Karl Mickel: Zu Wilhelm Tkaczyks Gedicht „Auf den Galápagos“, Bernd-Dieter Hüges „Naturs Nachdichter sind die Vögel wohl“ und Bert Papenfuß’ „Foegel“

Im Kern

Im Kern

– Zu Wilhelm Tkaczyks Gedicht „Auf den Galápagos“, Bernd-Dieter Hüges „Naturs Nachdichter sind die Vögel wohl“ und Bert Papenfuß’ „Foegel“. –

 

 

 

WILHELM TKACZYK

Auf den Galápagos

Schildkröten, kleine, kaum dem Ei entwunden,
beeilen sich, die Meerflut zu erreichen.
Ein Heer von Feinden wartet auf die weichen,
schmackhaften Bissen, die uns allen munden.

Kein Zahn, kein Giftzahn, keine scharfe Kralle,
nicht Muskelkraft, nicht Schnelligkeit der Beine
verhilft der Brut. Wie auf dem Opfersteine,
so wehrlos enden sie – zuweilen alle.

Fregattenvögel, Rabengeier prassen,
auch Geisterkrabben fressen, was sie fassen.
Weit ist der Weg zum Meer, dem Ziel der Reise.

Doch auch im Wasser wimmelt es von Fischen,
die eifrig suchen nach den Gabentischen –
Natur – ein Gott – geteilt in Zahn und Speise.

 

BERND-DIETER HÜGE

Naturs Nachdichter sind die Vögel wohl

Die Sprache der Vögel
kann auch kein Dolmetsch verstehn.
Übersetzen wird sie können
(wenn vielleicht mit Mühn, aber
etwas verständlich), wer selbst
ein Vogel ist, ganz gleich
von welcher Art und aus
welchem Land oder Stamme.
Oder hat einer sich
eine Weile verkleidet
als ein Mensch, auch um Liebe wegen
zu Mutter Natur oder andres,
sich einen Kopf oder Schnabel zu machen
Weil dort der Tag nur
Stimmen hat, die ich deuten will,
leg ich mein Ohr dicht
dran und lausche, lausche
den Naturalien-Worten, die
sich drängen: eine Schar
Spatzen singend um Hafer-Flocken.

 

BERT PAPENFUSS

Foegel

sie fellen ihre steine
aaaaaaaaaain die farblichten strassen der zeit
wildwegig ferliebt
aaaaaaaaaain aengstlich noch flikkernde farbluden
aaaaaaaaaaregentraenen schatten irgendden
wer klaubt
aaaaaaaaaadie glaissenden sonnenreste
manchwelche helfen sich zu entwegen
erstens heut sich zu wegen
aaazweitens    finster zu fliehen
aaaaaadrittens    tueren zu blenden
fergen standen
aaaaaaaaaaaaawir koennen zusannen sein
fliegen krill kraischend durchs endleben
nachts hoch sich zu mohnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaum grellgetoesig
aaaaaaaaaawir koennen zusannen sein
um einfach zu fallen
aaaaaaaaaazu schweben
aaaaaaaaaaaaazu sein ein in n
sie fellen ihre steine
aaaaaaaaaain die farblichten strassen der zeit
aaaaaaaaaazeit und ferstand gehen wieder
aaaaaaaaaazusammen                 zusammen
aaaaaaaaaagehen wieder zeit und ferstand
aaaaaaaaaazeit und ferstand gehen weiter

 

