Lucebert: Ernten im irrgarten

Lucebert/Lucebert-Ernten im irrgarten

AN DAS ECHO

Am rand des abgrunds
Warst du o echo mir das nächste
Ein spiegelbild das im anschaun
Verschwommen schwand

Während das lied der freiheit
Widerhallte in seiner wehrlosigkeit
Schloß die fluchttür sich vor dem gelähmten
Endgültig und so echo haben wir uns verloren

In dem nebel der uns trennt
Doch quer durch alle nebel hin
Kannst du allein nur murmeln was ich meine
Damit nicht was ich meine ich beweine

 

 

Guten Morgen Lucebert

 

het woord lijkt op een spraakgebrek
op gods zalige muziek gezet

das wort gleicht einem sprachfehler
in gottes selige musik gesetzt

Ginge es nach mir, sagt Jubal der Tagdieb, gäbe es gebrauchte Gedichte wie gebrauchte Wagen und man könnte sie kaufen, Privatbesitz. Auf welchen Märkten liefe man da herum, Gebrauchtverse suchend, unvergleichliche Werte, in Schreibtischen, Bücherkarren und Bibliotheken, Nachlässen und Carnets. Gebrauchtgedichte gleichen Wohnungen, die seit hundert Jahren von immer anderen Leuten bewohnt, tapeziert, gestrichen und verbraucht, dann wieder tapeziert und gestrichen wurden, und nun eine Schönheit besitzen und eine Würde, die nur durch Gebrauch zustandekommt. Dasselbe mit Versen. Sie werden benutzt und neu hergerichtet, von fremder Sinngebung und dergleichen beansprucht, von Entdeckern, Verfälschern und Lebensgeistern, die der Autor nicht kennt. Goethes Gedicht „An den Mond“ ist sehr gebraucht, ein starkes altes Gebrauchtgedicht, von unzähligen Augen, Ohren und Stimmen, Betrachtungs- und Redeweisen strapaziert, von Kritikern, Interpreten und Übersetzern, Poeten, Ästheten und Liebesleuten – gebraucht, mißbraucht und fallengelassen, es besitzt den „Charme d’Almanach“ (Georges Perec), aber die Spuren sind nicht in ihm, man entdeckt sie außerhalb seines Wortlauts, in Essays, Rezensionen und Doktorarbeiten, Liebesbriefen und Maßnahmen der Zensur, in Lyrik von Epigonen und Schulaufsätzen, und das Gedicht bleibt unverletzt. Was Jubal der Tagdieb wünscht, kann er überall haben, sein Wunsch ist die Wirklichkeit der Poesie. Gebrauchtgedichte, Spielraum und Labyrinth, Schüttelkästen voll Alphabet und Dornen, blütenfrisches Altertum der Sätze das sind ein paar Worte für sein Werk, beide Teile seines Werkes, die Wand an Wand mit geöffneten Türen leben, wofür er wie ich als Doppelbegabung gilt, was ihn nicht vieräugig macht aber amüsiert (ich habe seine Bekanntschaft nicht gemacht), denn was hätte man zu tun mit Klischeefabrizianten, die surreal mit surrealistisch verwechseln, erzählend mit anekdotisch und farbig mit bunt, was zur Erkenntnis nichts beiträgt, die Kunst aber nicht in Verlegenheit bringt. Paradox, paradox – von wievielen Zeitaltern alt, aus wievielen Neuzeiten jung. Alt sind die Gebete und neu die Sprechblasen der Comics, dazwischen geistern die Verse frei herum mit ihren Rüpelspielen und Meditationen. Da kann man einmal mehr behaupten, daß das Wort kein Baustein, der Vers kein Baukasten ist. Wenn der Vers eine Baracke sein kann, sagt Jubal der Tagdieb, dann kann er auch ein Palast sein, oder beides zugleich, eine Palastbaracke, ein Barackenpalast, ein oder eine Barapalacke oder alles auf einmal, in einem Atem: Glaspalast, Garage, Wetterdach, Dunkelkammer, Synagoge, Tempel – was noch? Sommerhaus, Winterhaus, Hochhaus, Gartenhaus, Armenhaus, sogar Kurhaus – aber nicht Folterkammer und nicht Regierungspalast. Luceberts doppelseitiges, siebenbödiges Werk ist, in offenbar allen Teilen, eine lebenslange aber nicht gestreckte, scheinbar unbekümmerte oder leichte, vielleicht unerschöpfliche Durcheinandersetzung (das Wort hat Jubal der Tagedieb gesagt, es wird nicht ins Terminologische übersetzt) organischer und anorganischer Teilchen aus Sprache, Geschichte und Kunst, Arp und Esel, Federflug und Funkenschlag, Ruhe und Aufruhr, Wortmüll und Sprachschatz, Wut und Paradies und Bärbeissers Zähnen, Dick und Doof, Pinsel, Spieluhr, Papier und Plunder, Zylinder, Schiebermütze und offenem Haar, und der Kenner sieht: das wird miteinander frei bewegt, bewegt sich ineinander und heißt Poesie, vor allem auch unberufen bei Lucebert. Wort und Weise sind reich an Innenräumen, hell wie een zonnetje dat alle veertjes van de huismus kleurt (wie eine sonne, die alle federchen des sperlings färbt) oder unheimelig wie die Carceri, von Satzmauern geschlossen, von Worttüren langsam geöffnet, durch Satzzeichenritzen erhellt, in Trickspiegeln gefangen, von Sirenengeflüster durchdrungen – undsoweiter. Ich habe gehört, mir aber nicht sagen lassen, daß der Künstler ein heterogener Lucebert sei. Nein. Aber was dem Inhalt des Wortes entspricht, ist zu seiner Verfügung und gibt ihm die Chance, sehr weit auseinanderscheinende Räume zu öffnen, sehr entfernte Dinge und Undinge, Wesen und Unwesen berühren, entführen und verwandeln zu können. Ich bin ein Mystiker, der alles relativiert. Dieser Auskunft fügt man nichts hinzu. Man stellt an dieser Stelle ein Windrädchen auf.

