Jürg Halter: Wir fürchten das Ende der Musik

Halter-Wir fürchten das Ende der Musik

ERDWISSENSCHAFTEN

Sie versinkt in ihrem Sitz
wie ein Stein im Wasser;
geht unter wie eine
zu leise gestellte Frage.
Alles ist ein Sinken
zum Erdmittelpunkt und
zurück in Millionen
von Jahren und…
in allen Religionen gibt es
eigentlich nur einen Gott,
den der Schwerkraft.
Oder weshalb werfen sich
Gläubige auf den Boden
anstatt in die Luft zu springen.

 

 

Jürg Halter ist ein Dichter,

der so neugierig wie selbstbewusst in die Welt blickt. Und schräg. Was lässt sich in ihr erkennen? Was lässt sich über sie mitteilen? Wie verortet sich in ihr das eigene Ich? Das ganz Kleine, Individuelle bringt er zur Sprache, aber nie ohne nach den großen Zusammenhängen zu fragen. Weltzugewandte Selbsterkundungen. Halter schüttelt die Bilder, um sie wieder neu zusammenzusetzen. Manchmal schillert alles wie in einem Kaleidoskop; im Gewöhnlichen wird das Ungewöhnliche sichtbar.

Wallstein Verlag, Klappentext, 2013

 

Ich teile mich mit

– Der Rapper dichtet weiter: Jürg Halter aka Kutti MC stellt eine neue Textsammlung vor. –

Der Mann ist nicht nur als Musiker sehr aktiv: Seit 2005 sind von Jürg Halter drei Gedichtbände und zwei CDs erschienen; dazu noch ein dialogisches Gedichtebuch mit dem japanischen Poeten Shuntaro Tanikawa. Die neueste Sammlung heisst Wir fürchten das Ende der Musik.
Sie ist in sieben Abschnitte geteilt, die Gedichte aber kreisen kapitelübergreifend um vage erspürtes Unheil, um das Einfangen besonderer und banaler Momente, um den selbstgewissen Zustand der Kindheit. Nicht zuletzt geht es auch um gute Pointen, etwa wenn mitten im Gedicht „Hypnose“, einer Beschreibung moderner, geräteabhängiger Existenz, die Zeile „Ich teile mich mit, also teile ich mich mit“ steht.
Halters Kunst ist eine des Ausbalancierens. Die Vergeblichkeit allen Ergründens wird hier mit heiteren Brüchen, da aber durchaus auch mit Pathos einzufangen versucht. In diesen Gedichten erscheint der Mensch „noch immer“ im Holozän und gibt eine zwischen lächerlich und verheerend schwankende Figur ab. Dennoch wird nach der Schönheit des Augenblicks gesucht. Bieten kann dies etwa die Musik, bei deren Genuss man sich, wie Halter treffend dichtet, die Frage stellt: „Welches Jahr schreiben wir und wozu?“

Dominik Dusek, Züritipp, 26.2.2014

Jürg Halter – Wir fürchten das Ende der Musik. Gedichte

Wir fürchten das Ende der Musik heißt der neue Gedichtband von Jürg Halter, der auch Musiker ist, Wortmusiker dazu, natürlich fürchtet er das Ende der Musik und recht hat er, wenn er sagt „wir fürchten“, verlassen den Akku die Kräfte im Zug und es ist noch eine gute Strecke zu fahren – eine Schreckensvorstellung, und dabei ein recht einfaches Beispiel.
Halter gibt erst mal den Motivationstrainer, mit dem ersten Gedicht: „Ideal“.

Wir stoßen weiter vor.
Mehr ist nicht genug.
Alles ist das Ziel.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie einer da steht und alle eifrig mitbrüllen: Mehr ist nicht genug.
Und natürlich, Anständigkeitsreste gibt es überall, gedenkt man auch der anderen:

Niemand zieht sich zurück,
es gibt nur Zurückgedrängte.

