Juan Ramón Jiménez: Herz, stirb oder singe

Jiménez/Matisse Herz, stirb oder singe

SONNENUNTERGANG

O WELCHER KLANG AUS GOLD, DER VERWEHT,
aus Gold, das in die Ewigkeit eingeht.
Wie traurig für unser Ohr, zu lauschen
diesem Gold, das in die Ewigkeit eingeht;
dieser Stille, die ihr Gold verliert,
weil es in die Ewigkeit eingeht.

 

 

 

Brief an den Verleger Manuel G. Morente

Mein lieber Freund,
Als Sie mich baten, eine Auswahl von Gedichten für die Coleccíon Universal zusammenzustellen, äußerten Sie den Wunsch, ich möge jene Gedichte auswählen, die, von einem volkstümlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, wegen ihrer Spontaneität und Einfachheit einer breiteren Leserschicht zugänglich wären.
Ich setzte mich an die Arbeit und fand, daß das, was ich für das Einfachste und Spontanste in meinem Werk halte, sich immer – natürlicherweise – mit dem Lautersten und Gehaltreichsten innerhalb der Art und Weise meiner verschiedenen Schaffensepochen deckte. Deshalb willigte ich in Ihre Bitte ein.
Was ist also Einfachheit und Spontaneität?
Einfach, wie ich es verstehe, ist das mit knappsten Mitteln Erreichte. Spontan, das ohne „Anstrengung“ Geschaffene. Aber das mit knappsten Mitteln Erreichte kann nur aus der Fülle kommen, und das Spontane eines kultivierten Geistes darf nur das Vollkommene sein. (Es sei denn, man fordere, um das zu erreichen, was man üblicherweise einfach und spontan nennt, Mangel an Kultur und Trägheit.) Anders gesagt und den Gedanken umkehrend: Das Vollkommene in der Kunst sind Spontaneität und Schlichtheit eines kultivierten Geistes.
Hier finden Sie also etwas von dem, was ich augenblicklich für das Einfachste und Spontanste meines langen, jugendlichen, dichterischen Werkes halte…

Immer Ihr J.R. J.
Madrid, Dezember 1919

Nachwort

In Spanien und auch in Lateinamerika genoß Juan Ramón Jimenez, 1956 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, bereits seit Jahrzehnten anhaltenden Ruhm. Er gehörte zu den Hauptvertretern jener literarischen Bewegung, dem Modernismus, die um die Jahrhundertwende einsetzte und um eine nationalbetonte Geisteshaltung bemüht war. Er hat eine reiche, mit neuen Akzenten durchwirkte lyrische Ernte zurückgelassen (über zwei Dutzend Gedichtbände!) und damit für spätere Generationen bahnbrechend gewirkt. Er ist ein echter Dichter, ein Meister von Meistern: García Lorca, Guillén, Alberti, Aleixandre wären ohne ihn undenkbar. Mit dem entzückenden Prosaband Platero y yo (Platero und ich, gekürzte deutsche Ausgabe im Insel-Verlag) schenkte er seinem Volk ein Meisterwerk.
In Südspanien, im Westzipfel Andalusiens, befindet sich das Fischerdorf Moguer. Die Wogen des Atlantiks peitschen die Küste. Nachts suchen zwei, drei Leuchttürme mit nimmermüden Augen die Weiten des Meeres ab. Im Landesinnern liegen weiße, geduckte Häuser – gleich verstreuten Zuckerwürfeln – in eine grüne, unüberschaubare Ebene gebettet. Hier erblickte Juan Ramón Jiménez im Jahre 1881 das Licht der Welt. Hier entstand auch – dreißig Jahre später – seine Andalusische Elegie, der unsterbliche Platero.
Er stammte aus gutem Hause, wurde im Jesuitenkolleg Cádiz erzogen, studierte dann an der Universität Sevilla die Rechte und kam später nach Madrid. Hier erwarb er sich einen Namen als Lyriker. Der junge Poet war kränklich und lebte in ständiger Zurückgezogenheit. Seine schonungsbedürftige Gesundheit bewog ihn sogar, ein Arbeitszimmer mit gepolsterten Wänden einrichten zu lassen. Die geringsten Geräusche konnten ihn foltern. Er zog die goldene Einsamkeit vor.
Trotzdem wagte er Reisen nach Frankreich, Italien und der Schweiz. 1917 weilte er in den Vereinigten Staaten. Hier fand er seine Lebensgefährtin, die ihm unermüdlich zur Seite stand. Gemeinsam haben sie Werke des indischen Nobelpreisträgers Tagore ins Spanische übertragen. Seit dem Bürgerkrieg lebte Jiménez, ganz seinem literarischen Schaffen hingegeben, mit seiner Gattin in den Vereinigten Staaten. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Puerto Rico. Er hat sich aber geweigert, jemals eine Zeile Englisch zu schreiben. Als echter Spanier blieb er seiner Muttersprache treu.

Jiménez’ lyrisches Werk ist sehr umfangreich: Um des genauen Ausdrucks willen verzichtet seine Lyrik bewußt auf Reim und regelmäßiges Versmaß, auf starr überlieferte Formen. Seine Gedichte sind ,gemacht‘, um mit Valéry zu sprechen. Dichtung heißt für ihn, den ,genauen Namen der Dinge‘ finden. Dies setzt voraus: Zucht, Maß, Askese, Konzentration. Gedanke und Gefühl werden eins. Anekdotisches wird weggelassen, Überflüssiges wird ausgemerzt. Er überwindet jene landläufige Redseligkeit, die dem Spanier – und dem Andalusier im besonderen – nachgesagt wird, Jiménez war jener Dichter in Spanien, der mit einem Minimum an Wortaufwand ein Maximum an Wirkung erzielt hat. Er wird als der Vater der ,poésie pure‘ betrachtet.
Immer wieder nahm er seine Gedichte zur Hand. Mit Bienenfleiß suchte er nach lückenhaften Stellen, feilte, strich hier, ergänzte dort. Sein Werk war ständig im Wandel begriffen. „Alle meine Gedichte“, bekannte dieser Meister der spanischen Sprache, „sind Phasen zu einem einzigen Gedicht“. Es war ein stetes, zähes Ringen um den endgültigen, unverrückbaren Ausdruck. Darum sind auch seine Gedichte formal kurze, knappe Gebilde, deren Schönheit und Zauber den Leser erst bei wiederholter Lektüre gefangen nehmen. Seine Verse scheinen unbekümmert, mühelos hingehaucht – auch seine schwebende, duftende, durchsichtige Prosa.

Seine Gedichtbände sind ausdrücklich der ,Minderheit‘ gewidmet und mit dem Goethe-Wort versehen:

Wie das Gestirn,
Ohne Hast,
Aber ohne Rast…

Ein Wort zur Auswahl und Übertragung: Es war kein leichtes, aus einigen Hunderten von Gedichten eine kleine Auswahl zu treffen. Obgleich persönliche Vorlieben mitspielten, war ich bestrebt, Jimenez’ höchsteigene lyrische Welt einzufangen, indem ich jene Gedichte auswählte, die mir für den Dichter charakteristisch erschienen. Wir finden sie vorwiegend in seiner mittleren Epoche, also zwischen 1913 und 1923, mit ,Eternidades‘ und ,Poesía‘, als schönsten Beispielen. Sie prägen den unverkennbaren Juan Ramón. Die Gedichte stehen in chronologischer Reihenfolge. Ich habe versucht, sie so wortgetreu als möglich zu übersetzen. Im spanischen Text ließ ich die Eigenwilligkeiten und Neuerungen des Autors in Schreibart und Interpunktion unangetastet.
Wenn das bedeutende Spätwerk des Dichters ,Dios deseado y deseante‘ (1949) in der Auswahl mit keinem einzigen Gedicht vertreten ist, dann hat das seinen ganz bestimmten Grund: Das schon im Spanischen schwer zugängliche Werk gehört einem geschlossenen Gedichtzyklus an; vereinzelt hätten die Gedichte an Wirkung eingebüßt, und abgesehen davon wäre ein umfangreicherer Kommentar unumgänglich gewesen.
Das hätte aber den Rahmen dieser Anthologie gesprengt.
Ich danke Herrn Professor Dr. J.A. Doerig und meinem Verleger, die mir bei der Auswahl und der Übersetzung wertvolle Dienste geleistet haben.

