Juri Andruchowytsch: Werwolf Sutra

Andruchowytsch-Werwolf Sutra

(DER KREIS)

Die Stadt gleicht einem Sternenbild.

Wie oft sind wir herumgeirrt,
als wir dem Licht von Häusern folgten,
von denen kein Stein zurückgeblieben ist…
Wer glaubt uns nur, daß wir dem Lichte folgten?

Wie oft haben wir um Mitternacht
in den öden Höfen
nach der Quelle, der Brücke
und dem Ankerplatz gesucht?
Wer glaubt uns nur, daß hier einst ein Fluß
gewesen war?

Nur durch uns fallen Städte
dem Vergessen anheim.

Wir sprechen ihre Namen aus
und finden sie verändert vor. Morgen jedoch
gehst du auf den Platz hinaus,
wo du alles erkennst:

Lautlos und golden stehen die Linden
zur Zeit ihrer Blüte.

 

 

 

Über dieses Buch

Der ukrainische Romancier, Essayist und Lyriker Juri Andruchowytsch, einer der berühmtesten Schriftsteller des neuen Europa, eröffnet unsere Reihe P, eine neue Bibliothek der modernen europäischen Poesie. Der Band umfasst eine Auswahl seiner seit 1985 veröffentlichten Gedichte.
Juri Andruchowytsch, der in der deutschen Öffentlichkeit für eine neue, unabhängige Ukraine steht, begann als rebellische Lyriker in den 1980er Jahren. Die von ihm mitbegründete Gruppe BuBaBu (Burlesk-Balagan-Buffonada) galt als poetischer Aufbruch im Geist der Moderne. Bereits damals ging es um eine Poesie, die sich vom staatlich geschützten Sozialistischen Realismus mit frechen Pointen und gezielten Tabu-Brüchen absetzt. In seinen Texten mischt sich poetische Spielfreude mit Weltläufigkeit. Es sind Erzählgedichte der besonderen Art, wunschfreudig und abgebrüht, nachdenklich und spontan. Andruchowytsch, als Erzähler bekannt für seinen charmant-frechen Humor, ist auch als Lyriker witzig und virtuos. Die Reihe P wird herausgegeben von Joachim Sartorius, Hans Thill und Ernest Wichner.

Verlag Das Wunderhorn, Ankündigung

 

Songhaft virtuos

Im Westen ist er durch seine luziden Essays und lebensprallen Romane bekannt geworden, doch in seiner ukrainischen Heimat gilt Juri Andruchowytsch in erster Linie als Lyriker: Verfasser von fünf Gedichtbänden und Mitbegründer der literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu, die dem poetischen Wort wirkungsstark, nicht selten mit musikalischer Begleitung, zum Auftritt verhilft.
Einen Eindruck von Andruchowytschs songhaften Versen vermittelt der deutsche Auswahlband Werwolf Sutra, der Gedichte aus den Bänden Exotische Vögel und Pflanzen (1985 bis 1990) und Lieder für den toten Hahn (1999 bis 2004) vereinigt. In gereimten Strophen oder in rhythmisiertem Parlando-Ton erzählen sie von Liebe und Reisen, vom Studentenleben und von seinen Exzessen, vom Alltag und von der Stadt Lemberg, von ferner Geschichte und Momenten schmerzlicher Gegenwart – sinnlich, sentimental, sarkastisch, melancholisch.
Juri Andruchowytsch ist ein Virtuose aller Stillagen, gekonnt macht er Anleihen bei historisierenden Tableaus und Balladen, beim Rocksound und bei der schnoddrigen Bekenntnislitanei. Pfiffig setzt er manche Gedichttitel in Klammern oder wählt – wie in den Liedern für den toten Hahn – englische Überschriften, um kein Spiel mit Referenzen und Zitaten verlegen. Doch der (postmoderne) Ludismus gerät ihm nicht zur Masche. Durch alles hindurch behauptet sich ein lyrisches Ich mit unverwechselbarer Stimme, die besonders dort berührt, wo sie sich einem anderen zuwendet.
In „More Than A Cult“ liefert Andruchowytsch ein bestechend genaues, hoch evokatives Porträt seines polnischen Schriftstellerkollegen Andrzej Stasiuk, das mit den Zeilen endet:

Wir werden lange leben und schreiben, worüber wir können,
wobei Zweites nicht so wichtig wie das Erste ist.
Das heisst, nicht nur, sondern die Gelegenheit haben,
möglichst lange zu Fuss zu gehen, trampend klappernde Autos anzuhalten,
über Brot und Wein in halbverständlichen Sprachen zu verhandeln,
in verdächtigen Höhlen zu übernachten, auf Gipfel zu klettern,
sich in Dieselzügen und Bahnhofsställen mit allen Mitbürger-Zigeunern zu tummeln,
damit danach in den Träumen aufdringlich
irgendeine Ukraine, oder Rumänien, oder irgendein anderes Polen erscheint,
vernachlässigtes und endlos dreckiges Territorium,
ohne das man sich aber nicht vorstellen könnte, jemandem in der Welt von Nutzen zu sein.

Der Essayist lässt grüssen – durch das Medium der Poesie.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 8.12.2009

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zum Autor
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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Juri Andruchowytsch Werwolf Sutra-Präsentation mit Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor am 10.9.2013.

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