Joseph Brodsky: Liebesgedichte und andere Zuneigungen

Brodsky-Liebesgedichte und andere Zuneigungen

VI

Nur der Raum ist begierig
auf jenen Finger, der spitz
in die Ferne weist. Und wie sich
das Licht beschleunigt im Nichts!
Die Sehkraft nimmt ab, je weiter
der Blick reicht; viel weniger schlimm
ist das Lesen – und daß ich älter,
daß ich schwächer geworden bin.

VII

Ein Gleiches gilt für die Dichte
des Dunkels. Denn Finsternis
bleibt Finsternis, ob sie Tiefe
oder Fläche ist.
Der Mensch? Bloß Autor seiner
forsch geballten Faust!
– erklärte ein Flieger (ein Träumer),
der jetzt im Himmel haust.

Aus: Strophen
Übersetzt von Felix Philipp Ingold

 

„Es gibt keine Liebe ohne Erinnerung,

keine Erinnerung ohne Kultur, keine Kultur ohne Liebe. Deshalb ist jedes Gedicht ein Faktum der Kultur wie ein Akt der Liebe und ein Blitzlicht der Erinnerung, und ich würde anfügen – des Glaubens.“
Joseph Brodsky war ein Dichter vielfältiger Masken und Metamorphosen, ein russischer Odysseus und vom Tod besessener Ironiker, ein Liebeselegiker, Exilant und Erforscher der Zeit, ein eingefleischter Skeptiker und energischer Verteidiger von Wert und Würde der Poesie. Lyrik sei die einzig verfügbare Versicherung gegen die Vulgarität des menschlichen Herzens.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2008

 

Eine Seele in Bewegung

– Liebesgedichte des russischen Dichters Joseph Brodsky. –

Den Sommer, eine Fliege oder einen Schmetterling besingt Joseph Brodsky in seinen Liebesgedichten. Denn Liebe war für den russischen Nobelpreisträger eine der Wirklichkeit zugewandte Haltung, konnte sich folglich mit fast allen Themen beschäftigen. Einige Werke Brodskys wurden nun in dem Gedichtband Liebesgedichte und andere Zuneigungen veröffentlicht.

Den poetischen Titel verdankt das Taschenbuch seinem Herausgeber Michael Krüger, der selbst ein Dichter ist. Für dieses Bändchen hat er keine neuen Übersetzungen bestellt, sondern sich aus dem Fundus der letzten 30 Jahre bedient. So kommt es, dass die hier versammelten Liebesgedichte von fünf verschiedenen Übersetzern ins Deutsche gebracht wurden und auch so etwas wie die Geschichte und die unterschiedlichen Ansätze der deutschen Brodsky-Übertragungen spiegeln. Das früheste Liebesgedicht stammt aus dem Jahr 1962 und heißt lapidar „Sonett“ – im Bild eines neuen Pompeji beschwört es Vergänglichkeit und Ewigkeit der Liebe.

Wie gern würd ich in dieser schwarzen Stunde
mit einer Straßenbahn zum Stadtrand fahren
und in dein Haus eintreten,
wenn dann in Hunderten von Jahren
Ausgräber unser Viertel offenlegen,
möchte ich gern, dass sie mich wiederfinden
als Teil von dir für immer, fest umarmt
verschüttet von der neuen Asche.

Als er dieses Gedicht schrieb, war Joseph Brodsky gerade einmal 22 Jahre alt, ein Petersburger Dandy und Freigeist, ein unangepasster Bürger des sowjetischen Leningrad. Seine Verbannung in ein Arbeitslager im hohen Norden, die Ausbürgerung, das Exil in den Vereinigten Staaten, die schwere Erkrankung, der Nobelpreis – alles Elend und aller Glanz standen dem großen russischen Dichter noch bevor.
Das Gedicht, mit dem das Bändchen schließt, ist 33 Jahre später entstanden, im Jahr vor seinem Tod, und trägt als launigen Tribut an neue Welten und Zeiten den englischen Titel „Love song“. Tatsächlich könnte man es sich sehr gut gesungen vorstellen, von smoothiger Popmusik untermalt.

Bist du am Ertrinken segle ich dir zur Hilfe
pack dich in meine Decke gieß dir Tee in die Tasse.
Bin ich ein Sheriff würd ich dich einriegeln
und dann deine Zelle von innen betrachten.

Bist du ein Vogel ich würd eine Platte brennen
und nachtlang nichts hören als deine hohen Triller.
Bist du ein Spiegel stürm ich rein zu den „Ladies“
dir die Nase zu pudern meinen Lippenstift leihen.

Ja, man hört es – dies ist eines der wenigen Gedichte, die Joseph Brodsky in englischer Sprache schrieb. Als Dichter blieb er auch im amerikanischen Exil seiner Muttersprache treu – um es mit seinen Worten zu sagen: „Liebe ist immer eine monotheistische Erfahrung“ – während er sich für seine Essays durchaus das Englische anverwandelte.
Auch davon bietet diese Sammlung eine Kostprobe, wenn auch mit ein wenig Etikettenschwindel – durch den Hinweis auf ein Nachwort des Autors, wenn man darunter nicht das gleichnamige Gedicht verstehen will. Ein verblichener Autor steuert leider kein Nachwort mehr bei, vielmehr hat der Herausgeber unter Brodskys ins Deutsche übersetzten Essays einen passenden Text gefunden und seiner Auswahl beigegeben.
„Altra ego“ nannte Brodsky seine Abhandlung zum Thema „Liebesgedicht“, denn er vertritt darin die Auffassung, der Dichter besinge ein Mädchen nur deshalb, weil er in ihrem Antlitz sich selbst erkenne. Das Liebesgedicht sei deshalb eher ein Porträt der eigenen Seele, eine Selbsterkundung: Es ist, schreibt Joseph Brodsky, „schlicht und einfach, eine Seele in Bewegung. Ist es gut, kann es auch die Ihre in Bewegung versetzen.“
Ebenso rabiat wie sein großer Petersburger Kollege Vladimir Nabokov, der sich nach dichterischen Anfängen für die Prosa entschied, zieht Brodsky hier gegen die Erklärung des literarischen Werks aus der Biografie des Dichters zu Felde. Zitat: „Unter den vielen Ursachen für die geistige Verblödung des Publikums schießt das voyeuristische Genre der Biographie den Vogel ab.“
Auch findet er, Publikum und Biografen sollten endlich die Finger von der vielstrapazierten „Muse“ lassen – die mitnichten identisch mit der oder den konkreten Geliebten eines Dichters, sondern vielmehr die ehrfurchtgebietende ewige Stimme der Sprache selbst sei. Vielleicht war Joseph Brodsky einer der letzten Dichter, die sich als Seher, als Auserwählte verstanden, von der Muse exklusiv zum Diktat gerufen.
Mit der gebotenen Strenge versah Brodsky sein Amt, ohne permanent in die hohen Sphären abzuheben. Er war ein ironischer Dichter-Philosoph mit einer großen Leidenschaft für die irdische Welt. Für ihn konnte ein Gedicht über die Liebe „praktisch alles zum Thema haben“. Er schrieb: „Dass sie ein von Liebe beseeltes Gedicht lesen, wissen die Leser jedoch dank der intensiven Aufmerksamkeit, die diesem oder jenem Detail des Universums zugewandt ist. Denn Liebe ist eine wirklichkeitszugewandte Haltung – gewöhnlich von jemand Endlichem gegenüber etwas Unendlichem.“
So besingt Brodsky den Sommer, eine Fliege, einen Schmetterling, den Winter:

Ich liebe den Geschmack deiner herben
Moosbeere zum Tee, Teller mit geschälten Mandarinen,
deine Mandeln und Erdnüsse, zweihundert Gramm nur.