Um mir zu zeigen, daß das Niederländische eine lyrische Sprache sei – das Niederländische ist des Lyrischen mächtig! – las mir ein Gelehrter Verse von Lucebert vor, das war in Amsterdam vor dreißig Jahren. Seine Verse waren die ersten niederländischen, die ich hörte und las. Sein erster deutscher Verleger, Heinrich Ellermann, hat auch meine ersten Grafikbücher gedruckt. Aber einiges fehlt. Ich möchte ein Gedicht von ihm übersetzen und wünsche mir, daß er eines von mir übersetzt. Ich wünsche mir, eine Zeichnung mit ihm zu tauschen und, wenn Guter Geist und Zeit es erlauben, einen Tag gemeinsamen Zeichnens, Lesens und Sprechens. Ich möchte einmal Brot und Wein mit ihm teilen, dann geht man wieder ins eigene Atelier und ruft Guten Morgen!

Christoph Meckel

Glückliche Monster

Trots de inertie der werkelijkheid
Ontstijgt de geur der exaltie
Soms aan bedompte kop en romp
Tussen schokkende schouders

Trotz der trägheit der wirklichkeit
Entsteigt der duft der exaltation
Manchmal dumpfem köpf und rümpf
Zwischen zuckenden schultern

Die exaltierten Zeichnungen und Gedichte des holländischen Dichters und Malers Lucebert entdeckten wir in dem Band Ernten im Irrgarten (Neue Gedichte und Zeichnungen). Die Gedichte im Irrgarten bringen alles wundersam durcheinander, erzählen von himmlischen Schwitzbädern, epileptischen Zwergen, seherischen Schlafmäusen und „Kröten als Nasenwärmer auf dem Hodensack“. Die Zeichnungen zeigen glückliche Monster mit vielen Köpfen, wenigen Haaren und hängenden Zungen. Sie sind Sabotageakte gegen die Schönheit, sie sabotieren auch jede „schnieke Museumskarriere“ mit „schnieker Gattin“ und „schniekem Büro“. Lucebert, 1924 in Amsterdam geboren, hat dennoch beinahe alle holländischen Literaturpreise erhalten, hat Wände in Museen und Schulen bemalt und lebt in Bergen (Nord Holland) und in Spanien.

ira, Die Zeit, 1.2.1991

Lucebert 1924–1994

Ich habe sie alle noch, die Gedichtbände von Lucebert, mit ihren spinnenhaften Zeichnungen, in denen ein großes Herz hing mit aufgeblähten Augen, die kleinen Tieren glichen, fröhliches Gekritzel mit Abgesandten aus der Monsterwelt, Traumfiguren aus Tinte, die lachend neben der Wirklichkeit herliefen auf dem Weg zu Festen und Melancholie.

bei dieser Neigung zu Tiergestalten
ist beherrschte Einkehr Frevel
meine Fingerspitzen fallen mir ab
wenn ich meine Augen berühre
mein rundes und dichtes All ein Grab
das zur geheimen Seite hin offensteht

Cees Nooteboom, in Cees Nooteboom: Gesammelte Werke Band 9, Suhrkamp Verlag, 2008