Dann liefert er eine Erkenntnis, von der man selbst weiß, vielleicht nicht ganz vorne, da wo die Erkenntnisse laut ausgesprochen werden, eher als Anwesenheit, unbewusste Handlungsregel:

Wir rufen laut nach dem perfekten Tag,
vor dem wir uns im Stillen fürchten

Wie könnte man sich nicht vor dem Perfekten fürchten, das Stillstand bedeuten würde, das die Bühne von Motivationstrainern leeren würde, vielleicht auch von Musik, falls die nicht zum perfekten Tag gehört, aber die Konsequenz ist Ruhe, Gleichförmigkeit, niemand muss und kann  mehr weiter vorstoßen, die Furcht war begründet, wird aber schnell vergessen sein, dann, wenn das Ideal erreicht ist.
Halter nimmt Versatzstücke des Bekannten und montiert daraus seine Bilder und Erkenntnisse, er macht damit die Absurdität mancher gewohnter Vorstellungen deutlich, wenn man die entstandene Absurdität zurückführt zur Alltagsszenerie, man kann leicht erschrecken darüber, wie sonderbar wir uns in Realität eingerichtet haben.
Und wie schnell ein Moment des genauer Denkens Weltbilder umwerfen könnte, wie man es in diesem Gedicht sofort findet:

ERDWISSENSCHAFTEN

Sie versinkt in ihrem Sitz
wie ein Stein im Wasser;
geht unter wie
eine
zu leise gestellte Frage.
Alles ist ein Sinken
zum Erdmittelpunkt und
zurück in Millionen
von Jahren und …
in allen Religionen gibt es
eigentlich nur einen Gott,
den der Schwerkraft.
Oder weshalb werfen sich
Gläubige auf den Boden
anstatt in die Luft zu springen?

Das letzte Gedicht in Wir fürchten das Ende der Musik heißt „Du fehlst“ und es geht um das Fehlen, um Worte, um große Wirkungen und ich denke ich drehe es einmal um: dir fehlt – dir fehlt vielleicht dieses Buch, weil man gute Gedichte immer braucht!
und hier noch das Erste ganz (mit der kernigen und wahren Zeile „Verzicht bedeutet Pathos“):

IDEAL

Wir stoßen weiter vor.

Mehr ist nicht genug.

Alles ist das Ziel.

Wir stoßen weiter vor.

Niemand zieht sich zurück,

es gibt nur Zurückgedrängte.

Wir stoßen weiter vor.

Eine Welt ohne Grenzen

können wir uns nicht vorstellen.

Verzicht bedeutet Pathos.

Wir rufen laut nach dem perfekten Tag,

vor dem wir uns im Stillen fürchten;

er hätte sich für immer zu wiederholen.

Jeden Abend würden wir ihn vergessen,

so weckte er uns jeden Morgen

gleich neu – Ideal.

Siegfried Völlger, hugendubel.de, 6.3.2014

Gedichte wie kleine Energiebündel

– Texte, die sich öffnen wie eine Faust: Die neuen Gedichte von Jürg Halter alias Kutti MC. –

Wenn der Dichter Jürg Halter als Rapper Kutti MC auftritt, haben seine Auftritte etwas Beschwörendes. Man fühlt sich geradezu hypnotisiert und wünscht, sein berndeutscher Redefluss möge nie wieder aufhören. Mit seinen Gedichten, die mit nichts als einem Buch als Körper auskommen müssen und die ihre Stimme erst in unseren Köpfen finden, geht es wundersamerweise ganz ähnlich zu. Die kurzen Texte sind kleine, geballte Energiebündel, die sich beim Lesen langsam öffnen wie eine Faust.
Jürg Halters Gedichte wollen gelesen werden, von vielen und mit Genuss; das ist ihnen wichtiger als jeder Originalitätszwang. In einem Text, ironisch mit „Mein Beitrag zum Weltkulturerbe“ überschrieben, legt uns das lyrische Ich seinen Wunsch ganz offen dar:

Ich wünsche diesem Gedicht Millionen von Lesern
in allen möglichen Sprachen.
Ich wünsche, dass dieses Gedicht fortgeschrieben wird
bis in die fernste Zukunft;
mindestens so lange, wie es die Menschen gibt,
soll dieses Gedicht hier rezitiert werden.

