Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier 2

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Klaus Wagenbach (Hrsg.): Das Atelier 2

Wagenbach-Das Atelier 2

EIN ROBOTER

Er ist schön
ich kaufte ihn wie einen sklaven
ich kaufte ihn für alles geld
ich werde mit den ohren essen gehn

er ist stark
so wie er wurde in dem zuchthaus
die tauben schreie der sechs ätherkreise
atmet er gelassen ein und aus

ich frage ihn:
du den mein stummgeschlagner bruder schuf
mit wessen stimme willst du reden sag
der taster tastet: – schweigen –

er ist weise

Christa Reinig

 

 

 

Nachwort

Das erste Atelier – das zeitgenössische deutsche Prosa sammelte – hat viele Leser gefunden. Der Herausgeber dankt diesen Lesern ebenso wie den Autoren, Verlagen, Freunden und Kritikern, die seinen Versuch unterstützt haben und unterstützen. Er wünscht sich allerdings, daß das Atelier nicht allzu sehr mit dem Gewicht einer verbindlichen Repräsentation belastet wird, wie es hier und da geschehen ist. Im Nachwort zum Atelier I wurde bereits darauf hingewiesen, wie „subjektiv und widerrufbar“ das Unternehmen einer Anthologie von Texten aus nur wenigen Jahren sein muß. Deswegen werden die Bände des Atelier – der erste wie auch der vorliegende – von Zeit zu Zeit ergänzt werden durch neue Zusammenstellungen. Zweck dieser Versuche ist, die literarische Situation der jeweiligen Jahre an Hand von Beispielen möglichst genau zu demonstrieren: auf wichtige Arbeiten bekannter Autoren hinzuweisen und Texte unbekannterer Autoren vorzustellen.
Dieses zweite Atelier kann als Buch mit neun Kapiteln gelesen werden – so wurde es zusammengestellt –, die Aufeinanderfolge der Gedichte innerhalb der Abteilungen ist nur als Vorschlag gedacht. Die einzelnen Abteilungen belegen die Hauptthemen der Gedichte der letzten Jahre: die kritische Reserve gegenüber den gegenwärtigen Umständen (III) und die Erinnerung – das Gedicht „vergißt“ langsamer – an frühere (I und II), die Stationen des Exils, des äußeren wie des inneren (IV und V), und schließlich – dies besonders ist eine neuere Entwicklung – die freien Spiele mit der Sprache: die (zumeist parodistische) Wiederaufnahme überlieferter Formen: Kinderreim und Chevy-Chase-Strophik, Klapphornverse und Bänkellied (VIII). Gedichte zu Jahreszeiten (VI) oder Landschaften (VII) treten hingegen zurück – bezeichnenderweise fand sich nur ein Gedicht, das von einer Stadtlandschaft handelt. Die letzte Abteilung sammelt Gedichte zur Sprache zum Schreiben. Der Herausgeber bekennt, daß er bei der vorliegenden Auswahl die Arbeiten einer bestimmten Gruppe von Autoren nicht berücksichtigte, die Peter Rühmkorf einmal bissig als „abstrackte Fliesenlegerpoesie“ bezeichnete. Er bekennt, daß er die vorgebliche „harte bewußtheit“ dieser Gruppe gegenüber dem „material“ und den „strukturen“ in ihren Arbeiten nicht wiederfindet, daß ihm scheint, die literarische Verantwortung werde allzu sehr der Typographie überlassen, und daß er in den lesbaren Zeilen nur Althergebrachtes zu entdecken vermag („mein atem zehrt am gras der erde“; „aus blüten hervor tritt leuchtende spreu“). Man muß zudem fürchten daß diese Lyrik (die, nach den Verlautbarungen ihrer Verfasser, genauso auf die Realität zurückwirken will wie jede) der Vorstellungswelt einer bestimmten gesellschaftlichen Realität mehr entspricht denn widerspricht: Vorstellungen etwa der Art, daß unsere Freiheit sich gerade dadurch definiere, daß in ihr auch die größte Narretei Platz habe. Den freilich ungefährlichen Platz der zoologischen Kuriosität.
Dieser stillschweigenden oder ungewollten Affirmation der gesellschaftlichen Realität scheint eine Art Neobukolik bei manchen der jüngsten Autoren zu entsprechen, ein Rückzug auf wertneutrale Fauna und Flora. Diese Versuche, zweifellos neueren Datums (etwa ab 1960/61) als die der „Materialien“ (die etwa 1953/54 begannen), durften nicht unterschlagen werden wenn auch vorerst unsicher bleiben muß, ob sie auf eine bloß formal neuinstrumentierte Imitation gegenwärtiger Leitklischees oder auf deren ironisches Konterfei hinauslaufen. Mit Nachahmung oder Bestätigung aber hat das heutige Gedicht nichts zu schaffen. Nichts mit Weihe, ob Waffen- oder Warenweihe aber auch nichts mit dem bloßen Abseits, ob Wiesengrund oder Meßtisch. Nichts mit Gefolgschaft, alles mit Widerpart. Von dieser Interferenz des heutigen Gedichts zu dem, was Cummings „mostpeople“ nannte, berichtet das hier Gesammelte.

