Karl Krolow: Gesammelte Gedichte 2

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Karl Krolow: Gesammelte Gedichte 2

Krolow-Gesammelte Gedichte 2

DAS HINDERNIS DES LEBENS

Das Hindernis des Lebens −
eine beiläufige Notiz Kants.
Man muß auch heute noch
mit bürgerlicher Melancholie rechnen.
In die Nähe von Gärten
gehört der Augenblick der Phantasie:
ein Tulpenbeet, eine Terrasse
mit Mandelbäumen,
während Handlungshemmung
sich fortsetzt.
Schmerz und Gegenschmerz −
mein Herz habe ich allein,
schreibt Werther, wie man
seine konstitutionelle Depression
behält oder
der Einbruch der Nacht
eine Aufhebung von Ordnung
bewirkt.

 

 

 

Inhalt

Die Gesammelten Gedichte 2 wurden zu Karl Krolows sechzigstem Geburtstag vorgelegt. Der Band faßt die Gedichte der Jahre 1965 bis 1974 zusammen – das Veröffentlichte und das neu Entstandene – und schließt sich so an Band 1 der Gesammelten Gedichte an, die 1965 erschienen. Diese Kontinuität der Publikation fügt sich Karl Krolows kontinuierlicher Arbeit.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Die Wandlungen Karl Krolows

1965 erschien der erste Band von Karl Krolows Gesammelten Gedichten. Die Kritik nutzte damals diese umfangreiche Auswahl zu einer ausführlichen Analyse des Stilwechsels. Übereinstimmend stellte man eine zunehmende Intellektualität und wachsende Artistik sowie eine rasche und äußerst sensible Wandlungsfähigkeit fest. Allgemein wurden drei Hauptphasen beobachtet: Man trennte eine bis ca. 1948 reichende naturlyrische Strömung von einem „barocken“ Abschnitt, der unter dem Eindruck der absoluten Metapher der Surrealisten steht. Für die späten fünfziger Jahre konstatierte man eine Dämpfung von Stoff und Bild und eine „erfinderische Lust an allerlei Methoden der Geometrisierung, der Mechanisierung und Verkünstlichung der irdischen Erscheinungen“ (Holthusen).
Der im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte zweite Band der Gesammelten Gedichte bietet Anlaß, eventuelle neue Wandlungen in der Entwicklung Krolows festzustellen und zu kommentieren. Die Sammlung umfaßt Gedichte von 1962 bis 1974. Die rund 350 Texte, von denen ca. 60 bislang in Buchform unveröffentlicht waren, stammen somit aus einem Zeitraum, in welchem die lyrische Gattung abgewertet und das abstrakte Gedicht der Nachkriegsära als elitäre „Chinoiserie“ (Höllerer) einer heftigen Kritik unterzogen wurde. Der Band dokumentiert, daß Krolow zunächst seine gemäßigt surrealistische Lyrik fortsetzt; 1967/68, auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen, zeichnet sich ein Wechsel ab. Die Gedichte werden alltäglicher, die zierlichen Bilder und erlesenen Details sind aufgegeben.
Repräsentativ für die Entwicklung bis 1967 ist ein Gedicht wie „September“

September lehrt
den Wind das Vögelfangen.
Mit
fliegendem Haar
trägt ersie südwärts,
während über Tischen
Apfelmost verdunstet.

Behutsame Energie
macht keine Umstände
beim Ernten von Früchten
und Augenpaaren.

In der Ferne
strohblumenleichte Stimmen
streiten mit dem Horizont.

Geometerziehen Linien
durch die erfrischte Luft.