Hans Leopold Davi, Nachwort

 

Das Buch Herz, stirb oder singe

enthält eine chronologisch geordnete Auswahl von Gedichten des spanischen Dichters Juan Ramón Jiménez, die vornehmlich seiner mittleren Schaffensphase, den Jahren 1913 bis 1923, entstammen. Wie es sich für einen solchen Gedichtband gehört, verzichtet er nicht auf den Abdruck der spanischen Originalfassungen, so dass man als Leser offen wählen kann, mit welcher Fassung man sich beschäftigen möchte und auch einen Abgleich zwischen beiden vornehmen kann.
Die Übersetzungen können als gelungen bezeichnet werden, auch wenn ein Gedicht durch eine solche Übertragung immer zumindest leicht verändert wird. In Herz, stirb oder singe macht sich dies vor allem dadurch bemerkbar, dass die originale Satzstellung nicht immer aufrecht erhalten werden konnte und somit leichte Verschiebungen der Betonung unabwendbar wurden.
Juan Ramón Jiménez gilt mit seiner klaren, auf Reim und Versmaß verzichtenden Lyrik als Vorreiter von Féderico García Lorca und erhielt für sein literarisches Schaffen im Jahr 1956 den Nobelpreis. Herz, stirb oder singe ist, so meine Meinung, gut geeignet, um einen ersten Zugang zu den Werken von Jiménez zu bekommen – der Beginn einer Auseinandersetzung, die sich für jeden Lyrikfreund lohnt.
Dass das Buch mit Zeichnungen von Henri Matisse illustriert ist, halte ich für eher unnotwendig. Die Lyrik von Juan Ramón Jiménez ist eigentlich Bild genug

Kenon, versalia.de, 27.6.2004

Herz, stirb oder singe

Juan Ramon Jiménez schreibt wohl die schönsten Gedichte dieser Welt! Auf einer Seite ist das Gedicht jeweils in Spanisch (seiner Muttersprache) und auf der gegenüberliegenden Seite in Deutsch. Es gibt wohl keine zarteren Liebesgedichte von solcher Tiefe und Schönheit. Ein einmaliges Kleinod. Henri Matisse hat es bebildert. Zauberhafte Zeichnungen! Sprachlich und optisch eine Kostbarkeit!
Etwas für grosse Herzen!

Shalom König, amazon.de, 1.7.2010

Spanische Gedichte von eindrucksvoller Schlichtheit

Ein schmales Bändchen mit ca. 40 Gedichten von Jiménez mit der entsprechenden deutschen Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite. Sie handeln von den essentiellen Themen des Lebens: Naturverbundenheit, Liebe, Tod, Wiedergeburt. … Jiménez macht nicht viele Worte und trifft damit genau den Kern.
Selbst nur mit Grundspanischkenntnisse erschließen sich die meisten der Gedichte auch ohne Übersetzung.

Joroka, amazon.de, 8.7.2008

 

Leben und Werk von Juan Ramón Jiménez

1881 in Moguer geboren. Das Datum besagt wenig, aber Moguer ist die Heimat seiner Seele. Und man wird immer wieder auf Moguer zurückkommen müssen und auf das Haus, in dem Juan Ramón Jiménez seine Jugend verbrachte und auch später wieder wohnte, das Haus in Blau (azul marino) – man wird sehen, warum. Daß er dazu noch in der Weihnachtszeit geboren wurde, ist weniger wichtig. Wichtig ist und bleibt, was sogar mit dem Dichter eins ist, das ist Moguer und dieses azul marino.
1892 steckt man ihn zu den Jesuiten in Puerto-de-Santa-Maria bei Cadix. Vier Jahre später, nach bestandenem Abitur, geht er nach Sevilla, um Jura zu studieren. Er studiert jedoch nicht, sondern folgt einem eigenen Weg wie das Huhn, dem man das Gatter geöffnet hat. Er versucht sich ein bißchen im Bohème-Leben und liest. Er schreibt auch ein paar Gedichte, doch bezwangen sie die Hürden der Zeitungen von Sevilla und Cordoba nicht. Er lernt elegante Kleidung schätzen, auf seinem Gesicht zeigen sich schon die ersten Spuren jener Melancholie, die später in Angst umschlägt und dann, dank der Kraft seiner Seele, zu Traurigkeit werden wird. Bald gibt er das Studium auf, verläßt Sevilla und kehrt nach Moguer zurück. Seine Berufung hat sich schon entschieden: er wird Mitarbeiter einer Madrider Zeitschrift und führt einen anhaltenden Briefwechsel mit verschiedenen Schriftstellern.
Er ist Modernist. So wird eine Gruppe junger Dichter genannt, die selbstverständlich alles Vorangegangene verwerfen. Dies ist nichts Außergewöhnliches, es ereignet sich immer dann, wenn die Jugend Kreise bildet, sei es nun, um Gedichte zu schreiben oder zu stricken. Doch auch wenn man Modernist ist, hat man sich irgendwo ein Vorbild zu suchen. Alle diese jungen Leute bewundern willkürlich Victor Hugo, die Parnassiens, Baudelaire, die Symbolisten, Théophile Gautier, Catulle Mendès, Poe, Heine, Verlaine; vor allem diesen letzteren, dessen „Art poétique“ von der Zeitschrift Luz in Barcelona übersetzt und veröffentlicht wurde. Für die Modernisten sind dies wahre Gesetzestafeln.
Zu diesen Namen fügt Jiménez für sich selbst noch Aloysius Bertrand, Mallarmé, Claudel, Wilde und Pierre Louys, den Verfasser der Chansons de Bilitis, bei. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Gott allein weiß, wieviel Jiménez von seinem Modernismus hält, wie stark er daran glaubt, ob er sein Weltbild daran ausrichtet. 1900 kam ein berühmter Modernist, Rubén Darío, der vierzehn Jahre älter ist als Jiménez, nach Madrid. Er war in Nicaragua geboren, hatte ganz Chile bereist und sich dann in Mexiko niedergelassen. Große Aufregung unter den Neuerern. Es geht um den Kampf für die moderne Poesie, einen der Kämpfe für sie. Man ruft Jiménez nach Madrid. Diese Einladung berauscht ihn. Er hat Mühe, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß man ausgerechnet ihn rufe, und später ist er erstaunt über die große Bedeutung, die man ihm, seinem Moguer und seinem azul marino beimißt. „Ich“, sagte er, „Modernist, von Villaespesa und Rubén Darío nach Madrid gerufen. Mein weißes Haus wird groß von seltsamen Spiegelungen und magischen Echos.“
Madrid, wo alles vom marmornen Vorhof bis zum fünfzehn Meter langen Balkon durch Höfe, über Treppen, Terrassen und Söller den Namen Rubén Darío zurückwirft, bedeutet viel für den jungen neunzehnjährigen Dichter.
Man bleibt nicht immer neunzehn Jahre alt; die Zeit tut das Ihrige dazu, die Vorsehung desgleichen: man braucht nur ein Kalenderblatt abzureißen, und schon ist man von neunzehn bis zu hundert fortgeschritten. Kaum ist er – nach sechswöchigem Aufenthalt in Madrid nach Moguer zurückgekehrt, stirbt plötzlich sein Vater, und Jiménez fängt an, sich vor dem Tode zu fürchten, obwohl er Spanier ist. Er wird krank, Herz und Lungen waren angegriffen. Irgendwie ist er in seiner Sicherheit getroffen, er war später häufig Depressionen unterworfen.
1900 war er einer der Führer des Modernismus, und bereits 1901 ruht er in einem Liegestuhl in einem Sanatorium von Bordeaux. Er liest Francis Jammes, er besucht ihn sogar in Orthez. Er schreibt Rimes, die 1902 in Madrid veröffentlicht werden. Nach sechsmonatiger Liegekur reist er durch Frankreich, die Schweiz und Italien.
Er ist kein Weltreisender in der Art eines Valéry Larbaud. Er begegnet nicht an jeder Wegbiegung der Farandole, erlebt nicht den Canale Grande oder die Republik von San Marino – er sieht sich nur einem in Schwarz gekleideten Jüngling gegenüber, der ihm wie ein Bruder gleicht. Bisher gab er sich in jeder Beziehung wie irgendein junger, dichterisch begabter Provinzler, er hatte seine linkischen Anwandlungen, seine Eingenommenheiten – also nichts Außergewöhnliches. Aber was er hat, das ihn von nun an nicht mehr verlassen wird, das ist die Traurigkeit, nicht ein vorübergehendes Gefühl, sondern die Kunst, traurig zu leben. Männliche Traurigkeit, die gelegentlich sublim in Erotik übergeht, Traurigkeit des Südens, seiner Länder und Menschen. Das Blau, der reine, klare Himmel, die Liebe – vor allem die Liebe –, alles ist für ihn Grund zur Traurigkeit. Er lebt davon. Sicherlich sind der Tod eines Vaters und das Krankenhaus kein Grund zu reiner Freude. Aber es gibt Temperamente, die sich rasch befreien, und für die anderen bringt die Zeit Vergessen. Jiménez dient die Zeit nur zur Überhöhung dessen, was seinem Temperament entspricht. Moguer erklärt vieles dabei. Aber man darf wohl auch annehmen, daß persönliche Gründe dahinterstehen, verborgene Verwicklungen, oder eine Tragödie, die sein Geheimnis bleibt. Ein alle seine Gefühle aufwühlendes Erlebnis könnte der Ursprung dieses Verlangens nach Traurigkeit sein, genauer, dieser Anlage, die sich von nun an der Trauer als eines Existenzmittels bedient. Nach den Reisen wiederum das Sanatorium Rosario. Während seines Aufenthaltes bei Doktor Simarro veröffentlicht er 1903 seine Arias Tristes. Ich glaube nicht, daß sich die Melancholie dieser Gedichte allein aus den Einflüssen von Schubert und Verlaine erklären ließe. Es muß noch etwas anderes geschehen sein. Aber was? Schwierig, dies herauszufinden. Wenn man die Verwandten des Dichters genauer darüber befragt, so weichen sie aus.
„Ein monotones Buch voll Traurigkeit und Mondschein“, sagt der Verfasser selbst. „Ohne Mond weiß ich nicht, was aus Träumen würde; sein Licht dringt tief in die Seele ein, und obwohl es ihr Leiden steigert, bringt es ihr zugleich doch Trost. Einen Trost voller Tränen.“
Es war von der Traurigkeit des Südens die Rede. In der Tat – die südlichen Völker lieben die Traurigkeit. Trotz Musik und Tanz sind der Neapolitaner und der Sizilianer im Wesen düster. Das Lachen der Griechen ist ein herbes Lachen. Der Araber dagegen lacht nur, wenn er von Fett trieft, was höchst selten vorkommt. Der Spanier hat im Sterben eine Kunst entdeckt. Aber in der Traurigkeit von Jiménez ist nichts Spanisches. Er bedient sich seiner südlichen Elemente wie eines Vergrößerungsglases, um die Landschaft seiner Träume zu betrachten, deren Form sich auflöst, wo Winter herrscht und das welke Blatt nur ein Symbol wird für des Dichters eigenen Tod. Über diese eisige Landschaft weht ein linder Wind hin. Alles deutet darauf, daß Jiménez sich gerne von einer bestimmten Person in dieser beklagenswerten Lage entdecken lassen möchte, als ob er auf eine kühlende Hand wartete, die sich ihm auf die heiße Stirn legt, als ob sein Buch – und für längere Zeit seine sämtlichen Bücher – einen an eine einzige Person gerichteten Brief darstellte, die auch als einzige den Schlüssel dazu besitzt, das zu verstehen, was verstanden werden soll.
Denn man kann leicht von „sanften Harmonien“, „von der geheimnisvollen Aura“, von Musik und von Träumen sprechen – es muß doch auch deutlich werden, wofür diese Harmonien, diese Musik und diese Träume als Symbole dienen. Sie scheinen nicht für uns bestimmt zu sein. Von da stammt die Ursprünglichkeit und Eigenart seines Ausdrucks. Er spielt nicht für die Galerie. Während wir sein Werk noch wie eine Orange auspressen, wird er sich im Reiche der Schatten schon über uns lustig machen.
Man kommt nicht traurig zur Welt. Übrigens sagt er selbst:

Ich erinnere mich, daß mir als Kind meine Stadt als weißes Wunder erschien und ich, immer zufrieden, von Glücksgefühlen geschwellt, die grüne Landschaft durchstreifte.

Er spricht von seinem Haus, „Azul marino“, in Worten, die deutlich zeigen, daß auch der Jüngling noch glücklich und zufrieden war und dem Leben in der Hoffnung auf reiche Frucht wie einem Garten der Hesperiden entgegenging. Der Ton ändert sich jedoch nach dem Tode seines Vaters und seinem Aufenthalt im Sanatorium. „Das müde, traurige Dorf“ – „Der traurige Garten gibt sich auf“ – „Die traurigen Sterne zittern“ – „Ich habe Angst“ – „Mir ist kalt…“ – „Vielleicht kommt um Mitternacht der Mann in Schwarz zu mir.“
Zur selben Zeit tauchen Töne auf wie: „Ein vergangenes Weiß“ – „Geliebte in Weiß gekleidet“ – „Ein leerer Stuhl, auf dem sie gesessen hat“ –„Ein Klavier, das um sie weinte…“ Der Ursprung dieses Wandels scheint wirklich nicht im Tode des Vaters und nicht im Sanatorium zu suchen zu sein, sondern in einem Herzensproblem. Alles verläuft, wie wenn er eine Person geliebt hätte, die ihn verließ und der er nicht zu folgen vermochte. Wir wissen nur zu gut, daß in solchen Fällen die Welt sich verdunkelt. Die Familie Jiménez ist vom Unheil verfolgt, aber es ist, wie wir sehen werden, auch ganz Moguer davon betroffen. Dieses Verhängnis verdunkelt die Sonne, aber nicht mehr, als das eine Corrida vermöchte – Verdüsterung, die bis zum letzten ausgekostet wird, nicht das Schwarz einer Fahne.
Ich weiß, daß ein Mann – und vor allem ein Dichter (zumal 1905) sich nie ganz durch sein Werk erklären läßt. Er schildert sich selbst wie jeder andere auch, aber er unterliegt stark dem Einfluß seiner Umgebung und seiner Bewunderer. Er wandelt sich ab, und in diesen Abwandlungen müssen wir das wahre Gesicht von Jiménez suchen. Immer aber bleibt der Wahl seiner Worte und Bilder größte Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist meines Erachtens bezeichnend, daß er mit vierundzwanzig Jahren für seine Gedichte folgenden Sammeltitel wählt: „Jardines lejanos“, als ob die Gärten, die er hat, nicht diejenigen wären, die er zu haben wünscht.
Diese Melancholie des Ausgeschlossenen wird durch sein ganzes Werk spürbar sein und wird selbst die gespielte Ungezwungenheit seiner Freundschaft für Platero bestimmen. Was er sucht, was er wünscht, was ihm fehlt, was er besingt, ist offensichtlich nicht im Raum beschlossen. Auch seine Reisen werden ihn den ersehnten Gärten nie näherbringen. Meiner Ansicht nach ist da ein Wesen im Spiel, dessen Fehlen die Welt entvölkert. Gewiß ziemt uns nicht, zu ergründen, was er sorgfältig versteckt. Übrigens wird Moguer uns später über vieles Aufschluß geben.
Man kann diese zur Lebenskunst gewordene Traurigkeit nicht wichtig genug nehmen. Platero und ich ist viel mehr als eine einfache Sammlung dichterischer Prosa über die Freundschaft eines Mannes mit seinem Esel. Wir sind weit von Vergil und Jammes entfernt. Die kleinen Hufe des silbergrauen Esels bewegen sich über eine dünne Erdschicht. Jeden Augenblick kann sich der Boden öffnen, um Schwefeldämpfe auszuspeien. Um eines Hirten, eines Bettlers, einer Zigeunerin, einer armen Kohlenhändlerin, eines Negers, eines Granatapfels oder einer Lilienblüte willen erscheint plötzlich der Teufel. Das Wort Teufel ist dafür nicht einmal stark genug. „Dämon“ müssen wir besser sagen, denn das ist alles weit von jedem Christentum entfernt. Es wäre vielleicht notwendig, den Begriff ganz in seiner griechischen Urbedeutung anzuwenden.
Die Ursachen der Traurigkeit sind von der Zeit nicht entkräftet worden, sie haben im Gegenteil ein eigenes Reich in der Welt des Menschen, der Welt der Seele, geschaffen. Eigenartige Gefühle kommen wie von jenseits des Milchstraßensystems aus dieser seltsamen Welt. Der Satellit lenkt die Bahn des Poeten wie in ganz neue Kreise, er erscheint mitten im klarsten Morgen und am mildesten Abend, um ihm sein eigenes Licht zuzustrahlen und die Schatten auszuhellen.
Die gesellschaftliche Stellung der Familie Jiménez ist erschüttert. Sie haben gegen die Bank von Spanien einen Prozeß angestrengt, den sie verloren und der sie ruinieren wird. Aber für den Augenblick merkt man die Risse im Familiengebäude noch nicht so genau, denn ganz Moguer wird rissig und geht dem Ruin entgegen. Das Land lebte vom Wein, aber die Reblaus hat alles zerfressen. Moguer exportierte Wein nach Portugal, doch der Hafen versandete infolge der Ausschüttungen der Minen von Rio Tinto in den kleinen Fluß. Die Schiffe können nicht mehr bis Moguer fahren; vor dem Kai hat das Wasser selbst bei Flut nur noch 30 cm Tiefe. Es gibt also keine Möglichkeit mehr, irgendet was zu exportieren, es gibt auch keine Waren mehr für den Export.
Von den Rebbergen, die dahin sind, den Pinienwäldern und den Gemüsegärten abgesehen, kann das Land rund um Moguer nur riesige Heuschrecken und Zikaden liefern. Das ganze Gewerbe und die Leute, die vom Wein lebten, mußten fortziehen; die einen haben sich in Huelva niedergelassen, einige in Jeréz, andere in Sevilla. Sie mußten Land und Beruf wechseln. Soviel ich weiß, wollte Jiménez eigentlich nach Sevilla gehen. Schließlich ist er dann doch in Moguer geblieben, und dort lebte er teils in seinem Haus „Azul marino“ teils in einem Bauernhof „Fuentepina“ inmitten eines Pinienwäldchens; ein Onkel hatte ihm den vererbt. Man mußte sich entscheiden, fortreisen oder bleiben, und ich glaube, daß das erwähnte persönliche Erlebnis den Dichter in diesem ohnedies als Zusammenbruch empfundenen Augenblick traf.
In Fuentepina schrieb er Platero und ich. Aber er verfaßte auch „Olvidos“, „Elegías Puras“, „Elegías Intermedias“, „Elegías Lamentables“, „La Soledad Sonora“, „Poemas Mágicos Y Doliente“, „Laberinto“, „Melancolía“ usw.
Seine überzeugende Beredsamkeit beschränkt sich darauf, die Melancholie zu verherrlichen; wie wir sehen, sind die Titel seiner Werke nicht gerade heiter. In solcher Nähe zu Platero und ich scheinen sie eine Art überhöhter Misanthropie anzudeuten. Es wäre jedoch falsch, dies zu glauben, denn nichts ist einfach in dieser Schwermut, sie hat viel mehr vom Luziferischen, als man annimmt. Es ist rundum eine Welt, die sich selbst zerstört, um dann in einem neuen Universum kristallinisch zusammenzuschießen. Um Jiménez zu erklären, zieht man oft Verlaine und Mallarmé heran. Dies mag für die Metrik und Harmonie zutreffen, aber das Grundelement ist eher arabischen Ursprungs. Seine Traurigkeit ist einsiedlerisch, sie ist ein Teil des Hades, einer Hölle, die keine Untergeschosse braucht, die Sonne ist ihre Decke, der Horizont am blauen Himmel ihre unübersteigbare Mauer. Nur die Völker des Nordens sehen in der Sonne etwas Heiteres, die Südländer wissen, daß sie niederdrückt und betäubt, ja eigentlich trügerisch ist. Noch mehr als der Nebel absorbiert die Sonne die Gegenstände und die Seelen, die sie umgibt. Was wir auch besitzen, es wird von ihr enteignet. Sie ist das große Instrument der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit, der Nacktheit, einer Nacktheit, die weit unter die Haut reicht. Sie ist feind allem Konkreten, die Königin des Immateriellen, die Meisterin der Täuschungen.
Daher auch die Flucht in die Erotik; hier ist der einzige Ort, wo noch ein wenig Raum bleibt. In Laberinto schreibt Jiménez:

Der Pinienwald ist das Geschlecht der Nacht.

Dieses schöne Wort erlaubt uns zu verstehen, wie sich diese verwundete Seele heimlich die Wunden lindert. Die Sonne mag langsam vom einen Ende des Himmels zum andern wandern wie ein gefräßiger Pfau, das Gras mag sterben, und selbst die Rosen dürfen vermodern in diesem nur noch vom Winde bewohnten Moguer, um so besser: „Sein Geschlecht badet im Lichte des Mondes…“ „Deine seidene Hand bedeckt in der Berührung dein dunkles Geschlecht.“ (Soledad Sonora 1911). Gleichzeitig erscheinen entsprechende Bilder wie der Wasserfall, der Tau, der Bach, die Quelle, der Regen und der Brunnen, der tiefe Brunnen, in dem sich der Mond spiegelt, derselbe Brunnen, den wir in fast allen Gedichtsammlungen und vor allem in Platero und ich finden.
Nicht weil er die Melancholie, die Gärten, die Brunnen und die Agonie Moguers bedingt, ist Jiménez ein Dichter alles Unbewegten. Dichter an und für sich sind nicht die Verwalter des Unbeweglichen. Öfters hinterläßt Platero im Staub die Spur eines gabelförmig gespaltenen Hufes.
Nachdem der Prozeß mit der Bank von Spanien verloren war und die Familie vor dem Nichts stand, ging Jiménez nach Madrid. Er blieb dort von 1912 bis 1916 und war eng mit dem literarischen Leben verbunden. Er lernte Dalí und Lorca kennen. Schließlich traf er die Frau, die er später heiraten wird, Zenobia Camprabi. Sie war zur Hälfte Amerikanerin, die Tochter eines in Puerto Rico ansässigen Ingenieurs aus Pamplona und einer Nordamerikanerin. Er wird immer noch von Erotik verfolgt, die Sonne hält ihn gefangen. Er schreibt zwar Liebesbriefe an seine Verlobte, doch Laberinto widmet er Nathalie, Graziella, Jeanne, Marie, Denise, Blanche und Susanne. Er ist von der Frau so besessen – der auserwählten Frau, wie er sagt –, daß er sie in der Person einer erfundenen Gestalt, Georgina Hubner, mystifiziert.
Er fährt zu schreiben fort. Auf Laberinto folgt Melancolia, das Denkmal einer Liebe, mit dem er zu Zenobia spricht.
1914 erscheint Platero und ich. Dieses Buch wird ein durchschlagender Erfolg. Jedermann glaubt, daß Platero ein Esel ist.
1916 schifft sich Jiménez in Cadix nach New York ein. Am 2. März heiratet er dort Zenobia. Am 7. Juni nimmt er seine Frau mit nach Cadix. Er ist sehr glücklich. Für den Augenblick sind der Süden, die Sonne und Verlaines Erotik vergessen. Er schreibt sein Diaro De Un Poeta Recién Casado. Unter diesem Titel veröffentlicht er seine Aufzeichnungen eines glücklichen Menschen. Seine Inspiration wechselt, oder genauer gesagt: er wird nicht mehr von denselben Gespenstern verfolgt. Er mischt nun lyrische Prosa unter seine Verse. Jetzt sieht er die Welt und nicht mehr nur seine eigene Welt. Er setzt Humor an Stelle der Erotik. Der Mond ist nur noch Satellit der Erde, und in New York gibt es keine Brunnen. Von der alten Verdammung bleibt nur noch seine Vorliebe für Friedhöfe.
Nach Spanien zurückgekehrt, verbringt er eine Woche in Moguer, sicherlich um seine Frau mit den alten Dunkelheiten bekannt zu machen. Dann kehrt das Paar nach Madrid zurück. Die dämonische Periode scheint zu Ende zu sein. Seine Zwiesprache mit Luzifer ist von nun an so geschickt versteckt, daß man sie nicht einmal mehr wahrnimmt, außer vielleicht in seinem übertriebenen Bedürfnis nach Ruhe und Einsamkeit. Das Ehepaar scheint ungetrübt glücklich zu sein, es gibt keine „Geschichten“. Jiménez entzweit sich mit vielen Leuten, um allein bleiben zu können. Zwanzig Jahre lang wird der Dichter nun sein Werk anreichern, bar jeder materiellen Sorgen und im Schutz der makellosen Zenobia. „Liebe und Poesie jeden Tag“, setzt er 1918 an den Anfang einer seiner Frau gewidmeten Gedichtsammlung, und weiter schreibt er, was überhaupt als zutreffende Erklärung seines Falls gelten mag:

Ich bin im Traum gestorben und im Leben wieder auferstanden.