Und das Brennholz, das auf den hallenden Höfen
der feuchten 
Stadt, die am Meer friert, rumpelt und poltert,
wärmt mich bis heute, auch hierzulande.

Petersburg und die Ostsee-Landschaft blieben seine poetischen Bezugspunkte und Lieferanten seiner dichterischen Kraft. Genauso wie die russische Sprache und die russische Literatur, von denen alle seine Wirklichkeiten durchwirkt sind.

und beim Wort „Zukunft“ schießen Mäuse
scharenweise aus der Sprache Russisch und benagen
ein Stück Reibgedächtnis, das wie ein echter Käse
durch und durch gelöchert ist.
Das Leben, dem man – immerhin
ist’s ein Geschenk – nicht gleich ins Maul schaut,
fletscht überall die Hauer und gibt Laut.
Vom Ganzen des Menschen bleibt – als Teil –
bloß Sprache übrig.

Brigitte van Kann, Deutschlandfunk, 24.7.2008

Lallende Kamille

Der Mensch ist nicht das Ziel der Welt. Schon eher könnte das der nah am Nichts gebaute Schmetterling sein. Joseph Brodsky, russischer Dichter und Literaturnobelpreisträger, reflektiert über die flüchtige Schönheit des Insekts, die nur „des Schöpfers Spaß“ sein könne, und drückt damit eine zarte Sympathie für dieses so vergängliche Tier aus. In den „Liebesgedichten“ finden sich zahlreiche Texte, die nicht die amouröse oder emotionale Zuneigung zu einer Person zum Motiv haben, sondern ganz andere Formen der Liebe. In „Ekloge: Sommer“ beschwört Brodsky diese Jahreszeit mit der ihm eigenen Bildhaftigkeit, worin nicht zuletzt seine Liebe für die Sprache zum Ausdruck kommt: schwitzende Ameisen, die „im Hahnenfuß-Schatten Nickerchen halten“, die Spinne, die „wie eine Fischerin mit derbem Faden ihr Fangnetz“ flickt, Gräser, in die der Dichter „hineinhorcht“. Da lallt die Kamille, der Huflattich widerspricht „lauthals prahlend“, bevor im Eisschrank die dicken Krüge und frischgekochte Marmelade ins Blickfeld rücken – eine sehr individuelle Liebeserklärung an den Sommer. In dem als Nachwort verwendeten Essay „Altra ego“ erörtert Brodsky mit ironischem Tonfall das Verhältnis von Dichter, Sprache, Liebe und Muse und gelangt dabei zu zahlreichen humorvollen Erkenntnissen, die auch den einzigen nichtlyrischen Text zu einem lesenswerten Höhepunkt des Gedichtbandes machen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. April 2008

Jossif Brodskij

– Die Kraft der ersten Lüge. –

In Leningrad feiern die Freunde von einst noch immer am 24. Mai seinen Geburtstag. Sie versammeln sich dann und halten die Erinnerung an einen Mann wach, der 1963 mit einem einzigen Gedicht berühmt, 1972 zum Verlassen seines Heimatlandes gezwungen wurde und im amerikanischen Exil Rußlands größter zeitgenössischer Lyriker geworden ist. In Leningrad wohnen noch immer seine Eltern. Sie hüten das Zimmer des Sohnes, das unverändert blieb. In Leningrad lebt Marina, die verlorene Geliebte des Dichters. Und es lebt dort ihr gemeinsamer, heute 15 Jahre alter Sohn. Der Dichter blieb allein. Jossif Brodskij, nun wohnhaft in Ann Arbor, in New York, in Venedig, in Rom. Ein russischer Jude mit dem Paß der Vereinigten Staaten.
Sein Bekenntnis: „Der Dichter muß seinen Weg allein gehen, und niemand kann ihm helfen. Die Gesellschaft ist immer mehr oder weniger feindlich. Wenn sie ihn ablehnt, wenn sie ihn akzeptiert. Zumindest tut sie beides auf ziemlich rauhe Weise. Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, daß der Psalmist die Erde zu Recht ein Jammertal nannte. Der Mensch gewinnt nichts, wenn man ihn von einer Stelle an eine andere setzt. Man vertauscht lediglich die eine Tragödie mit der anderen. Wir sollten begreifen, nicht die Welt ist böse, sondern sie ist von ihren Bewohnern verdorben worden.“
Jossif Brodskij – ein metaphysischer Dichter. Sein Thema ist der Mensch zwischen absoluter Verzweiflung und totaler Verfügbarkeit. Es gibt für ihn nur ein Ziel: reif zu werden für den Tod. Die Schöpfung wird den Denkenden nie befriedigen können. Eindeutigkeit und Nachprüfbarkeit sind Zeichen eines ungeistigen Denkens. Jossif Brodskij sagt: „Jeder Staat sieht seine Bürger als Sklaven oder eben als Feinde an.“ Seine Würde gewinne der Mensch nicht in den bestehenden politischen Systemen zurück, sondern in der metaphysischen Dichtung. Sie ist für den Russen die „einzige atmende Ordnung“.
Der 42jährige Jossif Brodskij ist heute Professor für Literatur an den Universitäten in Ann Arborl Michigan und New York. Jährlich mehrere Monate lebt er – in seiner Freizeit – in Italien. Doch wo immer er sich niederläßt, verwandelt er sein Domizil in eine Höhle. So als stelle er die Atmosphäre und die alten Maße seines einstigen Zimmers in Leningrad wieder her. Eines Zimmers, das eigentlich keines war. Zehn Quadratmeter klein. Der türlose Eingang durch einen hohen Schrank abgetrennt von der Kommunalwohnung seiner Eltern. Ohne Fenster. Hier entstand sein „Jahrhundertgedicht“ über den Schlaf der Welt, das er dem Dichter John Donne, einem englischen Metaphysiker aus dem 17. Jahrhundert widmete:

John Donne schlief ein. Alles ringsum schlief ein.
Wand, Boden, Bettzeug, Bilder schliefen ein,
Tisch, Teppich, Riegel, Haken schliefen ein,
die ganze Garderobe, Anrichte, Gardinen, Kerzen.
Alles schlief ein. Glas, Flasche, Schüsseln,
Brot, Brotmesser, Keramik, Porzellan, Geschirr,
Uhr, Schränke, Wäsche, Fensterscheiben, Lampe,
die Treppenstufen, Türe. Überall ist Nacht…
… Wild, Vögel schlafen, tote Welt, das Leben.
Nur weißer Schnee fällt aus dem Nachtgewölbe.
Selbst dort wird jetzt geschlafen, über allen Köpfen.
Die Engel schliefen ein. Die Heiligen vergaßen
die angsterfüllte Welt – zu ihrer heilgen Schande…
… John Donne schlief ein. Es schlafen die Gedichte,
und alle Bilder, Rhythmen, starke, schwache,
sind unauffindbar. Laster, Sehnsucht, Sünden,
sie ruhen lautlos gleich in ihren Silben.
Ein Vers ist zu dem andern wie ein Bruder,
obwohl sie zueinander flüstern: rück ein wenig.
Doch jeder ist so weit vom Himmelstor entfernt,
so arm, so dicht, so rein, daß – Einigkeit sie füllt…
… Doch horch! Du hörst: dort, in dem kalten Finstern,
dort weint ja jemand, jemand flüstert ängstlich.
Jemand ist dort dem Winter ausgeliefert.
Und weint. Dort ist im Dunkel jemand…
… Wer schluchzt denn dort. Bist du’s, mein Engel,
der auf die Rückkehr meiner Liebe wartet, unterm Schnee,
so wie der Lethefluß…
… Nein, das bin ich, John Donne, ich, deine Seele.
Ich trauere verlassen hier in Himmelshöhen,
daß ich mit meiner Arbeit alle die Gefühle
und die Gedanken, schwer wie Ketten, schuf.
Mit dieser Last beherrschtest du den Flug
durch Leidenschaften, Sünden, und noch höher.
Du warst ein Vogel, und du sahst dein Volk,
ganz, überall, über den Dächern segelnd…
… Du hast
selbst Gott umflogen, und du jagtest weiter.
Doch diese Last wird dich nicht aufwärts lassen,
seit diese Welt – nur hundert Türme
und ein paar Flüsse, wo dem Blick nach unten
das schreckliche Gesicht fast gar nicht schrecklich dünkt…
… Doch höre! Während ich dein Nachtquartier mit Weinen
bestürze hier – fällt in das Dunkel, ungeschmelzt,
der Schnee und näht hier unsere Entzweiung,
und hin und her fliegt, hin und her, die Nadel.
Ich bin es nicht, der schluchzt. John Donne, du weinst…

In seinem winzigen Leningrader Zimmer erweiterte Brodskij Zeit und Raum, überwand er Entfernungen, Grenzen, Hindernisse. Hier holte er Hellas, Jerusalem, Ägypten und Rom in die Moderne zurück. Hier setzte er der Maßlosigkeit mathematisch-physikalischer Weltbeherrschung das Maß seiner Gedichte entgegen, in der die Schöpfung wieder erlebt werden kann und letzthin unbegreiflich bleibt. Hier transzendierte er die Kunst und materialisierte sie nicht, wie es in der Sowjetunion geboten und im Westen üblich geworden war. Hier stehen die Bücher über dem Schreibtisch noch genauso, wie er sie im Mai 1972 verlassen hatte. Hier sieht man Fotos von seinem Vater und seinem Sohn, von den Lyrikern Anna Achmatowa und W.H. Auden. Zum Schutz hat Brodskijs Mutter über die Dinge einen Plastikvorhang angebracht.
Die gleichen Bilder auch in der stillen Mortonstreet im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. In einem zweistöckigen Haus bewohnt er das Basement, Tiefparterre oder auch Keller. Wer sich nicht auskennt, kommt zu ihm über den Haupteingang und steigt dann herab, den Nebeneingang zu ebener Erde kennen nur die Freunde. Bekannte hat er viele, Freunde wenige, sagt er: „Ich schließe Freundschaften sehr selten und sehr langsam.“ Draußen ist heller Tag, und ich stehe in einem abgedunkelten Zimmer. Die Fensterläden, innen angebracht, sind geschlossen. Licht nur durch die Lamellen. Der Raum wirkt genauso winzig, wie es der in Leningrad ist. Jossif Brodskij knipst die kleine Stehlampe mit dem milchigen Glas auf seinem Schreibtisch an. Geöffnet liegt ein liniertes Heft im DIN-A4-Format. Darauf Notizen in kyrillischen Buchstaben. Er spricht ein wortreicheres Englisch als viele Amerikaner. Einige Gedichte hat er bereits englisch geschrieben. „Eine Ausnahme“, sagt er.
Die New York Times feierte 1980 Brodskijs jüngsten Gedichtband (A Part of Speech, Verlag Farrar, Straus, Giroux, New York) als einen „poetischen Triumph“, und der amerikanische Romancier John Updike fand die Übersetzungen der Gedichte so gelungen, daß er den Russen „einen amerikanischen Poeten“ nannte. Brodskij hatte einen Teil seiner Gedichte selbst übersetzt oder an den übrigen Übersetzungen mitgearbeitet. Der berühmte Dick Cavett holte den Dichter Brodskij in seine Fernseh-Talkshow. Doch in einer Gesellschaft, in der die wenigsten Gefühle länger anhalten als die Freude über ein kurzlebiges Konsumprodukt, bleibt Jossif Brodskij nicht länger als gerade notwendig. Er fährt mit der Subway schleunigst zurück in seine Höhle, trinkt ein volles Glas Whisky, Marke Bushmill, oder geht ins nahe dunkle Café Reggio in der MacDougal Street.
„Ich bin von schweigenden Verben umkreist“, heißt es in einem seiner Gedichte,

hungrige Verben, nackte Verben,
… die in Kellern leben,
in Kellern reden,
in Kellern geboren werden
unter diversen Etagen
des allgemeinen Optimismus.
Sie gehn jeden Morgen zur Arbeit,
mischen Mörtel, schleppen Steine,
doch während sie die Stadt aufbauen, bauen sie nicht
die Stadt auf,
sondern errichten das Denkmal der eigenen Verlassenheit.
Und wenn sie fortgehn, wie man in ein fremdes Gedächtnis fortgeht,
gemessenen Schritts von Wort zu Wort,
werden die Verben einst mit allen ihren drei Zeiten
Golgatha besteigen…

