Jürgen Engler: Zu Franz Hodjaks Gedicht „Türkischer Friedhof“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Franz Hodjaks Gedicht „Türkischer Friedhof“ aus dem Band Franz Hodjak: Flieder im Ohr. –

 

 

 

 

FRANZ HODJAK

Türkischer Friedhof
(Mangalia)

der eindruck, das meer klopft an verschlossene tore,
mittagsglut,
zwischen den gräbern lauern ratlose katzen.
wind pfeift um zerbrochene bierflaschen,
das zerbröckeln der statuen
dauert an.
der verwalter verkauft melonen und gekochten mais –
so beweist er sich selbst,
daß die welt
mit ihm noch rechnen kann.
der ewige frieden strömt chemikalienduft aus.
die gedämpften stimmen werfen lange schatten
und alles, was sonst
sich noch einprägt: der himmel aus düsenjägern,
die zeitungsfetzen, das grasende muli,
der unterschied zwischen fremdheit und entfremdung
und die alte moschee,
die an istanbul erinnern könnte, wenn es istanbul
in der erinnerung
gäbe.

 

Zurückhaltende Elegie

Ein Friedhof ist eine Art Geschichtsbuch. Langsam zwischen den Gräberzeilen gehend, lesen wir auf den Grabsteinen die Namen der Dahingegangenen, das Jahr ihrer Geburt und ihres Todes, erfahren wir vielleicht den Beruf, den sie ausübten, oder den gesellschaftlichen Rang, den sie einnahmen, entziffern wir die Epitaphe. Friedhöfe, ob als Naturlandschaft angelegt oder kleine Stadt in Stein, sind ein Kapitel Kulturgeschichte; sie verraten, im Angesicht der Ewigkeit, Zeitgeschmack.
Wir gehen weiter. Der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit bleibt. Der Friedhof als Ort des Gedenkens und der Meditation, zu dem er, in Europa, im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert geworden ist. Wir schmecken, vor Gräberreihen, den Geschmack der Zeit. Gelebte Möglichkeiten. Ungelebte Möglichkeiten

Vielleicht ruht unter diesem öden Hang
Ein Herz, das Himmelsgluten in sich trug,
Die Hand, geschickt, daß sie das Szepter schwang,
Daß sie entzückt der Leier Saiten schlug.

Doch nie entrollte Weisheit ihrem Blick
Das große Buch, vom Raub der Zeiten reich,
Und Armut brach des Genius Urgeschick:
Von ihrem Reif ward Keim und Knospe bleich.

