Ludvík Kundera und Eduard Schreiber (Hrsg.): Adieu Musen

Kundera und Schreiber-Adieu Musen

HERBARIUM

Tausendschönchen: Wachsreste von Ikaros’ flügeln blüjen
Nelke: Salambo durchtanzt die karaffe ihrer essenzen
Rose: Schaum der toilettenseifen flaschen die parfum versprühne
Löwenzahn: Kinderuhr wenn sterne glänzen
Seerosen: Ertrunkene kinder sonder schuld Wo Herodes wohl weilt
Klatschmohn: Sansculotten mit phrygischen mützen
Sonnenblume: Heute flaniert auf dem korso Oscar Wilde
Schneeglöckchen: Schneewittchen erfroren im schlafe die fingerspitzen

František Halas
Übersetzung von Peter Ludewig

 

 

 

Vorrede

Das soziale Chaos der ersten Nachkriegsjahre führte in den tschechischen Ländern wie in Deutschland und anderswo zu einer sehr starken Bewegung, die man global als proletarische Kunst bezeichnet: Politische Katastrophen und unverwirklichte Träume bedeuten noch nicht die Niederlagen der entstehenden Kunstwerke. Im Gegenteil – sie können sie stimulieren. Fast jeder der künftigen Dichter durchlief diese Etappe. Diese Zeit und diese Bewegung haben ihren jung verstorbenen Initiator in der Gestalt des Dichters Jiří Wolker. Sein Werk, das früh das Echo der Masse erfuhr, ein gesellschaftlich aufrührerisches und erneuerndes und dabei jungenhaft offenes und spontanes Werk, bewies auch in formaler Hinsicht seine Neuheit, seine emotionale Lebenskraft und die Fähigkeit, in so mancher Polemik alternativ aufgenommen zu werden.
Die proletarische Poesie als ein Produkt des Traumas gescheiterter Hoffnungen auf einen revolutionären Sprung von der Monarchie zum Sozialismus mußte mit fortschreitender Zeit eine andere konkrete Gestalt annehmen. Die Zeit der sogenannten politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung nahm zwar der Poesie die ursprüngliche Schärfe – „die Zeit zerriß den Vorhang“! –, rief aber neue Bewegungen ins Leben.
Es ist festzustellen, daß die tschechische Poesie infolge ihrer geschichtlichen Entwicklung den „Dadaismus“ fast übersprungen hat, der in anderen Literaturen, besonders in Deutschland und Frankreich, die Rolle eines Reinigungsbades konsequenten Durchdenkens spielte. Bedřich Václavek, der, zusammen mit František Halas, nicht nur die Äußerungen der bekannten Dada-Zentralen, sondern auch die Arbeiten weniger bekannter Autoren (z.B. die von Walter Serner) mit Interesse verfolgte, hat dies sehr genau formuliert:

Um eines können wir das Deutschland der Nachkriegszeit beneiden, um den Dadaismus. Uns fehlte nach dem Kriege eine tüchtige Dosis Dada. Wir sind sogleich zur Revolution für den Menschen übergegangen, wir waren ethisch, pädagogisch und wollen jetzt konstruktiv sein, aber Auflösung und wirkliche Reinigung hat es nicht gegeben. Darum schnappen wir heute nach einem bißchen Dada hier und dort…

Der Poetismus nahm zwar „gewissermaßen nebenbei“ einige Elemente der Dada-Bewegung auf, sein Wesen war jedoch anders: kein „schöpferischer Nihilismus“ mit seinem „Skeptizismus und Relativismus, aber auch mit Zweifeln an der Möglichkeit irgendeines Sinnes und irgendeiner Wahrheit“, sondern ein spontaner Optimismus des oft zitierten „modernen Menschen“, ein Optimismus, der trotz der Kataklysmen im eigenen Land und bei den Nachbarn mit einem festen sozialen Glauben erfüllt ist. Der Poetismus erwuchs unter dem gemeinsamen Dach der avantgardistischen Künstlervereinigung Devětsil aus der proletarischen Dichtung. Sein Motor ist die unmittelbare Verknüpfung der politischen mit der künstlerischen Avantgarde.
Diese Polarität wird nach dem Scheitern der kommunistischen Staaten, seit 1989 also, allmählich angezweifelt, ja man sucht den Ursprung des Bösen bereits im Schaffen der avantgardistischen Künstler der zwanziger Jahre, wo der Traum von der „Großen Ordnung“ noch relativ rein war. Dieser verflüchtigte sich dann besonders im Zusammenhang mit den Moskauer Prozessen und Hinrichtungen. Selbst das Wort „Avantgarde“ erscheint häufig in Anführungsstrichen – was in Anbetracht der bekannten Anmaßung und Allwissenheit der Linken realer ist.
Der Poetismus ist die spezifisch tschechische avantgardistische Richtung des 20. Jahrhunderts – so wie der Futurismus russisch und italienisch ist, der Expressionismus deutsch, der Surrealismus französisch, der Ultraismo spanisch. Die Bewegung des Poetismus ist nur in den tschechischen Geschichtszusammenhängen restlos verständlich. Trotz der programmatischen Verachtung der Traditionen war sie mit den tschechischen Quellen verbunden: mit dem tschechischen Volkslied und seiner „Spielfreude“, seinem Witz und seinem Zauber, aber auch mit der Haltung und den Methoden Jaroslav Hašeks und anderer. Karel Teige, der Haupttheoretiker dieser Richtung, definierte sie folgendermaßen:

Die Kunst des Poetismus ist leger, spielerisch, phantasievoll, mutwillig, unheroisch und der Liebe zugewandt. Ihr fehlt jede Romantik. Sie entstand in einer Atmosphäre heiterer Geselligkeit, in einer Welt, die lacht, wenn auch ihre Augen weinen. Das humorvolle Temperament überwiegt, auf Pessimismus wurde aufrichtig verzichtet.

Šaldas Charakteristik des poetistischen Verses als „leicht und dicht zugleich“ gilt für die gesamte überschäumende und vielfältige Aktivität dieser Gruppe, von deren Poetik eine ganze Reihe von Dichtern erster Größe durchdrungen wurde: Nezval, Seifert, Biebl, Halas, Závada, aber auch Hora, Mikulášek, Holan oder der slowakische Dichter Novorneský. Die Bedeutung des Poetismus geht jedoch weit über den Bereich der Poesie hinaus: In ihm keimen die Anfänge der Prosaiker Vančura, Schulz und Konrád, aus ihm gingen bekannte Maler, Theaterleute, Musiker, Wissenschaftler und Architekten hervor. Unter den Kritikern waren es nicht nur Teige und Václavek, die sich zum Poetismus bekannten, unter den älteren Autoren waren ihm offenkundig Šalda und Mahen zugeneigt.
Die alle Kunstgattungen umspannende Bewegung gab den tschechischen zwanziger Jahren befreiende und phantasievolle Anregungen.

Vorwort

Wie der Expressionismus deutsch,

der Surrealismus französisch, der Futurismus russisch und italienisch ist, so ist der Poetismus eine spezifisch tschechische Bewegung im zwanzigsten Jahrhundert.

Deutsche Verlags-Anstalt, Ankündigung

 

Fakten und Vermutungen zu Eduard Schreiber
Fakten und Vermutungen zu Ludvík Kundera

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Ludvík Kundera

 

Ludvík Kundera-Fragment eines Gesprächs 2007 zur Ausstellung Dada East.

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