Karl Krolow: Ein Gedicht entsteht

Kann der Lyriker sein Gedicht kommentieren?

 

Krolow-Ein Gedicht entsteht

Zu den literarischen Moden der Gegenwart gehört das immer häufigere Vorkommen der Selbstinterpretation, besonders beim Lyriker. Dem Beobachter scheint die Neigung zur Selbstkommentierung mitunter schon zum Zwang oder doch zu einer bedenklichen Vorliebe und Sucht auszuarten. Das gilt nicht nur für unser Land. Der Hang scheint allgemein verbreitet. Vor allem in angelsächsischen Literaturen ist das seit geraumer Zeit erkennbar. Der Vorgang hat etwas Methodisches. Jedenfalls waltet alles andere als Zufälligkeit. Das Phänomen hat sich nicht überraschend herausgestellt. Es ist die Folgeerscheinung sich verändernder Einstellung, des anderen Verhältnisses zwischen Autor und literarischem Produkt. Und dieser Prozeß hat mit dem Beginn der literarischen Moderne ausgangs des 19. Jahrhunderts neue, ihn beschleunigende Kräfte zugeführt bekommen.
Die Meinung, jemand, der eine Erzählung, vor allem aber ein Gedicht geschrieben habe, könne darüber nichts mitteilen, es seien denn einige periphere, man möchte sagen anekdotische Züge, einige Belanglosigkeiten, herrscht weiterhin hartnäckig vor. Sie ist auch nicht unbegreiflich, denn die Dichter haben lange Zeit solche Meinung durch ihr Verhalten gegenüber ihren Hervorbringungen genährt. Sie tun das auch heute noch häufig – auf gewisse Einzelheiten des Produktionsprozesses, des Machens und der inneren und äußeren Umstände derartigen Machens angesprochen −, und es sind keineswegs die schlechteren unter ihnen. Die Befangenheit, der Krampf, das pure Unvermögen, die Tradition an Reaktion, die sich eingefressen hat und von der man sich nicht lösen kann oder will, verhindern immer wieder die Fähigkeit, sich über bestimmte Hergänge künstlerischer Konzeption klar zu werden oder doch wenigstens den Versuch zu unternehmen, zu dieser Klarheit beizutragen.
Auf solche Weise gerät das, was an einer Kunstleistung bewußt getan ist, in Mißkredit. Es wird verdunkelt oder verschwiegen zugunsten der sensoriellen Momente bei dieser Leistung. Das Darübernachdenken, wie ein Gedicht zustande komme, gilt weiterhin als fatal und für den Lyriker gesundheitsschädlich, je nachdem als Mangel an Phantasie oder Seriosität. Es ist bequem, sich zu entziehen, und bestätigt außerdem erwartete Hoffnung, die man in das Verhalten des Poeten setzte, dem man so gern Übereinkunft mit allen Einzelheiten seines Werkes zuspricht anstelle angemessener Distanz und kühlerer Temperierung gegenüber dem, was er produzierte. Solche Vorstellungen hängen natürlich mit Vorstellungen von Autor und Werk zusammen, wie sie sich vor allem im vergangenen Jahrhundert entwickelten, die allerdings seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bereits vorbereitet waren und im darauffolgenden ihre bürgerlichen Erweichungen, ihre liberalen Sanktionierungen erfuhren. Sie hängen auch mit dem Ansehen zusammen, das die Erscheinung des Dichters allgemeiner – ausgesprochener wie unausgesprochener – Anschauung nach genoß.
So geriet man allmählich in die unzutreffendsten Ansichten. Was bis ins ausgehende Barock noch selbstverständlich und also auch jederzeit diskutabel war, wurde zu einer Art Tabu. Der „inspirierte“ Dichter galt als der schweigende, das heißt Auskünfte verweigernde Dichter, obwohl die Poeten immer wieder sich gegen solche Auslegung ihrer Tätigkeit wehrten. (Schon Baudelaire mußte darauf hinweisen, daß die Orgie nicht die „Schwester der Inspiration“ sei. Denn dieser Inspiration konnte man alle dilettantischen, sentimentalen, bösartigen und gedankenlosen Intentionen unterschieben, die sich den Freunden und den Feinden der Literatur wie denen anboten, die sie betrieben.)
Die Spanne zwischen dem schweigenden Dichter und der natürlichen Selbstbestimmung eines Autors scheint groß zu ein. Sie bleibt es, weil inzwischen das „Schöpferische“ weiter im Spiel ist und sich an einigen Waghalsigkeiten poetischer Existenz, die zu allen Zeiten bestehen werden, mästet, ebenso an der Bequemlichkeit der Liebhaber wie am Verschrecktsein, an der Scheu oder an der Pose der „Praktiker“.
Das Natürliche an der Äußerung in eigener Sache und zu dieser ist – wie gesagt – das Faktum, daß sie durch jemanden vorgebracht wird, der Erfahrungen hat, der praktisch mitteilen kann, wie es zur Hervorbringung eines poetischen Textes, eines Gedichtes kam, und was dieses Gedicht „meinen“ oder nicht meinen könne, wie weit es überhaupt etwas mit Meinung zu tun habe, und so fort. Was dabei Zustande kommt, als Mitteilung, als Kommentar, als Postscriptum sozusagen, zeigt den Reiz besonderer Mischung: die Verbindung von höchst Subjektivem mit allgemein Zutreffendem. Selbstverständlich hat jede Äußerung über die eigene Tätigkeit Grenzen, läßt Trugschlüsse, Fehleinschätzungen erkennen. Sie ist unter Umständen preziös statt präzis, überheblich statt vorsichtig. Die Gelegenheit zum Hervorkehren aller schriftstellerischen Untugenden, aller Unleidlichkeiten, die Autorschaft in sich birgt, ist jedenfalls gegeben. Aber die Tatsache als solche: die Äußerung, die Stellungnahme ist schon – in ihrer Notwendigkeit – ein Gewinn. Denn mit der Auskunftsverweigerung – aus welchen Gründen immer unternommen – ist ein delikater Vorgang und ein rarer Gegenstand, ein Gedicht, vollends in Gefahr, als Geheimmittel empfunden zu werden, das sich Sensitive leisten, um gewissermaßen unter sich zu bleiben. Die vielen weißen Stellen, die nach wie vor zur Konzeption von Dichtung gehören und die auch eine gewissenhafte philologische Exegese nicht oder nur ungenügend – nachträglich – aufzuheben vermag, bringen diese Konzeption um ihr Ansehen: um jenes Ansehen, ein Akt des Zusammenschießens trainierter sensorieller und intellektueller Fähigkeiten zu sein.
