Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hrsg.): Umkreisungen

Brôcan & Kuhlbrodt-Umkreisungen

NYKUR AUS JAHRBUCH DER LYRIK 08 UND QUELLENKUNDE

Dich wieder zeigen, weithin rauschend: wie
Die Heide und den Krach als wären Worte
Fensterlicht von gegenüber und wie
Vielleicht – wie eine Polyphonie
Aufquoll und hämmert unterm Mantelvließe

Und es verstummte: wie
Wenn die Tür geschlossen wird – sind auch die Hunde
Gegürtet? – Dreifach – und davor die zahmen Hunde
Die vorbeimarschierten wie
An der Hand geführt
Dass ich sie abwärts schnellte mit dem Stabe

Kein wie
In den Schädel hämmern… Wie
Dich wieder zeigen? Weithin rauschend – wie
Sammeln sich Tierchen, kleine Gelenke rasten ein, Struppige
Lungern, Hungrige
Farne darüber, dann andere Stimmen, die Luft sorgt für leichte
Bewandtnis, Phlox vom Landen, Fleckenkönig, Vitis alba die

Still… und blendend lag der weiße Schnee
Aus Lehm ins Freie sägt der Chicoree

 

 

Im Steinbruch

Lese ich Gedichte, kommt es vor, dass ich neben dem Text, der auf dem Blatt steht, andere, ebenso plausible Möglichkeiten entdecke, wie der Text hätte aussehen können, aber nicht aussieht. Jeder Schreibende, der noch ungedruckte Texte vorzeigt, erhält erbetene oder unerbetene Vorschläge, wie der Text zu ändern sei. Lesen ist wie Schreiben ein kreativer Prozess. Schreiben lässt sich als das Auffinden eines verborgenen, inneren Textes auffassen.
Leser scheinen es dabei oft als unbefriedigend zu empfinden, wenn die implizit im Text angelegten ästhetischen Normative ihnen nicht vollständig in deren konkreter Gestalt gerechtfertigt sind.
Es wird dann oft die „innere Notwendigkeit“ eines Textes vermisst. So will ich nicht sprechen. Denn argumentiert man, dass ein Text einer solchen Forderung gerecht wird, müssen innere ästhetische Messlatten als solche gemeinsam bekannt und akzeptiert sein. Texte, die unbekanntere Verfahren verwenden, werden gegenüber hergebrachten Schreibweisen ins Hintertreffen geraten. Selbst ein Dichter wie Priessnitz, dessen Hauptwerk weit im vorigen Jahrhundert liegt, würde sich nur schwer fassen lassen. Ähnlich verhalten sich die Forderung nach Natürlichkeit und ihre Verwandten.
Dem Streit um das Experiment scheint ein inverses Problem zu Grunde zu liegen. Hier gilt mitunter das Unverständnis des Lesers schon als Beleg dafür, dass neue ästhetische Verfahren zum Einsatz kamen.
Der Glaube, dass ein Gedicht der kreativen Beschäftigung lohnt, löst sich in bei den Fällen nicht über Textelemente ein, sondern dem Autor müssen (überlegene) Einsichten und Fähigkeiten unterstellt werden. Man sähe den „Zufall“, dass der Autor den Text eben gerade so und nicht anders gemacht hat, nur nicht unmittelbar ein.
Lyrische Texte scheinen damit oft etwas von oben herab zu sprechen. So möchte ich meinen Leser nicht anreden, unbeschadet der Tatsache, dass ich mich nicht rechtfertigen muss, wo ein Leser nicht verständig genug ist, zu sehen, warum ich etwas genau so gemacht habe.
Auch anderen ist dies autoritäre Moment befremdlich. Deshalb wird gern von Geschmack geredet und Geschmack sei eben eine Sache, die man habe oder nicht habe, ohne dass in den Blick gerät, dass Geschmacksurteile gesellschaftlich geprägt sind.
Brecht galt erst als geschmacklos, wurde zur ästhetischen Norm und wird heute häufig abgeschmackt genannt. Das Beispiel mag zu wohlfeil sein. Ähnliches ließe sich an Celan oder Kling und denen, die solche Arbeitsweisen fruchtbar machen wollen, beobachten. Zwei Hauptvorwürfe gibt es: Wenn es so sehr nach Celan (Kling) klingt, sei es epigonal, es klänge im Übrigen bei Celan (Kling) doch anders und besser. Man wirft kurz gesagt gleichzeitig beides vor, dass es wie Celan (Kling) sei und dass es dies nicht sei. Man gibt dem Dichter von vornherein keine Chance, sich an Celan (Kling) abarbeitend über ihn hinaus zu bewegen. Es geht also um etwas anderes: Ein junger Dichter, der sich heute solche ästhetische (oder im Fall Celan auch moralische) Hochgespanntheit zutraut, habe die Zeit verfehlt und sei ein Trottel. (Warum war es gestern anders?)
Man kann fortfahren: Warum beruft sich Dichtung der „jüngeren Generation“ so oft auf Gefühl und Authentizität? Weil es ihr zugestanden wird. Heiß und hungrig sei die Jugend. Jede neue Generation wird auch beobachtet, ja überwacht, welche neuen Trends sie erspürt.
Kann man nicht in der jüngeren Dichtung die verschiedensten Umgehungsstrategien für das Pathosverbot einer Generation bemerken, die in einem sich als weitgehend wohlgeordnet verstehenden Gemeinwesen per se als schicksallos zu gelten scheint? Sei es ein Pathos, das sich nur ironisiert oder durch Stimmwechsel gebrochen vorwagt. Sei es, dass sich andere ganz auf ein Alltagsvokabular konzentrieren, das neben der konkreten Bedeutung auf riesige abstrakte Sinnwelten verweist (Auge, Fenster, Tier, Straße etc.), um Bedeutungsvolles zu sagen, ohne darauf festgenagelt zu werden. Je näher man der Gegenwart kommt, desto streitbarer die Beispiele. Ich breche deshalb hier ab. Solche Geschmacksökonomie sei meinen Texten fern!

