Ludwig Harig: Schönes Niemandsland

Harig-Schönes Niemandsland

GRAZER TRISTANE

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
wird für keinen Dienst auf Erden taugen.

Wer die Schönheit angehört mit Ohren,
ist dem Leben allezeit verloren.

Wer die Schönheit roch mit seiner Nasen,
dessen Lebenslicht ist ausgeblasen.

Wer die Schönheit angefaßt mit Fingern,
muß ermattet in den Abgrund schlingern.

Wer die Schönheit abgeleckt mit Zungen,
ist schon weit ins Dunkel vorgedrungen.

Wer die Schönheit ausgedacht im Hirne,
dem erglüht und explodiert die Stirne.

Wer sie einverleibt mit siebtem Sinne,
sitzt am tiefsten in des Todes Rinne.

Variation nach Platen, nachdem Gert Jonke, als Ohrenmensch, die Augentheorie als unzulänglich beschrieben hat.

 

IM RAUSCH DER SÜDWÖRTER

Mit sechzehn Jahren begann ich Gedichte zu schreiben, sorgsam darauf bedacht, das Regelwerk geordneter metrischer Verskunst nicht zu verletzen. Nicht von ungefähr war es der vielgescholtene Schulmeister und Reinheitsfanatiker Martin Opitz, der mich durch eine Petrarca-Übersetzung zum erstenmal in einen Wörterrausch versetzte:

Ich weiß nicht, was ich will, ich will nicht, was ich weiß,
im Sommer ist mir kalt, im Winter ist mir heiß.

Die Literaturgeschichte meiner Schule pries diese zuchtvolle und doch spielerische Verskunst; ich erinnere mich an noch zwei beschwörende alexandrinische Verse von ihm:

Die Sonn’, der Pfeil, der Wind verbrennt, verwundt, weht hin
mit Feuer, Schärfe, Sturm mein Augen, Herze, Sinn.

Besessen von dieser Disziplin der Form und diesem Witz der Erfindung übersetzte ich bald selbst streng gefügte und gereimte Sonette aus Louis Marchands Lehrbuch der französischen Sprache: Eugène Hollande und Lucie Mérille, der längst Vergessenen, später Sonette von Ronsard und du Bellay, Verlaine und Baudelaire und gehämmerte Verse von Theophile Gautier. Ich schrieb, möglicherweise von Hugo von Hofmannsthal herausgefordert, ein Zwiegespräch der Schüler Fra Filippo Lippis nach einem Fest in Florenz in gereimten fünffüßigen Jamben.
Verschiedene konsequent gebaute Vers- und Strophenformen durchspielend habe ich schließlich erkannt, daß das alexandrinische Sonett meiner Vorstellung von lyrischer Formgestalt am besten entspricht, und ich bin dabei geblieben. Immer aufs Neue drängen sich mir aktuelle, ja triviale Sujets auf (von der Politik über Kuriositäten des Lebens bis zum Fußball reichend), die im alten Sonett mit seinen ausschließlich hehren Themen verpönt gewesen wären. Diese alltäglichen Sujets halten das Sonett auf der Höhe der Zeit, als Kunstform bleibt es, wie es ja auch Franzosen, Italiener und Spanier belegen, frisch und unverbraucht. Wenn man bedenkt: In hundert Gesängen seiner Göttlichen Komödie hat Dante ein in sich geschlossenes Werk aus reinen Terzinen geschaffen. 14.233 Verse, allesamt in gleichmäßig unbetonter und betonter Silbenfolge streng gefügt und gereimt, bilden eine kunstvolle Litanei menschlichen Schicksals. In Hunderten von Sonetten, Kanzonen und Balladen besingt Petrarca Liebe und Landschaft, Zeit und Ewigkeit, ohne daß die formvollendet in Rhythmen und Reimen schwingenden Verse je gewackelt haben. Wenn man Gottfried Benns Statische Gedichte liest, begreift man, wie frei sich der Rhythmus in der Statik entfaltet: Es ist die poetisch kalkulierte Dialektik des Prozesses, die das Hörerlebnis bewirkt.
Im Sommer 1952, ich war fünfundzwanzig, las ich Gedichte von Benn in dem Band Trunkene Flut, den meine Freundin Brigitte mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Von Petrarca und der ausschweifenden deutschen Barocklyrik herkommend, steigerte sich mein allgemeiner Wörterrausch in den Rausch seiner Südwörter. Ich war entzückt. Olivenlandschaft und Weinzisterne, Villa d’Este und Tyrrhenisches Meer: All diese Wörter mit Rausch- und Wallungswert, Südwörter, Schamanenwörter, die den Himmel von Sansibar und die Ufer des Nils herbeizaubern, suggerierten mir, daß es über der wirklichen Welt eine erfundene poetische Welt gibt. Ich steigerte mich in die Vorstellungswelt dieses Dichters mit der Besessenheit seines Lyrischen Ichs. Es ist nicht das Südmotiv, es ist die Südlichkeit, die auch mich betörte: Nicht das charakteristische Thema einer Erscheinung, sondern die Wörter und Namen, die diese Erscheinungswelt beschwören, nahmen mich gefangen. Es waren die Süd- und Schamanenwörter, die von den Flimmerhaaren des Dichters herbeigetastet, von meinem Schreibtisch über das Papier gewirbelt wurden, bei ihrem Ineinandergleiten zu neuen Wirklichkeiten verschmolzen. Die Wörter glänzen, denn die Sonne streichelt sie wie mein Bleistift und reibt sie blank. Gottfried Benn dichtet:

Komm – laß sie sinken und steigen,
die Cyclen brechen hervor:
uralte Sphinxen, Geigen
und von Babylon ein Tor,
ein Jazz vom Rio del Grande,
ein Swing und ein Gebet –
an sinkenden Feuern, vom Rande,
wo alles zu Asche verweht.

In diesen frühen fünfziger Jahren schrieb ich Gedichte in Gottfried Benns Manier. Damals bildete ich mir ein, meine Gedichte wären so schön und vollkommen, daß sie von Gottfried Benn hätten sein können –, und wenn mich heute noch der Hafer sticht, kokettiere ich mit diesem Hirngespinst. Ich schrieb, beim Anblick des Mittelmeers:

Rasche Wendung des Weges:
Vor uns wölbt sich das Meer.
Grün des Olivengeheges
rennt jetzt neben uns her,
brennende Fahnen als Halmen,
Drahtverhau der Kakteen.
Weiße Villen mit Palmen
steigen, fallen, vergehn.

Es ist unüberhörbar: Meine Südwörter folgen den Südwörtern Gottfried Benns, meine Reime sind den Reimen Gottfried Benns nachgebildet, vor allem aber ist es der schwingende Rhythmus der Verse, der auf nicht zu leugnende Weise der gleiche ist. Als ich vierzig Jahre später, längst abgenabelt, längst zu anderen Formen übergewechselt, mit Brigitte und unserer Freundin Anita nach Sizilien reiste und in Taormina ankam, erinnerte mich sein Name an ein Gedicht von Benn. Mir war plötzlich zumute, als hörte ich „Taormina“ in meinem Kopf nachklingen. Wieder zu Hause, suchte ich das Gedicht bei Benn, ich konnte es nicht finden. Also setzte ich mich hin und schrieb es selbst. Auf diese Weise ist Taormina ein Wort des schönen Niemandslands der Poesie geworden – wie Petrarcas erfundener Mont Ventoux und Queneaus erfundenes Universum:

Ausgemergelte Lilien,
bleicher Hibiskusstrauß!
Rückkehr aus Sizilien
in ein erfrorenes Haus.

Nur die Erinnerung wärmt es,
starke Gedächtnisfabrik!
Innen im Kopfe lärmt es
heftig von Wortmusik.

Wohlklang der Okarina
such’ ich mit Zuversicht
und das Wort Taormina
in einem Benngedicht.

Kann es nicht finden, nicht fassen,
wenn auch aus Kräften bemüht,
muß es wie Asche lassen,
ist mit den Blumen verglüht.

Farbiges wird jetzt gelber.
Doch was hilft alles Wenn?
Wortlos schreib’ ich mir selber
dieses Gedicht von Benn.

