Jürgen Engler zu Hans Arps Gedicht „Sekundenzeiger“

Im Kern

Im Kern

– Zu Hans Arps Gedicht „Sekundenzeiger“. –

 

 

 

HANS ARP

Sekundenzeiger

daß ich als ich
ein und zwei ist
daß ich als ich
drei und vier ist
daß ich als ich
wieviel zeigt sie
daß ich als ich
tickt und tackt sie
daß ich als ich
fünf und sechs ist
daß ich als ich
sieben acht ist
daß ich als ich
wenn sie steht sie
daß ich als ich
wenn sie geht sie
daß ich als ich
neun und zehn ist
daß ich als ich
elf und zwölf ist.

 

Sinn und Zeit

„daß ich als ich“ – was wollte der Dichter damit sagen? Die vielgeschmähte oberlehrerhafte Frage: Hier ist sie berechtigt. Freilich, auch und gerade hier ist sie unbeantwortbar.
Bedarf das Gedicht einer Interpretation? Sie setzte voraus, daß der Text Sinnschichten besitzt, daß er mehrere Lesarten ermöglicht. Hier drängt sich zunächst nur eine auf: Die Verse folgen einander im Sekundentakt, das exakte Lesen dauert zwanzig Sekunden. Zum Atemholen kommt man gerade, zum Nachdenken nicht. Wenn es „zwölf ist“ – damit wird freilich die volle Umkreisung des Zifferblattes durch den Zeiger erinnert –, ist das Gedicht zu Ende.
Ihm nicht nachzusinnen bringt Zeit. Nutzen wir sie, über das Nachsinnen nachzudenken, über die bei Literaturwissenschaftlern so beliebte Tätigkeit des Interpretierens. Denn nicht besser weisen sie ihre Existenzberechtigung nach, als zu demonstrieren, daß „einfaches Lesen“ resp. Hören von Gedichten einfach nicht möglich ist.
Was wollte oder will der Dichter damit sagen? – Die Frage ist mit Recht verrufen. Sie leistet dem Mißverständnis Vorschub, er hätte eine Aussage mitzuteilen, deren Transportmittel das Gedicht sei. Schränken wir ein: Es gibt die gar nicht so seltenen Fälle, in denen der Dichter zur politischen List greift, um das, was er nicht offen sagen kann, in verdeckter Weise vorzubringen. Oder nehmen wir psychoanalytisch orientierte Methoden: Mit ihnen wird der Text als Ausdruck eines konflikthaften Geschehens untersucht, das dem Dichter nicht oder kaum bewußt ist. Das Fatale bei der politischen wie der psychoanalytischen Lesart ist, daß sie das Gedicht überflüssig machen. Wenn die verborgene Aussage freigelegt ist, hat die besondere Aussageweise ihre Daseinsberechtigung verloren.
Das sind freilich Sonderfälle der Interpretation, angemessen einer besonderen Sorte von Texten. Daß aber Interpretation prinzipiell sinnvoll und notwendig ist, hängt mit der Natur des Gedichts als einer konzentrierten individuellen und in bestimmtem Sinn auch überindividuellen Äußerung zusammen. Jedes Wort, jede Fügung, jedes Bild in ihm trägt eine Fülle von Bedeutungen, die mit den in der jeweiligen Sprach- und Kulturgemeinschaft verbreiteten widersprüchlich korrespondieren. Diesen Bedeutungen spürt die Interpretation nach. Mit anderen Worten, sie stellt den Text in den Kontext von Lebenswelt und Schaffen des Autors, in den Kontext der Geschichte und der Literatur: ein Kontext, der für den Autor unüberschaubar ist, weil er in ihm arbeitet. Und es ist nicht seine Aufgabe, den Bedingungen seiner Arbeit nachzuforschen. Zumindest nicht seine wichtigste. Natürlich kann auch der Interpretierende nicht bis ins letzte diesen Kontext überschauen, schon gar nicht, wenn er diesen mit dem Autor teilt. Immerhin ist es aber sein Geschäft, „klüger“ zu sein als der Autor. Deshalb lautet seine Frage: Was sagt das Gedicht? Denn es sagt mehr, als der Autor sagt. Nicht nur er schreibt das Gedicht, es schreibt auch ihn. Insofern er mit überkommener Sprache, mit