Doch dahinter steckt mehr als ein augenzwinkernder Hinweis auf die Vermessenheit des lyrischen Sprechens, wie im ernsthaften Schluss deutlich wird:

Ich denke, dies nicht zu erhoffen
ist kaum weniger vermessen als ein Gedicht
überhaupt zu veröffentlichen.

Rhythmus und Sprachmelodie
Weil sie unbedingt gelesen werden wollen, tun Halters Gedichte so, als ob sie ihren Lesern nicht weh tun wollten. Dabei steckt in vielen von ihnen ein Schmerz. „Mindestens so lange, wie es Menschen gibt“ – hinter der fröhlichen Paradoxie verbirgt sich der alte Traum, dass die Kunst länger leben möge als alles, was auf der Erde kreucht und fleugt.
Dass diese Gedichte so unmittelbar „ansprechend“ wirken, hat mit dem Rhythmus zu tun, mit der Lust an Wiederholungen, mit dem manchmal fast lieblich Melodischen von Halters Sprache – und daran, dass man die Gedichte auf den ersten Blick versteht. Zumindest ihre Oberfläche. Manche erzählen eine kleine Geschichte, manche blasen philosophische Fragen mit grossem Pathos auf und lassen den Ballon mit einer Pointe wieder platzen. Zum Beispiel „Vor dem Völkerkundemuseum“:

Der Mensch erschien im Holozän
und erscheint noch immer.
Lass uns was trinken gehen,
rückgängig machen
lässt’s sich ohnehin nicht mehr.

Viele Gedichte schlagen kulturkritische Töne an, beklagen die Einsamkeit der Menschen vor den Bildschirmen oder ihre Verschmolzenheit mit den Geräten, durch die sie die Realität wahrnehmen. Nun sind diese Themen nicht neu, doch jongliert Halter mit überraschenden Bildern, lässt Aasgeier kreisen, wo wir sie nicht erwartet hätten und findet immer wieder einen Dreh, um das Alltägliche ins Existenzielle explodieren und ins Abseitige abbiegen zu lassen.
Halter spürt auch der Stille nach, dem Paradox des Schweigens mitten im Redefluss. In „Erfüllung“ entsteht durch seine Art, Bilder übereinander zu legen, ein saugender Krater, ein schwarzes Loch aus Sprache:

Seit wir einander verstehen
bleibt nichts mehr zu sagen.

Unsere im Zeitraffer
explodierenden Herzen.

Sein Flair fürs Aphoristische erweist sich als Versuch, die Sprache aus sich selbst heraus zu Aussagen zu verlocken:

Erst wenn alle Stecker gezogen worden sind, wird der Strom wieder in uns fliessen

Christine Lötscher, Tages Anzeiger, 8.3.2014

Reimer und Rapper

–Der Dichter Jürg Halter war fleissig, sein rappendes Alter Ego Kutti MC auch. Es gibt viel zu hören von unserem schweizer Lieblings-Performer. –

Wir machen uns alle so unsere Gedanken, etwa beim letzten Drink in einer Bar um drei Uhr früh, im Konzert,  beim Aufschrecken aus einem Alptraum, wenn wir verliebt sind. Meist nichts dabei, was festzuhalten sich lohnte. Ganz anders bei Jürg Halter, dem Berner Dichter.  Er packt den Gedanken am Wickel, dreht und wendet ihn, betrachtet ihn von allen Seiten, entkleidet und umhüllt ihn neu mit Poesie, entschlackt, schleift und feilt ihn, bis er glänzt. Solch funkelnde Miniaturen sind jetzt unter dem Titel Wir fürchten das Ende der Musik versammelt, vom Verlag Wallstein zwischen Buchdeckeln unter die Leute gebracht, die sich gern Gedanken machen. Etwa darüber, „ob das Leben auch so oft über uns nachdenkt, wie wir über das Leben? – Geschenkt.“

PS. Das Ende der Musik müssen wir nicht fürchten, am 21. März gibts neue von Kutti MC. So nennt sich Jürg Halter, wenn er nicht im stillen Kämmerchen sitzt und schreibt, sondern ins Studio und dann unter die Leute geht und rappt.