Erkundungen auf eigene Faust

– Kleines Erinnern an Lucebert. –

Weil die Flamme der Welt vergeht
Zu dürrem Holz Wolken voll Würmern geronnenem Blut
Weil das Wasser der Welt verdampft
In allzeit schlafende Spiegel zu Netzen voll Abfall
Werde ich ein Vogel entstiegen dem Durst der Sterne…

So klang die Stimme Luceberts, der nun tot ist, zum ersten Mal in der Auswahl und Übertragung von Ludwig Kunz (Wir sind Gesichter) aus den Niederlanden zu uns herüber. Ein schmaler Suhrkamp-Band, 1972.
Lucebert, Maler und Dichter. Er starb am 10. Mai d. J. in Alkmaar zwischen Küste und Küste. Ein Maler der schreibt. Ein Schriftsteller der malt. Was tut er?, fragte 1972 Helmut Heißenbüttel im fünften seiner „Sieben Anläufe zur Unterscheidung von Malerei und Literatur in Hinblick auf den Maler und Gedichtschreiber Lucebert“: Er tut nicht das was früher manche taten. Nicht eine Nebensache neben der Hauptsache. Sondern sozusagen Erkundungen auf eigene Faust in verschiedenen Mitteln.

Ein Parapluie am Meer.
Mit den Stimmen einiger seiner Maler- und Dichterfreunde sprechen die horen von ihm – und sagen noch einmal Dank. Für den Auswahlband Doppelspiel oder Ein Parapluie am Meer. Zeitgenössische Literatur aus den Niederlanden & Flandern (Band 171/1993, hrsg. von Martin Mooij) hatte Lucebert exclusiv ein Bündel unveröffentlichter Zeichnungen geschickt. Rosemarie Still hatte Gedichte dazu übertragen. Es war Luceberts letzte Veröffentlichung.
Dann, zum Frühjahr ’94 hin organisierte Martin Mooij in Rotterdam das Jubiläums-Festival Poetry International, nun zum 25zigsten Mal. Lucebert fehlte, war aber doch dominant. Eine Arbeit von ihm lockte auf Programmen und Plakaten das Publikum. Ein besonderer Abend, Lesungen und Musikprogramme waren ihm gewidmet.

Mal sehen, was passiert.
Martin Mooij:

Es gab eine Gedenkfeier. Rudy Kousbroek würdigte Luceberts Schaffen. Bert Schierbeek, Breyten Breytenbach, Leo Vroman, Lasse Söderberg, Maja Panajotova und andere lasen Gedichte. Tony, Luceberts Frau, eine Tochter und deren Mann waren anwesend. –
Wochen zuvor eine letzte Begegnung: Kurz bevor wir aus Rotterdam abfuhren, hatten wir erfahren, daß er ins Krankenhaus mußte. Wir trafen ihn munter und bei bester Laune, neugierig auf das Leben und die Arbeit. Er versprach, am 25. Poetry International teilzunehmen, schlug seinerseits zwei Kandidaten vor: den Lautdichter Jaap Blonk und den Rock & Roll-Dichter und -Musiker Herman Brood.
Mit beiden zusammen wollte er auftreten. „Nur ein Experiment!“, sagte er schelmisch, „mal sehen, was passiert“. Er versprach, Entwürfe für Plakate und Buchumschläge zu schicken, würde sich damit aber wohl beeilen müssen. Tony nickte: „Am Montag geht’s ins Krankenhaus“.
Eine harmlose Nachoperation, hieß es. Der Krebs war gebannt. Dann kam weiterer Besuch, der Hausarzt, ein Freund. Wir wollten uns verabschieden, nicht länger stören. Lucebert aber lotste uns erst noch ins Atelier, wollte neue Arbeiten zeigen, Grafiken, Gemälde. Er hatte unermüdlich gearbeitet – und Spaß daran. Wir wurden unruhig, im Wohnzimmer wartete der Arzt. Es ging um Wichtigeres als um Kunst und Poesie. Es ging um seine Gesundheit. Lucebert aber lachte, winkte ab und sagte: „Der kann warten!“

Der sehr Alte spricht.
Hoch über der Stadt, erzählt uns Martin Mooij, auf dem Dach einer Versicherungsbank, kann man die Verszeile lesen: Alles van waarde is woerloos (Alles Wertvolle ist wehrlos). Die Zeile ist in den Niederlanden bekannt wie eine Bier- oder Zigarettenreklame. Sie stammt aus einem Gedicht. Von Lucebert: „De zeer oude spreekt“ (Der sehr Alte spricht). Nun ist er ein Vogel, entstiegen dem Durst der Sterne. Auf Wiedersehn, Lucebert.

Die Redaktion, die horen, Heft 175, 3. Quartal 1994

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Lucebert liest fünf seiner Gedichte.

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