Katharina Schultens: gorgos portfolio

Schultens-gorgos portfolio

AGENT

was erwartest du. von wie viel zeit ab heute
gehst du noch aus. sag willst du jetzt schon maske
oder tiefe eines letzten suchprogramms bestimmen
das sie verwenden werden um dich abzulenken

geh von fluchtwegen aus und davon dass es messy
aaaaawird
man wird dich aufnehmen auf allen aufnahmen fällt
aaaaaschnee
man wird deine fellmütze sponsern dein sponsor handelt
mit gefangenen wie mit rohstoffen. sei ihm absolut treu

es kann ansonsten sein dass du im schnee verschwindest
lass dich von fluchtwegen nicht irritieren. wenn du es tust
bleibst du im plan oder wurdest soeben eingestellt. da da da
siehst du das auge unter schneeflocken flackert ein bild

hier waren wir. das war unsre option. eine einzelne
abweichung die dazu führt dass man uns fangen muss
schließlich unsren pass ein weiteres ein letztes mal verlängert
(was ich dir eben sagte hat die algorithmen längst passiert)

was wir dem auge versehentlich oder verzweifelt erneut
als amusement in seiner arena bieten ohne neben uns zu stehen
was wir gerade tun was wir bedenkenlos nicht unterlassen
ist das was uns noch eine weile hält

 

 

 

Zungenblitzen im dark pool

– Katharina Schultens entführt in ihrem Gedichtband gorgos portfolio der aktuellen Börse die Metaphern und Mystifikationen. –

Manchmal geht es einem mit Gedichtbänden wie mit dem einen, besonderen Bild in der Gemäldegalerie, von dem man angezogen wird und zu dem man immer wieder zurückkehren muss: Der Band heißt gorgos portfolio und stammt von der 1980 geborenen Katharina Schultens. Als sie im vergangenen Jahr mit dem wichtigsten Nachwuchs-Lyrik-Preis, dem Leonce-und-Lena-Preis, in Darmstadt ausgezeichnet wurde, fiel sie nicht nur durch ihre Texte, sondern auch durch die Art ihres Vortrags auf: mit geschlossenen Augen, frei rezitierend. Das wirkte bei ihr nicht albern oder eitel, sondern passte zu dem eigenwilligen Ich, das in ihren Gedichten spricht.
Ein Wortfeld, das sie darin literatur- und gedichtfähig macht, ist das der Börsensprache. Man kann daher diese Gedichte durchaus gesellschaftskritisch lesen. Sie sind aber nie so verkniffen oder simpel wie es politischer Dichtung manchmal unterläuft. Nein, Katharina Schultens hat Humor, und ihre Gedichte knistern erotisch.
Moment, Finanzmarkt und Erotik? Nun, geht es an der Börse nicht um Begehren und Begierden? „morgens wenn es dämmerte ging ich gewöhnlich tanzen / es gab einen club der wechselte die treppenhäuser“, heißt es in Schultens Gedicht „massive attack“. Die Attacke startet hier eine Praktikantin, der man „zwei schlangen zugestanden“ hat.

ich tanzte mit einem kollegen in bärenkostüm
ich trug die stiefel aus meinem Büro

wenn ich mich drehte bohrte ich den absatz immer genau zwischen die zehen seiner tatzen
ich war fast sicher er war unabsichtlich barfuß

(…) ich hob die arme fuhr mit allen fingern tief ins haar
und aktivierte probehalber diesen einen blick
die zungen blitzten auf: brillant-
reflex. denn das genügte

Die Börsensprache arbeite ja mit Mystifizierungen, meint Schultens im Gespräch. Da habe eine Vereinnahmung stattgefunden, die wolle sie rückgängig machen. Gerade die Chartanalyse verwende faszinierende Metaphern: „black marubozu“ und „white marubozu“ zum Beispiel, die beiden Kerzenformen, die Tageskursspannen beschreiben. Und dann gebe es Worte, die ganze Heldengeschichten transportieren, oder Fabelwesen, den Bären und den Bullen zum Beispiel.
Schultens freier, assoziativer Umgang mit diesen Begriffen ähnelt Durs Grünbeins Begeisterung für die Bedeutungsräume von Namen und Fachbegriffen aus der Geschichte des Mondes. Anders als bei den Gedichten von Grünbein muss man bei Schultens aber keine Lexika wälzen, um ihren Witz zu entdecken. Ihre Gedichte strahlen auch so eine Energie aus, die einerseits durch die ästhetische Oberflächenspannung der schönen Formulierung erzeugt wird, wie zum Beispiel in „dark pools“:

die verfugten flügel die verfluchten
hügel. die wir im erkenntnisflug
uns unterbreiten sind – dreht man
sie um – ein dunkles wesen: ja

es nennt sich pool weil es kein wort hat
für sein inneres

Schultens poetische Energie pulsiert aber auch im politischen Untergrund ihrer Gedichte.
Die Gorgo bzw. Medusa, die für die Entweihung ihres Tempels von Pallas Athene in ein Monster verwandelt worden ist, sei eine Leitfigur ihrer Gedichte, weil sich an ihr die Frage stellen lasse, ab wann ein Verhalten oder eine Formulierung eigentlich monströs werde, erklärt Schultens und wird gleich konkret: Sie interessiere sich für die Prozesse, die ablaufen, wenn das Berufliche ins Private einwandere, wenn Freunde beispielsweise auf einmal auf To-do-Listen landen. „klar habe ich büromethoden übertragen“, dichtet Schultens als „perseus“, der im griechischen Mythos der Medusa ihren Kopf raubt:

aber was du mir vorwirfst ist ein versehen:

es ging mir nie um irgendeinen kopf

es ging mir auch nicht um den sieg
ich habe eine differenz gelöst

So spricht ein Ich, das „geparkt und getrickst und gebändelt“ wurde, andererseits aber noch in der Lage ist, ironisch im Schlagerton zu fragen: „wer hat mich allgemein so kalt gemacht“?
In der Kälte liegt die Macht. Denn unklar bleibt, wer hier eigentlich die Fäden zieht: der dressierende „projektleiter“ oder das dressierte Angestellten-Ich mit seinen Schlangen, das die zwischen Goldstandard und Bärenmarkt hochgepegelte Liebe ganz trocken so beschreibt:

ein prankenhieb dein kopf ist ab
ein biss: das war dein leib. du krümelst

Der lakonische Ton, der eine Position der Schwäche in eine durch kühle Klarsicht und innere Unabhängigkeit lebende Stärke verwandelt, ruft eine andere Dichterin auf den Plan: Karin Kiwus, deren erster Gedichtband Von beiden Seiten der Gegenwart die von sich eingenommene Männergesellschaft mit unverfroren überraschenden Wendungen den Zweifel lehrte, muss 1976 eine ähnlich rasante Wirkung gehabt haben wie heute Schultens gorgos portfolio.

Ich bin nicht der Engel der Geschichte
gelähmt sehe ich tief unter mir
meine Flügel schleifen

heißt es bei Kiwus, für deren Generation sich die Zeiten noch im Aufbruch zum Stillstand überblendet haben. Katharina Schultens ist solche Lähmung fremd. Ihre Gedichte sind ganz Gegenwart. Durch diese Form der Naivität, die sie von ihren dichtenden Altersgenossen unterscheidet und die nicht unbeschwert ist von Erfahrung, verwandelt sich Gorgos Blick bei ihr in den unwiderstehlichen Spiegel unserer Zeit.

Insa Wilke, Süddeutsche Zeitung, 23.9.2014

Katharina Schultens‘ GORGOS PORTFOLIO

wenn ich einen schlüssel hätte der öffentlich wäre und trotzdem geheim
nichts davon funktioniert. auch das hier hat es schließlich nicht

Zum ersten Mal begegnete ich dieser Lyrik im ausland – einer der kleinen, beinah klandestinen Aufführungs- und ja, Uraufführungsorte neuer Dichtung, die wir in Berlin nicht sehr viele, aber doch bedeutend mehr als andere Städte haben. Das Wort „bedeutend“ ist dabei nicht immer, aber doch oft angemessen. >>>> Sabine Scho hatte mich, die dort ebenfalls las, quasi vorher„gewarnt“ und von der, erinner ich mich, „grandiosen Katharina Schultens“ geschrieben. Bei sowas, erstmal, bin ich skeptisch. Dann zog es mir die Schuhsohlen weg, also daß ich nackter Fußsohlen stehen blieb.
Schultens las ein paar der Gedichte, für die ihr im selben Jahr Leonce & Lena zugesprochen worden war, und dann – aus Manuskripten. Es waren sie, die mich derart benahmen, daß ich nahezu kritiklos nur zuhören konnte. So etwas widerfährt mir sonst nur bei großer Musik. Und jetzt sind diese – „Texte“ dazu zu sagen, wäre blasphemisch, ich sag besser gar nix als Zuordnung… – jetzt sind sie erschienen, und ich konnte nach„prüfen“: >>>> Katharina Schultens, gorgos portfolio, Gedichte, kookbooks Berlin, 2014. Und so geht das los:

mein projektleiter stützt abends den kopf in die hände reibt
seine wimpern; er habe mich tagsüber verbrannt ohne not

worauf sie, Schultens, indirekt reimt, geschickt in – ecco! – dem Nichtreim auf lots weib. Damit ist dann schon geschehen, was viele dieser Gedichte wesenhaft auszeichnet: der Arbeitsalltag wird transzendiert, und zwar in einem Maß, daß das „verbrannt ohne not“ etwas Leibhaftiges jenseits allen Dahingesagten bekommt. Und über die „o“-Reihungen, die schon im Titel „projekt“ angeschlagen werden und sich über „losungen“ nach „definitionen“ fortsetzen, wird die Präsentation eines nahezzu beliebigen Projektes zur ontologischen Aussage, also einer über das Sein als solchem. Schultens poetisiert insgesamt die mal schicke, mal nüchterne Technokratie, in der telefonierend der Projektleiter leise meine stiefel streichelt. So daß die Poetisierung zugleich eine Sexualisierung ist, zumindest Erotisierung, und dies aber ständig. Zugleich bleibt sie entfremdet, es wird keine Versöhnung hergestellt: der index hat vergessen was sein ursprung ist. Sogar schlimmer: pandora ist ihm kein begriff.
Bei Schultens wiederfindet das poetische Geschehen allein über die perverse Bewegung auf seinen Meer-, damit „Ur“grund:

ich trug die stiefel aus meinem büro

wenn ich mich drehte, bohrte ich den absatz
immer genau zwischen die zehen seiner tatzen

Nun ist es schrecklich banal, bei Lyrik von „tollen Bildern“ usw. zu schreiben oder sie gar noch zu loben. Denn abgesehen von den rhythmischen Strukturen wäre ein Gedicht gar nichtohne sie. Vielmehr sind sie überhaupt die Voraussetzung dafür, daß wir von Gedichten sprechen können; alleine gebrochene Zeilen machen es nicht. Sondern Schultens dreht ihre „guten Bilder“ in unversehene Konkretion herum. Ich möchte das ein inverses Abstrahieren nennen. Auch hier führt die Bewegung zum Grund zurück, die Hand auf den realen Tisch, und zwischen den Fingern rieselt die Erde:

ein bündel roter trauben eine schale roter augen
die schale ist ein tal. den augen wachsen blicke

Genau hier hätten mindere Lyriker:innen aufgehört und die Claquers gejubelt. Schultens indessen nimmt ihr Bild konkret und setzt fort:

sie staksen drauf bestürzt durchs gras

Dazu eine wie verlorene Absage an den Germanistenfetisch Ironie:

–/–/- /- haben wir
als eigenkapitaleinlage mehr als ironie.

Das Fragezeichen freilich, es ist ein bitteres, müssen wir uns denken. Schneller noch erfühlen wir‘s aus der Satzmelodie: Dadurch überträgt sich die Bitternis erst. Das ist kein nur-rationaler Akt mehr. Erst recht handelt es sich nicht um pure Rhetorik; nur dann, wäre das Fragezeichen dahingesetzt worden, ließ sich das erwägen. Sondern hier ist überhaupt nichts rhetorisch, vielmehr alles auf eine kaum faßbare Weise „rein“. Das meint insbesondere die formale Durcharbeitung der Gedichte. Immer wieder war und bin ich versucht, Silben zu zählen, bzw. gegen die Hebungen zu halten. Immer wieder lese ich laut, als Klangstruktur. Immer wieder gerate ich dadurch in eine Spannungsverhältnis zu den hier angespielten und oft fast klassizistisch-streng durchgearbeiteten Semantiken, zum Beispiel in „crude“:

sag: wer hat mir die liebe endgültig entschieden
auf die temperatur einer großkatze hochgepegelt
nicht schnurren bloß: ein prankenhieb dein kopf ist ab
ein biss: das war dein leib. du krümelst

Wer hat da nicht „Siehe, dies ist mein Leib“ im Kopf? Um so heftiger die Verbindungslinie: „Sexualität ist kein Spaziergang im Grünen“, schrieb Camille Paglia zurecht. Und auch hier wieder die Bewegung aus dem Bild in die Konkretion: die Krümel sind nicht „bildlich“, sondern

ich müßte dich mindestens eine stunde lang
in wasser legen, um mein kind einen tag zu ernähren (/ – / -)

Hier wird die Sehnsucht nach Erfüllung zu ihrer notwendigen, das ist entscheidend, nicht Enttäuschung, nein: zersetzenden Einvernahme. Sie wird verstoffwechselt, ist ihr eigenes Ende im selben Moment, als Nährstoff. Was Welt ist, findet bei Schultens ihren Ausdruck, und zwar dort, wo sie uns am entfremdetsten zu sein scheint.