Er sieht immer noch viele nackte Frauen in seinem Dichten und schreibt schließlich sehr schöne Verse über den Tod.
Der Bürgerkrieg treibt ihn zur Flucht. Er nimmt nicht Partei. Am 22. August kommt er in Cherbourg an, wo er sich nach New York einschifft. Seine Wohnung in Madrid, in der er Bücher und Möbel zurückließ, wurde nur teilweise geplündert. Das Ehepaar begibt sich nach Puerto Rico, Kuba, Miami und Washington. Man gibt ihm wie auch Zenobia einen Lehrstuhl an der Universität von Maryland. Er schreibt weiter an seinem Werk.
Er fühlt sich von der Abstraktion angezogen, verliert von seiner Sinnlichkeit und bleibt nur noch mit dem Tod und einem Erotismus verbunden, der um so kindlicher wirkt, je mehr er sich amerikanisiert. Aber die Abstraktion gibt seiner Dichtung einen tiefen und klaren Sinn. Seine Ironie und sein barocker Humor kommen jetzt mehr zur Geltung. Obschon er eine Art Vorliebe für Zusammenhänge mit dem Mond und dem tiefen Brunnen behält, erreicht er sein Ziel in guter Tuchfühlung nach rechts und links. Die Persönlichkeit erscheint nun als die Verwirklichung dessen, was man seit Moguer erwartet hatte, aber sie ist nicht sehr verschieden von jener Gestalt, deren Gabelhuf man im Staub neben Plateros Tritten sehen konnte.
Das Ehepaar läßt sich in Amerika nieder. Sie gehen nach Puerto Rico, wo Jiménez an der Universität Vorlesungen hält. Reise nach New York und bald darauf endgültige Rückkehr nach Puerto Rico. Der Dichter hat keine Geldsorgen mehr, aber seine Gesundheit läßt zu wünschen übrig. Die psychische Leere der langen Jahre voller Melancholie wurde durch Zenobia nicht ganz ausgeglichen. Es ist keine Frage des Gefühls. Jiménez ist von der gegenseitigen Liebe voll erfüllt, das Ehepaar vollkommen eins, aber was die Traurigkeit aufgezehrt hat, kann nicht voll ersetzt werden.
Am 25. Oktober 1956 wird Jiménez der Nobelpreis für Literatur verliehen. Drei Tage später stirbt Zenobia, und am 29. Mai 1958 folgt Jiménez ihr nach. Ihre sterblichen Überreste wurden später auf dem Friedhof in Moguer beigesetzt.
Platero ist Moguer. Moguer: eine kleine Stadt von 7.000 Einwohnern, hundert Kilometer südlich von Sevilla, 20 Kilometer von Huelva entfernt, an der Mündung des Tinto und des Odiel. Die Stadt ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Rebberge, die ihren Reichtum ausmachten, sind verschwunden, der Hafen, der im XVI. Jahrhundert für seinen Handelsverkehr mit Amerika berühmt war, ist versandet. „Palos (sechs Kilometer weiter unten in der Mündung des Flusses), Moguer, Häfen, aus denen Seefahrer und Kapitäne, berauscht von brutalen und heroischen Träumen, in die Ferne zogen.“ Heute steht das Wasser bei Flut kaum 30 cm vor dem Kai aus verfaultem Holz, der einst den Hafen eingerahmt hat. Bei Ebbe bleibt nur ein riesiger Sumpf aus rotem Schlamm, der bis zum anderen Ende des Meeresarmes reicht.
Die Weinberge wurden durch die Reblaus vernichtet; der Hafen vom Auswurf der Kupferminen in Rio Tinto erstickt. Alles was von Moguer bleibt, sind das Schilf, die Stelzvögel, die Kormorane, Möwenflug, der melancholische Schrei der Wildenten, die klatschenden Sprünge eines großen, nach dem Abzug der Flut gefangenen Fisches im Todeskampf, sterbend wird er noch vor der Rückkehr der Flut von den Vögeln gefressen; dann bleiben nur der Schritt und der monotone Singsang eines Zöllners, der auf dem überwachsenen Kai, an dem niemand mehr anlegen kann, spazierengeht. Keine Häuser außer den Ruinen eines alten Lagerhauses. Man sieht nicht einmal die Stadt, die nicht auf dem Hügel liegt, sondern sich an eine Art Böschung duckt. Aber diese öde Gegend ist dennoch anziehend. Ich kenne keinen Ort, wo der Friede so vollkommen wäre. Diese Ufer, von denen sich das Treiben der Menschen zurückgezogen hat, beruhigen den Geist wirkungsvoller als Orte von natürlicher Wildnis. Wenn die Dämmerung mit der Ebbe zusammentrifft und das Licht und das Wasser sich plätschernd wie kleine Rinnsale zurückziehen, versteht man, warum Jiménez so lange Zeit sich in der Traurigkeit einrichtete und daß man auch dabei zufrieden und vielleicht sogar – warum auch nicht – „glücklich“ existieren kann.
Es ist nicht schwer, in Moguer die Spuren vergangenen Reichtums zu entdecken. Die Stadt zählte damals zwei- bis dreimal soviel Einwohner wie heute. Viele Häuser sind jetzt leer und verfallen. Und da sind die Keller, riesige Gänge voller Echos, so geräumig wie Bahnhofhallen, die sich tief ins Gewinkel völlig verlassener Quartiere eingraben. Es wimmelt von Vögeln, Schwalben, Ziegenmelkern und einer Art Zwergschwalben, die man nur noch an dieser Küste Spaniens, zwischen Portugal und Gibraltar, findet. Alle nisten in den Gewölben der leeren Keller. Der Boden ist sandig, und manchmal finden wir in einer Ecke das Gerippe eines der Wagen, die bei den Stierkämpfen im Dorf verwendet wurden. Man braucht nur einzutreten, und schon wird man von der Größe der Lagerhäuser schier erdrückt. Hier muß früher einmal ein großes Handelszentrum gewesen sein. Heute ist davon nur noch das wilde Geflatter der durch das unerwartete Auftreten menschlicher Wesen aufgeschreckten Vögel übrig. Im Viertel um das Kloster Santa Clara hat man die Keller miteinander verbunden, indem man die trennenden Wände niederlegte. Ohne Zweifel taten das die Kinder, die hier Verstecken spielen und von Abenteuern träumen wollten. Man kann so lange im Schatten gehen, in vollkommener Einsamkeit und angenehmer Kühle. Hat man erst ein paar Schritte gemacht, kreischen die Vögel auch nicht mehr, sie fliegen nur unentwegt um uns herum; ihr Lärm gleicht dem Geflüster einer Menschenmenge. Der Geruch dieser Keller ist kaum zum Aushalten. Er stammt von den schlecht unterhaltenen Taubenschlägen, wo eine Art himmlischer Verwesung herrscht; sie warnt vor allzu nahem Umgang mit Engeln und Erzengeln. In den Schriften der Heiligen Theresa wittert man etwas Ähnliches. Nicht unangenehm, aber furchterregend, eine Furcht, die Neugier wachruft und auch Widerstrebende einem Paradiese entgegenzieht, das sich nicht ableugnen läßt, aber nichts mit dem zu tun hat, was man irdisches Paradies nennt.
Kein Wein mehr, kein Hafen mehr, das laute Volk ist abgezogen. Man kann in die Häuser eintreten. Manchmal sind die Fensterläden noch mit Brettern vernagelt, aber selten die Türen geschlossen. Natürlich stehen nur noch die vier Mauern, und überall wird man vom Gestank der Vögel verfolgt. Manchmal blieb noch ein bißchen Stukkatur in einem Winkel der Decke oder über dem Fensterpfeiler, oft auch schmuckhaftes Schmiedeeisen, Treppengeländer, Balkone bis zum Gitter, das die Stallfenster sichert.
Überall Ställe; die kleinen für die Esel. Der schönste befindet sich wie es sich gehört – im Haus von Jiménez. Man zeigt ihn uns und sagt:

Das ist Plateros Stall.

