Kurt Oesterle: Zu Ludwig Greves Gedicht „Hannah Arendt“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ludwig Greves Gedicht „Hannah Arendt“ aus Ludwig Greve: Sie lacht und andere Gedichte. –

 

 

 

 

LUDWIG GREVE

Hannah Arendt

Drei, vier Stufen tastet herab, als sei da
Wasser, diese Frau von woher – das bunte
Kleid, amerikanisch, bedeutet nichts, der Stolz ist das Fremde,

so ein Zug von Wildheit um ihren Mund, wo
sah ich das? auf griechischen Münzen, unscharf
hie und da am Rand, wo die Fingerkuppen vieler Geschlechter

diesem Gott ein bißchen Gefühl beibrachten,
seiner Jugend Hinfälligkeit. Die Stimme…
solches Wetter grollen und lachen hört man selten im Alltag,

keine Sängerin, aus Gedanken holt sie
einen Klang wie die aus der Luft. Das Lächeln
grüßte mich im vollen Café – und angelehnt wie zu Pessach

teilten wir den Vorrat, das Scharfe, auch das
Süße der Verbannung, die Freiheit. Ihre
Lippen zuckten, wenn ich wie früher, um ein Mädchen zu halten,

vor Begeisterung das Verkehrte sagte,
und die Antwort hinwerfend, ohne lang zu
zielen, stand da wirklich ein Mädchen. Jeden Morgen am Schreibtisch

saß sie im Gespräch mit dem toten Lehrer,
seine Briefe ordnend, wer eintrat, solch ein
Blick empfing ihn voller Erwartung, daß sich noch der geringste

Mühe gab, sie nicht zu enttäuschen. Abends
schmeckte ihr das Essen, wenn Freunde kamen
aus der Welt, sie fand in drei Sprachen Wohnung. Aber von uns wer,

mitten im Gespräch sich nach vorne beugend,
kann noch so Gedichte hersagen, deutsche,
Wort für Wort… Sie trugen die Bürde, Hannah, nichts ging verloren.

 

Ein Unterton von Glück

Ein Mann preist im Gedicht eine Frau, was aber dabei entsteht, ist weder ein Liebesgedicht noch herkömmliches Frauenlob. Gerühmt wird eine Außergewöhnliche, einer der besten Köpfe dieses Jahrhunderts: Hannah Arendt, die deutsch-jüdische Philosophin, die 1975 gestorben ist. Schon ihr Auftritt hat etwas von einer Apotheose. Sie steigt eine Treppe herab, als käme sie – „diese Frau von woher“ – aus einer anderen Welt. Doch darf man so rühmen, ohne gegen die Grundsätze der mißtrauischen Moderne zu verstoßen? Ohne im hohlen Pathos oder in unfreiwilliger Parodie zu enden?
Ludwig Greve, 1924 in Berlin geboren, emigrierte 1939. Auf der Flucht durch Europa verlor er Vater und Schwester; sie wurden deportiert und ermordet. 1950 kehrte Greve nach Deutschland zurück. Von 1968 an leitete er für zwanzig Jahre die Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Er ertrank 1991 beim Baden in der Nordsee. Greve, dessen Gedicht 1984 in seinem Lyrikband Playback zuerst erschienen ist, hat sich gegen alle Gebote des Zeitgeists getraut, Oden zu schreiben. Besonders auf Menschen, die wie er als Juden von den Nazis verfolgt wurden, die überlebten oder umkamen. Auch sein Arendt-Gedicht, vermutlich kurz nach dem Tod der Philosophin geschrieben, ist eine Ode. Genauer: Greve wählte die Odenstrophe einer Frau, die sapphische; er nahm sich nur die Freiheit, jeweils den vierten Vers dem vorausgehenden dritten einzuverleiben und den Zeilenbruch zu unterlassen.
In einer Rede begründete er einmal, weshalb er auf diese antike Form zurückgegriffen hatte. Sie mache ihm Mut vor dem kaum Sagbaren und erlaube ihm sogar einen „Unterton von Glück“. Der Dichter Ludwig Greve wollte sich Glück, Dankbarkeit und Bewunderung als poetische Gegenstände nicht ausreden lassen. Ausgeblendet ist der literarische Ruhm Hannah Arendts, den vor allem ihre Studie über den Totalitarismus und ihre Reportage über „Eichmann in Jerusalem“ begründet haben. Die Philosophin, sie bleibt für Greve „diese Frau“, zugleich faszinierend und irritierend: durch ihren Stolz, ihre Wildheit und Ungezwungenheit; ihr unbürgerlich lautes Lachen; ihre rauchgebeizte, nicht gerade musikalische Bollerstimme, in der er gleichwohl die Arendtsche Gedankenmusik hört; ihren von Tag zu Tag verläßlich wiederkehrenden Appetit.
Es handelt sich um ein Erinnerungsgedicht, gleichsam freihändig nach dem Gedächtnis gestrichelt. Die beiden könnten sich in Marbach begegnet sein, wo die Arendt den Nachlaß ihres „toten Lehrers“ sichtete. Doch hinter den Zufällen wird eine andere Wirklichkeit ahnbar, jene Welt, der Hannah Arendt in der ersten Strophe zu entsteigen scheint. Da ist einmal das Treffen im Café, wo die beiden sich in merkwürdiger Lage wiederfinden:

angelehnt wie zu Pessach.

Im Stehen und eilig, wie Gott es befahl, nahmen die Juden vor ihrer Flucht aus Ägypten ihr letztes Mahl ein. Mit dem hastigen Pessach-Essen begann ihre Wiedergeburt in Freiheit. Mühelos wechselt die Dichterphantasie zwischen den Zeiten und Ereignissen.
In das Frauenporträt ist auch ein Selbstporträt des Mannes eingewoben. Auf den ersten Blick nicht unbedingt schmeichelhaft für ihn. Er gibt sich nämlich als einer zu erkennen, der in der Nähe von Frauen gern dummes Zeug redet und dafür kaum verhohlenen Spott erntet. Andererseits wird an seiner Verwirrung, seiner Kopfscheu auch das Übermaß seiner Bewunderung deutlich. Wenn er je ein Macho war, diese Frau läßt ihn wieder schrumpfen, verwandelt ihn in einen schüchternen Knaben.
Aber so manches Verwandlungswunder ereignet sich hier. Die Frau, die ihm gegenübersteht und ihm so alt wie die biblischen Geschichten vorkommt, gleicht Sekunden später einem Mädchen, frech, spontan, ganz Gegenwart. Unmerklich hat sich da wohl Eros eingemischt. Die Ode ist drauf und dran, aus ihrer engen und strengen Bahn zu geraten und in ein Liebeslied umzukippen; man könnte sagen, sie errötet.
In der Anrede, ja Anrufung der letzten Strophe erreicht das Lob Hannah Arendts seinen Höhepunkt. Den Mann bewegt es, daß sie all die deutschen Gedichte „hersagen“ kann – welch unfeierliche Lockerheit in diesem Wort. Doch dann verblüfft er mit einer schroffen Wende, mit einem Sprung hinüber zu dem feierlichen Wort „Bürde“. Man muß sich hüten, diese weitere Metamorphose zu zerreden. Aus der schönen, harmlosen Tradition, Gedichte auswendig zu können, ist in der Zeit barbarischen Gebrülls unversehens die Rettung einer ganzen Poesie geworden.

Kurt Oesterleaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zwanzigster Band, Insel Verlag, 1997

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