Zwei Strophen aus der berühmten „Elegie, auf einen Dorfkirchhof gedichtet“ von Thomas Gray (1716–1771). Zur Armut gesellte sich der Krieg. Die Toten der Kriege – die ungeheuren ungelebten Möglichkeiten.
Wer auf einen Friedhof geht, aus welchem Anlaß auch immer, wird konfrontiert mit dem Sinn oder Un-Sinn von Leben und Tod. Doch nichts von dem Zwang, der Sucht öder Lust zur Deutung dieser Phänomene scheint uns in Franz Hodjaks Gedicht „Türkischer Friedhof“ zu begegnen. Es gibt kein Leben nach dem Tode; der „ewige frieden“ strömt allein „chemikalienduft“ aus. Gibt es aber ein Leben vor dem Tode? Welchen Wert hat es? Das Gedicht verweigert sich der Sinnsuche, erst recht der Predigt von Sinn und Wert.
Sinnliche Daten, Wahrnehmungen und Eindrücke, wie sie das lyrische Ich aus der Umwelt erreichen, werden registriert, der eine oder andere Gedanke wird angedeutet. Die jeweilige Einzelheit ist zumeist mit einer Zeile mitgeteilt; lose erscheint der Zusammenhang des Ganzen, das zu zerbröckeln droht wie die Statuen; das Enjambement zwischen Zeile fünf und sechs akzentuiert andauernde Zerstörung. Aus Singularem entsteht eine Momentaufnahme, zufällig und flüchtig, kein Bild, wesentlich und dauernd wie ein griechischer Tempel, dem ein Kunstwerk, so Joyce, vergleichbar sein sollte.
Das Gedicht des 1944 in Hermannstadt/Sibiu geborenen Dichters, Erzählers, Literaturkritikers und Übersetzers Franz Hodjak, der zu den bekanntesten rumäniendeutschen Autoren zählt, ist seinem 1983 im Bukarester Kriterion-Verlag erschienenen Band Flieder im Ohr entnommen. Ist es ein Gedicht der Mitte des Lebens, die sich als Mittelmäßigkeit des Lebens zeigt? Soll man den Friedhof dieses Gedichts, in dem die Leidenschaften und die Leiden erlöschen, betreten? Soll und kann man darüber eine „Lesart“ schreiben? Denn diese setzt per definitionem Deutungsmöglichkeiten voraus, verlangt das Aufsuchen und Auffinden von Tiefenschichten. Liegt hier aber nicht in greller Mittagssonne alles deutlich und ohne weiteren Sinn vor uns: Oberfläche, unter der uns nichts außer dem Nichts erwartet? Wozu also soll der Interpret als Schatz- und Sinngräber Scharfsinn aufbieten?
Begänne das Gedicht mit der Zeile „das meer klopft an verschlossene tore“, sogleich merkte der Interpret angesichts der Metapher auf, suchte Bedeutung zu schürfen und zu schaffen. Er begriffe dieses Bild vielleicht als Ausdruck der Verknüpfung von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Vitalität (das bewegte Meer, aus dem das Leben kam) und Erstarrung. Aber es wird gleich am Anfang nicht mehr als ein Eindruck von gewisser Beliebigkeit notiert, dem kein Überschuß an Sinn zugemessen werden soll. Und auch die Schlußzeilen verweigern alle Bilder und Vergleiche, die nicht der unmittelbaren eigenen Erfahrung des Ichs entstammen.
Um nun dennoch die Lesart weiterzuführen, muß man wohl den Text in den literarisch-gesellschaftlichen Kontext stellen. Die jüngst im Verlag Volk und Welt erschienene Anthologie Der Herbst stöbert in den Blättern hilft weiter. Sie enthält Gedichte rumäniendeutscher Lyriker, und es zeigt sich, daß nicht wenige der dort vorgestellten Autoren die Zurück-Haltung Hodjaks gegenüber Sinnpräsenz und Sinnpräsenten an den Leser teilen. Das komprimierte Nachwort des Herausgebers Peter Motzan gibt Aufschluß über die Entwicklung rumäniendeutscher Lyrik. Als Reaktion auf die engen Schreibkonzepte der fünfziger Jahre wendete sie sich zunächst der scheinbar zeitlosen Moderne zu, „entwarf imaginäre Traum- und Naturbilder und versuchte sich in der raunenden Beschwörung geheimnisvoller Seelenlandschaften“. Doch entstand so mehr eine Bildungsdichtung, als daß eigene Realitätserfahrung ins poetische Bild gelangte. Die Gegenbewegung ließ nicht auf sich warten, die Hinwendung zu gesellschaftsorientierter „profaner“ Lyrik. Besonders die Rezeption Brechts übte ihren Einfluß aus. Es entstand eine „aufklärerische Lyrik“, die Erkenntnisse zu vermitteln und soziales Handeln zu motivieren suchte, deren Grundgestus das Überzeugen war, manchmal auch Überreden.

Die Wirklichkeit tritt verkürzt, in ihren als wesentlich begriffenen Komponenten ins Bild, das Exemplarische und Allgemeine hat Vorrang vor der sinnenhaft erlebten und unmittelbar angeschauten Welt.

Doch auch dieses Modell erschöpfte sich bald angesichts komplexer Wirklichkeit. Zu ihr wird nun ein „meditatives und beobachtendes Verhältnis“ eingenommen; die eigenen Beobachtungen und die individuellen Erfahrungen werden nach dem „Prinzip kalkulierter Lässigkeit“ vorgetragen.

Angesichts der Kompliziertheit und Übermacht ökonomischer, technischer und bürokratischer Sachzwänge, angesichts der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und der Gefährdung menschlichen Lebens durch atomare Bedrohung bewegt sich das lyrische Ich zögernd, tastend und verunsichert.