Jossif Brodskij, 1,80 Meter groß, kräftig, etwas untersetzt, breiter Hals, rotblondes Haar, hohe Stirn, ausgeprägte Kinnpartie. Ein Gesicht voller Sommersprossen. Ein Gesicht, das dominiert wird durch die tief zurückliegenden Augen, die unbeweglich scheinen. Ein Blick, der ausharrt. Von Schwere gezeichnet. Last eines Beobachters, der nicht wegschauen kann. Seiner Gedichte wegen, die die Leningrader Justiz als „Machwerke“ bezeichnete, wurde Brodskij 1964 zu Zwangsarbeit im Norden Rußlands verurteilt. Dort schrieb er:

Aus meinem Mund soll man kein Stöhnen hören.
Da steh ich nun im offnen Mantel
und lass’ die Welt mir durch ein Sieb
des Nichtbegreifens in die Augen fließen.
Ich bin fast taub. Ich bin, Gott, beinah blind.
Ich hör’ kein Wort, und ruhig leuchtet
mit zwanzig Watt der Mond. Na gut…

Jossif Brodskij erlitt 1980 einen Herzinfarkt. Er hat eine Operation hinter sich, bei der ein Stück Vene aus dem Bein ins Herz transplantiert wurde. Eine lebensgefährliche Erkrankung, eine lebensgefährliche Operation. Entgegen dem Helsinki-Abkommen, in dem sich die UdSSR zur Visa-Erteilung bei schweren Krankheitsfällen verpflichtet hatte, wurde den Eltern Brodskijs der Besuch ihres Sohnes verweigert. „Ich werde sie wohl nie wiedersehen“, sagt der Schriftsteller. Er telefoniert mit ihnen regelmäßig. Es ist die einzige Kontaktmöglichkeit.
Erinnert er sich an Leningrad, dann spricht er von Petersburg, dann sieht er die Stadt, so wie sie sich in den Nachkriegsjahren präsentierte: „Graue, blaßgrüne Fassaden mit Kugel- und Granatsplittereinschüssen. Endlose, leere Straßen mit wenigen Passanten und spärlichem Verkehr. Ein beinahe verhungertes Aussehen von folglich einprägsamer und, wenn man will, herrschaftlicher Kontur. Eine Überlebende kann nicht nach Lenin benannt werden. Ich muß sagen, daß ich von diesen Fassaden und Portika, von ihren Ornamenten und Karyatiden, die die Balkone abstützten, von den Torsos in den Nischen ihrer Vestibüle mehr über die Geschichte unserer Welt gelernt habe als später aus irgendeinem Buch.“
Der Junge sah, wie die Stadt zugestellt wurde mit Lenin-Bildern. Wie neue Gebäude erstanden, die dem sowjetischen Namen der Stadt entsprachen: „Leningrad klingt in russischen Ohren wie das Wort Konstruktion oder Wurst.“ Instinktiv wehrte er sich gegen den Propagandawald von Bildern und Büsten. „Ich erteilte mir meine erste Lektion im Abschalten. Ich nahm die Lenin-Bilder nicht mehr zur Kenntnis.“ Es war Brodskijs erster Schritt zur Verteidigung seiner Individualität. „Sobald etwas auch nur andeutungsweise nach Wiederholung aussah“, so erinnert sich der Dichter, „hatte es sich auch schon kompromittiert.“
Jossif Brodskijs Vater, heute 80 Jahre alt, ist Fotograf. Während des Krieges diente er in der Marine und mußte sie 1949 verlassen, als Stalin den Ausschluß aller Juden mit höheren Rängen verfügte. Mit dem Antisemitismus ließ sich auch offenbar nach Hitler etwas machen. Eine neue Judenverfolgung zeichnete sich ab, als Stalin jüdische Ärzte als Verschwörer aburteilen lassen wollte. Doch sein Tod im Jahre 1953 bewahrte die Sowjetunion vor neuen Verbrechen.
Jossif Brodskij war sieben, als er in der Schulbibliothek ein Anmeldeformular ausfüllen mußte. Eine Spalte betraf die „Nationalität“. Der Schriftsteller: „Ich wußte ganz genau, daß ich Jude war, aber ich sagte der Bibliothekarin, ich wüßte meine ,Nationalität‘ nicht. Mit einem schadenfrohen Spottgesicht schickte sie mich nach Hause zu meinen Eltern, die wüßten’s schon.“
Brodskij resümiert: „Die wahre Geschichte des menschlichen Bewußtseins beginnt mit der ersten Lüge. Meine erste Lüge hatte unmittelbar mit meiner Identität zu tun, kein schlechter Anfang.“
Mit fünfzehn hatte er die Schule satt: „Also stand ich eines Wintermorgens ohne besonderen Anlaß auf, mitten im Unterricht, und inszenierte meinen Abgang durchs Schultor. Ich erinnere mich an einen allgemeinen Ekel, und zwar vor mir selbst, weil man mit einem jungen Menschen alles machen kann. Und dann war da dieses vage Hochgefühl, entkommen zu sein.“ Der Schriftsteller nennt diesen vorzeitigen Schulabgang „seinen ersten freien Willensakt“ und fügt hinzu: „Wenn man jung ist, bleibt einem nur der radikale Ausstieg, um sein herandrohendes Los abzuwenden.“
Jossif Brodskij ist dann noch 13mal ausgestiegen, ehe er wußte: Es gibt eine gottgewollte Unabhängigkeit.
Er entdeckte sie in der polnischen und der anglo-amerikanischen Literatur. Um nicht auf Übersetzungen angewiesen zu sein, brachte er sich selbst diese Sprachen bei. Und er entdeckte jene Unabhängigkeit in der russischen Moderne zu Beginn dieses Jahrhunderts: bei Autoren, die Stalin in seinen Erschießungskellern umbringen oder sie für immer in den Gulag verschwinden ließ oder sie in den Selbstmord trieb. Namen wie Nikolai Gumiljow, 1921 erschossen, Ossip Mandelstam – seine Spur verliert sich Ende der dreißiger Jahre auf dem Transport zu einem Gulag – und Anna Achmatowa, die die Verfolgung überlebte, wurden für den jungen Brodskij Dreh- und Angelpunkt.
Der Weg hin zur Dichtung dauerte sieben Jahre. Nach dem Schulabgang hatte der 15jährige als Fräser in einer Fabrik begonnen, war dann übergewechselt in ein Krankenhaus, hatte in der Anatomie gearbeitet. Doch der Wechsel von einer Arbeitsstelle zur anderen brachte ihn der Unabhängigkeit nicht näher, sondern nur tiefer in den „kafkaschen Kosmos“ der einander gleichenden Räume: „Gnadenlos verlief wie ein unendlicher gemeinsamer Nenner durch das ganze Land ein blauer horizontaler Streifen in Augenhöhe – in den Eingangshallen, in den Krankenhäusern, in den Fabriken, in den Korridoren der Gemeinschaftswohnungen.
Vom Fußboden bis in Augenhöhe eine Wand, rattengrau oder grün übergepinselt, und dann dieser graue Streifen darüber.“
Der 20jährige schloß sich als Helfer geologischen Expeditionen an und lernte dabei die ganze Sowjetunion kennen. Die ersten Gedichte entstanden; in einem der schönsten beschreibt er, wie ein Hengst am Lagerfeuer erscheint:

Nichts war so sonderbar wie gerade er −
selbst seine Zähne waren schwarz wie Teer…
Das Weiß im Auge glühte schwarz heraus,
noch schrecklicher sah seine Iris aus.
Als wär er irgendwessen Negativ.
Warum stand er so, als wenn er schlief
ohne Bewegung bis zum Morgengraun
am Lager, damit wir ihn schaun,
warum nur atmete er schwarzen Staub
und raschelte mit dem zertretenen Laub?
Warum vergoß sein Auge schwarzen Dunst?
− Er suchte seinen Reiter unter uns!

Ja, das wollte der junge Brodskij: alles Licht austrinken und alle Farben. Und eine Grundstimmung für sich gewinnen. Der Stille nicht dann zu entfliehen, wenn die Angst einsetzt, wenn die Stille dem Menschen das Gefühl von Nichtigkeit im Kosmos vermittelt. Er wollte nicht unwichtige Taten aneinanderreihen und das dann Leben nennen, wollte nicht durch Handlungen jagen, die Müdigkeit bringen. Er wollte sich nicht erschöpfen, er wollte sich ausschöpfen. Sich selbst entwerfen und nicht verworfen sein. „In der Einsamkeit ist das Absolute“, heißt es bei dem dänischen Metaphysiker Sören Kierkegaard, „aber auch die absolute Gefahr.“ Jossif Brodskij gewann eine Sehnsucht nach dem Menschen und eine Verachtung für die Menschen. So kehrte er heim nach Leningrad. Jossif Brodskij wohnte weiter bei seinen Eltern. Er las, lernte und verliebte sich in Marina, jene Frau, der dann viele seiner Gedichte gelten, die die Mutter seines Sohnes wurde, mit der er sich immer wieder auseinanderlebte, die er wohl noch heute liebt. „Wie schade“, heißt es in einem seiner Gedichte,

daß mein Dasein dir nie das
bedeutet hat, was deines mir… wie oft
hab’ ich an diesem unbebauten Platz
den Kupfergroschen, der das Wappen trägt,
ins Drahtgewirr des Kosmos eingeworfen
in dem verzweifelten Bemühen, den
Moment unseres Verbundenseins zu preisen…

Mit Übersetzungen verdiente Brodskij seinen Unterhalt. Zwei Bücher mit Übersetzungen erschienen in der Sowjetunion, doch nie eines mit eigenen Gedichten. Und doch wurde er über Nacht berühmt.
Die von Stalin unterdrückte Lyrikerin Anna Achmatowa (1888-1966), neben Marina Zwetajewa (1941 Selbstmord) die große Dichterin in der russischen Literatur, hatte die Gedichte Brodskijs in einer handgeschriebenen Fassung gelesen, und sie hatte eine Zeile des 22jährigen 1962 als Motto einem eigenen Gedicht vorangestellt. Die in der Ära Nikita Chruschtschows rehabilitierte Dichterin hatte darüber hinaus geurteilt: „Seit Mandelstam habe ich so etwas wie die Gedichte Brodskijs nicht mehr gelesen.“
1962 – das war das Jahr, in dem in der Sowjetunion zum erstenmal die volle Wahrheit über die mit vier Millionen Menschen gefüllten Arbeitslager Stalins veröffentlicht werden konnte. In der Moskauer Literaturzeitschrift Novyj Mir durfte Alexander Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch erscheinen. Doch bereits ein Jahr später wurde die Liberalisierung, die seit dem XX. Parteitag 1956 mit Chruschtschows Einleitung der „Entstalinierung“ begonnen hatte, wieder gestoppt.
Seit 1958 durfte Anna Achmatowa in der UdSSR wieder erscheinen. „Alles ist gestohlen, verraten, verkauft…“, heißt es schon 1922 in einem ihrer Gedichte. „Von bitterer Sehnsucht ist jeder benommen / von wo soll uns Erlösung kommen?“ Ein Anruf für Brodskij und ein Anstoß für die eigene Frage: „Wird der Mensch sich jemals von dem tödlichen Schlag erholen, den er dem Leben versetzt hat?“ Der Leningrader Germanistik-Professor Efim Etkind, der inzwischen in Paris lebt, erinnert sich in seinem Buch Unblutige Hinrichtung an Brodskijs einzigen öffentlichen Auftritt im Majakowski-Haus: „Brodskijs Auftreten vor dem gestopft vollen Saal hatte nicht seinesgleichen: Sein rhapsodischer Fanatismus wirkte magnetisch… Die Zuhörer waren verzaubert.“ Es sprach ein Dichter der Selbstversunkenheit, einer, der der Muße wieder einen Sinn gab.
Für die Augen des Staates war es jedoch die Stimme eines Müßiggängers. Geradeso wie die Stimmen derjenigen, die im August 1963 in Leningrad auf der Tagung des Europäischen Schriftsteller-Verbandes als „dekadente bourgeoise Formalisten“ von sowjetischen Sprechern abgetan wurden: James Joyce, Marcel Proust, Franz Kafka. Die Rückkehr zur harten Linie sowjetischer Kulturpolitik wurde sichtbar an der Newa. Am 29. November 1963 erschien in der sowjetischen Zeitung Vecerni Leningrad ein Artikel, der mit dem Wort „Literatur-Drohne“ überschrieben war. Darin wurde Brodskij als ein „Parasit“ diffamiert, der kategorisch jede gesellschaftlich nützliche Arbeit verweigere und seinen Eltern auf der Tasche liege. „Für Brodskij“, so hieß es, „hat Leningrad keinen Platz.“
Anfang 1964 wurde Brodskij verhaftet, im Februar vor Gericht gestellt und in einem ungewöhnlichen Prozeß, dessen Wortlaut in den Westen gelangte und veröffentlicht wurde, wegen „asozialen, parasitären Lebens“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Efim Etkinds Einsatz für den Dichter war ebenso vergeblich wie der Anna Achmatowas und auch der – Derartiges war noch nicht geschehen – von drei Leninpreisträgern: dem Komponisten Schostakowitsch, dem Dichter Marschak und dem Wissenschaftler Tschukowskij. Welche Farce das Verfahren war, geht aus diesem Wortwechsel hervor:

Richterin: „Was ist Ihr gelernter Beruf?“
Brodskij: „Ich bin Dichter. Und Übersetzer von Dichtung.“
Richterin: „Und wer hat attestiert, daß Sie Dichter sind? Wer hat Sie zum Dichter beordert?“
Brodskij: „Niemand. Wer hat mich zur Spezies Mensch beordert?“
Richterin: „Und wie haben Sie das gelernt?“
Brodskij: „Was?“
Richterin: „Dichter. Sie haben nicht versucht, eine Hochschule, wo man dazu ausbildet… wo man das lehrt… zu absolvieren?“
Brodskij: „Ich glaube nicht, daß man Dichten durch Hochschulausbildung lernen kann.“
Richterin: „Wodurch denn sonst?“

Heute sagt Jossif Brodskij: „Wenn es in meiner Vergangenheit irgendeinen Grund gibt, stolz zu sein, dann der, daß ich Sträfling wurde und nicht Soldat. Der Dienst in der Sowjetarmee dauert drei bis vier Jahre, und ich habe keinen Menschen getroffen, dessen Psyche nicht von der stählernen Zwangsjacke des bedingungslosen Gehorsams entstellt worden wäre.“
Der Weg aus dem Leningrader Gefängnis in die Verbannung in den Nordosten der Sowjetunion dauerte Tage. Abends wurde er in einem Gefängnisraum untergebracht und bekam als Ration 400 Gramm Brot. Die Hälfte davon warf er weg, um sich als frei zu bestätigen, um sich nicht vom Brot beherrscht zu fühlen. In einem in Sibirien geschriebenen, Marina gewidmeten Gedicht heißt es:

Hier, bei lebendigem Leib begraben,
durchstreife ich die Dämmerstoppeln.
Mein Stiefel wühlt den Acker auf
(hoch oben tost der Donnerstag),
die Halme aber stehn gleich wieder aufrecht,
sie spüren beinah keine Schmerzen…
und wenn zu meinem Unglück ich
mit mir zurecht nicht kommen sollte −
O Gott! Dann hack mir alle Sinne ab
wie einem Dieb in Finnland seine Finger.

In der radikalen Selbstverwirklichung jener Zeit liegt heute Brodskijs unzeitgemäße Größe. Jossif Brodskij arbeitete in Steinbrüchen, in den Wäldern und auf den Feldern. Bei minus 50 Grad und bei Hitze. Am Abend aber sitzt er über seinem Schreibblock und stellt sich die Frage: „Wo kein Geschöpf, kein Wesen dem Zwang von Geburt und Verwesung entrinnen kann, wird da nicht vom Menschen, von seinen Möglichkeiten zu höherer Einsicht, die Verantwortung für die ganze Schöpfung gefordert?“ Als er nach 18 Monaten vorzeitig – die Proteste im In- und Ausland hatten Erfolg – nach Leningrad zurückkehren darf, kommt er mit der Einsicht zurück: „Die Möglichkeiten des Mitleids sind außerordentlich begrenzt und den Möglichkeiten des Bösen weit unterlegen.“
Brodskij fragt: „Wenn wir beispielsweise an all jene denken, die in Stalins Lagern und Gefängnissen umgekommen sind, wenn wir an diese Millionen toten Seelen denken – wo ließen sich da angemessene Gefühle finden? Können der eigene Zorn, Kummer oder Abscheu dieser schwindelerregenden Zahl angemessen sein?“ Was ist zu tun? Brodskij sagt: „Der Dichter hat nur eine Pflicht, gut zu schreiben, seiner Sprache so zu dienen, wie es seine Sprache verlangt. Poesie ist die sublimierte Form von Sprache. Und es stimmt nicht, wenn Adorno sagt, daß nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich ist: Die Menschen, die in Hitlers Gaskammern gingen, hätten Adorno nicht zugestimmt. Adorno spricht ohne die Schuld des Überlebenden. Ich glaube, das Opfer votiert für die Existenz von Poesie.“
Jossif Brodskij ist kein Empörer, der schreit und die Zuschauer zusammenhetzt, auf daß sie seinen Mut bewundern, mit denen er die Mauern seines Hauses eingerissen hat. Am 4. Juni 1972, einen Tag bevor ihn die Behörden in ein Flugzeug nach Wien setzen, hat er an Parteichef Breschnew geschrieben: „Ich verdanke Rußland alles, was ich auf der Welt besitze. Alles Böse, das ich erleiden mußte, wird von dem Guten mehr als aufgewogen, und ich hatte nie das Gefühl, von meinem Vaterland verletzt worden zu sein. Obwohl ich meine sowjetische Staatsbürgerschaft verliere, höre ich nicht auf, ein russischer Dichter zu sein. Dichter kommen immer zurück, sei es persönlich oder auf dem Papier…“
Zur Auswanderung gezwungen mit gleichzeitigem Entzug der Staatsbürgerschaft – eine Maßnahme der sowjetischen Behörden, die bei Brodskij als erstem mißliebigen Intellektuellen angewandt wurde. Auf dem Moskauer Flughafen nahm man ihm alle Manuskripte ab. Mit einem Köfferchen in der Hand und 50 Dollar in der Tasche kam Brodskij in Österreich an.
Der amerikanische Dichter W.H. Auden, dessen Lyrik Brodskij bereits in Leningrad bewunderte, nahm sich des russischen Exilanten an. Auden verbrachte gerade – wie so häufig – die Sommermonate im österreichischen Kirchstetten. Er vermittelte Brodskij nach Ann Arbor im US-Staat Michigan. „Ich wollte in Westeuropa nicht bleiben“, sagt Brodskij. „Wenn schon das Neue, dann wollte ich in das für mich absolut Unbekannte.“ So begann für den 32jährigen das Abenteuer USA.
Ein Professor für slawische Sprachen nahm ihn mit in den Hörsaal, stellte ihn 50 Studenten vor und sagte, ehe er verschwand: „This fellow is going to talk to you on poetry.“ Es war der Beginn einer Professoren-Karriere für einen Mann, der seine Schule vorzeitig beendet, nie an einer Universität studiert, nie irgendein Diplom erworben hatte. „Was ich benötige, sind Zigaretten und Bücher“, sagt er. „Ein Zigarettenautomat und eine Buchhandlung waren immer in meiner Nähe. Also war ich zufrieden. Die psychologische Situation für einen Schriftsteller im Westen ist dieselbe wie die im Osten. Jedes Land ist eine Fortsetzung von Raum und Zeit. Zwei verschiedene Welten? Nein, für mich nicht.“
„Was immer ich in jenen Tagen schrieb“, heißt es in einem 1972 in Ann Arbor entstandenen Gedicht,

das Ende blieb in jedem Falle offen…
Ich fiel, ohne mich auszuziehn, aufs Bett.
Und wenn ich nachts hoch über mir die Decke
nach einem Stern absuchte, streifte dieser,
verglühend nach den Regeln der Natur,
die Wange mir und schoß hinab aufs Kissen,
noch ehe meinen Wunsch ich sagen konnte.

