Julia Grinberg: kill-your-darlinge

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Julia Grinberg: kill-your-darlinge

Grinberg/Wagener-kill-your-darlinge

VERTIGO

luftwurzeln, luftbäume, luftgäste
tief eingewachsen in wind
luftleutewirbel, luftwäsche an luftleinen
weggeweht. bleibt ein horizont
verblasst zwischen fingern.

parkanlagen durchflutet von
licht, überströmte
luftschlösser, stickstoffaquarien
schwebende sprechblasen.
ihr punktuelles abklingen
an flüchtigen türen.

in der luft wie ziegel
copypastewitze.

eine luftsäule
pascalt
den rest.

 

 

 

kill-your-darlinge,

der Debütband von Julia Grinberg, erscheint als Band 05 in der reihe licht und Licht ist hier in der Tat eines der Themen, mit denen sich die Autorin immer wieder und auf sehr unterschiedliche Art und Weise beschäftigt. Im titelgebenden Gedicht „kill-your-darlinge“ heisst es:

nebel kommt auf wird ausradiert
mit scheinwerfern bei hundertvierzig

eine blitzanlage verirrt sich
wie der ursa major meiner sternwarte

drei darlinge erscheinen
nur eines erfolgreich

an gegenständen kleben
die reste vom nebligen tag

poröses pergament
im lichtkegel graue hirnteilchen

Der Band gliedert sich in drei Zyklen – „in drei absätzen“, „mond in wein tunken“ und „kill-your-darlinge“ –, die sich formal zunächst sehr heterogen zeigen, inhaltlich jedoch einen roten Faden stricken, der sich durch den gesamten Band zieht. Beobachtungen und Vorstellungen gehen hier ineinander über und breiten sich sowohl schmerzvoll wie auch immer wieder humorvoll aus. Eine Wegbegleiterin der Autorin beschreibt dies so:

Die Gedichte gehen unter die Haut. Man verschluckt sich daran wie beim Trinken eines guten Whiskys. Der erste Schluck brennt. Der zweite ist besser. Der dritte macht Freude. Nichts ist vordergründig, die Ambivalenz prickelnd. Tiefer nur wird man in die Materie gezogen.

Zur Entstehung und Hintergrund von kill-your-darlinge bemerkt Julia Grinberg:

Es ist ein gewachsenes Buch. Der Kern bestand zunächst in einigen, wenigen Gedichten, die in Russisch gedacht und auch teilweise notiert wurden, dann aber im Deutschen erst ihre gültige Gestalt gefunden haben. So waren es zunächst Themen wie Flucht, Heimatlosigkeit und Vergänglichkeit, die die Texte bestimmt haben, um dann in verschiedenen Formen von Zeitlosigkeit und ,Was-wäre-wenn-Situationen‘ zu münden, aber auch in ganz einfachen Beobachtungen und Tagträumen.

gutleut verlag, Ankündigung

 

Beiträge zu diesem Buch:

Astrid Nischkauer: grunzende Eichhörnchen
fixpoetry.com, 29.12.2019

Hendrik Jackson: Quisquilien zur Erfreulichkeit lyrischer Marginalität
lyrikkritik.de

 