Die Verben (lehren, davontragen, verdunsten, streiten, ziehen) verleihen dem kleinen Gedicht einen ruhelosen Charakter. Trotz der Schnittbildtechnik kommt keine Umrißschärfe der Details auf, da Krolow – im Unterschied zu William Carlos Williams – die Dinge nicht für sich stehen läßt, sondern miteinander verwebt. Die beiden Personifikationen am Eingang sind noch dem Dekor der älteren Idyllendichtung verpflichtet; die dicht nebeneinander aufgerufenen Früchte und Augenpaare und die am Horizont streitenden Stimmen erweitern das Gedicht um eine surreale Komponente.
Die Verwischung des räumlichen Nebeneinanders findet in der Eleganz der Wortwahl ihre Entsprechung. Krolow arbeitet z.B. nicht nur mit der optisch eindrucksvollen Silhouette der Geometer, er versucht auch, den Wortklang für das Septemberliche aufzuschließen. „Geometer“ assoziiert den Eindruck des Kühlen, Klaren, Künstlichen, der durch die Evokation der „erfrischten Luft“ noch zusätzlich verstärkt wird. Solche kühlen Epiphanien sind überaus häufig; sie markieren die Gegenwelt zur irdischen Schwermut und Trauer. Es geht Krolow dabei nicht mehr um die metaphysisch motivierte möglichst genaue Wiedergabe der sinnlichen Eindrücke, wie den Naturmagikern, noch um die psychologische Tiefenperspektive, das Hervorheben des „inneren Abgrunds“, wie den Surrealisten, sondern um den gesuchten, überraschenden Effekt. Literatur ist für ihn „ein einziger Spielraum“ und – mit Holthusen – „ein poetisches Kaleidoskop“, das sich bei jeder Drehung zu neuen phantastischen Figuren umgruppiert. Dennoch zeichnet sich ein Gedicht wie „September“ bereits durch eine gewisse Mäßigung aus: Die früher bevorzugten scharfsinnigen und witzigen Concetti (Herbstlaub = „Feuersnot eines Blätterhauses“) und die Entlegenheitsmetaphorik („Licht raschelt im Spalier – eine exotische Schlange“) sind nahezu ganz ausgemerzt. Von einem „freien, ja schrankenlosen Aufeinanderbeziehen aller Details“ kann keine Rede mehr sein. Das Spielerische ist stets sachbezogen; die Jahreszeit bietet den konkret vorstellbaren Rahmen, in dem sich die Einzelheiten trickhaft aufeinander zu bewegen können.
Zu dieser graziösen Vexierpoesie gehört ein spielerischer Umgang mit literarischen Vorbildern. In der Wind-Personifikation des Septembergedichts blitzt noch einmal die Naturlyrik Lehmanns auf, bei dem der Südwind als Verführer erscheint, der die Herbstblätter auf seinem Arm davonträgt; die letzten beiden Zeilen erinnern an die „mathematische Mystik“ Guilléns und an seine Technik, durch Begriffe wie „linea“, „circulo“, „redondo“ und „geometría“ Konturen, Formen und Farben von den Körpern der Dinge zu abstrahieren. Artur Rümmler hat kürzlich umfassend die Metaphorik Krolows von 1942 bis 1962 analysiert (Bern/Frankfurt 1972) und zahlreiche Identitäten in Wortwahl und Bildlichkeit mit der deutschen Naturlyrik sowie dem spanischen und französischen Surrealismus nachgewiesen. Es handelt sich bei diesen von Rümmler entdeckten Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten keineswegs um Plagiate, da die Literatur für Krolow stets überindividuelles Spielmaterial darstellt, das neu kombiniert und zu „Objekten intellektuellen Vergnügens“ arrangiert werden kann. Der Autor des von Krolow bevorzugten Gedichttyps tritt nicht als Priestermagier auf, sondern als „maître de plaisir“. Solche immer wieder vorgebrachten Charakteristiken werden häufig übersehen. Eine Identifizierung seiner Lyrik mit der hermetischen Poesie Celans und Eichs muß daher stets zu falschen Ergebnissen kommen.
Eher fällt eine Affinität zur Literatur des 18. Jahrhunderts auf, mit der von Krolow wiederholt gerühmten „Grazie, Rationalität, Helligkeit und Bewußtseinsverfeinerung“. Die Neigung des Lyrikers zum Kleinen, Leichten und Antipathetischen und die Dämpfung der surrealistischen Stilbewegung zum Gefälligen und Graziös-Erotischen rückt ihn in eine Wahlverwandtschaft zur galanten Poesie des Rokoko, die sich ebenfalls in der kultivierten „Nachahmung“ gefiel und die lediglich „kleine“ und „bescheidene“ Lieder hervorbringen wollte. Das Sanfte und Muntere steht dabei oft in Beziehung zu einer negativen Welterfahrung, die bewußt ausgeklammert wird. „Von Waffen und von Haß umgeben, / Sang ich von Zärtlichkeit und Ruh“, schreibt Weiße. Bei Lessing, der die erste Sammlung seiner Lieder mit einem Hinweis auf Catull „Kleinigkeiten“ nennt, finden wir wie bei Gleim und Jacobi die Neigung zur „kleinen Manier“ und den Widerwillen gegen alles Pathetische. Jacobi hebt das spielende, mühelose Produzieren hervor, er nennt sich den „kleinen Sänger kleiner Lieder“ und preist die „kleinen Sylben […] leicht und ungezwungen“.
Verwandte Formulierungen finden wir bei Krolow. Er spricht sich für das Überschaubare in der Literatur aus, für „alltägliche Vorgänge, Kleinigkeiten, etwas, das unbemerkt verläuft, gleichwohl da ist […]. Die großen Ideen, die eine Epoche bestimmten und mitunter verheerten, waren mir als Themenkreis nicht geheuer.“ Zahlreiche Epitheta, mit denen er in seinen Essays und Kritiken der fünfziger und frühen sechziger Jahre das gelungene Gedicht charakterisiert, könnten auch zur Kennzeichnung der galanten Poesie herangezogen werden. Ein Gedicht soll „zierlich“, „zart“, „liquid“, „graziös“, „intim“, „leicht“ sein, ferner „vergnügt“, „keck“, „spielerisch“, „schmal“, „federnd“, „bündig“, „luftig“, „leuchtend“, „kurz“, „diskret“ und „durchlässig“. Der für die galante Lyrik in Frankreich gebräuchliche Terminus „vers de société“ („Gesellschaftslyrik“) als Antithese zur Erlebnisdichtung erhellt auch Krolows Gedichttyp. Der witzige Einfall („belle esprit“), das schön arrangierte Naturgedicht, die sanfte Ironie sind darauf aus, das Publikum nicht zu verletzen, sondern seinen Geschmackserwartungen möglichst zu entsprechen. („Mit scharfem Stachel sticht das Bienchen und der Igel, ich aber steche nicht mit meinem Sinngedicht“ – Gleim.)
Eine solche Dichtung braucht einen gesellschaftlichen Rahmen; der Rokokolyriker entwirft seine Arbeiten zielgerichtet für Almanache, Taschenbücher, Blumenlesen, Zeitungen. Ähnlich verhält es sich bei Krolow. Zahlreiche seiner Texte sind aus einem bestimmten jahreszeitlichen Anlaß heraus geschrieben und in Anthologien, Zeitschriften, vor allem jedoch in der Tagespresse zuerst publiziert worden. Das Gedicht „September“ erschien z.B. am 5.9.1964 in der Gießener Freien Presse. Die Übereinstimmung des Gedichtgegenstandes mit dem Veröffentlichungsdatum ist beabsichtigt: Krolow hat, wie die Bibliographie von Rolf Paulus (Frankfurt 1972) zeigt, mehr als fünfhundert solcher Zeitungsgedichte geschrieben, nicht alle sind in die Bände aufgenommen worden. Allein bis 1945 druckt die Presse ca. 50 Gedichte mit zumeist landschaftlicher bzw. jahreszeitlicher Thematik. Erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nimmt die Produktion dieser Texte ab.