 

 

Nachwort

(…)

Harig hat nicht zuletzt durch seine Queneau-Übersetzungen eine Anschlußmöglichkeit an die internationale Entwicklung konkreter Poesie gefunden. In seinen Zwei Dutzend Sonetten an Orpheus von Rainer Maria Rilke (1972) folgt er einer Anweisung des französischen Dichters: Durch die Beschränkung auf „Reimsektionen“ von Sonetten (es müssen keine Einzelwörter sein) lassen sich Gedichte schaffen, die dem Haiku ähneln. Nach Queneaus Meinung seien diese Reduktionen von Sonettzeilen ein „leuchtendes Elixier“, das den Vorzug vor den vollständigen Gedichtzeilen verdiene. Seit Mitte der fünfziger Jahre hat Harig Gedichte geschrieben, die vor allem durch Permutation mit der Sprache als Material arbeiten. Einige Beispiele werden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Die Nähe zur bildenden Kunst ist für die konkrete Poesie von Anfang an selbstverständlich; so nähern sich auch einige Texte dem visuellen Gedicht oder der musikalischen Fuge. In einem erklärenden Text heißt es 1969: „spielen ist experimentieren mit dem zufall“; „die permutationelle kunst ist als wasserzeichen in die technologische ära eingeschrieben“. Bis in die letzten Jahre hinein hat Harig experimentelle Texte in Anthologien veröffentlicht, die nun auch interaktiv benutzt werden können. Wie seinerzeit Ernst Jandl die begeisterten Hörer und Leser seines Gedichts „Otto Mops kotzt“ ermunterte, nach diesem Muster selbst Gedichte zu schreiben, so fordert nun auch Harig etwa mit dem Gedicht „Alle machen alles“ dazu auf, nach der gegebenen Gebrauchsanweisung durch Permutation neue Texte zu schaffen.
Nachdem er seine experimentelle Phase wohl weitgehend als erschöpft betrachten mußte, wählte Harig immer häufiger das Sonett als traditionelle Form. Er schätzte die Strenge dieser Form, fand in ihr aber auch so viel Spielraum, daß sie zu seiner bevorzugten Gedichtform wurde. Michael Krüger bemerkte 1980 in einem Vorwort, daß damit eine sprachliche Form gewählt werde, wie sie die freie Rede nicht bieten kann. Erst kürzlich hat Harig in seiner Dankrede zum Preis der Frankfurter Anthologien verraten, daß er noch immer an der Bewegung der Wörter, an überraschenden Wortbegegnungen und „Ineinandertauschungen“ hänge. Die Bewegung eines Gedichts ist nicht so sehr durch eine gedankliche Strukturierung bestimmt, sondern vor allem durch das Spiel mit der Sprache und ihre eigentümliche Rhythmik. Martin Opitz bewundert er als Begründer der neueren deutschen Dichtung und einer Metrik mit natürlicher Betonung des „Auf und Ab“ deutscher Silben, wodurch die Ausdrucksstärke einer hörbaren Satzgestalt entsteht. Schon früh hat Harig französische Sonette ins Deutsche übertragen. Dabei erschien ihm wohl die von Clément Marot stammende Sonderform des „sonnet marotique“ oder „irregulier“ für seine Zwecke besonders geeignet: die Terzette reimen nach dem Schema ccd oder eed. So