Er ist sauber wie eine polierte Münze, neu geweißelt, so wie der Stall eines Traumesels sein sollte. Durch diese Tür entwich er, um sich zu irgendeinem geheimen Stelldichein zu begeben. Da wartete die Ziege, und dort lag Diana zwischen den Füßen des Esels. Da drüben stahl sich auch der Sonnenstrahl ein, derden „schillernden Reichtum des Zenits“ mit sich brachte. Alles findet sich wieder.
Das Haus „Azul marino“ ist in ein Museum verwandelt worden. Man sieht Bilder, Manuskripte, aber das Wesentliche liegt nicht darin. Dieses Wesentliche findet man erst im dunklen Schatten des Vorhofes. Man stellt sich Jiménez dort sitzend vor, einsam, während alles nach Sevilla zieht. Man denkt ihn sich auch beim Tode des Vaters in jenem Haus, von dem Jiménez sagt, es habe sich mit Wehklagen gefüllt, die ihm einen unauslöschbaren Eindruck hinterließen. „Von da an“, sagt er, „hatte ich lange Zeit das bestimmte Gefühl, daß der Tod an meiner Seite ging. Dies in Verbindung mit meinem verschlossenen Charakter rief bei mir eine unendliche Schwermut hervor.“
Wahrscheinlich hat auch er mit langen, stelzenden Schritten die Keller von Moguer durchquert. Man kann sich nicht darüber täuschen, und er täuscht sich auch nicht: Moguer ist nur ein Instrument, um das Bestmögliche aus der Hölle herauszuholen.
Mein Aufenthalt liegt nun schon einige Jahre zurück. Ich war von Anfang an durch die Stille dieser Stadt im vollen Licht des Tages und der belebten Straßen eingefangen. Auch während der Stunden, in denen nicht die Siesta herrscht und der Lärm der Menschen eigentlich zu hören sein müßte, vernimmt man nur das Piepsen der Vögel und das sanfte Rauschen der weiten Kiefernwälder. Selbst auf dem kleinen Platz, an dem die beiden Kaffeehäuser mit ihren Terrassen liegen, nicht das leiseste Geräusch. Das Umblättern einer Zeitung würde bereits Aufsehen erregen. Erst am Abend kommt ein sehr alter Autobus von Huelva an. Er schüttelt noch einige Zeit sein Eisengestell durch die Gegend und verschwindet dann. Nun kommen die Ziegenmelker, die Mauersegler und die Schwalben aus den Kellern und bemächtigen sich der Straße.
Männer, Frauen, Kinder und Esel bemächtigen sich ihrer nicht. Sie schleichen schattensuchend den Mauern entlang und verschwinden bald wieder hinter den offenen Türen. Wenn es Nacht geworden ist, stellt man Stühle vor die Haustür; man genießt die kühle Luft, doch unterhält man sich nur leise und verstummt, wenn jemand vorbeigeht.
Außer auf dem Platz mit den Cafés und an der kleinen Straße, die ihn mit der Kirche verbindet, sind die Häuser alle einstöckig; selbstverständlich macht aber das von Jiménez eine Ausnahme. Die Stadt dehnt sich infolgedessen ins Leere, und diese Ausdehnung unterstreicht noch den Eindruck ihrer Verlassenheit. Die Menschen leben sehr weit voneinander entfernt. Man bleibt in seinem Viertel, aber man ist da allein oder fast allein. Daher diese leisen Stimmen, diese fast geheimen Gespräche; in Wirklichkeit hat man sich nichts zu sagen, und es ist unnötig, lauter zu sprechen, wenn man sich ohnehin nichts zu sagen hat.
Man kann sich leicht vorstellen, daß die Auswanderer nicht die Reichsten, wohl aber die Unternehmungslustigsten unter den Bewohnern waren. Die Reichsten sind geblieben; ob man nun hier oder anderswo in seiner Reglosigkeit verharrt, das spielt keine Rolle, selbst wenn man sich langsam mit Prozessen und Nichtstun ruiniert wie die Familie Jiménez. Geblieben sind auch die Armen, die sich von einem Ortswechsel keine Besserung ihrer Dürftigkeit erhoffen konnten, und jene anderen, die man vielleicht die Weisen nennen möchte; diese zogen es vor, den Gürtel enger zu schnallen, um dafür in Frieden leben zu können.
Gewiß, als ich nach Moguer kam, hatten sich schon zwei oder drei Generationen seit dem großen Auszug abgelöst, war die Bevölkerung wieder halbwegs an die Arbeit gegangen, vor allem als Bauern oder Handwerker. Die Übriggebliebenen wirkten noch als die echten Söhne und Töchter großer Träumer. Jedes Tun macht vor einer schönen, aufgeblühten Rose halt. Selbst der Telegraphist ordnet seine Arbeit dem Jasminzweig unter, den er sich hinter die Ohren gesteckt hat.
Jiménez hat Platero der armen Irren aus der Avenida del sol gewidmet, die ihn mit Brombeeren und Nelken beschenkte. Selbstverständlich besuchte ich auch diese Straße. Es ist eine der verlassensten der Stadt, kaum ein Haus auf vier ist noch bewohnt. Deshalb ging ich in dieses Quartier immer zu Stunden, in denen ich hoffen durfte, etwas Leben vorzufinden. Gewöhnlich fand ich trotzdem wenig, und in der „Avenida del sol“ herrschte stets Totenstille. Dagegen gab es selbst Anfang Mai viel Sonne. Schon vor Mittagszeit zeichneten sich Risse in den ausgetrockneten Boden.
Verlassene „Avenida del sol“! Eine ähnliche Straße, nach Heu und Stall riechend wie alle anderen außer den sehr bürgerlichen und im Stil der Jahrhundertwende leicht lächerlich wirkenden Gebäuden. An den Hausmauern hingen Gartenmesser und Binsengarben, sowie ein paar Körbe, die einen leer, die anderen mit Gemüsen und Blumen gefüllt. Aber keine einzige lebende Seele. Oder doch? Ich fürchte die Sonne – wie alle wirklich aus dem Süden stammenden Menschen –, und ich glaubte, von Halluzinationen getäuscht zu sein. Ich hielt mir die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. Nein! Aber all das war Wirklichkeit. Nicht die Sonne war das, sondern der Teufel.
Das Mädchen war höchstens vier oder fünf Jahre alt. Was weiß ich wirklich davon? Ich sollte eher sagen, sie schien vier oder höchstens fünf Jahre alt zu sein, und ihre Eltern mußten dasselbe glauben. Auch das Geburtsregister hätte uns in unserer Annahme bestätigt. Aber existiert ein Zivilstand für den Teufel?
Sie trug die Tracht von Sevilla, langes Kleid, so lang, daß sie es mindestens einen halben Meter hinter sich herzog, weite Unterröcke mit Rüschen, Schuhe mit hohen Absätzen, tiefen Ausschnitt, Chignon, großen Kamm. Als sie vor mir stehenblieb, sah ich, daß Augen und Lippen geschminkt waren.
Auch ich war stehengeblieben, wie man sich denken kann. Da gab sie ihrer Schleppe einen Tritt, wie sie es sicher bei den tanzenden Zigeunerinnen gesehen hatte, hob ihre Röcke an, daß man die streichholzdürren Beine sah, und begann mit den Absätzen aufzustampfen und sich in den Hüften zu wiegen. Wie eine Stute im Juni warf sie die Kruppe. Es war, um die Flucht zu ergreifen, was ich auch augenblicklich tat.
Seither weiß ich, daß dieses Schauspiel alltäglich ist. Ich habe es letztes Jahr in einem anderen Teil Spaniens wiedergesehen, auf Mallorca, am Pueblo de San Sardina. Für das Fest der heiligen Maria fand sich das ganze Dorf auf dem Kirchplatz ein, um einem Rollschuhlaufen zuzusehen; auch dort durfte sich so ein kleiner Goya aufführen. Die ganze Gesellschaft fand Vergnügen daran und applaudierte begeistert. Man muß wahrscheinlich Dichter sein, um hinter diesem Schauspiel das Teuflische zu suchen.
Ich spazierte mit Vorliebe in den kerzengeraden, von der Sonne vergoldeten Straßen nahe dem Kloster Santa Clara. Dort finden sich auf jeder Seite die ausladenden Keller, untereinander verbunden und von einem Ende der Straße bis zum anderen reichend. Ich durchstreifte diese Kathedralen des Weins, deren Guanogeruch an verlassene Inseln im schlimmen Norden denken läßt, und landete schließlich auf einem großen, verlassenen Platz, von wo aus man das häßliche Portalmaul des gotisch-maurischen Klosters sehen konnte.