In Zusammenhang mit der veränderten Bewußtseinslage in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre setzt bei Krolow abermals eine thematische und stilistische Neuorientierung ein. Er entwickelt nun einen Empirismus des Körpers. „Ich versuche, / mich zu vergewissern, / daß ich vorkomme“, heißt es in dem programmatischen Gedicht „Sich vergewisseren“ aus dem Jahr 1967. Polemisiert der Lyriker noch 1962 gegen den „Individualballast“ und gegen eine „Umschlingung von Pathos und Dunkel, Schwermut und Vereinzelung“, ist jetzt ein gewisses Eingehen auf private Erfahrungen und innere Konflikte festzustellen. In zunehmendem Maß wird die „intellektuelle Heiterkeit“ mit Resignation, Verdruß und einer zuweilen „aggressiven Melancholie“ vertauscht. Deutlich wendet sich Krolow gegen die Phantastik („früher ein Mittel, nicht gesehen zu werden“) und spricht demgegenüber von „subjektivem Empfinden / von Schmerz in der linken Körperhälfte“, von der „Nähe des Todes“ und dem „wirklichen Leben“.
Selten noch erscheint die „schön belichtete Landschaft“, öfter die vernutzte und verdorbene Umwelt voll „einförmiger Häuser / unter einem Himmel mit lauter / chemischen Flecken“. Krolow distanziert sich von der Bukolik („Das Haus, in dem ich lebe) / wird kälter. / Ich gebe es auf, / die Jahreszeit zu beschreiben“) und scheut sich nicht, von der Sexualität zu reden („Auf und nieder, sein Körper, / sein Bauch, sein / Glied in ihrem Bauch“). Auch als Vokabel hält das Ich einen vehementen Einzug. In den sechsundvierzig Gedichten des Bandes Landschaften für mich (1966) ist es lediglich viermal vertreten; in den neunundfünfzig neuen, noch in keiner Sammlung aufgenommenen Texten von 1972/74 kommt das Wort sechsundvierzigmal vor.
Nicht nur die scharfsinnige Metapher und die graziöse Personifikation sind zurückgedrängt, überhaupt alles Zärtlich-Doppelbödige, zuweilen herrscht ein räsonierender, geradezu trockener Ton. Krolow gibt die Gliederung in Strophen auf; der schon früher in seine Lyrik eingezogene Prosageist verstärkt sich. Die Sprache wird zeitgemäß salopp, genau berechnete umgangssprachliche Partikeln („wie sonst“, „Hitze wie üblich“, „so so, hier bin ich“) und Amerikanismen („beautiful“, „sweet and lovely“) führen zu einer noch weitergehenden Auflösung des Poetischen:

Mach’ noch einmal
den Mund auf, ehe
etwas dazwischen kommt
und jemand zuschlägt. Dann
ist es zu spät. Gewöhnlich
hat man genug. Aber noch
ist es nicht so weit,
shut up und so, noch
nicht, du kannst wirklich den Mundauftun.
Ein einfaches Lied
hat etwas Offenes
wie ein Fenster,
das auf irgend etwas
sehen läßt, an das man
sich schnellgewöhnt.
(„Einfaches Lied“)

Krolows neue Gedichte kommen mit wenigen Wörtern aus, sie verzichten fast ganz auf Metaphern und poetische Detailausschnitte; in „Einfaches Lied“ erinnert lediglich ein Wie-Vergleich an die frühere Schmucktechnik. Die häufigen Zeilenbrechungen folgen weder einer rhythmischen noch syntaktischen Notwendigkeit, sie zerteilen die wenigen Prosasätze in kleinste Energiepartikeln und betonen damit das Mechanische eines Bewegungsablaufs. In Zusammenhang damit steht – analog zur Umgangssprache – eine Bevorzugung von Abstrakta und eine Reduktion auf gewisse Grundphänomene des Lebens wie gehen, berühren, singen, lieben und sterben. Eine solche physische Dimension der Sprache variiert u.a. Ergebnisse der Lyrik Robert Creelys, dessen Gedicht „Enough“ Krolows „Einfaches Lied“ beeinflußt haben mag und das in der 1967 erschienenen deutschen Übersetzung von Klaus Reichert lautet:

Eins
ums andre
kommt

die form. Ein
ding folgt
einem andern. Eins

und eins,
und eins. Mach
ein bild

für diewelt
die kommt. So
wird es kommen.

