Kathrin Schmidt: Zu Kathrin Schmidts Gedicht „hohes c“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Kathrin Schmidts Gedicht „hohes c“.

 

 

 

 

 

KATHRIN SCHMIDT

hohes c

luftleere orangen, die trübe süße ins hohe c gezogen, in zweikomponentenfolie verschweißt, was vordem im laubschwitzkasten nach luft rang, im rücken die hyperventilierenden pflückmaschinisten, immer einen halbinselschatten voraus den märtyrerkindern, deren geschwister die eltern teilen mit dir oder mir, wie tropfen, zum meer versammelt, zum toten leben in glasfaserstarken kunststoffcontainern, dreh ich den hahn auf oder wer sonst, daß mir der unterschied schmeckt, kaltgepreßte sonne, alukaschiert, zum direktsaft gebeutelt, luftleer, verschifft, füllt sie mich ab.

 

Foto Orangen Tetra Pak

 

 

Am Anfang steht das Tetra Pak,

orangensaftgefüllt. Ich muß mir klarwerden darüber, wie ich es zu entsorgen habe: Aufziehen, eindrücken, falten. Dann ab in den Plastikmüll. Nach einigen Proben dieses Tuns kommen mir Flaschen doch ökologischer vor. Zugleich sehr teuer. Herrliche Flaschensäfte mit Fruchtfleisch… Was ist ein Tetra Pak O-Saft von ALDI gegen eine Flasche Hohes C? Ein goldenes Nichts, ein silbernes Warteweilchen, und preislich gesehen dennoch die reine Entlastung. Dann entdecken wir den Direktsaft bei ALDI, teurer als der aus verwässertem Konzentrat, aber billiger als Hohes C. Sollen wir den nehmen…? Oder doch lieber im anderen Laden…? Nach solchem Hin und Her blieben wir beim Kompromiß ALDI-Tetra Pak, direktsaftgefüllt. Bilden uns ein, etwas für unsere Gesundheit zu tun und, wenn wir immer schön falten, den Müllrahmen nicht zu sprengen. Aber das Hohe C hat mich fortan, ich packe es um und um in meinem Denken, bis es keinen Markennamen mehr abgibt, sondern nur noch das zwei- oder gar dreigestrichene C bedeutet, den hohen Ton, hoch genug, um mir in seinem scharfen Sirren vorzustellen, wie etwas „im laubschwitzkasten um luft“ ringt – und die Idee zu diesem Gedicht ist geboren. Orangen, die israelischen Jaffa-Orangen vorzugsweise, von „hyperventilierenden pflückmaschinisten“ geerntet, die den palästinensischen Märtyrerkindern einen „halbinselschatten“, vom Sinai?, vom Gazastreifen?, voraus sind… Den Märtyrerkindern, die den Tod über alles stellen, den eigenen wie den fremden, und die darum keine Eltern mehr brauchen, keine Geschwister. Die Geschwister der Märtyrerkinder aber arbeiten auf den israelischen Plantagen, als Pflückmaschinisten zum Beispiel, sie haben, brauchen Eltern wie du und ich. Was bleibt von ihnen am „toten leben in glasfaserstarken kunststoffcontainern“? Ihre Kraft, ihr Haß, ihre Liebe, ihre Verachtung? Den Hahn muß ich aufdrehen, daß mir der Unterschied schmeckt. Siehe oben. Das Spaßige steht auf bitteren Ernst. Die Sonne, kaltgepreßt von den mörderischen Umständen, steckt im Saft, der mich abfüllt. Luftleer. Im hohen C vergeht das Atmen, versirrt.

Aus Manfred Enzensperger (Hrsg.): Die Hölderlin Ameisen, DuMont, 2005

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