Das Einfache, das selten gelingt

Hier sind drei Werke dreier Dichter. Der älteste, Wilhelm Tkaczyk, ist bekannt, ihm gebührt Ruhm; der jüngste, Bert Papenfuß, ist seinen Kollegen vertraut, die Redaktionen beginnen ihn zu studieren; an den mittleren, Bernd-Dieter Hüge, glauben: seine Frau, ich und ein gemeinsamer Freund, der unsern Briefwechsel eingeleitet hat.
Wenn ein Dichter von der Arbeit eines andern sagt: er möchte sie gemacht haben – so ist das höchstes Lob, welches, aus mancherlei Gründen, selten ausgesprochen wird. Alle drei Gedichte, verschieden wie sie sind, möchte ich gern gemacht haben.
Tkaczyks vollkommen schönes Sonett beschreibt biologisches Wesen, nichtmenschliches Leben. Von der Menschengesellschaft ist anscheinend keine Rede; das Nachdenken über diese bleibt dem Leser überlassen. Jedoch nicht derart, daß der Leser das Nachsinnen auch unterlassen könnte. Die Verse induzieren bestimmte Gedankenketten: einem bewegten Magnetfeld vergleichbar, das eine Spannung induziert. Wir sind weder Tier noch Gott: folgern wir zum Beispiel, und fragen nach den Mühen, die es kostet, das menschliche Zusammenleben friedlich zu ordnen. Das Gedicht ist länger als sein Text. Gänzlich ausdeuten will: und kann ich es nicht. Der Kampf um eine Weltgemeinschaft in der nicht die Großen die Kleinen fressen, ist seine Ausdeutung, und der wird noch seine Zeit dauern.
Hüge betrachtet das Verhältnis zwischen menschlicher Natur und der Natur außer uns von anderem Gesichtspunkt. Wir haben uns zwar über die Natur erhoben (= Bewußtsein erworben), sind aber nicht aus ihr ausgetreten. Wenn Menschen mit Menschen sprechen, spricht Natur mit Natur, und auch Tiere Pflanzen, Steine antworten auf unsere Fragen. Das Experiment des Wissenschaftlers ist eine solche Frage, und die Natur antwortet ihm. Das heißt: wollen wir mit der Natur außer uns übereinkommen, müssen wir uns ändern nämlich das sinnvolle Fragen lernen, unser Denken und Fühlen dem Partner annähern. Die Arbeit ist ein fortwährendes Gespräch zwischen Mensch und Mensch und der Natur außer uns. Der Bergmann, der den Berg nicht hört, kommt im Berg um; der Acker bringt die gute Ernte dem, der den Boden versteht. In beiden Fällen kann man keinen Dolmetscher einschalten. – Das etwa ist der Hintergrund des zweiten Gedichts, nicht seine Erklärung. Das Gedicht selber ist eine Art Vogel; der oder der sei ein komischer Vogel, sagen wir über Menschen, die uns erstaunen: und meinen es nicht böse.
Während Tkaczyks Sonett insgesamt ein Gleichnis ist, erregen bei Hüge einzelne Zeilen, Sätze oder Satzteile unsere Gedanken und Empfindungen. Es ist ja nicht so, daß wir, wenn wir einen Satz oder ein Wort hören oder lesen, nur das wahrnehmen, was im Zusammenhang eindeutig gesagt ist. Um jedes Wort lauert ein mehr oder weniger großes Rudel anderer Bedeutungen. Das Wort Bahn zum Beispiel kann Eisenbahn bedeuten oder Schlittenbahn, oder einige Meter Stoff. Stoff kann Anzugstoff sein oder Alkohol oder, für den Philosophen, Materie. Materie kommt aus dem Lateinischen und war das Wort welches Bauholz bezeichnete. Mehr oder weniger erinnern wir uns immer der ganzen Gesellschaft von Bedeutungen, wenn wir das eine Wort lesen.
Mit dieser Eigenschaft der Wörter und Sätze spielt Papenfuß ernsthaft. Ja, er schreibt die Wörter sogar anders, als sie im Duden stehen und der Lehrer sie lehrt: um das ganze Rudel gleichzeitig vorzuführen. Also ist jedes Wort, das er verändert schreibt, eigentlich ein verkürzter Satz, das Gedicht ist gewissermaßen ein Stenogramm. Diese Art Verse ist mir sehr erfräulich.
Ich höre aber fragen, warum Papenfuß denn stenografiert? – da wir doch zum Lesen des Stenogramms womöglich mehr Zeit benötigen als zum Lesen einer Langschrift. Es ist indessen ein Unterschied, ob wir bestimmte Gefühle gleichzeitig haben oder nacheinander. Zur gleichen Zeit weinen und lachen – oder: erst weinen, dann lachen. Das (zum Beispiel) macht den Dichter: das, was er darstellt, kann nicht auf eine zweite Weise dargestellt werden, ohne daß es insgesamt etwas zweites würde. – Die vertrackte Verstechnik mündet in eine wunderbare, wunderliche Schlußstrophe:

zeit und ferstand gehen wieder
zusammen                 zusammen
gehen wieder zeit und ferstand
zeit und ferstand gehen weiter

So was gehört zu dem Einfachen, welches heutzutage, trotz ehrlicher Anstrengung, selten gelingt. Seit Greßmanns Tod habe ich von Neueren nichts Vergleichbares gelesen. – Die Lücke im Schriftbild bezeichnet das Auseinanderklaffen von Zeit und Ferstand: welches geklammert wird. Am Ende kein Punkt: Zeit und Ferstand gehen ja weiter
Auch hier habe ich natürlich nicht erklärt, sondern nur den Ort angedeutet, wo man den Zutritt findet.
Unsern drei Dichtern ist doch eins gemeinsam. Tkaczyk blickt zurück auf ein klassisches Proletarierleben; Hüge war Matrose, Autolackierer, kam aus Westdeutschland in die DDR, ist Dispatcher in der Braunkohle; der gelernte Elektriker Papenfuß beleuchtet ein Berliner Theater und besucht den Meisterlehrgang. Bis zu Tkaczyk haben proletarisch-revolutionäre Lyriker die Bourgeois-Lyrik immer bekämpft, in dem sie den Seelenproblemen der feinen Leute die elementaren Bedürfnisse der Ausgebeuteten gegenüberstellten. Das war nötig und bedeutend. Seit Tkaczyks frühen Gedichten nun ist das Innenleben der Proleten/Arbeiter dem poetischen Gedanken offen. Was Tkaczyk da geleistet hat: das konnte (und kann) nur einer leisten, der nicht von außen zum Proletariat gestoßen ist – ein Prolet, der in seiner Klasse sich zum Dichter gebildet hat. Dieses Neue in unserer Dichtkunst setzen Hüge und Papenfuß unter unsern Umständen mit ihren Mitteln fort. Und es ist gut, daß die Umstände sozialistisch und die Kunstmittel individuell verschieden sind. – Soviel ich weiß, erkennen wir noch keineswegs alle den eben skizzierten Qualitätssprung: vielleicht, weil wir zu dicht daran sind, er uns zu nahe geht. Mir scheint, wenn wir Hüge und Papenfuß gut lesen, werden wir Tkaczyks Gedichte besser begreifen; umgekehrt führt der Weg von Tkaczyk zu Hüge und Papenfuß. Wie gut oder schlecht ein Gedicht ist – das hängt nicht unbedingt und in jedem Fall vom Alter des Dichters ab.

Karl Mickel, neue deutsche literatur, Heft 8, August 1980

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