Es handelt sich bei Krolows Neuorientierung – ähnlich wie bei der naturlyrischen, surrealistischen und poetisch-dadaistischen Phase – wiederum um einen überindividuellen Stilwechsel. Seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre propagiert vor allem die junge deutsche Lyrik, soweit sie sich von der konkreten Poesie und dem politischen Gedicht abzusetzen versucht, unter dem Eindruck von William Carlos Williams, Robert Creely und der amerikanischen Pop Art eine neue Unmittelbarkeit. („Man muß vergessen, daß es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen“, Rolf Dieter Brinkmann.) Man bevorzugt einen durch Klarheit gekennzeichneten Stil, eine an der gesprochenen Sprache orientierte, sich in ständiger Bewegung haltende Diktion, die sofort verständlich ist und auf bewußte oder unbewußte Verrätselung und Verdunkelung verzichtet. Was nicht natürlich ist und nicht mit der Empirie übereinstimmt, wird verworfen. 1967, im selben Jahr, in dem Krolow seinen Text „Sich vergewissern“ konzipiert, schreibt Handke seine „Neuen Erfahrungen“, mit denen er die neodadaistische Collagetechnik überwindet und körperliche Grunderfahrungen wie Scham und Todesangst in seine Dichtung integriert. Ebenfalls 1967 veröffentlicht Brinkmann seinen Band Was fraglich ist wofür mit dem zentralen antisurrealistischen Gedicht „Einfaches Bild“, Nicolas Born publiziert seine Sammlung Marktlage und Jürgen Becker schreibt seine ersten „privaten“ Gedichte („Momente“, „Gedicht aus Köln“). An diesem 1967/68 einsetzenden Empirismus mit seiner fluktuierenden Sinnlichkeit hat Krolow somit produktiven Anteil, zumal der von den Amerikanern geforderte Verzicht auf Psychologie und Bedeutung zugunsten des Augenblicks und des „Glücklichseins im Zentrum der Dinge“ (Frank O’Hara) seiner Grundkonstellation entspricht.
Von den exzessiven Tendenzen des „Neuen Realismus“ mit seinen langen Gedichten und den wuchernden Trivialstoffen grenzt er sich allerdings ab. Auf die krasse Schreibart und die ungehemmte Stoffülle reagiert er mit „Entfernung, Distanz“ und mit „ironischer Fixierung“. Es geht ihm darum, den niederen Stil und die alltäglichen Materialien in einer ähnlich proportionierten Weise auszubalancieren wie seinerzeit die surrealistischen Traumbilder. In einer Selbstinterpretation des Gedichts „Sich vergewissern“ schreibt Krolow:

Einiges ist unverändert geblieben: Das Momentane, das Widerrufbare, das gern im Erscheinen und eine Art Furcht, zuviel Aufhebens von diesem Erscheinenzu machen. Es ist nichts von einem In-Szene-Setzen zu erkennen.

Es wäre in der Tat verfehlt, Krolows neue Gedichte als Bekenntnisse oder Ich-Protokolle zu verstehen. Das Spielerische und Anonyme, das Interesse an „Schönheit, Proportion“ sind nach wie vor dominant. Nur, daß die Mechanik eine körperliche geworden ist und daß sich die Melancholie, die einst die heiteren Schwebebildchen hervorbrachte, zuweilen unmittelbarer ausspricht.