Klaus Wagenbach, Nachwort

 

Diese Sammlung –

anschließend an Das Atelier 1, das zeitgenössische Prosa vorstellte – will Eigenart und Ort der deutschen Lyrik zu Beginn der sechziger Jahre mit Texten von Autoren der Bundesrepublik, der DDR, Österreichs und der Schweiz beschreiben. Die Auswahl beschränkt sich dabei weder auf die großen Namen noch auf bereits Publiziertes. Die Absicht des Herausgebers ist, dem Leser mit diesen jüngsten Gedichten und einer Auskunft über ihre Autoren beides in die Hand zu geben: Beispiele und Materialien.

Fischer Bücherei, Klappentext, November 1963

Über dieses Buch

Der vorliegende Band gibt einen Querschnitt durch die zeitgenössische deutsche Lyrik. Er knüpft an Atelier 1 an, das der Prosa gewidmet war; das Prinzip der Auswahl ist jedoch leicht verändert: Während der Herausgeber bei Atelier 1 aus unpublizierten Werken seine Wahl traf, erschließt er dem Leser hier die Fülle der in den letzten Jahren entstandenen Gedichte, veröffentlichte wie unveröffentlichte. Auf diese Weise entsteht eine poetische Bestandsaufnahme, die freilich manchen Vorstellungen vom Gedicht als Spiegel einer „Heilen Welt“ entschieden widerspricht.

Fischer Bücherei, Klappentext, November 1963

 

Drei lyrische Anthologien

(…)
Von anderen Voraussetzungen als Leonhard und Schwedhelm ging Klaus Wagenbach bei der Zusammenstellung seiner Gedichtsammlung Das Atelier II. Zeitgenössische Deutsche Lyrik aus, die er der Prosa-Anthologie Das Atelier vom Frühjahr 1962 folgen lässt.
Auch Wagenbach will einen Ueberblick geben und „die literarische Situation… an Hand von Beispielen möglichst genau… demonstrieren“.
Dabei will er aber nicht nur Neues und Unveröffentlichtes präsentieren; seine Absicht vielmehr ist es, „auf wichtige Arbeiten bekannter Autoren hinzuweisen und Texte unbekannter Autoren vorzustellen“. Somit hatte Wagenbach die grössere Auswahl, und Lyriker wie Arp, Bachmann, Celan, Eich, Grass, Enzensberger, Huchel, Kaschnitz und Rühmkorf sind in seiner Sammlung ausnahmslos vertreten. Manche neuen Gedichte bekannterer Autoren – etwa von Huchel, Celan, Fried und Kunert – sind den letzten Gedichtbüchern dieser Lyriker entnommen, die seit der Buchmesse bereits vorliegen.
Der Schwerpunkt liegt beim Atelier II auf den Gedichten der letzten Jahre, die einigermassen ausgereift erscheinen, die also Aussicht haben, einige Zeit wenigstens zum Bestand zu gehören. Somit ist das Atelier II eine „Anthologie“, eine Blütenlese in nahezu ursprünglichem Sinne geworden, eine Sammlung, die das wahrscheinlich Beste aufheben und – das Buch erscheint in einer Taschenbuch-Reihe – einem grossen Publikum zugänglich machen will. Neue Entdeckungen wird der Kenner zeitgenössischer deutscher Lyrik hier allerdings kaum machen können. Ihm fallen unter den Lyrikern vielleicht einigte Namen auf, die ihm bisher nur von Prosa- oder Essay-Veröffentlichungen her bekannt waren: Herbert Heckmann etwa, oder Klaus Nonnenmann und Martin Walser. Entdeckungen wird man sie aber kaum nennen können, da ihre Gedichte nicht über den Durchschnitt hinausragen.
Klaus Wagenbach betont in seinem Nachwort ausdrücklich, dass er bei seiner Auswahl jene Autoren nicht berücksichtigt habe, deren Arbeiten Peter Rühmkorf einmal als „abstrakte Fliesenlegerpoesie“ gekennzeichnet habe. In ihren Gedichten, so scheint es Wagenbach, werde „die literarische Verantwortung allzu sehr der Typographie überlassen“. Im Zusammenhang mit dieser Bemerkung verdient ein Gedicht Helmut Heissenbüttels, das Wagenbach in sein Atelier II aufgenommen hat, einige Beachtung. Auch dieses Gedicht scheint auf den ersten Blick nach der Art der mit geistvollen Texttheorien verbissen laborierenden lyrischen Avantgarde gebastelt zu sein. Durch seinen pointierten Schluss aber erhält es einen leichten Beigeschmack von Ironie, der es reizvoll macht und der die Möglichkeit der Selbstparodie einschliesst :

1 Mann              auf            1 Bank
1 Zwieback       in              1 Hand
aaaaaaaaaaaaaaaa a a1 Hand
aaaaaaaaaa ain             1 Hand und
1 Mann                                           und
1 Zwieback                                    und
aaaaaaaaaaaaaaaaa aaHand
aaaaaaaaaa ain               Hand und
aaaaaaaaaa  auf           1 Bank
1 Zwieback
1 Zwieback                      Hand und
aaaaaaaaa a Krümel

Jürgen P. Wallmann, Die Tat, 6.12.1963

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

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