Die verblasene Vorstellung vom Schöpferischen entwertet das geschilderte Phänomen, indem sie es sentimentalisiert. Sie hat Ähnlichkeiten mit einem Flüstern hinter der vorgehaltenen Hand, das es nicht wagt, die Stimme zu erheben und es vorzieht, sich in einem Zwielicht zu bewegen, das undurchdringlicher ist als die Tiefe der Nacht. Solchem Flüstern mag die Kommentierung eigener Arbeit als Pervertierung erscheinen. Aber der Kommentar ist für den Autor ein Beitrag zu einem Handwerk, das trotz aller Verlautbarung noch schwierig und haarsträubend genug bleibt und in der Tat die Möglichkeiten zum Widerruf, zum Versteckspiel mit sich selber, zur Paralysierung in sich trägt. Aber es sollte zum „alten Wagnis des Gedichts“ (Oskar Loerke) gehören, daß der Poet es wagt, über das Abenteuerliche seines Unterfangens nachzudenken und dieses Abenteuer sich nicht über den Kopf wachsen zu lassen und ein mehr oder minder „benommenes“ Verhältnis zu dem beizubehalten, was er betreibt. Diese Besinnung aufs eigene Gedicht muß nicht gleich mit einer Behendigkeit, die sich alles anverwandelt, um, es weiterzugeben, verwechselt werden, die ohnehin nicht zum poetischen Metier gehören kann, weil ein Lyriker, der dabei ist, sich zu profilieren, dies nur mit Geduld, Standfestigkeit und der Kühnheit der Gelassenheit gegenüber möglichen Behinderungen fertigbringt. Die Beobachtung der eigenen Arbeit ist weder ein ästhetischer Teeschwatz (der ohnehin längst ausgestorben ist) noch Exhibitionismus, vielmehr der redliche Versuch, hinter einige Umstände zu kommen, unter denen sich bei ihm ein literarischer Text herstellen läßt.
Wer vom Augenblick der Konzeption eines Gedichtes den Vorgang vor Augen behält, sollte auch angesichts des zustande gekommenen Textes, keine Hemmungen haben, ihn in seiner Herkunft, in seiner kleinen persönlichen Geschichte, die er hat, zu entwickeln, das heißt, an die Kommentierung des Gebildes zu gehen. Er hat von vornherein den genealogischen Prozeß erinnernd zur Verfügung und und nun die Interpretation so weit treiben, so weit sie sich überhaupt erschließen läßt. – Wir haben für diese Art des Vorgehens unter zeitgenössischen Lyrikern zahlreiche Beispiele, darunter einige hervorragende wie Enzensbergers Die Entstehung eines Gedichts, Wilhelm Lehmanns inzwischen klassisch gewordene Selbstauslegung gleichen Titels Entstehung eines Gedichts. Es handelt sich um die Wiedergabe der Umstände der Entstehung des Gedichts „Früchte“ aus seinem Band Entzückter Staub. Lehmann stellt seinen Äußerungen ein Jean-Paul-Zitat voran (das zugleich in Stichwort für Auseinandersetzung mit seiner Arbeit gibt). Die Namen anderer Autoren wären zu nennen, etwa Wolfgang Weyrauchs minuziöse Rekonstruktion seines Gedichtes „Atom und Aloe“, der er den zur Berühmtheit gelangten Titel „Mein Gedicht ist mein Messer“ gab. Ich denke auch an die wichtigen Auslassungen eines lyrischen Methodikers wie Helmut Heißenbüttel die er „Voraussetzungen“ nennt. Von Klaus Bremer bis Poethen und Piontek, von Herbert Heckmann („Zur Biographie eines Gedichts“) bis Günter Grass kann man nachlesen, was an Beurkundungen zu einem aufregenden Thema zusammengetragen wurde.
Was bei alledem festgehalten wurde, ist kein literarischer Kanon, auf den es auch nicht ankommt. Es sind aber nicht lediglich Aspekte, bestimmt begrenzte Blickpunkte, die wiedergegeben sind. Über den individuellen Ansatz hinaus, spürt man die gemeinsame Anstrengung, die dem Gedicht als Gedicht zugute kommt, es aus manchem Versteck, manchem Schmollwinkel, manchem dunklen Dickicht an ein Licht zu holen, unter dem es bestehen soll, ohne etwas von seinem eigentümlichen Leben, von seinem empfindlichen Dasein aufgeben zu müssen. Wie sehr es Sensibilitätsprodukt ist und bleiben wird, mögen gerade Deutungsversuche jüngster Vergangenheit dem Liebhaber des Gedichts gezeigt haben; die es nicht mit hurtigen Formulierungen bewenden ließen, sondern so exakt und so behutsam, so unmißverständlich und so diskret, wie es angeht, dem Leser Beiträge zur Phänomenologie des Gedichts unserer (und jeder) Zeit lieferten. Dieses Gedicht ist dabei nirgends zu Schaden gekommen. Es hat nicht nur nichts von seiner hinlänglichen verbalen Schönheit eingebüßt, sondern solche Schönheit ist durch die Beschäftigung mit ihrer Physiognomie bestätigt worden. Sie bleibt nicht nur dadurch unantastbar, daß man sie in Zauberwolken hüllt. Ihre Unverkehrbarkeit stellt sich gerade bei eindringlicher Erforschung heraus. Sie braucht sich nicht zu entziehen. Sie hält stand wie das Gesicht eines Menschen, wenn es Bedeutung hat, seiner Erforschung standhält.