Hans-Dieter Schäfer, Neue Rundschau, Heft 2, 1975

Lyrik des Ausgleichs

„Ohne die Wirkungen, die von Karl Krolows Dichtung ausgehen, ist die deutsche Poesie seit 1945 nicht mehr zu denken.“
Diese Feststellung von Walter Helmut Fritz, die 1965 im Klappentext des Bandes Gesammelte Gedichte von Krolow zitiert wurde, ist heute noch immer richtig. Die Wirkungen Krolows sind vielfältiger Art: nicht nur hat er mit seiner Lyrik eine ganze Reihe jüngerer Dichter wenigstens eine zeitlang nachhaltig beeinflußt; auch als Übersetzer, Interpret, Essayist und Rezensent hat er immer wieder Interesse und Verständnis für Dichtung zu wecken gewußt – weniger als streitbarer Kritiker, mehr als Vermittler, auf Verständigung, Ausgleich und Balance bedacht.
Wie nur wenige zeitgenössische Schriftsteller ist Karl Krolow der Lyrik treu geblieben. Von den Diskussionen und Polemiken der letzten .Jahre, die das gesamte Genre Lyrik als gesellschaftlich irrelevanten spätbürgerlichen Plunder wegfegen wollten, hat er sich nicht beeindrucken und kaum irritieren lassen. Das beweist unter anderem der soeben erschienene zweite Band der Gesammelten Gedichte, der an den vor zehn Jahren erschienenen Band 1 anschließt und den der Suhrkamp Verlag pünktlich zu Krolows 60. Geburtstag vorlegte.
Noch immer fällt, wenn der Name Krolow genannt wird, das Stichwort „Naturlyrik“. Doch inzwischen hat sich der Autor weit entfernt von den Anfängen, die noch im Bann der naturmagischen Dichtung standen. Seit den 50er Jahren bereits nahmen die romanischen Einflüsse zu; die Gedichte der französischen und spanischen Surrealisten wurden zur Stimulans seiner Poesie, in der er Naturlyrik und Surrealismus zu verschmelzen suchte.
Inzwischen hat er längst seinen eigenen Ton gefunden, hat sich von der liedhaften und gebundenen Form wie auch von der spezifisch surrealistischen Metaphorik gelöst. Sein Ideal ist nicht das starre, statische Kunstwerk; er plädiert für das offene, durchlässige Gedicht, für lyrische Gebilde, die untereinander korrespondieren, weiterschwingen. Wichtiger als die Perfektion des einzelnen Textes ist ihm die lyrische Summe einer Kollektion von Texten. Damit wird es wohl auch zusammenhängen, daß selbst der Lyrikkenner nicht – wie etwa bei Celan, Bachmann oder Eich – ganz bestimmte Gedichte Krolows in Erinnerung behält, sondern Eindrücke, die nach der Lektüre eines Gedichtbuches zurückbleiben.
Karl Krolow schreibt, vergleicht man ihn mit anderen dichtenden Zeitgenossen, viel und, wie es scheint, mit leichter Hand, ohne Anstrengung. Er meißelt seine Worte nicht, die Sprache steht ihm zur Verfügung für seine nicht-hermetischen, luftigen Verse, denen schwebende Leichtigkeit, Eleganz und Grazie nachgerühmt wird.
Der jetzt vorliegende zweite Band der Gesammelten Gedichte Krolows enthält überwiegend bereits veröffentlichte Texte aus den im letzten Jahrzehnt erschienenen Büchern Landschaften für mich, Alltägliche Gedichte, Nichts weiter als Leben und Zeitvergehen. Der letzte Teil des Buches bringt einige neue, bislang noch ungedruckte Gedichte.
Als „Surrealismen des Alltags“ hatte Peter Rühmkorf Krolows Lyrik schon 1962 charakterisiert, und diese Kennzeichnung trifft heute vielleicht noch stärker zu als damals. Diesen Poeten, dessen Zentralbegriff „Sensibilität“ heißt, inspiriert Konkretes, ihm reicht bereits – wie es in dem Gedicht „Sinn der Dinge“ heißt – ein „minimaler Reiz der Wahrnehmung“. Irrealiät wird erzielt, indem die Details der Alltagswelt in eine neue, ungewohnte Anordnung gesetzt werden; die Realität wird auf diese Weise transparent für Unwirkliches, auch für Bedrohliches.
Wie im Spätwerk Günter Eichs, so läßt sich auch in der neueren Lyrik Krolows eine Tendenz zum Skurrilen, Komischen, Saloppen beobachten, eine Scheu vor auftrumpfender Bedeutungsschwere.
Während Eich jedoch zuletzt immer einsilbiger, verschlossener und lakonischer wurde, ist das Krolowsche Gedicht offen und flexibel geblieben: offen für Alltägliches, Banales, für Subjektives und Privates, offen aber auch in der Form. Da gibt es keine Formanstrengung bis an die Grenze des Verstummens und Zerbrechens (wie bei Celan etwa), keinen unwirschen Rückzug in mürrische Monologe (wie gelegentlich bei Eich). Auch als Poet ist Krolow ein Mann des Ausgleichs, und in einer Selbstcharakteristik hat er, im Blick auf seine jüngste Lyrik, treffend von einem „formalen understatement“ gesprochen, das gelegentlich „bis zur Vernachlässigung von Form getrieben wird“.
Sind Krolows Gedichte auch nicht frei von Dunkelheit und Melancholie, so versteckt sich der Ernst doch gern in intellektueller Heiterkeit. Einen Mann „mit Singvögeln unter seinem Hut“ hat Krolow den Dichter einmal genannt, einen „heiteren Zauberer“.

