Karl Mickel: Zu Thomas Rosenlöchers Gedicht „Des Kreischens Brumbass“

Im Kern

Im Kern

– Zu Thomas Rosenlöchers Gedicht „Des Kreischens Brumbass“ aus Thomas Rosenlöcher: Schneebier. –

 

 

 

 

 

THOMAS ROSENLÖCHER

Des Kreischens Brumbass

Das Fest war ziemlich müde, komm
mach mich mal lustig, sagte sie
und küßte mich, mir fehlte fast die Zunge.
Da schlichen wir, sternkalt der Januar,
hinaus und eins hielt sich am andern
im Gehen fest. Mein Gott, sind wir denn Tiere,
dachte ich noch und lehnte sie ans Haus,
darin des Kreischens Brummbaß stetig klopfte.
Doch sie sprach los. Ich konnte kaum die Menge
der Schnüren, Bänder ihres Leibchens lösen,
doch als ich da war, war es da ganz warm,
daß wir momentlang flüsternd schwiegen
und nur des Kreischens Brummbaß weiterklopfte.
Mehr weiß ich nicht. Ich glaube, daß ein Mensch
auf finstrem Steig vorüberhastete.
Die Straßenbahn mit aufgesteckten Lichtern
rasselte plötzlich mitten durch uns durch,
daß heller Tag war in der dunklen Nacht,
und endlich auch des Kreischens Brummbaß schwieg.
So standen wir noch etwas beieinander,
eh sie erneut mit wem davonschlich, dem,
mach mich mal lustig, fast die Zunge fehlte.

 

Das sächsische Naturell

Der Dialekt ist in deutscher Hochliteratur immer anwesend, gerade weil eben sie keine Mundartdichtung ist. Denn Mundartdichtung vermummt ein Äußerliches lokalsprachlich; die Eigenheiten des Dialekts braucht sie als Hülle, idiomatische Wendungen und phonetisch notiertes Klangbild biedern schulterklopferisch sich an. Wohingegen Hochliteratur das örtlich Beschränkte abstreift, aus der Engnis ausbricht und die je besondere Mentalität und Tradition dem umfassenden geistigen Austausch gesellt. Schiller ist und bleibt Schwabe, Kleist Märker; beider Dichter Sprachcharaktere sind, obwohl sie innerhalb der Nationalsprache einander verstehen, prägnant geschieden. Dies schließt ein, daß der Ludwigshafener Ernst Bloch den weit nördlicheren Kleist bewundernswürdig, also adäquat, spricht; der Philosoph, ein Polterer wie der Dichter, erkennt die Satzperioden seines Kollegen Kant in der Syntax des Poeten. So verstanden, ist Thomas Rosenlöcher ein sächsischer, ein Dresdner Dichter.
Die Fabel des Gedichts ist simpel: Der Mann trifft auf der Tanzdiele mit einer echten Nymphomanin zusammen. Der Einheimische wird den Ort mühelos identifizieren: das Volkshaus Laubegast. Das beglaubigt den Vorgang, hindert aber keinen unkundigen Auswärtigen am Verstehen. Das Besondere der Verse entspringt der Art und Weise, wie der Mann reagiert:

Mein Gott, sind wir denn Tiere.

Er spricht kein abfälliges Urteil, denn er vollzieht sofort angeregt den Akt. Auch hernach, da sie zum nächsten eilt, entrüstet er sich nicht. Beide Male ist die Reaktion ein erkennendes Kopfschütteln, eine verwunderte Gewißheit, daß es, das Naturereignis, tatsächlich ist, wie es ist. Ja is denn das de Meechlichkeet (ohne Ausrufezeichen), pflegt der Sachse zu sagen, wenn er kapiert hat, daß ein Wirkliches unweigerlich auch möglich gewesen sein muß. Art und Weise der Reaktion entdecken uns musterhaft die klassisch-sächsische Gemütsart und Denkweise; kein Be-, also Zerreden will dem Leser eine sogenannte Aussage beibiegen: poetisch rein birgt und entwickelt die blanke Mitteilung ihren melancholisch-komischen Kern. Gegenstand des Gedichts ist das sächsische Naturell; eben drum entwächst es dem mundartlichen Vortrag, den es aber, wie ein Schillertext, gut verträgt.
Worüber schüttelt der Dresdner erkennend den Kopf? Das selbstverständlich-rabiate weibliche Ansinnen (im aktuellen, präzis-vulgären Sprachbrauch: Anhauen; nicht Anmachen) signalisiert eine verkehrte Welt. So herum funktioniert der nichtprofessionelle Sexualkontakt noch lange bei weitem nicht überall. Dergestalt aber tritt Frau Welt tagtäglich jedwedem gegenüber: „mach mich mal lustig“, und dann steht er da. Wer könnte ihr sich verweigern? Es ist ausgeschlossen, man verlöre die Existenz. Das rare verdrehte Persönchen verkörpert die Welt, wie sie ist. Die Welt, wie sie ist, ist verdreht, und zwar generell. „Sind wir denn Tiere“; ohne Fragezeichen heißt das: Ja, wir sind. „Ich glaube, daß ein Mensch / auf finstrem Steig vorüberhastete“: der wird dann wohl ein Hund gewesen sein. Fixer Ritus beherrscht den Ablauf: vier Wörter; die gebissene Zunge; die Wand; Schnüre und Bänder; Orgasmustalk; das Ganze von vorne. Die Sphären kreisen; das Kreischen ist ihre Musik, sein Brummbaß (Trieb, Eros, Hormondruck) ordnet den Tanz.
„Wie! – so wäre denn dieses Bumslokal, das Volkshaus Laubegast, ein Mikrokosmos?“
„Nu freilich. Wenn doch’s Aphrotittchen drinne rumläufd.“

Karl Mickel, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 14, Insel Verlag, 1991

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