Anita Lehmeier, SI Style, 11.3.2014

Noch kein Ende der Musik

In Jürg Halters Gedichtband Wir fürchten das Ende der Musik finden sich im ersten Gedicht diese drei Verse:

Wir rufen laut nach dem perfekten Tag,
vor dem wir uns im Stillen fürchten;
er hätte sich für immer zu wiederholen.

Das Semikolon steht hier an der richtigen Stelle. Dahinter lauert der ungemütliche Verdacht, dass das Schöne auch das Einmalige ist, dass Dauer alles Erträgliche blamieren und ins Gegenteil verkehren kann. Es geht oft leicht und heiter zu in diesen Gedichten, solange man die kleinen Widerborstigkeiten und ironischen Schlenker übersieht, die der Autor gern mit grosser Beiläufigkeit einbaut. Denn bei aller sinnlichen Gegenständlichkeit ist immer spürbar, dass die Unbeschwertheit gerne auch etwas Trotziges hat. „Vor dem Völkerkundemuseum“ ist ein kurzes Gedicht überschrieben, das in die Nähe des Aphoristischen drängt, eine winzige Causerie, die durchaus abgründig ist, wenn man den Holozän in die Gegenwart verlängert:

Der Mensch erschien im Holozän
und erscheint noch immer.
Lass uns was trinken gehen,
rückgängig machen
lässt’s sich ohnehin nicht mehr.

Feier des Augenblicks

Die Feier des Augenblicks kommt bei Halter ohne grosse Worte aus, und wenn grosse Fragen anstehen, kann er auch nahe ans Verstummen heranrücken. Ein Gedicht hat nur zwei Wörter, ist damit kürzer als der Titel – und ruft in seiner provozierenden Kargheit zugleich eine Fülle von Bildern und Gedanken ab, eigentlich alles, was einem einfallen kann zu universalen Themen wie „Werden“ und „Vergehen“. Ein anderes Gedicht imaginiert wortreich den nicht enden wollenden Moment, da ein Ich nach Feierabend in einer Bar verweilt, eingeschlossen, allein mit der Erinnerung an alle Menschen, die es in Gedanken herbeirufen kann, allein mit sich und vielen Namen. Auch da wird eine Grenzerfahrung beschrieben, eine, die frei ist von Absichten, die ausserhalb des Gedichtes liegen – hier ist das Ende der Musik nie zu befürchten.

Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung, 23.7.2014

„Frage mich,

ob das Leben auch so oft über uns nachdenkt, / wie wir über das Leben? – Geschenkt.“ So lauten die letzten zwei Zeilen des Gedichtes „Morgenritual“. Und sie teilen uns gleichsam mit, worum es in diesenGedichten geht. Die meist kurzen Texte sind „kleine, geballte Energiebündel, die sich beim Lesen langsam öffnen wie eine Faust“, so Christine Lötscher im Tages-Anzeiger. Jürg Halter, geb. 1980 in Bern, ist Dichter und Spoken-Word-Poet. Seine Sprache ist rhythmisch und verständlich. Mit seinen Gedichten erkundet er sich und uns und die Welt, bringt Alltägliches zur Sprache und fragt nach dem großen Zusammenhang. „Manchmal schillert alles wie in einem Kaleidoskop; im Gewöhnlichen wird das Ungewöhnliche sichtbar“, wie es im Klappentext treffend heißt. Das Lesen dieser Gedichte ist auf ruhige Weise spannend, regt zum Hinschauen und Weiterdenken an und macht – trotzdem, deshalb – einen melancholischen, wissenden Spaß.

