Klaus Schöffling und Hans J. Schütz (Hrsg.): Almanach der Vergessenen

Schöffling & Schütz-Almanach der Vergessenen

MONDREKLAME

Zu Zwecken der Lichtreklame
Genügt der Mond wohl kaum.
Zu abgenützt ist sein Name,
Auch wirkt er schwach im Raum.

Zu Zwecken der Lichtreklame
Fehlt es ihm an Format.
Seine Züge sind zu zahme,
Sein Glanz ist noch zu fad.

Zwar ist er billig entschieden,
Schickt Licht nach überall.
Doch bleibt man damit nicht zufrieden
Für den Reklamefall.

Man müßt ihn gänzlich ändern
An Wesen sowie an Schein,
Denn unter den Werbesendern
Sollt er doch der erste sein.

Gewaltige Investitionen
Erforderte solcher Zweck.
Pro Strahl ein paar Billionen
Wären in Kürze weg.

Und erst noch viel Heldentode,
Bis er magisch wirkt und gefällt.
Dann ändert vielleicht sich die Mode
Und man verliert sein Geld.

Albert Drach

 

 

Nachbemerkung

In einem Vers von Max Herrmann-Neiße findet sich das Motto zu diesem Buch:

Jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht

Es geht um die, die vergessen sind, die an der Peripherie des literarischen Gedächtnisses und des Literaturbetriebs leben müssen. Vergessen ist ein natürlicher Vorgang. Neues drängt vor, überschattet das Bestehende, thematische Vorlieben ändern sich, die Sprache erfährt Veränderungen. Oft ist es allein der zeitliche Abstand, der Autoren und ihren Werken die Wirkung nimmt. In der deutschen Literatur dieses Jahrhunderts kommt ein weiteres hinzu: das geplante Vergessen, das Verbot und die Vertreibung einer Literatur. Ziel und Ergebnis faschistischer Kulturpolitik war die radikale Reglementierung oder Vernichtung nicht nur der zeitgenössischen Literatur. Das Vorhaben gelang und wirkt bis in unsere Tage nach. Trotz vieler Bemühungen, die über zwölf Jahre verbotenen Autoren wieder einzubürgern, ist noch immer ein großer Teil dieser Literatur schlicht unbekannt. Nach 1945 war nicht nur die Literatur der Exilierten neu zu entdecken, sondern auch die Werke zahlreicher „unerwünschter“ Vertreter des Expressionismus, Dadaismus, auch der „Inneren Emigration“. Im Zuge der allgemeinen Verdrängung des Faschismus und seiner Folgen gerieten diese Schriftsteller erneut ins Abseits. Wie bekannt sie früher auch gewesen sein mochten, in der sich neu formierenden literarischen und politischen Landschaft der Bundesrepublik blieben sie Fremde. Mehr als einer fiel in den fünfziger Jahren aus dem literarischen Kanon heraus – Leben und Werk verschwanden aus dem literarischen Gedächtnis.
Die Herausgeber sind sich darüber im klaren, daß eine schmale Sammlung vergessener Lyrik an der skizzierten Situation nichts ändert. Vorgänger dieses Almanachs der Vergessenen (zum Beispiel Paul Hühnerfelds Anthologie Zu Unrecht vergessen von 1957 oder Eric Singers Spiegel des Unvergänglichen aus dem Jahre 1955) gehören inzwischen selbst zu den vergessenen Büchern.

Der Almanach umspannt den Zeitraum vom Anfang dieses Jahrhunderts bis in die Gegenwart, die Reihenfolge der Autoren ergibt sich aus ihren Geburtsdaten. Die Beschränkung auf Lyrik hat eine einfache Begründung: zum einen mildert sie das Umfangsproblem der Sammlung, zum anderen wird so die Darstellung eines größeren formalen wie inhaltlichen Spektrums ermöglicht. Das ändert nichts an der Notwendigkeit einer Prosasammlung vergessener Texte.
Hier gilt es also Entdeckungen zu machen, zu überprüfen, neu zu bewerten. Die Liste der Autoren läßt sich nicht unter einen literaturgeschichtlichen Begriff stellen – zu verschieden sind die Gründe, die dazu führten, daß diese Schriftsteller heute zu den Ungekannten zählen. Wenn auch einige literarischen Strömungen oder Epochen zuzurechnen sind, so sind doch die meisten schwer zu klassifizieren, sie sind Außenseiter oder Einzelgänger.
Die Anthologie bietet ausgewählte Gedichte, zu wenig, um ein lyrisches Werk zur Gänze darzustellen, aber genug, um auf die Spur zu setzen, neugierig zu machen, Hinweise zu geben. Nicht alle vorgestellten Autoren sind ausschließlich Lyriker, den Herausgebern geht es darum, auf die Autoren und ihr Werk überhaupt aufmerksam zu machen.

Klaus Schöffling und Hans J. Schütz, Nachwort

 

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