Doch wird dies wohl, denn literarische Entwicklung speist sich aus dem Widerstreit von Entwürfen und Gegenentwürfen, nicht der Endpunkt sein. Zurückhaltung ist nicht Abwesenheit, und wir sind gehalten, genau zu lesen. Um dem Gedicht gerecht zu werden: um seine menschlichen Empfindungen, mögen sie auch schattenhaft sein, aufzuspüren, die Restbestände an Bedeutungen aufzuzeigen. Denn protokollartiges Gleichmaß, dem alles gleich gültig ist, herrscht nicht, mag der Dichter auch ein Übermaß an Sinnträchtigem verweigern. (Ist nicht auch mit der Assoziationslust des Lesers zu rechnen? Respektiert dieser einen Text als Gedicht, ist er sogleich geneigt, jede Aussage in ihm mit Bedeutungen aufzuladen. Auch über die Absichten des Dichters hinaus, wurzelten diese nicht gerade in der tieferen Absicht, mit dem Gedicht der Phantasie einen Freiraum zu schaffen.)
Spuren poetischen Überschusses finden sich in Hodjaks Gedicht mehr als auf den ersten Blick wahrnehmbar. Die ratlosen Katzen sind augenscheinlich ein Anthropomorphismus. Es ist wohl der Dichter, der keinen Rat hat und keinen Rat gibt. Mit dem Verwalter ist zu rechnen, in direkter und übertragener Bedeutung. Sicher, eine existentielle Zeitrechnung, wie sie uns ein Friedhofsbesuch suggeriert, wird nicht vorgenommen: Die Zeit, die uns vom Tode der Begrabenen trennt, „hat etwas Beruhigendes: um so viel länger ist man schon auf der Welt“ (Elias Canetti: „Über das Friedhofsgefühl“). Der Verwalter jedenfalls existiert. Nur in merkantilisch entfremdetem Dasein? Oder hat nicht sein Tun, da nützlich, ja lebenserhaltend, etwas Tröstliches?
Begriffe wie „Fremdheit“ und „Entfremdung“ bergen überreichlich Problemstoff. Fremdheit gegenüber anderen kulturellen Traditionen; historische Fremdheit, gar Feindschaft der Völker – der türkische Friedhof auf rumänischem Boden, besucht von dem Angehörigen der rumäniendeutschen Minderheit. Oder ist existentielle Fremdheit beschworen? „Fremde sind wir auf der Erde alle“? Entfremdung voneinander und von sich selbst, Sinnverlust. Endlose Diskussion. Schattengefechte?
„die gedämpften stimmen werfen lange schatten“ – eine Synekdoche, die den Teil fürs Ganze nimmt. Zugleich präsentiert sich diese Metapher als Synästhesie, als Entsprechung und Verschmelzung von Sinneseindrücken: Das im Klang Gedämpfte ist das Schattenhafte. Die sich anschließende seltsame Fügung, wonach alles – „der himmel aus düsenjägern, die zeitungsfetzen, das grasende muli“… – lange Schatten wirft, ist nur als metaphorische, „unstimmig“-poetische Ausdrucksweise zu begreifen. (Vielleicht sollte auch ein Punkt hinter „schatten“ stehen, und es hieße dann lediglich, daß alles, das sich noch einprägt, von gleichem Wert oder Unwert ist. Peter Gosse hat es anhand der Zeilenvertauschung in einem Gedicht von Hermann Hesse vorgeführt [„Ein paar Schwierigkeiten beim Lesen von Gedichten“, in: NDL Heft 1/81] wie der Interpret von Gedichten auf Druckfehler hereinfallen kann. Doch welche Version auch richtig ist, ein erheblicher, die Aussage entstellender Unterschied zwischen beiden Lesevarianten tritt bei diesem Gedicht wohl nicht auf.) Doch auch in diesen Zeilen wird Gleichnishaftes nicht entfaltet, es klingt nur an als Erinnerung an den Mythos vom Schattenreich, vom Reich des Todes, das sich hier paradox in der Mittagsglut ausbreitet. Andererseits genügen Worte wie „chemikalienduft“ und „düsenjäger“, um nicht den Eindruck eines mythischen Einst und Immer aufkommen zu lassen: Über umfriedeten Hof wölbt sich der „himmel aus düsenjägern“. Kann so das lyrische Ich zu innerem Frieden gelangen? Darüber hinaus hören wir am Schluß die uralte Klage über die Vergänglichkeit menschlichen Lebens, hat sie auch, sich in einer pointierten Notiz über die Begrenztheit von Erfahrung und Erinnerung verlautbarend, jegliches Pathos abgestreift.
Alle diese sparsamen und spurenhaften Bilder geben dem Gedicht seinen poetischen Sinn, das wider den Anschein als zurückhaltende Elegie lesbar ist, als äußerst verhaltene Aufforderung, das Leben zu leben. Vielleicht bleibt „der eindruck, das meer klopft an verschlossene tore…“

Jürgen Engler, neue deutsche literatur, Heft 401, Mai 1986

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