Ursula Haeusgen, Lyrik-Empfehlung 2015

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Maren Jäger: Ein Ende der (Sprach-)Musik steht nicht zu befürchten
literaturkritik.de, September 2014

Matthias Mader: Aus-Lese #37
matthias mader.de, 9.10.2014

 

Ihm sei das Einzelgängertum widerfahren,

sagt der Schriftsteller Jürg Halter

– Die Gegenwart hält er für verlogen und seine Schriftstellerkollegen für zahm. Gerade von ihnen fühlt sich Jürg Halter im Stich gelassen. Immerhin bewahrt ihm dies die Unabhängigkeit im Denken. –

Er ist hochempfindlich. Gegen Ungerechtigkeit. Und so lässt Jürg Halter nicht von provokanten politischen Äusserungen zum Unbehagen an der Welt ab, wie ein Hund, der sich festbeisst. Wir sitzen in Jack’s Brasserie. Für die Cuba Bar, in der man Halter auch antrifft, ist es noch zu früh.

Die meisten können die Blasen, in denen sie sich bewegen, nicht benennen. Denn das würde ja voraussetzen, dass man sich die eigenen blinden Flecken eingesteht, aber zu dieser unangenehmen Form von Selbstreflexion sind viele nicht bereit.

In den sozialen Netzwerken ärgern sich manche über den 37-jährigen Berner, der bis 2015 auch als  Mundart-Rapper Kutti MC  bekannt war. Arrogant und eitel sei er, hochtrabend sein Geschwätz.
Dem Schriftsteller aber, der 25-jährig mit seinem Gedichtband Ich habe die Welt berührt (2005) als Junggenie ganz oben einstieg, fehlt die echte Streit- und Debattenkultur, überhaupt das aufrichtige Gespräch.

Ich führe im Netz kaum mehr Diskussionen. Ein der Sache dienlicher Austausch ist nicht erwünscht, weil viele Angst haben, in der eigenen Blase in Ungnade zu fallen, wenn sie ihrem vermeintlichen Gegner auch einmal etwas zugestehen. Solche Menschen sind Opfer ihrer eigenen Ideologisierung geworden.

Seine Stimme, leise, zurückgenommen, lässt mich fast überhören, welche Kritik er äussert. Vielleicht ist es die stille Überlegenheit, die ihn stärkt. Er denkt und liest viel und setzt sich mit Menschen zum Gespräch an einen Tisch.

Jemand, der ,Flüchtende‘ sagt und von ,MigrantInnen‘ spricht, gleichzeitig aber seine Kinder auf eine Privatschule schickt, wo er niemals mit Migrationsproblemen konfrontiert wird, und dann anderen ihre politisch nicht korrekte Sprechweise vorhält – das ist die Doppelmoral, auf die ich allergisch bin. Die gibt es links, in anderer Form rechts und auch in der verlorenen Mitte.

Die Digitalisierung befeuere die Zersplitterung unserer Gesellschaft, stellt Halter fest und holt weiter aus:

Empathie ist der toteste Begriff und von jeder Seite pervertiert. Der Begriff ist so unverbindlich, so abstrakt. Es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass ein Begriff wie Solidarität aus dem Diskurs verschwindet, ein Begriff, den alle verstehen, der bildhaft ist, der nach konkreten Handlungen ruft.

Er fühlt sich von den intellektuellen Schriftstellern seiner Generation im Stich gelassen. Lange denkt er nach, sucht nach Namen und kann dann doch keine nennen. Darin hat er sich eingerichtet, im Gefühl, alleine zu sein und für sich zu bleiben. Er wirkt gelassen, vielleicht ist ihm diese Rolle auch ganz angenehm, vertraut ist sie ihm bestimmt.

Ein Einzelgänger zu sein, ist nicht etwas, was man sucht, das widerfährt einem. Ich mag Menschen. Ich könnte nie irgendwo abgelegen leben.

Als Einzelgänger bewahre er sich aber die Unabhängigkeit im Denken.
Der Mondkreisläufer in Halters jüngst erschienenem, gleichnamigem Prosatext ist existenziell verloren, ortlos, zeitlos. Ob er in einem Raumschiff den Mond umkreist oder in der psychiatrischen Klinik den Verstand verliert, wir wissen es nicht. Der Text ist fliessend, lunatisch, „ein weisses Rauschen“.

