poetische Botschaft von unvergänglicher menschlicher Schönheit. Was bleibt, hat wirklich der Dichter gestiftet.
Aber dennoch, trotz aller imaginativen Kraft, tauchen auch Wünsche nach realer Erfüllung wieder auf. Deshalb lautet ein wehmutsvolles Gedicht im Band Ich zähl die Sterne meiner Worte (1983) ein Jahr nach der trotzig-liebevollen Erschaffung „ihres“ Venedigs in vergegenwärtigender Einfachheit:

Ich will
noch einmal
in Venedig sein
mich
im Glasspiel
seiner Wasser
spiegeln

Mein Heim
ein herrlicher Palast
wie im Traum
leuchten Kanäle.

Joseph Anton Kruseaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zehnter Band, Insel Verlag, 1986

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