Wer mit fremder Stimme redet, wer seine Texte zu hundert Prozent aus Fremdtext zusammensetzt, gewinnt eine neue Unschuld. Alternativer Text neben dem Text wird sich nicht ohne weiteres einstellen. (Allenfalls bleiben Kürzungen oder Umstellungen denkbar. Viel Spaß!) Wo er sich am Fremdmaterial abreibt, blendet ein Anspruch an Homogenität und Gefälligkeit nicht mehr Welt aus und kann wieder zum Fluchtpunkt der spracharbeitenden Auseinandersetzung, zur Utopie werden. Ohne des Subjektiven gänzlich zu entraten, wird die eigene Sprache in diesem Bekenntnis zum radikal Künstlichen objektiviert, nachvollziehbar, ja nachschlagbar. Subjektive Momente liegen hier etwa in der Entscheidung stärker mit kleinen Wörtern (Konjunktionen usw.) zu arbeiten als der Durchschnitt der Vorlagen. Außerdem liegt etwas, dass man in erster Näherung semantischen Überraschungswert nennen könnte, höher als bei den meisten Texten aus Jahrbuch und Quellenkunde. (Man decke den Text ab und versuche nach und nach aus der Bedeutung des Vortextes das nächste Wort zu erraten. Je mehr Fragen man braucht desto höher dieser Wert.) Wann ein solcher Überraschungswert in die Beliebigkeit eines anything goes abkippt, wo also ihre Informationsdichte damit nicht mehr steigt, sondern abrupt abfällt, dafür lassen sich sicher subjektiv sehr verschiedene Antworten geben. (Gegengesteuert wird in „Nykur“ durch stärkere Bindekräfte rhetorisch-gestischer Art. Man lese laut!) Dieser hohe Überraschungswert dient nicht zuletzt dazu, in der Form möglicherweise angelegten Inhalten zu entgehen. Freilich wird die Gefahr, dass historische Formen schon an sich bestimmte zeittypische Inhalte transportieren meist überschätzt. Wenn man Simon Dachs Versen vornehmlich solche entnimmt, die nicht barocke Topoi und seine sprachlichen Klischees enthalten, gewinnt man Gedichte, die eher dem Freigeist Lohenstein ähneln. Konsequenter gegen den Strich arbeitend, erreicht man Texte, die etwa solchen aus Peter Geißlers „18 Liedern“ und damit zeitgenössischen Gedichten gleichen. Solche Überraschungswerte sind also wesentliches Element eines Personalstils.
Will man diese neue Unschuld erreichen sind freilich Vorkehrungen zu treffen: Grenzfall des Fremdtextes ist ja schon das Nachschlagen im Duden. Ebenso ein Grenzfall wäre Herta Müllers Verfahren (die Zeitung als permutiertes Wörterbuch). Dass meine Spielregel hier darin besteht, aus einer festgelegten (endlichen) Vorlage ganze Zeilen zu exportieren, ist zunächst rein technische Vorkehrung und nicht mehr als Zufall. (Interpunktion sowie die Schreibung sind frei wie schon im klassischen Cento.) Auf der anderen Seite kommt meinen Schreibgewohnheiten die relative Strenge der Spielregel entgegen. Wenn ich gegen die Widerstände eines Verfahrens anschreibe, rückt mir deutlicher ins Bewusstsein, was ich im konkreten Fall zu sagen habe.
Die ästhetische Ansetzung ist ergebnisoffen und kann scheitern. (Die knappe Mehrzahl der Versuche bleibt in der Schublade.)
Bei dieser Arbeit war die Vielstimmigkeit der Vorlage das Hauptproblem. Deshalb habe ich den Quellcorpus größer gewählt. Ich sortiere die Zeilen zunächst nach dem Zeilenende, um den Suggestionen der Quellzeilen in ihrem Kontext nicht zu erliegen. Welche Zeile von wem stammt, weiß ich so erst hinterher. Wenn eine Zeile meinem dichterischen Umgang liegt, heißt das noch nicht, dass mir der dichterische Ton der Quelle zusagt, wie auch umgekehrt. (Mit Heinezeilen könnte ich nichts anfangen, wiewohl ich den Dichter ansonsten schätze.) Hier werden verwendet: Rilke, Wolf, Nendza, Kuhligk, Hülshoff, Hartung, Schmitzer, Rilke, Bleutge, Brischke, Bleutge, Tellkamp, Keller, Wagner.
Der Titel benennt lediglich Quelle und Thema. Das Thema ergibt sich während des Schreibens und wird am Schluss eingefügt. Es soll nichts als ein erster Lesepfad sein. (Nykur: ein Fabelwesen, eine Art, Metaphern zu verwenden, eine isländische Dichtergruppe.) Um Themen geht es mir nur mittelbar.