Karl Krolow hat in diesem Band

Aufsätze zusammengestellt, die Einblick gewähren in seine literarische Werkstatt. In didaktischer Absicht werden so Hinweise gegeben, wie heute Gedichte entstehen und wie sie zu verstehen sind. Eigeninterpretationen werden dabei durch Analysen von Germanisten und Lehrern ergänzt. Auf diese Weise enthält das Buch Materialien zu einem Selbstporträt, in denen Karl Krolow seine ästhetische Herkunft und Position bestimmt (z.B. in „Literarische Vorbilder“ und „Oskar Loerke – mein Modell?“) und die auf die literarischen Entwicklungen und Möglichkeiten der jüngsten Zeit eingehen (z.B. in „Zum Problem des langen und kurzen Gedichts“ und „Die wiedergewonnene Wahrnehmung im Gedicht)

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1973

Beitrag zum 75. Geburtstag des Autors:

Joachim Kaiser: Einzigartiger lyrischer Zeitzeuge.
Süddeutsche Zeitung, 10./11.3.1990

Beiträge zum 80. Geburtstag des Autors:

Kurt Drawert: Das achte Leben der Katze.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.3.1995

Curt Hohoff: Schlechtes vom Menschen, nichts Neues also.
Die Welt, 11.3.1995

Fakten und Vermutungen zum Autor
Nachrufe: Der FreitagDer SpiegelDer Tagesspiegel / Die Welt

Michael Braun: Die Defäkation Dasein.
Frankfurter Rundschau, 23.6.1999

Harald Hartung: Algebra der reifen Früchte.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1999

Charitas Jenny-Ebeling: Dichter der Abschiede.
Neue Zürcher Zeitung, 23.6.1999

Kurt Oesterle: Aufzuschreiben, daß ich lebe.
Süddeutsche Zeitung, 23.6.1999



Naheliegendes:

  1. Hans Bender & Michael Krüger (Hrsg.): Was alles hat Platz in einem Gedicht?

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