Eines Tages, als ich gerade dort stand, sah ich drei oder vier Nonnen, die rittlings auf der Klostermauer saßen. Sie schienen begierig einer Vorführung zu ihren Füßen im Hofe eines Bauernhauses zu folgen. In der Tat sahen sie insgeheim einem der verbotenen Hahnenkämpfe zu. Ich konnte nur die Reaktionen der Zuschauer wahrnehmen; es waren etwa dreißig stumme Bauern (man durfte sich nicht verraten, denn Hahnenkämpfe waren unter der Woche untersagt); sie standen dicht aneinandergedrängt um den kleinen Ring, in dem die zwei Hähne sich zerfleischten. Es war mehr als nur Leidenschaft in dieser Zusammenrottung, eine Art wilden Eifers, der sich auch in den Augen der Nonnen spiegelte. Sie waren jung und hübsch.
In die Kirche dieses Klosters kam Kolumbus nach seiner Rückkehr von Amerika am 15. März 1493, um zu beten. Er war in Palos, sechs Kilometer von hier entfernt, an Land gegangen, und La Nina lag in diesem Hafen vor Anker, wo man heute nicht einmal mehr einen Flaschenkorken zum Schwimmen bringen kann. Cortez hat am selben Kai angelegt, als er im Mai 1528 von der Eroberung Mexikos zurückkehrte. An diesem Ort, wo die historischen Karavellen vor Anker lagen, finden heute die schwarzhalsigen Haubentaucher kaum genügend Wasser, um herumzupatschen, und im Hochsommer wirbeln die Reiher den Staub auf, wenn sie Schlangen verfolgen.
Ich hatte mich mit dem uniformierten Feldhüter befreundet, der den Besuchern Tag und Nacht das Haus von Jiménez zeigen mußte. Ich war öfters hingegangen, ohne eigentliches Ziel, nur um den Hof und den kleinen Stall des silbergrauen Esels wiederzusehen. Dieser Gemeindebeamte sprach nicht französisch und ich nicht spanisch, aber es gibt kleine Gefälligkeiten und die Fünfzigpesetenstücke. Ich erwähne letzteres nur der Wahrheit halber, denn in Wirklichkeit hatten sie wenig Gewicht in unserer beginnenden Freundschaft, und der Wärter lehnte meine Trinkgelder bald ab, außer wenn er sehr durstig war, was manchmal vorkam. Dann zog er es jedoch vor, mit mir eine Limonade trinken zu gehen.
Und doch nahm ich diesen Beamten immer mehr für mich persönlich in Anspruch. Ich wollte den Schauplatz bestimmter Szenen aus Platero sehen, die berühmte Pinie zum Beispiel, den Schindanger, den Dorfplatz, auf dem die Stierkämpfe abgehalten wurden. Es stellte sich heraus, daß dies der Ort war, an dem der Hahnenkampf stattgefunden hatte. Ich wollte auch Auskunft über den Karneval, an dem sich – nach Jiménez – die Frauen als Närrinnen verkleiden „mit langen weißen Hemden und flatternden Haaren, bekränzt mit grünen Girlanden“.
Die Pinie befindet sich – genau wie es der Dichter beschrieben hat an der Straße nach Palos, wunderbar gelegen, ganz allein auf einer Anhöhe, deren Böschung bis hinunter zum Flußufer mit den Schneeballbüschen, Weißdorn, Brombeersträuchern und Brennesseln abfällt und deren andere Seite in sanften Windungen zur Straße führt und ganz voll rotgelben Grases ist. Sie gleicht einem Sonnenschirm und ist sicher zwanzig Meter hoch. Sie wurde zur Zeit meines Besuches in Moguer durch den Bau einer Hochspannungsleitung bedroht, die dort vorbeiführen sollte. Niemand dachte daran, den Baum zu schützen. Um so weniger, als einige behaupteten, die wirkliche Pinie befinde sich an einem anderen Ort, am Rande des Wäldchens im Süden von Moguer. Ich besichtigte auch jene, fand sie aber weniger ähnlich.
Der Schindanger besteht immer noch. Er liegt am Rande eines kleinen Weges, der von Moguer direkt zum Ozean führt, ohne Palos zu berühren. Dies ist eine weniger tiefe Schlucht, als ich sie mir vorgestellt hatte, aber sie besitzt steil abfallende Wände. Man wirft in diesen Hades Tierkadaver und kranke oder verunglückte Tiere, die tagelang dort dahinsiechen und schließlich den scheußlichsten aller Tode sterben, durch Hunger und Durst, falls nicht durch den gewöhnlichen Mechanismus der Hölle dem Schrecken durch Vermehrung Schach geboten wurde. Sobald man an den Rand dieses Grabes tritt und vor allem, wenn man das tut, ohne Nahrung hinab zuwerfen, dann wird man von vielstimmigem Geheul und Knurren empfangen. Hunde sind das. Vielleicht hat man sich ihrer als räudig entledigt, vielleicht fielen sie zufällig in diese Schlucht; ganz sicher sind sie zäh und wild. Sie töten sich gegenseitig, nur die Stärksten überleben. Sie kürzen die Todesnot der sterbenden Tiere ab. An jenem Tag waren es zwei, die so laut wie vierzig heulten und sich gegen die Wand warfen, als ob sie sich auf mich stürzen wollten. Es waren keine Hunde mehr, sondern Monstren. Einer der beiden hatte nur drei Pfoten, aber er schien dennoch der Stärkere zu sein. Vor meinen Augen kämpfte er mit seinem Gegner, bis dieser ans andere Ende des Grabens floh. Der Krüppel blieb Sieger des Schlachtfeldes, und nachdem er mich genug angebellt hatte, machte er sich in aller Ruhe wieder daran, den Bauch eines Esels zu zerfleischen, Diese Hölle hatte etwas Faszinierendes, aber der Verwesungsgestank vertrieb uns.
Dank dem Kauderwelsch, mit dem mein Führer und ich uns verständigen konnten, folgte ich seinem Rat, mich wegen des Karnevals beim Prior des Klosters de la Spéranza zu erkundigen, eines Franziskanerklosters, das sich auf einem ganz von kleinen Orangenbäumen umgebenen Platz befindet, nicht weit von Santa Clara entfernt, aber etwas näher dem Stadtkern zu. Dieser Prior sah wie ein Meister im Freistilringen aus. Sein Gesicht war ganz das eines Rohlings, der Bart, gleichwohl fast täglich pfleglich rasiert, tönte seine Backen in „azul marino“, weit von jeder Frömmigkeit entfernt. Er sprach ein ausgezeichnetes Französisch, das sehr gewählt, bestrickend und überaus ausdrucksreich war. Das alles kam ohne Zweifel aus einer reinen und klaren Seele. Er war ein Vollblüter reinsten Wassers, sein Nacken zeigte die Haltung der Vollstrecker, die sich über den sterbenden Gladiator beugen, um ihm den Gnadenstoß zu geben. Er führte mich in eine Art Katakombe aus weichem Sandstein, und dort, unter einer dicken Schicht von Fledermauskot, zeigte er mir die Masken aus Pappe, die im Karneval benützt wurden. Es waren riesige Karikaturen von Konquistadoren, Mauren, Maurinnen, Negern, Indianern, von weißen Frauen, immer mit dem gleichen großen, puppenhaften und sinnlichen Gesicht, mit kleinen Schweinsäuglein, und diese letzteren Masken in fünf bis sechs Exemplaren. Die Frauen von Moguer verkleideten sich – nach ihm – neuerdings nicht mehr als Verrückte, wenn sie das überhaupt je getan hatten.
Ich genoß das Gespräch mit diesem Franziskaner, und an den folgenden Vormittagen besuchte ich ihn wieder, wozu er mich aufgefordert hatte. Zwei oder drei Morgen lang ging er mit mir auf dem mit Orangenbäumen bepflanzten Platz hin und her. Sobald wir dort erschienen, sahen wir eine Frau im Alter von vierzig bis fünfzig Jahren getrippelt kommen. Sie kniete nieder, und jedesmal, wenn wir bei ihr vorbeikamen, hielt ihr der Priester das an seinem Gürtel hängende Kreuz vor die Lippen. Die Frau erhob sich, nachdem sie das Kruzifix geküßt hatte, und entfernte sich nach links, während von rechts eine andere ungefähr in gleichem Alter herankam und ihren Platz einnahm. Die Zeremonie wiederholte sich. Der Priester stieß ihr mit seiner einer großen Melone gleichenden Faust das Kruzifix an die Lippen, etwas brutal, wie mir schien. Nach der zweiten Frau erschien eine dritte, dann eine vierte und so ging es ständig weiter. Nach vier- oder fünfmaligem Hin und Her unter den Orangenbäumen mußten wir ins Kloster zurückkehren.
Was mich beunruhigte, das war das Alter dieser charmanten Damen, nie sehr jung, immer zwischen vierzig und fünfzig, manchmal waren sie noch gut erhalten oder sogar gut aussehend, eben in dem „gewissen Alter“. Im Süden ist dies das Alter der Fülle und Stärke. Sie hatten alle ihre eineinhalb Zentner, wo nicht mehr. Sie bewegten sich mit Majestät und Würde. Man fühlte, sie waren schlechthin unfähig, eine überflüssige Bewegung zu machen. Dazu hatten sie weder die Muße noch das Temperament. Ich sah sie mir nun etwas näher an, ohne daß sie sich deshalb beleidigt gefühlt hätten. Und am dritten Tag, als der Prior und ich wieder einmal die Flucht ergriffen, ertappte ich eine von ihnen über einem feinen, fast nicht wahrnehmbaren Lächeln voll schneidender Ironie.