Chutzpah und Überwindung

– Zur luftwurzelnden Poesie von Julia Grinberg. –

„Überwinden?“ frage ich sie bei einem Interview. „Ja, Überwinden: alles übergehen, das in mir drinnen ,stopp‘ oder ,lass es sein es ist nicht genug‘ schreit, all das muss ich jedes Mal überwinden, wenn ich auf Deutsch schreibe“, antwortet die Dichterin Julia Grinberg.
Aber eigentlich ist die 1970 in der ehemaligen Sowjetunion geborene Lyrikerin, die heute im vorderen Rheingau lebt, keineswegs eine scheue Magierin der Verskunst. Sobald die Grundschülerin Julia Grinberg die ersten Sätze niederschreiben konnte, verfasste sie für ihre Mutter Märchen, darin fantastische submarine Lebewesen in einem unbekannten Ozean ihre Abenteuer durchlebten. Die Tochter eines Offiziers der Sowjetischen Armee, ist ihre Kindheit geprägt von permanenten Umzügen. Sooft der Vater neue Befehle erhält, zieht die gesamte Familie um: von einer Kaserne nahe Kazan, wolgaaufwärts nach Saratóv, dann kurzzeitig weit in den Osten an die maritime Grenze mit Japan und später in die DDR, um schließlich im ukrainischen Dnipro zu landen, wo die Dichterin (in statu nascendi) zunächst ein Studium der Chemie absolvieren wird.
Häufig hat man das Leben einer Militärfamilie mit Mangrovenbäumen verglichen: mit jenen olivgrün belaubten Organismen, die mit Gezeiten und Strömungen wandern, wuchernd mit Stelzwurzeln, mit Luftwurzeln in unsteten Böden: Es fällt sicherlich nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich das sensible Sensorium dieser heranwachsenden Poetin allmählich mit einer ganzen Phantasmagorie an Eindrücken anreichert, einer Karawane an immer neu einzurichtenden Wohnstätten und Umwelten sättigt, bis ihre Biographie eine längere Fermate in der satten schwarzen Erde der Ostukraine macht:

zerreiß moderndes halbdunkel
[…] prüfe deine flügel
auf funktionales im flatternden
morgengrau meiner nomadenwiege.

Nach der Wende, mit Anfang zwanzig, schließt sie sich naturgemäß mit kunstaffinen Kommilitonen an der staatlichen Universität Dnipro zusammen, um gemeinsam Literatur zu lesen und sich über selbstgeschriebene Texte auszutauschen. Später gibt die Gruppe die Zeitschrift Артикль („Artikel“) heraus und reist nach Moskau, um vor Publikum zu lesen. Hier auf www.polutona.ru veröffentlicht sie ihre ersten russischsprachigen Gedichte und frühe Kurzprosa. Als ihre erste Anstellung in einem lokalen Chemiewerk in den turbulenten Umbruchsjahren nach dem Kollaps der Sowjetunion ein Ende erreicht, wird sie darauf angewiesen sein, ihre kreativen Kräfte im bloßen täglichen Kampf um die Selbstversorgung zu erschöpfen, sodass sie um 2000 einen Ausreiseantrag stellt und nach Deutschland auswandert. Auch hier erweisen sich die Luftwurzeln, die ihr gesamtes Wesen weniger festgelegt, deutlich risikobereiter stimmen, als eine existenzielle Stärke. Zwei Dekaden später wird sie in ihrem Debütband folgende Verse mitgeben:

luftwurzeln, luftbäume, luftäste
tief eingewachsen in wind
luftleutewirbel, luftwäsche an luftleinen
weggeweht. bleibt ein horizont
verblasst zwischen fingern.

Als sie in Wiesbaden ankommt und die ersten hessischen Menschen kennenlernt, die ja immer etwas zu betrunken, zu verplaudert und zu heiter wirken, um ernst genommen zu werden, entsetzt sie sich nicht vor deren süffigem Dialekt, sondern genießt das Leben am Rhein in vollen Zügen. Eine neue Phase ihres Lebens beginnt. Gleichzeitig entstehen in freien Stunden dutzende neue russische Gedichte. Zunächst wird sie in der Qualitätskontrolle in einem Chemielabor arbeiten und später, da sich in ihr die Luftwurzeln winden, etwas Neues suchen, und entdeckt für sich den Wein. Sie belegt Kurse an der deutschen Wein- und Sommelierschule. Und so sehr ihre Zunge den Geschmack eines jeden Wortes genau zu wiegen weiß, so sehr wird sie auch die unzähligen Noten des Weins zu prüfen wissen.
Zunächst unmerklich, aber – wie die Dichterin selbst feststellt – zunehmend bewusst, zunehmend bestimmt, vollzieht sich in ihrem Sprechen ein Wandel. Je mehr sie sich die neue Sprache aneignet, mit ihr ringt, sie meistert, desto mehr bringt sie ihre mitgebrachte Sprache, also das Russische, in sich immer mehr zum Schweigen. Es ist eine Sprache, aus der sie hervorgegangen war, aber zu der sich nun zunehmend eine Kluft weitet: Nicht dass sie verblassen oder verschwinden würde, nur verselbstständigen sich die neuen Wörter immer mehr, wird ihre Forderung, sich auch in dieser Sprache als Dichterin zu äußern, immer unabweisbarer.
Bis sich die Dichterin Julia Grinberg überwindet – und immer mehr überwindet, schamlos, selbstbewusst, hingebungsvoll. Bis sich Kehle und Zunge, Gaumen und Lippen, von inwendig her, nach außen, hin zur Publizität des Gedichts kehren, wie es in dem Text „komm nur ins freie“ heißt:

heute in weißer hose. hasen schauen verdutzt – es ist ihnen
definitiv zu viel. so marschieren die hasen nach links, ungeniert,
eichhörnchen nach rechts, wälzen sich im laub und grunzen.

[…] bin keine dompteuse, längst aus dem käfig raus. komm ins freie.

Fortan wirbeln, tanzen und streiten diese Sprachen in ihr, exophonisch, ohne nach Lösung und Besänftigung zu suchen. Stattdessen halten sie die Saiten dieser Harfe gespannt. Es ist ja die Dummheit der Reinheitsphantasten, die in perverser Dialektik immer auf Aufhebung und Synthese hoffen. Vielmehr heben sich die Sprachen nicht gegenseitig auf, ihr Widerstreit macht Julia Grinberg besonders produktiv; es ist gerade das, was René Char meinte, als er sozusagen die Photosynthese der poetischen Energie am Scheitelpunkt des Lichts ansiedelte:

[ … ] genau auf der hermetischen Trennungslinie von Schatten und Licht, aber sind wir unwiderstehlich nach vorn geworfen. Unsere ganze Person bietet diesem Durchstoß Hilfe und Taumel.

Überwinden: Als stauten sich die Buchstaben und Bilder zunächst, bis sie bersten und schließlich zum Fluss kommen. Viele ihrer Gedichte beginnen mit kurzen, harten Zeilen, wie „pass auf, ich neige zu übertreibungen. aber hand aufs herz.“ Und nach dieser kurzen Silbe der Explosion, womit der Damm bricht, beginnt jene langplätschernde Silbe in einem immer regelmäßigeren Duktus überzufließen:

schwingen in senkrechte richtungen, unsere achsen werden sich
kreuzen, sei federn über parallele ebenen. mein oszillieren strahlt.

Zunehmend wird der Dichterin die fundamentale Wandlung des expressiven Temperaments deutlich, die sich einstellt, sooft sie zwischen Russisch und Deutsch als Schreibsprache changiert.
In Edmund Whites Autobiographie City Boy (2009), beschreibt der Autor ein 1973 geführtes Telefonat mit Vladimir Nabokov, wo White diesen für seinen Prosastil verehrten Schriftsteller zum ersten Mal hört: Er ruft Nabokov in der Schweiz an für ein Interview im New Yorker und ist über den starken russischen Akzent des Autors regelrecht bestürzt. Und es wird erst zur Jahrtausendwende auch bei den allerletzten Puristen durchklingen, welche enorme Weitung des literarischen Resonanzraums durch Autoren wie Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Edith Philips, Kazuo Ishiguro oder Joseph Brodsky entstanden war.
Julia Grinberg gehört auch zu solchen Erweiterinnen der Resonanzräume, denn eine glückliche Fügung will es, dass sie dann in Frankfurt am Main eine Lesung mit der Schriftstellerin Olga Martynova besucht. Diese stellt den Debütband flüchtige monde (kookbooks, Berlin 2016) des 1989 geborenen Poeten Yevgeniy Breyger vor. Und es ist dieser ungestüme, in allen Dingen zarte und achtsame Dichter, der auch Julia Grinberg unterstützen wird, sich in der schier unüberschaubaren Szene der zeitgenössischen Lyrik zu orientieren. Breyger macht Julia Grinberg mit anderen Frankfurter Dichtern und Dichterinnen wie Martin Piekar, Marcus Roloff, Lisa Goldschmidt, Julia Mantel, Robert Stripling oder Alexandru Bulucz, aber auch Paulus und Lydia Böhmer bekannt. In diesen Tagen formieren sich die Poeten im Rhein-Main-Gebiet neu und finden unter dem Namen Salon Fluchtentier zusammen. Auf diese Weise entstehen die ersten Veröffentlichungen Grinbergs auf Fixpoetry in Hamburg oder dem Münchner Online-Magazin Signaturen sowie den zahlreichen Lesungen etwa bei Michael Hohmann in der Frankfurter Romanfabrik oder ihr dichterischer Debütband kill-your-darlinge im gutleut verlag (Frankfurt) im Jahr 2019.