Der, ich sag mal, „lyrische Skandal“, ohne den die Größe dieser Gedichte nicht wäre, besteht nun aber darin, daß jedes Gebilde für sich von enormer Schönheit ist. Zu der gehört, bis auf wenige Ausnahmen, ihre stilistische Vollkommenheit. In dieser Weise, für Kunstwerke der Gegenwart, ist mir das bisher allein bei Ligeti begegnet: Es wird, quasi, von Anfang an nicht mehr experimentiert. Das sind keine Versuche; selbst von hohem „Talent“ – nur! – zu sprechen, wäre eine Blasphemie. Und dabei haben wir es nicht etwa mit einer „hauptberuflichen“ Dichterin zu tun, sondern einer Frau, die ziemlich hart und entschieden nicht nur im „Alltags“beruf, dem einer Managerin, „ihren Mann“ „steht“ (:! ah! diese verräterischen Idiome!), sondern überdies alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes ist. Doch, das gehört hierher. Denn es sagt etwas über lebenswirkliche Widersprüche, die solche Lyrik wahrscheinlich erst möglich machen, ihre conditio sind: über persönlich harte, heftige Bedingungen:

wer hat mein zittern mit nur einem schnitt
der quantenscharfen kante von mir abgetrennt
und war nicht seele darin die jetzt schwebt

Zumal „Alltags“- und „Arbeitswirklichkeit“ sehr viel mehr als banale Abläufe meint, sondern durchaus ein ganzes ökonomisch grundiertes Weltgeschehen im Blick hat; auch deshalb ist die Zuordnung „Managerin“ wichtig: Es wird gewußt, und zwar erfahren, wovon man schreibt. Indem Schultens das Persönliche nun aber darauf spiegelt und das global Wirkliche (Wirkende!) umgekehrt auf dieses, ergibt sich ein Prozeß der Wechselwirkung, der seine Transzendierung geradezu verlangt. Es ist eine in diesen Gedichten zugleich feingriffige, wie sehr oft im antiken Sinn tragische: Wonach ich mich sehne, ist das, was es letztlich zerstört. Daher wohl auch dieser ungemeine Eindruck kristalliner Reinheit; noch der Schmerz wird zum Werkstück an der Erfahrung. Nicht grundlos ist ein geradezu unheimliches Gedicht „fatum“ betitelt; ich mag nicht einen Ausschnitt zitieren, und als ganzes wär es hier zu lang. Aber um das Fatale zu bezeichnen, stelle ich wenigstens zwei Zeilen aus dem insgesamt titelgebenden „gorgo“ hier hin:

trägt einer sein headset im schlaf
ziehn ihn die kabel zur schlangengrube

Sie können hier auch lesen (und sprechen Sie es bitte!), wie meisterhaft Schultens mit Verkürzungen umgeht, im Übergang von „ziehn“ zu „ihn“, was wiederum die Alliteration von „Schlaf“ auf „Schlange“ ausbalanziert. Oben war es „zittern“ zu „schnitt“, von „quant“ zu „kant“ gefolgt und „scharf“ über, ausgerechnet, „seele“ zu „schwebt“. Es gibt kaum einen Vers Schultens’, schon gar keine Strophe, der solche Bewegungen nicht eingeschrieben würden. Dies sind die Innenverhältnisse. Die Außenverhältnisse sind sehr oft im ersten Blick die der sogenannten Realität, aber besonders auch der (positivistischen) Naturwissenschaften, mit fast immer gefolgter Transzendierung zugleich ins Persönliche und vor allem Mythische. Wobei es nicht etwa um Überhöhung geht, sondern es ist der Abzug des Konkreten aus einem Allegorischen. So daß, was quasi-analytisch „prism“ heißt, ein also auf ersten Blick technischer Term, bei Schultens zu sogar einem in diesem Fall konkret-religiösen Statthalter werden kann – hier der Sentenz und vergib uns unsere Schuld aus dem Glaubensbekenntnis, aber auf lateinisch, dimitte debita nostra, – um zu schließen:

(nobis!) wenn ich niemandem das geringste vergebe
und laß mich dennoch nicht allein