Jürgen P. Wallmann, die horen, Heft 104, 4. Quartal 1976

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Hans Bender: An irgendeinem banalen Mittwoch
Süddeutsche Zeitung, 3./4.5.1975

Hans-Jürgen Heise: Sensibles und Triviales versöhnen
Universitas, Heft 8, 1975

Michael Hamburger: Everyday experiences
The Times Literary Supplement, 5.9.1975

 

MOMENT POÉTIQUE
Für Karl Krolow

Mit Bildern nicht zu sagen –,
fern, ach so traubenkühl,
nah: Dächer, Brücken ragen
schwarz aus Olivenpfühl…

Welch Zittern, welch Errichten
von Zelten im Samun –,
ein Vers dann, ein Vernichten
–: Verbirg es, schweige nun –

Alexander Xaver Gwerder

 

Lesung Karl Krolow aus dem Vorrat seiner literarischen Arbeiten und neue Gedichte am 29.1.1992 im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Peter Jokostra: Wenn die Schwermut Fortschritte macht. Zum 65. Geburtstag
Die Welt, 11. 3. 1980

Walter Helmut Fritz: Großer Weg zur Einfachheit. Zum 65. Geburtstag
Stuttgarter Zeitung, 11. 3. 1980

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Joachim Kaiser: Einzigartiger lyrischer Zeitzeuge
Süddeutsche Zeitung, 10./11.3.1990

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Kurt Drawert: Das achte Leben der Katze
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.3.1995

Curt Hohoff: Schlechtes vom Menschen, nichts Neues also
Die Welt, 11.3.1995

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Oliver Bentz: Lyrik, luft- und lichtdurchlässig
Wiener Zeitung, 8.3.2015

Fritz Deppert: Karl Krolow: Der Wortmusiker von der Rosenhöhe
Echo, 9.3.2015

Christian Lindner: Gedichte aus der frühen Bundesrepublik
Deutschlandfunk, 11.3.2015

Alexandru Bulucz: Immortellen, Nebel“
faustkultur.de, 11.3.2015

Peter Mohr: Allianz von Wort und Wahrheit
titel-kulturmagazin.net, 11.3.2015

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG + ÖM + IMDb
Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie
Nachrufe auf Karl Krolow: Der Freitag ✝ Der Spiegel ✝ Die Welt ✝
Der Tagesspiegel

Michael Braun: Die Defäkation Dasein
Frankfurter Rundschau, 23.6.1999

Harald Hartung: Algebra der reifen Früchte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1999

Charitas Jenny-Ebeling: Dichter der Abschiede
Neue Zürcher Zeitung, 23.6.1999

Kurt Oesterle: Aufzuschreiben, daß ich lebe
Süddeutsche Zeitung, 23.6.1999

 

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Krolowandel“.

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