überlieferten stilistischen Figuren und dichterischen Formen arbeiten muß, wie immer er sie auch verändert, weitet sich der Horizont seines Tuns ins Unüberschaubare. Und vor allem: Wenn es, vereinfachend gesagt, das Ziel der wissenschaftlichen Aussage ist, sich auf einen festumrissenen Gegenstand zu beziehen, dann ist es die des Kunstwerks bzw. Gedichts, solche Grenzen durchlässig werden zu lassen, zumal die zwischen Subjekt und Objekt. Deshalb tendiert die Interpretation dahin, ausgehend von einem Gedicht und immer wieder auf es zurückgreifend, das umfassende Bild vom Schaffen eines Autors, einer literarischen Strömung, gar einer Epoche zu zeichnen.
Um nun doch auf unser Gedicht zurückzukommen: Es zeigt eine Zeit an – und das im Sekundentakt –, in der der amerikanische Industrielle Henry Ford die Arbeit am Montageband eingeführt hatte, die die Herstellung eines Produkts zur Steigerung der Effektivität in kleine (Zeit) Einheiten zerlegte, in der mithin der Mensch, wie es Chaplins Film Moderne Zeiten grotesk vorführt, zum Rädchen des Getriebes wurde. Mechanische Zeit – ein Begriff des französischen Philosophen Bergson triumphiert, natürlicher Lebensrhythmus wird zerhackt; in atemberaubender Weise folgen die Sequenzen, die nicht zur Besinnung kommen lassen. Vergegenwärtigt man sich die Plastiken des Bildhauers Arp mit ihren organologischen Formen, die auf das natürliche Vor-Bild von Flora und Fauna zurückgreifen und gleichsam deren ruhige Eigenzeit beschwören, dann ist es wohl nicht verkehrt, das Gedicht als Zeit-Kritik anzusehen. Sein Takt ist ein mechanischer, leere Wiederholung regiert: „wenn sie steht sie“ ist wohl zu ergänzen in: Wenn sie steht, dann steht sie. Und wenn sie geht, dann geht sie. Das kann gerade noch gedacht, gesagt schon nicht mehr werden. Das Leben in der Tautologie, nichts anderes ist Entfremdung. Die Repetieruhr schlägt. Alle. (Um auf einen Aphorismus von Stanislaw Jerzy Lec anzuspielen.) „daß ich als ich“ – die Frage „Was wollte der Dichter sagen?“ ist ganz einfach deshalb berechtigt, weil sie seine wiederholt: Was wollte ich gerade sagen? Doch da ist es „elf und zwölf“, die Lebenszeit ist abgelaufen.
Der tiefere Sinn bleibt verborgen, und vielleicht gibt es ihn gar nicht. Im Scheitern, ihn zu artikulieren, verrät sich tiefe Zeit-Not, Sinn-Losigkeit und Un-Sinn waren die Waffen einer radikalen künstlerischen Kritik, mit der die Dadaisten eine Zivilisation attackierten, die sich ihren Sinn für uhrwerkhafte Präzision erst recht im Krieg zu beweisen suchte. Wird man von diesem Gedicht des Dadaisten Arp an die Stammelkunst des Expressionismus erinnert – man denke an August Stramms „Sturm“-Stil –, so bleibt doch zu konstatieren, daß Ausdruck hier seine Zeit nicht hat. Das Subjekt kommt nicht zu Wort, und so könnte das Gedicht durchaus als Vorläufer konkreter Poesie und der mit mathematisch-statistischen Methoden geschaffenen Texte angesehen werden, die sich auf ihre Weise der individuell-psychischen Repräsentanz des Autors verweigern.
Arp hat ein modernes Gedicht par excellence geschrieben. Nachdem mit der Mauer auch eine Zeitzonengrenze gefallen ist, merken wir es im Osten deutlich: Eine neue Zeit-Rechnung ist angebrochen. Wer viel Geld hat, hat Zeit. Wer ausreichend Geld braucht, hat meist keine Zeit. Und wer Zeit hat – die Arbeitslosen werden es bestätigen –, hat dafür kaum Geld.
Jetzt mag es auch an der Zeit sein, die Gegner der Interpretation zu Wort kommen zu lassen. Susan Sontag schrieb in ihrem Essay „Gegen lnterpretation“:

Wie die Abgase der Autos und der Schwerindustrie, die die Luft der Städte verunreinigen, vergiftet heute der Strom der Kunstinterpretation unser Empfindungsvermögen. In einer Kultur, deren bereits klassisches Dilemma die Hypertrophie des Intellekts auf Kosten der Energie und der sensuellen Erregung ist, ist Interpretation die Rache des Intellekts an der Kunst. Mehr noch, sie ist die Rache des Intellekts an der Welt. Interpretation heißt, die Welt arm und leer zu machen – um eine Schattenwelt der Bedeutung zu errichten.

Das ist eine Reaktion auf die Situation, in der eine Flut von Sekundärem das Primäre unter sich zu begraben droht. Man kann nicht widersprechen, wenn in der Interpretation und Kommentierung die Tendenz vorherrscht, das Interpretierte zu verdrängen und sich an dessen Stelle zu setzen. Man muß widersprechen, weil Interpretation durchaus die Lust am Text wecken kann. Das hieße, daß sie stets auf ihn als das Eigentliche verweist, sich in seinen Dienst stellt, sorgsam und sparsam Fingerzeige gibt, die zur Beschäftigung mit ihm anregen und auf seine nicht immer offensichtlichen Eigenheiten hinlenken.
Zu dieser Fürsprache fühle ich mich freilich noch mehr in bezug auf einen anderen Gegner des Interpretierens herausgefordert. Gebhard Rusch veröffentlichte 1987 in dem schon in mehreren Auflagen veröffentlichten Suhrkamp-Sammelband Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus seinen Aufsatz „Autopoiesis, Literatur, Wissenschaft“. Dort grenzt er das Interpretieren aus dem Aufgabenbereich der Literaturwissenschaft aus, weil es eine „A-Methodologizität“ repräsentiere, verlange doch jeder unverwechselbare literarische Text die auf ihn zugeschnittene Methode, womit eine strenge Methodologie des Interpretierens unmöglich würde. Nun soll und kann hier nicht der durchaus sinnvolle Streit darüber, ob und inwieweit die Interpretation eine Wissenschaft oder eine Kunst sei, erörtert werden, wenngleich ich denke, daß sich die Annahme einer jeweils puren Singularität der Interpretation nicht aufrechterhalten lassen wird. Was mich empört, ist die Argumentation, mit welcher der Autor „die Nutzlosigkeit des Interpretierens für viele unserer aktuellen relevanten Belange gerade auch in einer Zeit (behauptet), die individuelle Entwicklung und soziale und persönliche Effektivität dieser Entwicklungen ebenso erfordert wie den ökonomischen und umsichtigen Einsatz menschlicher Kräfte.“ Interpretation – und jedes Lesen ist auch Interpretieren –, lehrt den sorgsamen Umgang mit dem Wort, sie verlangt das genaue Hinhören und geduldige Erörtern, und das sind zugleich Werte, ohne die menschlicher Umgang miteinander nicht möglich ist. Bleiben sie aus der „Effektivität“ individueller Entwicklung ausgespart, dann regiert allein der „Sekundenzeiger“, und die Bahn unseres Lebens wäre eine Art Taktstraße.

neue deutsche literatur, Heft 482, Februar 1993

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