Der Künstler – so wie Brodskij sich sieht – steht immer außerhalb. Es genügt nicht, die Umwelt zu verneinen. Eine Verneinung läßt immer noch die Möglichkeit einer Beziehung zu. „Ich fühlte mich auch oft in Leningrad fremd“, sagt er. „Wenn ich ein Gedicht geschrieben hatte und auf die Straße ging, wenn ich dann die Menschen sah und hörte, dann waren sie mir so fremd wie mir die Passanten in New York fremd sein können.“ Der Wechsel von einer Fremde in die andere? Er antwortet: „Im Grunde ja, eine Reise gewissermaßen von einer unangenehmen Geschichte zu einer unangenehmen Anthropologie.“
Von den Vorwürfen und Belehrungen, die Solschenizyn im Exil äußert, hält Brodskij nichts. „Alle Systeme richten sich gegen den Individualismus“, sagt er. „Das westliche System ist deshalb besser, weil der Grad des Druckes, der sich gegen die Individualität wendet, hier geringer ist als im Osten. Das Dilemma eines Solschenizyn und auch meines besteht darin, daß wir mit unseren Erlebnissen wie hypnotisiert auf die Sowjetunion schauen. Uns erscheint die Sowjetunion dann als das einzige gefährliche Tier. Für die Menschen im Westen ist es ein gefährliches Tier unter vielen.“
Brodskij versteht sich als einer Generation zugehörig, „deren erster Lebensschrei der Ungarn-Aufstand war. Schmerz, Erschütterung, Kummer, Scham über die Hilflosigkeit“, sagt er, „waren für uns 1956 die vorherrschenden Gefühle…“ Über jene Generation meint er: „Niemand kannte die Literatur und Geschichte besser als diese Leute, niemand schrieb besseres Russisch als sie… Es war die einzige Generation von Russen, die nicht länger lügen konnte, die zu sich selbst gefunden hatte, für die Giotto und Mandelstam maßgeblich waren… Gehetzt wie Hasen von den allgegenwärtigen Hunden des Staats und den noch allgegenwärtigeren Füchsen, zerbrochen, gealtert, behielten sie ihre Liebe für dieses nichtexistente Phänomen, genannt Zivilisation. Hoffnungslos abgeschnitten vom Rest der Welt, meinten sie dennoch, diese Welt sei wie sie; heute wissen sie, diese Welt ist, wie andere auch, nur besser gekleidet.“ Brodskij sieht die Situation in seinem Heimatland als „absolut hoffnungslos“. Es wird sich „am gegenwärtigen Zustand sehr wenig verändern“. Die polnischen Ereignisse werden – so Brodski j ein Jahr vor Verhängung des Kriegsrechts in Polen – „in einer Versteinerung der kommunistischen Welt enden“. Er sagt: „Polen hat den Zweiten Weltkrieg zweimal verloren: einmal, als Hitler das Land überschwemmte, das andere Mal, als es in die Hände der sowjetischen Befreier geriet. Vier Jahrzehnte sind vergangen. Wo ist die polnische Unabhängigkeit?“
Polen werde für alle anderen Satelliten „das abschreckende Beispiel“ dafür werden – so Brodskij −, wohin der Versuch führt, das System zu reformieren: „Von einem Elend in das andere. Es gibt keine Lösung außer der, daß das ganze System stirbt. Und das System stirbt in der Sowjetunion nicht, weil der Masse dort der Status quo eine Sicherheit gibt und sie das Ungewisse ebenso wenig schätzt wie die Menschen im Westen.“ Der Kommunismus hat nach Ansicht des Dichters im Exil mehr Menschen auf dem Gewissen als das aus dem Christentum erwachsene kapitalistische System. „Sogar das, was die Nazis getan haben“, sagt Brodskij, „ist im Vergleich zu dem, was Stalin und seine Erben praktiziert haben, ein Kindergarten.“
Brodskij hält es im Exil mit Thomas Mann, der vor den Nazis in den USA Zuflucht fand und meinte: „Wo ich bin, da ist die deutsche Dichtung.“ Wo er sei, so variiert der Russe diesen Satz, sei die russische Dichtung. Von allen deutschen Dichtern fühlt er sich am stärksten Heinrich Böll verbunden, dessen Bücher er in Leningrad „verschlungen“ habe. „Böll ist ein konservativer Schriftsteller“, sagt er. „Ich bin auf seiner Seite.“ Jossif Brodskij bekennt: „Ich votiere für die Bibel und insbesondere für den Propheten Jeremia.“
Seine politische Konfession ist eine Absage an politische Bewegungen: „Ich glaube nicht an sie. Ich halte sie für sehr gefährlich, psychologisch eher als politisch. Weil jede politische Bewegung ein Mittel ist, die persönliche Verantwortung für das, was geschieht, zu umgehen. Weil derjenige, der nach außen das Böse bekämpft, sich automatisch mit dem Guten identifiziert und sich für einen Träger des Guten zu halten beginnt. Das Leben – so wie es wirklich ist – ist ein Kampf nicht zwischen dem Schlechten und dem Guten, eher zwischen dem Schlechten und dem Schrecklichen. Und die Menschheit hat heute die Wahl nicht zwischen dem Guten und dem Bösen, sondern eher zwischen dem Bösen und dem Schrecklichen.“
Hoffen heißt die Zukunft dementieren und sich als Einzelner in der Gegenwart zu bewähren.

Ich weiß, daß ich vorm Abgrund steh. Und mein
Bewußtsein kreist gleich einem Schaufelrad
um seine Achse, die unbiegsam ist,