Allein in den Gedichttiteln wird solch eine Synthese… nein, nicht bloß angestrebt, sondern erreicht: „projekt“, „massive attack“, „gorgo“, „prism“, „fatum“, „insider trading“, „dysprosium“ usw. Es lohnt sich, die Titelbegriffe nachzuschlagen, wenn man sie nicht zuzuordnen weiß. Etwa hysteresis, für mich ein Herzstück dieses Gedichtbandes, wobei Herz immer auch Kleist meint: „Küsse, Bisse, das reimt sich“… und Schultens versteht, wie Penthesilea, unter Bissen nicht nur Geknabber. Wobei aller Gedichten Frappierendstes ist, daß sie gar nicht spezialgebildet daherkommen, noch solch „Experten“wissen verlangen, um ihr radikales Glänzen zu verströmen. Es ist ein dunkles Irisieren in nur technisch hellem Verlangen. Denn dieses ist zugleich die Versagung des Verlangten. Deshalb können wir mit dieser Dichtung niemals gute Kumpels sein, sondern sie erfüllt uns zwar, gibt uns aber zugleich mit dem Lineal auf die Finger. So daß es oft ausgeführte Doublebind-Strukturen sind, die hier Poetik werden:

missversteh meine bilder zu identität
finde mich: bitte finde mich nicht

Aber darin, in der ausgehaltenen Ambivalenz, bleibt es nicht balanziert – schon gar nicht im Sinn einer „harmonia mundi“. Das ist so wenig ein stabiler Orbit, wie die Welt stabuler Ort. Doch anstelle sich in Frustration zu erschöpfen, heizt der permanente, sagen wir, Interruptus das Begehren noch an. Das von Schultens in auch und gerade rhythmisch ständiger Nervösität gehalten wird, in einer nervhaften, sehnigen Spannung, die sich befrieden lassen gar nicht will. Es soll unterm Firmament des Ewiggleichen kein Stillstand sein, den die ersehnte Ruhe bedeuten würde, wär sie erreicht:

wir sollten unsre suche in das mondhochland verlegen
wir sollten anerkennen: vor diesem feld kann man nur flüchten

– seltsame erden fürwahr!, in der nur Versagung die Lust erhält, ohne das aber zu betrauern, gar zu bejammern. Sondern mit einer lyrischen Radikalität sondergleichen Hohegesang und Analyse vereint. Daß es bei Katharina Schultens weder poetologisch noch poetisch, noch gar persönlich auch nur die Spur von Banalität gibt, wird sie bei zugleich dieser Formvollendung zu einer der wahrscheinlich bedeutendsten Lyriker:innen unserer Zeit machen, im deutschen Sprachraum jedenfalls unter denen ihrer Generation. Wenn sie es, trotz des bislang vergleichsweise schmalen Werkes dreier Gedichtbände, nicht bereits ist.

Alban Nikolai Herbst, Volltext, Heft 4, 2014

Störrisch, sperrig, gut

Am Alltäglichen reiben sich die Arbeiten von Katharina Schultens, die 2013 in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann. Nach ihrem Erstling gierstabil (2011) ist in diesem Frühjahr der Band gorgos portfolio erschienen. Schultens’ Gedichte sind angesiedelt in der heutigen Arbeits- und Finanzwelt, schildern die modernen Arbeitssklavinnen, die müde Laborantin taucht ebenso auf.
Die Frau in diesen Werken ist nicht selten eingepfercht zwischen den Idealbildern der Weiblichkeit, sie erscheint mal als coole Wilde (in „crude“), dann als väterliche Grabpflegerin (in „vater“). Das sprechende Ich bleibt dabei stets kühl und entlarvt in seiner Coolness die Hohlheiten und Absichten des Betrachters:

ich kann sehen wann du mich liest

Zugleich bleibt das sprechende Ich von einer Unsicherheit gezeichnet, die stärker ist als der Verstand, chaotischer als die mühsam etablierten, hart verteidigten Ordnungen. Sie kann sich Luft machen in einer Zeile wie dieser: „So lass mich dennoch nicht allein“ oder in den Versen aus dem Gedicht „insider trading“, in dem es heißt:

[…] ich kann
was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet
im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt
auch eine der unterlassung

bitte entlass mich in methodenlosigkeit
bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind
missversteh meine bilder zu identität
finde mich: bitte finde mich nicht

Seltsam, dass Katharina Schultens’ Lyrik noch keine breitere Resonanz gefunden hat. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können.

Beate Tröger, der Freitag, 10.12.2014

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Walter Fabian Schmidt: Differenzen mit Luhmann
signaturen-magazin.de

Kristoffer Cornils: Angesichts des Gesichtslosen
fixpoetry.de, 19.4.2014

Michael Braun: Ich war Teil keiner Kalkulation
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 207, September 2013

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin
shi 詩 yan 言 kou 口
Porträtgalerie: Dirk Skibas Autorenporträts + Galerie Foto Gezett

 

Katharina Schultens liest das Gedicht SUSSURUS.

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