Paul-Henri Campbell, Ostragehege, Heft 96, 3.6.2020

„deine gedichte sind klüger als du“

die entstehung des buches ähnelt dem aufwickeln von texten auf eine spule, deren herzstück zuerst auf russisch geschriebene gedichte einschließt. da ich mich meiner umgebung mitteilen wollte & musste, übertrug ich sie ins deutsche. es waren keine „richtigen“ übersetzungen, sondern rekursiv umgeschriebene fragmente, die gleiche keime beherbergten. zu meiner verwunderung fanden manche texte erst auf deutsch ihren richtigen klang und rhythmus, erst dadurch wurden alle ihre schichten freigelegt. ab da schrieb ich überwiegend auf deutsch.
ausgerechnet die zweisprachigkeit gebar mich dichterin. sprachen wirkten befruchtend aufeinander, auch mich beeinflussten sie, wer da eher eine schöpferische funktion trug – eine henne-ei-frage. so habe ich immer wieder feststellen müssen, wie mein deutschschreibendes ich sich vom russischschreibenden unterscheidet. es war rationaler, reflexionsreicher, mit dem konnte ich absprachen halten, es war logischer veranlagt und emotional nicht sofort aus der ruhe zu bringen. auf ihn war verlass. sein muttersprachenpendant neigte zu pathos, gar hysterie, diese zu erkennen und zu versuchen zu erziehen war nur mithilfe der pflegemuttersprache möglich.
im abschweifmodus: meine pflegemutter ist lieb und ehrlich zu mir, zu meiner muttersprache habe ich mittlerweile ein zwiespältiges verhältnis. ich wuchs in einem land auf, welches es nicht mehr gibt. ich wanderte aus dem land aus, das vom mutterspracheträgerland überfallen ist. krieg ist da zu alltag geworden, wenn auch hiesige nachrichtenerstattung es nicht zu merken vermag. ich war vor kurzem in litauen, da war ich peinlich berührt – auf einmal hatte ich hemmungen, russisch zu sprechen. politische ereignisse in ländern, wo ich vor 20–30 jahren lebte, beeinflussen mein verhältnis zur sprache. kann die sprache was dafür? – nein, kann sie nicht. aber was stört mich, was für ein kiesel im schuh, was für ein nagel im hinterkopf? offenkundig, wie ein teenager, der seiner mutter vieles vorzuwerfen hat, beschränke ich mich auf meine pflegemuttersprache. mein akt der befreiung.
eine bewegung in und zwischen zwei sprachen bedeutet viel mehr als das verdoppelte wortgut. vergesst das multiplizieren, wir betreten exponentielle bereiche: ein vokabular als basis, zwei sprachen als exponent, und schon bietet der potenzwert des denkens und schreibens ganz andere perspektiven. so transformieren sich diverse, ja babylonische muttersprachen und steigen zu einer „muttersprache des menschlichen geschlechts“ auf – zur poesie (frei nach Hamann). so werde ich resonatorisch versorgt, werde zum urmeter meiner ausbreitenden ausdrucksmöglichkeiten. es wird unwesentlich, wer die mutter war, wer – die pflegemutter, wo die vergangenheit lag, wo – die zukunft, was die heimat mal bedeutete, was – das ewige fremdsein, was sich im hintergrund abspielte, was – selbst grund und boden darstellte.
das buch – meine art zu expandieren. expansion, das weiß jede pusteblume, ist die möglichkeit, dem nichts zu entrinnen. das buch ist mit dieser idee durchgesteppt, dass sich alles darum dreht, in sich verschachtelt, tritt erneut hervor und streckt die zunge raus. „deine gedichte sind klüger als du“.

Julia Ginsberg, Ostragehege, Heft 96, 3.6.2020

 

 

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