heißt es in einem seiner Gedichte. Ein Hasser ist dieser Jossif Brodskij nicht. „Keine Einsamkeit nämlich schmerzt mehr / als die Erinnerung an Wunder. / Grad so kehrt ins Gefängnis zurück, wer darin schon gewesen, / und die Tauben zur Arche.“ Als ich ihm seine Situation in seiner Dunkelheit des New Yorker Zimmers mit diesen Worten aus einem seiner Gedichte beschreibe, sagt er: „Ja, so ist es.“
An der Wand über dem Sofa hängt ein Druck mit einem biblischen Motiv, darunter die Worte: Josef erklärt dem Pharao seine Träume. Joseph, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wird und dem Pharao die fetten und die mageren Jahre weissagt, so daß sich das Land entsprechend einrichten kann. Joseph sagt am Ende zu seinen Brüdern, denen er sich zu erkennen gibt: „Ihr gedachtet mir Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gewendet.“ Die Bibel als Spiegel: Joseph von Ägypten – Jossif Brodskij. Else Lasker-Schüler hat ähnlich empfunden und sich deshalb Prinz Jussuf genannt. Der Exildichter aus Leningrad hat noch nie etwas von ihr gehört, jener jüdischen Dichterin aus Deutschland, die 1933 von den Nazis vertrieben wurde und 1945 in Jerusalem starb. Zwei jüdische Menschen, zwei Dichter, die in einer Sprache sprechen, die noch immer nicht verstanden wird. Ich denke an die Worte der Else Lasker-Schüler, die sie einer Freundin schrieb: „Die Leute sagen von mir, daß ich eine Phantastin bin. Was sagen Sie dazu? Ich werde Ihnen jetzt beweisen, daß ich eine Realistin bin und keine Phantastin. Heute nacht war der König David da. Dort hat er gesessen, er hatte ein weißes seidenes Hemd an und oben am Hals eine goldene Borte, wissen Sie, was ich getan habe? Ich bin hingegangen und habe mal nachgesehen, ob das wirklich Gold ist. Sehen Sie, was ich für eine Realistin bin?!“
Else Lasker-Schülers Botschaft aus dem Jerusalemer Exil lautete, wie Brodskijs aus dem New Yorker Exil lautet: Es gibt keine verlorene Zeit außer jener, die ohne Liebe verbracht wurde. „Doch eines Tages kehrn wir alle wieder“, heißt es bei Brodskij.

Zurück. Nach Haus. Zum heimatlichen Herd. Und meine Straße führt durch diese Stadt.
Geb Gott, daß dann zur Seite ich nicht habe, das zweischneidige Schwert, da ja die Stadt
für den, der in ihr wohnt, gewöhnlich anfängt
mit Hauptplätzen und Türmen.
Für den Wandrer
jedoch, der sich ihr nähert,
mit den Rändern.

Jossif Brodskijs Mutter erzählt in Leningrad: „Jossif war bei der Geburt 57 russische Zentimeter lang und zehn russische Pfund schwer. Ins Säuglingsbett paßte er nicht. So wurde er zu mir gebracht. Während der Bombenangriffe auf Leningrad suchten wir immer Zuflucht in einer Kirche. Er lag dann in einem Kasten, in dem die Bittschriften der Gläubigen sonst lagen. Später wurde ich mit Jossif im Winter in einem Bomber aus der Stadt herausgeflogen. Jossif war damals so schwach, daß er immer wieder umfiel, obwohl er schon laufen konnte. Mit vier Jahren hat er lesen gelernt, und mit fünf hat er mir Puschkin vorgelesen.“ Brodskijs Freunde in Leningrad erzählen, daß er ein ganz praktischer junger Mann war: „Mütter hatten volles Vertrauen zu ihm gehabt. Er konnte Kinder wickeln, er konnte Kinder versorgen, er konnte einen Haushalt führen, er spielte gern den Babysitter.“
Einer der Freunde weiß sich zu erinnern, wie Brodskij nach seiner Rückkehr aus der Verbannung quer über den Rasen des Leningrader Marsfeldes ging, was verboten ist, wie ihn ein Milizionär zurückpfiff und ihm sagte: „Wissen Sie nicht, daß Sie das nicht dürfen?“ Da antwortete Brodskij: „Genosse Milizionär, wissen Sie nicht, daß es eine Wissenschaft gibt: Rasen muß betreten werden, damit er wächst.“ Und Brodskij setzte seinen Weg durchs Grüne fort.
Ein 1966 in Leningrad entstandenes Gedicht heißt „Haltestelle in der Wüste“ und lautet:

In Leningrad sind jetzt so wenig Griechen, daß eine griechisch-orthodoxe Kirche man abriß…
… Und klaglos gab die Kirchenmauer nach.
Nicht nachzugeben wär auch lächerlich
für eine so massiv bedrohte Mauer.
Es mochte außerdem der Bagger meinen,
sie sei ein unbeseelter Gegenstand
… Gilt in der unbeseelten Welt es doch als ungehörig, sich zu wehren…
Schon lange ist die Mauer abgerissen, doch in den Hundeträumen steht sie noch.
Und diese Träume löschen, was real ist
Wie weit sind wir gekommen?
Was haben wir in Zukunft zu erwarten? Harrt unser jetzt nicht eine andre Ära?…

In New York sah Jossif Brodskij im Fernsehen Filme über die Invasion der Sowjets in Afghanistan. „Es war für mich schlimmer als die Invasion in Ungarn und in der Tschechoslowakei“, sagt er. „Erstens, weil ich jene Invasionen natürlich nie im Fernsehen gesehen hatte, weil ich nur das wenige in Leningrad hörte, was zu erfahren war. Zweitens, weil die Ungarn und die Tschechen immerhin 1945 für die Kommunisten votiert hatten. Aber in Afghanistan wurde ein Volk überfallen, das nicht im geringsten in Bezug zur Sowjetunion stand. Noch schlimmer ist für mich jetzt der Gedanke, daß mein eigener Sohn in ein paar Jahren unter den zwanzigjährigen Rotarmisten sein könnte, die in ein fremdes Land einfallen.“ In einem Gedicht über die Invasion in Afghanistan stehen die Zeilen: „Gelobt jene Frauen, die in den frühen sechziger Jahren ihre Kinder haben abtreiben lassen, so ersparten sie ihrem Mutterland die Scham…“
Der Sohn, die Heimat und Marina, die Frau, die Brodskij noch immer liebt. Was heißt Exil, was heißt Getrenntsein. Der Dichter beschreibt es so:

Schwüle. So, schlaftrunken, mit dem frierenden Knie
ins Dunkel stoßend
begreifst du urplötzlich, im Bett,
daß das die Ehe ist: daß hinter den sieben Bergen und noch
etwas weiter sich ein Körper auf die andere Seite dreht,
mit dem du seit langer, langer Zeit nichts mehr gemein hast
als den Grund des Ozeans und die Gewohnheit
des Nacktseins; dabei kann man nicht zusammen aufstehen
denn, während es dort hell ist, herrscht in deiner
Hemisphäre Dunkelheit. Eine Sonne
reicht sozusagen nicht für zwei mittelmäßige Körper,
da der Globus so zusammengeklebt ist
wie Gott es wollte…

Jürgen Serke, in: Das neue Exil. Die verbannten Dichter, Fischer Verlag, 1985.

Timo Brandt: Über Joseph Brodsky bei babelsprech.org, internationales Forum für junge deutschsprachige Lyrik

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie
Nachruf auf Joseph Brodsky: Schreibheft ✝ Carl Hanser Verlag

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Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

 

Joseph Brodsky „liest“ ein eigenes Gedicht.

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