Bertram Reinecke

 

 

 

Einige Vorsätze

Orte und Ideen: Sie gehören zueinander wie ein Paar, und unter besonders günstigen Bedingungen befruchtet der Ort den Gedanken (denn nicht alle Ideen können jederzeit und überall entstehen). Die Idee zu dieser Anthologie mit poetologischen Statements (oder weniger pathosgeladen: mit Überlegungen und Beobachtungen zur Poesie) wurde jedenfalls nicht auf einer Tagung in einer der Weltstädte ins Leben gerufen, nicht als Nachhall einer scharfzüngigen Diskussion, nicht im Rampenlicht medialer Aufmerksamkeit, sondern an einem Holztisch, gedeckt mit weißem Tuch und altmodischem Kaffeeservice, in einer Fensternische mit Blick auf die Fachwerkhäuser auf der anderen Straßenseite, im Hintergrund das Geplauder der Bedienungen, und aus dem Raucherzimmer im Erdgeschoß waberte Zigarettenqualm herauf.
Das Café war uns empfohlen worden. Jan Kuhlbrodt und ich nahmen teil an einem Stipendiatentreffen in Wolfenbüttel. Es ging um den Essay, aber wir schweiften immer wieder in die Lyrik ab. Vielleicht sind die Gattungen gar nicht so weit auseinander, wie man gemeinhin glaubt. „Prosa: Die meine wird immer ,Essays‘ sein, und meine Verse: Beobachtungen“, schrieb Marianne Moore. Sie hätte ebenso gut und zutreffend schreiben können: Meine Gedichte sind Essays.
Die Dichtung befindet sich wieder im Aufwind. Sie hat ihr Eckchen in vielen Feuilletons. Trotzdem, es schreiben viel mehr ausgezeichnete Lyriker und Lyrikerinnen in Deutschland, als Namen in jenen Feuilletons auftauchen. Oder die großen Verlage zu drucken wagen.
Avantgardistisch oder reaktionär – diese Begriffe sind überholt und unangebracht. Wo befindet sich also die Dichtung heute? Es fehlen Standortbestimmungen. Paradoxerweise scheint es zuweilen, das Gedicht drohe im theoretischen Lyrikdiskurs zu verschwinden. Als sei es nichts als Konsequenz und Absonderung dieses Diskurses, ein schmächtiger Erfüllungsgehilfe, dem es an eigenem Leben fehlt. Gegen einen solchen Akademismus wollen die Herausgeber dieser Anthologie das Gedicht belebt sehen durch alles, was uns umgibt. Ein Gedicht, das aufgeladen ist mit Beobachterschaft.
Ein Blick hinüber zu den amerikanischen Dichtern und ihren zahlreichen Aufsätzen und Büchern zur Poesie zeigt, daß sich sehr wohl auf breitem Raum und mit intellektuellem Anspruch über Lyrik reden läßt – und zwar erklärend, und zwar über Gedichte, die weder den Bezug zum Publikum noch zur Welt verloren haben.
Das Gedicht ist vor Ort. Es vermißt die Welt und zeigt, wie maßlos und wie unermeßlich sie ist. Das Gedicht ist überall, im Irrenhaus, am Krankenbett, auf dem Klo, im Wartezimmer des Arztes, im Central Park, unter Strommasten, auf dem Pferderücken, in den unterschiedlichsten Landschaften.
In welcher Form und mit welchem Sprachgestus auch immer: diese Gedichte affirmieren.
Die Fragen, die sich an das Gedicht stellen lassen, sind endlos. Einige können beantwortet werden, andere sind unbeantwortbar. Das Gedicht, selbst wenn bis in die letzte Silbe verfugt, bleibt ein offenes Gebilde. Aufschlußreicher ist es daher, auf das Gedicht zuzugehen. Es zu umkreisen. Von verschiedenen Positionen aus zu beobachten.
Die vorliegende Anthologie ist eine Sammlung solcher Wegwarten.
Vielleicht – nein: sehr wahrscheinlich – ist die Welt seit Jahren komplizierter geworden, hat sich mit dem Zuwachs an vernetztem Wissen auch unsere Wahrnehmung verändert. Darauf kann und soll das Gedicht reagieren, mit scharfen Schnitten und Montagen. Doch letzten Endes greift es auf den alchemistischen Grundbaukasten zurück – damit Wunderbares entsteht.
Wir haben um Äußerungen zum Gedicht und zum eigenen Schreiben gebeten. Die Beiträge fächern sich in ihrer Buntheit wie Kaleidoskope auf, sie reichen vom autobiographischen Bericht über das Werkstattprotokoll bis zum lyrischen Fragment und zur polemischen Abgrenzung.
Natürlich, am Ende ist das Gedicht wichtig, nicht das Schreiben über Gedichte. Aber ein Statement klärt das Gedicht ein paar Schritte weit, nicht selten auch für den Autor selbst. Man entlockt dem Gedicht neue, andere, bislang ungesehene/unbeachtete Aspekte und beweist seine Vielfalt – (entlocken, das heißt auch: entriegeln, mit einem drolligen Schlenker übers Englische).