Hinter dem Haus von Jiménez geht Plateros Stall auf eine Sackgasse mit Schafställen und verlassenen Häusern. Zur Zeit der größten Hitze versammeln sich dort die Kinder. Es sind nicht fröhliche und lachende Kinder. Sie haben streng geordnete Spiele, und ihr Schweigen wirkt beunruhigend. Man hat das Gefühl, nicht ohne Kenntnis verbotener mathematischer Formeln daran teilnehmen zu können. Dank meinem Feldhüter, der mich öfters in dem kleinen Hof des Stalles alleinließ, konnte ich sie unbemerkt bei ihrem Treiben beobachten. Ich mußte nur auf eine große steinerne Truhe, die als Körnerspeicher diente, steigen, um mit dem Kopf über die Mauer ragen zu können. Es schien mir, als bestünden diese Spiele meistens im „Einvernehmen von Haltungen“. Es sind arme Kinder, auf jeden Fall sind sie ärmlich gekleidet, denn manche wohnten durchaus in ansehnlichen Häusern. Aber was ist in Moguer schon ansehnlich? Eines der spielenden Kinder trat aus der Reihe und blieb steif und unbeweglich wie eine Statue stehen. Ich hatte Mühe herauszufinden, was es dabei darstellen wollte. Fast immer nahmen sie eine vornehm sein sollende geringschätzige und verächtliche Haltung an, als ob das eigene Wertbewußtsein die widerstrebende Seele überkommen hätte. Und man mußte Mädchen sich so aufspielen sehen. Sie betrachteten die anderen von oben herab, gingen um sie herum, beobachteten sie haargenau, wie um eine Schwäche oder eine Unzulänglichkeit zu entdecken. Als sie mich schließlich bemerkten, zeigten sie alle mit dem Finger auf mich und beschimpften mich als Verrückten. Sie rannten davon, ohne Zweifel, um einen Ort zu suchen, an dem sie ohne Zeugen ihr Spiel der Phantome fortsetzen konnten.
Phantome finden sich viele in Platero. Es gibt ihrer genug in Moguer, doch sind es spanische Phantome. Ich habe englische und vor allem schottische erlebt, auch ein paar französische waren darunter, die letzteren waren nicht sehr gefährlich. Sie haben alle die Nacht nötig, außer einigen schottischen, die sich auch im Halbdunkel wohlfühlen. Das spanische Gespenst bedient sich der brennenden Sonne und des blendenden Weiß. Moguer ist weiß wie Zucker. Die niedrigen Häuser werden jede Woche von oben bis unten geweißelt, so stark, daß der Anstrich auf den Mauern wie dicke Schlagsahne aussieht. In den langgezogenen, verlassenen Straßen gaukelt die Mittagssonne Trugbilder vor. Aber die spanischen Gespenster sind in Moguer auch noch von einer anderen Art, und das ist’s, was sich in jeder Zeile des Werkes von Jiménez findet. Die Wesen sind nie, was sie zu scheinen vorgeben. Diese Hausfrau ist keine Hausfrau, dieser Briefträger kein Briefträger, dieser Kellner, der uns auf der Terrasse einer Kneipe ein Bier serviert, ist kein Kellner, dieses kleine Mädchen ist kein kleines Mädchen, – deshalb ist das Betragen von Jiménez ihnen gegenüber immer so unangemessen – dieser kleine Junge ist kein kleiner Junge, mein Klosterprior war nicht nur ein Klosterprior, diese Beichtkinder waren nicht nur Beichtkinder, diese Esel sind keine Esel, und diese Hunde, alles eine Art afrikanischer Windhunde, sind Vierbeiner, die Rollen spielen müssen, von denen wir uns keine Vorstellung machen können, und die Hunde übrigens auch nicht. Es ist ganz offensichtlich, daß von uns beiden, dem Kind, das eine Statue sein wollte, und mir, ich der Verrückte bin.
Der ganze Platero ist in dieser Tonart geschrieben. Es quillt nur so über von vieldeutigen Gestalten, die Gefühle schillern. Nichts bleibt an seinem Platz, weder die toten noch die lebenden Hunde, noch die Zisternen, die wie die Keller unterirdisch miteinander verbunden sind, noch die menschliche Liebe, noch der Monat April, noch die Kinder, vor allem die Kinder nicht, und unter ihnen die verwirrenden kleinen Mädchen und die Schafhirten, die in der Dämmerung plötzlich mit schönen Sachen in den Taschen vor uns auftauchen, nicht die Kiefernwälder, selbst Ronsard nicht, der weit im Dunkel der Jahrhunderte entfernte französische Dichter.
„Und wenn dieser Esel doch kein Esel wäre“, flüstert Jiménez. Und wenn das Fohlen, das man kastriert, kein Fohlen wäre. Aber Moguer ist Moguer.
Ich wollte den Friedhof sehen. Die Friedhöfe spielen durchweg im Werk von Jiménez eine große Rolle, vor allem aber in Platero. Er braucht die Friedhöfe, wie wir für die „sangria“ Orangen brauchen. Der Friedhof von Moguer liegt an der Straße nach Sevilla, oder, genauer gesagt, an der Straße, welche in diejenige von Huelva nach Sevilla einmündet. Er liegt leicht an die Flanke des Hügels geschmiegt, mehr gegen die Kiefernwälder zu als gegen die Flußmündung. Das Rauschen der Wälder ist weit mehr ein Meeresgeräusch als die Laute dieser zur Hälfte ausgetrockneten Sümpfe. Mein Feldhüter führte mich hin. Ein seltsamer Ort, an dem Tote weniger begraben als in Mauern eingemörtelt werden. Einige sind selbstverständlich unter der Erde begraben, aber für die meisten hat man der Mauer entlang kleine Logen gebaut, in die der Sarg hineingeschoben wird. Dann verschließt man die Öffnung mit einer Marmorplatte. So hat man die Toten auf der Höhe der Lebenden und sogar noch höher. Mich beschäftigt eine Art Turm, mit einem Umfang von etwa hundert Schritten und etwa fünfzehn Metern Höhe. An seiner Außenseite führt in Spiralform eine schiefe Ebene hinauf. Der Turm schien unvollendet zu sein, eine Miniatur-Ausgabe des Turms von Babel nach Breughel. Mein Faktotum, die Augen in Tränen, bat mich, ihm zu folgen. In einer Höhe von fünf bis sechs Metern kniete er vor einer Marmortafel nieder. Hier lag sein vierjähriges, im letzten Jahr gestorbenes Kind. Unser Kauderwelsch gestattete uns schon eine ziemlich leichte Verständigung, und der Hüter erklärte mir, daß das seine kleine Tochter sei. Er küßte seine Fingerspitzen und berührte damit den Marmorstein. Die Besteigung dieses Turms zu Babel ist nicht ungefährlich. Es gibt kein Geländer. Von weitem wirkt er wie ein Riesentörtchen.
Es braucht nicht viel, um in Moguer als verrückt zu gelten. Ich war verrückt, weil ich über die Mauer geblickt hatte. Der Vorgesetzte der Zöllner, ein Sergeant, war verrückt, weil er seiner Mannschaft um drei Uhr morgens auf dem Kirchplatz Gewehrgriffe beibrachte. Die Senorita Amparo T., die den Krämerladen an der Ecke der Calle Reina Esclaramunda umtreibt, ist verrückt, weil sie sich immer gleich freundlich hundertmal am Tag stören läßt, nur um für ein paar Kupfermünzen Spangen und Faden zu verkaufen, ohne ihr bezauberndes Lächeln aufzugeben. Aber die echten Narren und Närrinnen, ich kenne fünf oder sechs, die manchmal in Freiheit herumlaufen, werden sehr förmlich bei ihren Vornamen genannt, oder, wenn man gut mit ihnen bekannt ist, dann sagt man Señor, Señora oder selbst Don. Sie setzen sich Kochtöpfe oder Pfannen auf statt Hüte, ziehen sich die Röcke über den Kopf, essen Würmer, rennen atemlos durch die Welt, die Hände gegen eingebildete Objekte erhoben, ölen sich mit Speichel ein, als müßten sie durch ein Schlüsselloch kriechen, schlagen im Laufen mit Flügeln, schlagen mit den Köpfen gegen die Pflastersteine, im Glauben, sie stünden vor dem offenen Meer, und leben ganz allgemein weit über ihre irdischen Mittel hinaus. Wir stehen hier vor der Quelle dieses bis in den tiefsten Grund der Seele spanischen Buches, wo das Wirkliche und das Unwirkliche sich ergänzen, wo das, was man sagen will, nie gesagt wird, wo der Ausdruck nur eine trügerische Decke von Staub über den Abgründen ist.

Jean Giono, aus: Juan Ramón Jiménez: Platero und ich, Coron-Verlag

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Juan Ramón Jiménez: vida, obra y muerte de un Nobel de Literatura.

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