Seit dich deine Mutter als Muschel aus dem Sand aufgehoben hat, rauschst du vor dich hin, und du wirst angerauscht, mehr ist da nicht (…) was zwischen dir und der Welt ausgetauscht wird.

Die Stimme spricht wie ein Guru zum Mondkreisläufer:

Komm schon! Das wird schon wieder. Es ist zu schaffen.

Sie stellt Fragen:

Übst du noch inneren Widerstand? Aber wogegen? Gegen deine Bestimmung?

Sie spricht in Imperativen und fordert zur Selbstoptimierung auf: „Du bist eine trotzige Muschel, und das ist wunderschön!“ „Öffne dich erst, wenn es dir recht ist!“

Ich frage mich: Entlarvt der Text unsere Geschwätzigkeit, oder ist er selber geschwätzig? Wie ernst er sich nimmt, bleibt unklar, wenn wir lesen:

Indem ich nie konkret werde, was mich und meine Geschichte mit dem Mond angeht, und obwohl ich nichts als schöne Floskeln von mir gebe, werde ich als hochinteressant, als anders, als befreiend verstanden – eine unbestimmte Offenbarung.

Sosehr der Mondkreisläufer sich selber überlassen ist, so sehr kann sich auch der Leser des Textes verloren fühlen.

Jürg Halter ist weder thematisch noch erzählerisch fassbar, aber er weiss, wenn seine Texte die eigene kritische Lektüre überstehen, wird es Lesende geben, die sich darauf einlassen, auch wenn die Bereitschaft dafür stark abgenommen habe.

Dass er für sich alleine schreibe, ist das Verlogenste, was ein Schriftsteller sagen kann.

Aber er stehe auf verlorenem Posten in der Gegenwartsliteratur, weil er weder seine eigene Geschichte zum Thema mache noch vermeintlich relevante Themen verhandle. Er schreibe jetzt an seinem ersten Roman, der im Herbst 2018 erscheint. Darin sei das Setting ganz klar.

Ich will herausfinden, was mit einem Menschen passiert, der sich der digitalen Reizüberflutung im Rahmen eines Experiments bewusst aussetzt, und ob er aus diesem Rauschzustand heil wieder rauskommt.

Mit Jürg Halter will man sich nicht streiten. Nachdem er über die Unzulänglichkeiten der anderen gesprochen hat, frage ich: Und wie steht es um Sie, Herr Halter?

Jetzt muss ich gut überlegen, wie ich mich ausdrücke, um nicht Selbstsabotage zu betreiben.

Er beginnt Sätze, bricht sie ab, schaut durch seine dicken Brillengläser, seine blauen Augen ganz gross. „Ich will es mir selber auch etwas unangenehm machen. Mein Poster-Boy-Image bewusst zerbröckeln lassen“, lacht er und beginnt neue Sätze, bricht sie wieder ab.
Dann, er sinkt in sich hinein, die Stimme senkt sich:

Ich habe kein klar umrissenes Image, das ist ein Fehler. In der superneoliberalen Welt muss man als Künstler ein klares Profil haben, damit man fassbar ist. Du wirst genötigt, dich als Marke zu verkaufen, von der die Leute genau wissen, was sie erwartet. Aber wenn ich nur noch eine Rolle bediente, entwickelte ich mich nicht mehr weiter und würde zum Gefangenen meiner selbst.

Jürg Halter schaut vom weissen Tischtuch auf und ich nach zwei Stunden auf die Uhr. Er entschuldigt sich und lacht schelmisch:

Sie haben Fragen gestellt. Wenn man als Einzelgänger schon mal die Gelegenheit hat, mit einem Menschen zu reden, hat man Nachholbedarf.

Es war ihm recht, sich zu öffnen.

Nora Zukker, Neue Zürcher Zeitung, 3.1.2018

Jürg Halter im Gespräch mit Andreas Tobler: „Man könnte die Kunst offiziell für beendet erklären…“

Fakten und Vermutungen zum Autor
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Jürg Halter und Salam Yousry beim Poetry Jam in Cairo, 2009.

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