Jürgen Brôcan, im Herbst 2009, Vorwort

Vom Diskurs zur Freiheit

Was ist ein Diskurs? Wo geht er über ein Gespräch hinaus, über eine Diskussion, und was wird darin formuliert? Beinhaltet er die Suche nach dem Normativen, dient er der Verständigung, dem Selbstverständnis, oder kommt in ihm nur das Diskursive zum Vorschein, das Sagbare eben, dessen Bezug zum Konstitutiven eine eigene Theorie wäre?
Kann der Diskurs beendet werden oder läuft er aus? Und was ist ein Lyrikdiskurs? Ist er gereimt? Endet er in einem Gedicht oder ist er am Ende selbst Gedicht? Worüber sprechen wir, wenn wir über Gedichte sprechen, und mit wem? Fragen über Fragen.
Für Foucault, dem wir es wohl zu verdanken haben, dass im deutschen Sprachraum nunmehr jede Debatte, jedes Gespräch sich in einen Diskurs verwandelt, ist er ein Machtspiel, ein Feld, das Identitäten sowohl produziert als auch reguliert, kein Herrschaftsinstrument, sondern Herrschaft selbst, aber auch Widerstand, also alles andere als ein herrschaftsfreier Raum zur Verständigung.
Unsere Anthologie will in diesem Sinne kein Diskursbeitrag sein, es geht ihr nicht darum, Positionen gegeneinander auszuspielen; noch nicht einmal darum, ihre Wertigkeit zu überprüfen oder das diskursive Feld zu verschieben.
Jürgen Brôcan und ich hatten uns bei unseren Wolfenbütteler Begegnungen in einen postrevolutionären Raum der Freiheit geträumt, sozusagen in einen Welt gewordenen Essay. Freie Reflexion, Sprunghaftigkeit unsere Gedanken tollten auf den Wiesen herum, ein Spiel, das die Wiese als Spielfeld aber auch ernst nahm. Was gäbe es Schöneres, als diesen Raum auch anderen zu öffnen. Der Gedanke an diese Anthologie war geboren.
Es ging uns darum, das einzelne Gedicht als einzelnes ernst zu nehmen und es in seiner Individualität zu belassen, denn jede Poetik hält sich nur so lange, bis sie durch ein gelungenes Gedicht widerlegt wird, das ihr widerspricht.
Und zu jener Individualität gehört auch das, was zum Gedicht geführt hat, also die Bedingungen seiner Entstehung, die Lebensumstände des Autors, auch der Diskurs, dem er entspringt, und vieles andere mehr, das in den Beiträgen der Autoren dieser Anthologie zum Ausdruck kommt und vielleicht ein tieferes Verständnis des Objektes ermöglicht oder, um es vorsichtiger zu formulieren, einen Zugang schaffen kann zu diesem Gebilde, das ein Gedicht ist, und damit einen Zugang zur Lyrik überhaupt. Insofern wäre unser Projekt eher mit Meditationen zu umschreiben.
Zugang durch Umkreisung. Das kann vielerlei bedeuten. Zum Einen, die Umkreisung eines fernen Beobachtungsziels zur Datensammlung und zum besseren Verständnis, so wie die ISS die Erde umkreist. Oder die Umkreisung seiner selbst, ein Sufi in der Ekstase, wiederum zum besseren Verständnis und in der Hoffnung auf Offenbarung. Rationalität und Mystik.
In unseren Umkreisungen sind Autorinnen und Autoren verschiedenen Temperaments versammelt, die das Feld der Lyrik weniger abstecken, als dass sie es als Landschaft mit weitem Horizont betrachten.
