Joseph Brodsky: Gedichte

Brodsky-Gedichte

DIE VERBEN

Um mich scharen sich schweigsame Verben,
fremder Leute Köpfen ähnelnde Verben,
hungrige Verben, nackte Verben,
taube Verben, Hauptverben.

Verben ohne Substantive, einfach: Verben,
Verben, die ihr Leben in Kellern verbüßen,
in Kellern reden, in Kellern geboren werden,
unter einigen Stockwerken Optimismus.

Jeden Morgen gehen sie an die Arbeit,
mischen Zement, schleppen Steine herbei,
sie bauen eine Stadt, doch es wird nie eine Stadt sein,
sie bauen ein Denkmal ihrer Einsamkeit.

Sie gehen fort, wie man fortgeht in fremdes Gedächtnis,
von Wort zu Wort gemessen schreitend.
So werden, mit allen ihren drei Tempi,
die Verben einst Golgatha ersteigen.

Der Himmel ist wie ein Vogel über Gräbern,
und wie vor einer Tür, die man abgesperrt hat,
hämmert irgendwer, hämmert Nägel
in die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart.

Niemand wird kommen und sie vom Kreuz abnehmen.
Zum ewigen Rhythmus wird das Schlagen des Hammers.
Unter ihnen liegt die Hyperbel der Erde.
Über ihnen schwimmt der Himmel der Metaphern.

 

Über das Buch

Schon in seinem ersten Gedichtband, der 1965 in New York erschien, stellte sich Joseph Brodsky, damals gerade 25 Jahre alt, als eines der außergewöhnlichsten Talente der zeitgenössischen russischen Lyrik vor. Heute gilt Brodsky als der größte russische Dichter der Gegenwart.
Der vorliegende Band stellt eine Auswahl der 1965 erschienenen Gedichte dar. Schon hier ist Brodskys Stil von seiner genialen Eigenwilligkeit geprägt – in der klassischen Tradition russischer Lyrik verharrend, sprengt er sie gleichsam von innen heraus. Es ist, als nutze er Versmaß und Reim als ästhetische Hürde, die er berücksichtigen, aber zugleich spielerisch überwinden will. So entsteht in Brodskys Lyrik eine faszinierende Spannung von Tradition und Modernität. Neben Gedichten mit Metrum und Reim enthält dieser Band nichtstrophische Gedichte und auch schon Beispiele der später für Brodsky charakteristischen Gedankenlyrik. Sie alle zeugen von seinem zentralen Interesse an der Gedichtstruktur und seiner virtuosen Handhabung der poetischen Form. Brodskys vielschichtige Lyrik überrascht durch die Modernität der Sprache und der Bilder, durch den präzisen Blick, der die Wirklichkeit verfremdend erhellt, und die ungewöhnliche Metapher: „Der Himmel ist wie ein Vogel über Gräbern, / und wie vor einer Tür, die man abgesperrt hat, / hämmert irgendwer, hämmert Nägel / in die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart.“ – Diese frühen Gedichte dokumentieren die Genese eines großen Dichters, der zugleich Erbe und Erneuerer der langen Tradition russischer Lyrik ist.

Fischer Taschenbuch Verlag, Klappentext, 1987

 

Felix Philipp Ingold: Gedenkblatt für Joseph Brodsky
DU, Heft 6, 1996

Timo Brandt: Über Joseph Brodsky bei babelsprech.org, internationales Forum für junge deutschsprachige Lyrik

Joseph Brodskys Grab

Wo das fette Meer
das Tor beleckt.

Im evangelischen Quartier
nahe Ezra Pound
und Olga Rudge.

Treue Gäste entfernen sich:
die aggressive Möwe,
die ängstlichen Eidechsen.

Am Fuße,
unter der erloschenen katholischen Leuchte,
von jemand zurückgelassen
(im Plastikhemdchen
das vor Regen schützt)
der Computerausdruck eines Fotos:

Der ausgemagerte, kranke Brodskij
auf dem Fond von vier Tetrarchen.

Ganz in seinem
intensiven Blick.

Auf dem Grab Sühneopfer:

Ein umgestürztes Glas mit kleiner Münze,
ein leeres Schnapsviertele
mit verblichenem Etikett,
ins Laub gesteckte
Papierröllchen

(vielleicht Gedichte? Vielleicht Briefe?
Bitten? Beschwörungen?).

Ein Plastikbecher
voller Kugelschreiber

(sie reichen auch fürs zweite,
viel längere Leben).

Eine schwarze Plastikbrille

(wieder Plastik,
das Zeichen der Zeit).

Auf dem Grabmal Steinchen
wie auf einer Mazewa,

Tannenzapfen, ein kleines Blatt.

24.VI.2004

Ryszard Krynicki

Am Grabe Joseph Brodskys

Kaum daß ich angelangt
An deinem unbestrittnen Stein,
Schlüpf ich zwanzig Jahr zurück
Über die glatte Lagune

Zu einer Gasse bei San Marco,
Wo ein dunstger Abendregen
Die Gebäude längst zu Sand
Und Schlamm zerschmolzen hat.

Du – lebendig – sprangst heraus
Aus einem Untergrundcafé
Und riefst meinen Namen: Andrew!
Ich stockte bei dem Laut

Und drehte mich schlafwandlerisch,
Um deinem Ruf zu folgen −
Unter meinen Füßen, Luft,
Über meinem Kopf die Welt.

Weshalb du mich dort anhieltst,
Ich weiß es nicht bestimmt;
Vielleicht als Waffenbruder
Der Genossin Literatur?

Die Russen, Gurney, Yeats −
alles hing an Audens Namen:
Urväter-Helden, tanzten sie
In deinem Puppenspiel,

Und deine gefräßige Stimme
Spielte eines jeden Part,
Wortreicher, aber wundersamer
Tausch von Geplauder gegen Kunst.

All dies ohne auch nur eine Silbe
Von dem, was dir noch näher lag −
Deine eigene Entwurzelung
Mit „freie Welt“-Nachtrag −,

Es sei denn, ich zählte
Späte Stunden, Zigaretten,
Die Ausschau nach dem rechten Wort
Auf der Brustwehr der Erschöpfung.

Joseph, ich höre dich noch immer
Bei deinem Untergrundgespräch;
Drehe mich nachtwandlerisch
Und stocke bei dem Laut –

Und wie ich mich zum Grabstein beug
Mit seinen dürren Daten, Namen,
Spüre ich erneut, wie jener Stoff,
Aus dem die Welt ist, sich verflüchtigt.

Keine Grenzen. Keine Schranken,
Nur Sprache weht wie Regen
Über die treibenden Kontinente
Auf wieder ungeteiltes Land.

Andrew Motion

 

Fakten und Vermutungen zu Heinrich Ost
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Nachruf auf Joseph Brodsky: Schreibheft ✝ Carl Hanser Verlag

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Joseph Brodsky rezitiert „Натюрморт“ 1989

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