Jürgen Engler: Zu Günter Kunerts Gedicht „Das Geräusch des Regens“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Günter Kunerts Gedicht „Das Geräusch des Regens“ aus dem Band Günter Kunert: Im weiteren Fortgang. –

 

 

 

 

GÜNTER KUNERT

Das Geräusch des Regens

Das Geräusch des Regens auf dem Fensterblech
in einem alten Berliner Hinterhof
unregelmäßig und dringlich
unverständliche Morsezeichen

während du (wie ich
mich in Gedichten stets anrede
aber auch dich Nicht-Ich)
in einem alten Berliner Bett liegst
dunkles Holz und Federpfühl
und alte Träume wiederholst:

Daß Regen
in einem alten Berliner Hinterhof fällt
etwa.
Dazwischen dein Leben.
„Nur ein Viertelstündchen.“
Und vielleicht fünfzig Leute: alle
du selber, alle ich
und leicht verregnet wie in alten Filmen
beim Wiedererinnern.

 

Fragliches Ich

Wenn in einem literarischen Text anhaltend der Regen fällt, dann ist die Stimmung meist eine melancholische. Das Geräusch des Regens gemahnt an fließende und verfließende Zeit. An sich ist diese bekanntermaßen nicht wahrnehmbar, an uns können wir um so mehr ihre bemerken. So ist die sich in Erinnerung bringende Zeit die Zeit Erinnerung. Doch wollen wir unser Viertelstündchen, das wir diesem Gedicht widmen, nicht damit vergeuden, alles das zu umschreiben, was es besser zu sagen weiß, alles das auszuschreiben, was es assoziativ in uns aufruft. Aber von gewissem Interesse könnte es sein – auch über dieses Gedicht hinaus –, danach zu fragen, wer da im alten Berliner Bett liegt. Genauer: Wer sich das vorstellt. (Wobei keine unserer Vorstellungen ohne den Stoff der Erinnerung auskommt.) Oder: Wer das erinnert. (Was in die Erinnerung an Vorstellung, also Fiktion eingeht, ist schon schwerer auszumachen.) Noch anders gefragt: Wer spricht?
Dankenswerterweise gibt der Verfasser bereitwillig Auskunft. Das Du, erfahren wir, ist zum einen der Dichter selbst bzw. das Ich des Dichters. Letzteres ist zutreffender: Der Genitiv bedeutet, daß es sich bei diesem du genannten Ich um eine Ent-Äußerung des Poeten handelt, eine Gestalt des Dichters, eine literarische Gestalt. (Das „lyrische Ich“, wie Germanisten zu sagen pflegen.)
Jedenfalls handelt es sich um eine dem Autor nahestehende Person. Würde er sie sonst mit du ansprechen? Aber auch „dich Nicht-Ich“ behandelt das Ich in solch vertraulicher Weise. Ich, aber auch du, die wir dies lesen oder hören, fühlen uns angesprochen. Mir wird etwas mitgeteilt von einem anderen Ich, aber wenn dieses das Du ist, das auch ich bin, teile ich mir beim Lesen des Gedichts etwas über mich mit: parallele Aktionen der Selbstbetrachtung, so viele Leser der Text findet.
Freilich könnte es sein, daß sich ein Leser verbäte, so ohne weiteres mit du angeredet zu werden. Der Autor oder eben sein Ich könnten sich dann auf die Position zurückziehen, daß es sich um ein Mißverständnis handelt. Dieses Nicht-Ich könnte ja auch der dem Ich vertraut-unvertraute, einigermaßen bekannte, wenn auch nicht ganz begreifliche Teil seiner selbst sein. Das Ich definiert sich im Bezug zu einem Du. Sie stehen sich gegenüber und halten Distanz, sie gehen aufeinander zu und ineinander über: Austausch und Abgrenzung gleichzeitig. Das Ich als Nicht-Ich und umgekehrt.
Noch verwirrender wird es, wenn die „vielleicht fünfzig Leute“ als Darsteller im Erinnerungs-Film auftauchen, „alle du selber, alle ich“. Diese können das Ich in verschiedenen Zeiten und Situationen sein – und die spannende Frage ist, was diese Leute mit dem heutigen Ich zu tun haben. Aber diese fünfzig können auch die uns Nahestehenden sein bzw. diejenigen, die uns nahestanden, die uns (und die wir) geprägt haben: Nur annähernd bestimmbar ist bei solchem Austausch, was ich dir (und dir und dir…) und schließlich mir verdanke. Fünfzig uns Nahestehende (die Naheliegenden eingeschlossen) – das ist fast schon eine Menschengemeinschaft und vielleicht mehr im Idealischen als im Realen angesiedelt. (Erinnern wir uns daran, daß Baudelaire sein Gedicht „An den Leser“ mit dem Vers beschließt: „– Leser, du Heuchler, – du mein Bruder, – meinesgleichen!“) So sollte man wohl vorsichtiger dieser ominösen Menschengruppe alle die zuordnen, die im positiven wie im Negativen (die „falschen Fuffziger“ also eingeschlossen) eine besondere Rolle in unserem Leben spielten oder spielen. (Und wenn, um auf die andere Lesart umzuschalten, ich selbst diese Person bin, dann ist anzunehmen, daß das sehr verschiedene Bolde und Wichte sind.)
Dennoch bleibt: Ist das Ich auch plural aus vielen Nicht-Ichs zusammengesetzt, stehen diese doch zu ihm in der vertrauten und intimen Beziehung des Du. Dieses Du läßt nichts Bedrohliches erkennen, ich allein konnte meinen Argwohn nicht ablegen. Verbundenheit also, ja letztlich Einssein von Ich und Du: ein Versprechen, das zumindest für die Dauer des Gedichts aufrechterhalten wird. Daß wir in dem von Zweck und Nutzen regierten Alltag zwischen Ich und Du zumeist recht gut zu unterscheiden wissen, ist ihm der Rede nicht wert. Ich oder Du, das gilt hier mal nicht.
Dem „Geräusch des Regens“ angeglichen, ist die Sprechweise des Gedichts ein Vor-sich-Hinsprechen. Noch von der dialogischen Verfassung der Existenz spricht es monologisch. Aber gilt nicht ebenso, daß es – wie jedes Gedicht – einen Dialog von Autor und Leser eröffnen kann? Wer bin ich? – Das bist du. Wer bist du? Wer ist Autor und wer Leser in diesem Frage- und Antwortspiel? Wovon das Gedicht spricht, nämlich von der Nähe und dem Wechsel von Ich und Du, dem Wort-Wechsel Ich und Du, das demonstriert es performativ selbst: Das Lesen wird zum Akt der Identifikation und Kommunion.

neue deutsche literatur, Heft 476, August 1992

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