Wir wollen damit den Zirkel der Lyrikkenner vorsichtig öffnen und uns breitere Leserkreise (zugegeben auch Käuferkreise) erschließen. Denn machen wir uns nichts vor, auch Lyrik spielt sich unter den Bedingungen des kapitalistischen Marktes ab, und jener Markt lässt nur verkäufliche Produkte zu, und auch Lyriker sind seinen Gesetzen unterworfen, weit entfernt von dem Zustand, durch ihre Produkte leben zu können. Relevanz bedeutet unter den Bedingungen des Marktes Umsatz. Wir werden daran nichts ändern und werden sozusagen Nebenerwerbslyriker bleiben. Man kann also unter diesem Gesichtspunkt hinsichtlich unserer Produkte von Relevanz kaum sprechen.
Es gibt aber jenseits des Ökonomischen noch ein anderes Kalkül. Jenes der Freiheit nämlich. Und nur so ist es zu begreifen, dass sich immer wieder Verlegerinnen und Verleger finden, die weitab jeder ökonomischen Vernunft Gedichtbände produzieren und damit Geld gleichsam verbrennen.
Ihnen und ihrem Willen zur Freiheit sei an dieser Stelle gedankt. Vielleicht können wir mit unserer Anthologie dafür sorgen, dass der eine oder andere Leser einen Gedichtband zur Hand nimmt und unsere Begeisterung teilt.

Jan Kuhlbrodt, Nachwort

 

Inhalt

Jürgen Brôcan: Einige Vorsätze

1 DIE INNENSEITE DES PAPIERS

Andreas Altmann: Ein Gedicht und seine Geschichte
Lars Reyer: Selbstdiagnose
Norbert Hummelt: Jenseits des Gedichts
Ludwig Steinherr: Belladonna
Martina Hefter: Da Apfl
André Schinkel: L’autre monde oder: Von der Unmöglichkeit
Hugo Dittberner: Einige Zusammenhänge

2 RESTE IN DER HOSENTASCHE

Klaus Anders: So hoff ich
Manfred Peter Hein: Drei Gedichte – Zyklisches Schreiben
Stefan Heuer: die fremden gäste und die freunde
Bertram Reinecke: Im Steinbruch
Mathias Traxler: Bin wieder hier vorbeigekommen und habe diesen Text gesagt
Walle Sayer: dannmals, baldhin, dadorthier

3 HANDWERK UND RÄTSEL

Tom Pohlmann: Mikroklima, Mikroflora, Mikrofauna. Über den Makrokosmos der Freilichtbibliotheken
Jürgen Nendza: Luftwurzeln
Norbert Lange: Das Pferd betreffend (Stücke)
Marion Poschmann: Energie der Störung
Dieter M. Gräf: Hochhäuser bestimmen
Henning Heske: Fragmente einer naturwissenschaftlichen Poetologie

4 WIRKLICHKEITSMORGEN

Matthias Buth: Nomaden
Stefan Monhardt: wärme
Jan Kuhlbrodt: Ins Leere
Jürgen Brôcan: Die Geometrie des Gedichts
Christine Langer: Kraniche am Himmel – oder wie ein Gedicht entsteht
Ulrich Koch: die stille fällt ins wort

NACHWORT: Jan Kuhlbrodt: Vom Diskurs zur Freiheit

AUTOREN UND QUELLEN

GEDICHTREGISTER

 

Das Buch erscheint parallel im Internet auf den Seiten des poetenladens.

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber Jan Kuhlbrodt
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber Jürgen Brôcan

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Jürgen Brôcan

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