kann, durch den ersten Paarreim abgetrennt, ein drittes Quartett entstehen. Warum nennt Harig seine ersten Sonette „alexandrinisch“? Der Begriff stammt vom französischen zwölfsilbigen Reimvers, dem Alexandriner, der wegen seiner antithetischen Zweigliedrigkeit allmählich in Mißkredit geriet. Die französischen Romantiker haben die Antithese zugunsten einer Drei- oder Viergliedrigkeit der Alexandrinerzeile aufgegeben. Die sechshebige Jambenzeile mit Zäsur nach der dritten Hebung wurde besonders in der Barocklyrik, aber auch noch im 18. Jahrhundert geschätzt. Sie galt als besonders geeignet für eine Gedankenlyrik, die sich in dialektischen Schritten bewegt. Neben den Sonetten hat Harig einige Stanzen geschrieben. Gelegentlich arbeitet er auch mit selbstkomponierten Gedichtformen, bestehend aus mehreren Vierzeilern, oder auch mit Zweizeilern.
Lange Zeit ist Ludwig Harig nicht sonderlich sorgsam mit seinen Gedichten umgegangen. Es hat bis 1980 gedauert, bis er die erste Sammlung (Pfaffenweiler Blei) veröffentlichte. Darauf folgten allerdings in kürzeren Abständen neue Bände mit Sonetten (meist Pressendrucke), bis die Sammlung der Hundert Gedichte (1988) die große Ernte der bisherigen Produktion einfuhr. Danach folgten wieder kleinere Sammlungen, die in bibliophilen Ausgaben nur ein begrenztes Liebhaberpublikum erreichten.
Wäre Ludwig Harig im 18. Jahrhundert geboren worden, so hätte er sich einen Namen als Lehrdichter gemacht. Viele seiner Gedichte sind Lehrdichtungen. Es ging ihm nie darum, Lyrik im Anschluß an die deutsche Tradition des sogenannten ,Erlebnisgedichts‘ zu schreiben. Mit durchaus gelehrten Stoffen schreibt er Sonette über die Erfindung Gottes, den Menschen und seine Existenzproblematik, seine Herkunft aus dem Wasser oder sein Ausgeliefertsein an die Zeit. Gelegentlich werden Figuren der Geschichte vom Alten Testament über die Mythologie bis zu modernen Künstlern zum Thema. Tiere, nicht zuletzt die Erde selbst, beschäftigen den Sonettdichter.
Neben diesen Lehrgedichten moderner Art finden sich immer wieder Reflexionsgedichte. Darin setzt sich Harig mit der Kunst, der Beziehung von Kunst und Leben, mit den Büchern und dem Anlaß zu schreiben bei Wilhelm Heinse, Jean Paul, Franz Kafka und Johannes Kühn auseinander. Mehrfach bezieht er sich in einer durchaus säkularisierten Bedeutung auf den Prolog des Johannes-Evangeliums: Für Harig ist es ein Grundgesetz seiner schöpferischen Arbeit, daß im Anfang das Wort war. Nicht dem Leben, sondern den Büchern räumt er den Vorrang ein. In dem letzten Gedicht unseres Bandes, mit dem er den Titel (Schönes Niemandsland) begründet, nennt er „das Zauberreich der Worte“ als Heimat. Die Sprache sei das Fenster in die Welt. Wie kaum ein anderer Autor der gegenwärtigen Literatur denkt er schreibend über dieses kreative Subjekt nach. Dabei kann er auch theoretische Positionen formulieren:

Gelehrtenverse sind gebildet und rhetorisch,
die auditive Kunst berauscht sich in Phonetik,
konkrete Poesie gefriert in Arithmetik,
das lyrische Gedicht ist meistens metaphorisch

Ein ganzer Kanon steht dem Schreiber zur Verfügung,
dem schieren Leidensdruck, der köstlichen Vergnügung:
es ist die ganze Welt auf einmal kreativ.

Den einen quält das All, den andern plagt die Enge,
es wechselt freies Spiel in arge Ausdruckszwänge:
der eine ist erwacht, dieweil der andre schlief.

In dieser Selbstverständigung spielt ,Graz‘ eine besondere Rolle. Dort hat Ludwig Harig die Vertreter der österreichischen experimentellen Literatur kennengelernt. In Graz hat er offenbar gerade von den schreibenden Kollegen eine außergewöhnliche Wertschätzung erfahren. Dies läßt sich von deutschen Autorentreffen – nicht zuletzt von der Gruppe 47 – nicht behaupten. In einem späten Gedicht mit dem Titel „Graz, erfunden“ geht er von seiner ersten Graz-Erfahrung aus und verallgemeinert die Bedeutung des Wortes, das ihm wie eine punktuelle Konzentration des „Wörterschutts“ erscheint, aus dem er seine Poesie konstruiert: „Ich schreibe, also bin ich – / und habe aus dem Wort mein eigenes Graz erschaffen“. Über Graz hat er Sonette und Zweizeiler geschrieben. Diese gehören mit ihren Wort- und Namensspielen zum Witzigsten, was über ein Schriftstellertreffen bisher gedichtet wurde.
Ludwig Harig pflegt eine Kultur der literarischen Freundschaft, wie sie in Zeiten der humanistischen Gelehrtenbriefe und zuletzt im 18. Jahrhundert üblich war. Er hat Widmungsgedichte über seine literarischen ,Ahnherren‘ geschrieben: Alfred Jarry, Hans Arp, Max Bense und die Mitglieder der Stuttgarter Schule. Es gibt kaum einen Autor, der die Sprache als konkretes Material betrachtet, den er nicht in seinen Widmungsversen bedacht hätte – gelegentlich sogar dreimal. Die befreundeten Verleger Klaus Wagenbach, Christoph Schlotterer und Michael Krüger dürfen nicht fehlen. Die einzigartige Stuttgarter Buchhandlung Wendelin Niedlich hat er mit einem „L“-Gedicht gefeiert, in dem mindestens vier „l“ pro Zeile erscheinen, um dem Namen des Buchhändlers zu entsprechen. Aus Harigs Widmungsgedichten ließe sich das Netzwerk der Autoren rekonstruieren, die mit ähnlichen theoretischen Voraussetzungen seit den siebziger Jahren in Deutschland konkrete und experimentelle Poesie geschrieben haben.
In den Fußballgedichten hat sich der Autor einen Bereich erobert, der gerade durch die Spannung zwischen Trivialität, Spielkunst und Medialität (Fernsehübertragungen) und Form des Sonetts immer neue und überraschende Reize ermöglicht. Ein eigener Band, in dem viele verstreut gedruckte Fußballsonette (nur selten erscheinen auch andere Formen) gesammelt werden, ist gerade erschienen. Die These von Werner Jung, daß Harigs Lyrik immer Gelegenheitsdichtung bleibe, überzeugt mich nicht ganz. Sind Fußballspiele oder Reflexionen über Tiere, Menschen und literarische Freunde einfach „Gelegenheiten“? Natürlich schreibt Ludwig Harig gern Gedichte zu bestimmten Anlässen, so etwa zum neuen Jahr oder auch für Feste und gesellige Veranstaltungen. Aber ihre Mitteilung bleibt meist auf die Teilnehmer des jeweiligen Anlasses beschränkt; sie werden selten in Zeitschriften oder Sammlungen publiziert.
Noch immer sind es die verschiedenen Wörterwelten – bei den Fußballsonetten die Namen der berühmten Spieler und ihre Spielzüge –, die Harig faszinieren. Gerade in seiner Versifikation muß man ihn immer wieder bewundern. Natürlich benutzt er ein Reimlexikon. Gelegentlich hilft ihm auch das „Rückläufige Wörterbuch“. Dennoch sind die Reim-Funde oft wahre Überraschungen. So finden sich Reimpaare wie „Adorno“/„Porno“ oder „Unseld“ reimt sich auf „schmunzelt“, „Stormweg“ auf „Vormweg“, „Phlox“ auf „Gesox“ oder „Intervallmus“ auf„ Kalmus“. Nicht zuletzt in solchen kunstreichen Paarungen erscheint der Luftkutscher als Komiker.
Gerade ein Blick auf die frühen Gedichte, die hier abgedruckt sind, erlaubt die Einsicht in wesentliche Wandlungen des Autors Harig seit den fünfziger Jahren. Die experimentell geschriebenen Texte verzichten auf ironische oder humoristische Töne. Harigs Benn-Erfahrungen waren zu eindrucksvoll, als daß er sich von ihnen hätte distanzieren können. In den zahlreichen Übersetzungen aus dem Französischen (Rimbaud, Verlaine, Jarry, Cocteau, Queneau und Roubaud) hat Harig das ,Fliegen‘ gelernt. Sein Beitrag für diesen Band, den er im Blick auf Benn „Im Rausch der Südwörter“ überschrieb, führt zu seinen Anfängen als Lyriker zurück. Es war nicht die schlechteste Schule, die er sich ausgesucht hat.

Gerhard Sauder, Nachwort

 

Inhalt

Im Anfang war das Huhn. Mit dieser und vielen anderen, ähnlich verfänglichen Feststellungen in seiner „Allseitigen Beschreibung der Welt“ wurde Ludwig Harig 1972 einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Als Poet bleibt Harig dem Klang der Wörter treu, und der formalen Strenge: seine Lieblings-Gedichtform wird das Sonett. Der Band enthält die zwischen 1972 und 1997 erschienenen Gedichtbände Pfaffenweiler Blei, Sieben Menschen, Menschen, Tiere, Sensationen sowie eine große Abteilung verstreuter Gedichte aus fünf Jahrzehnten.

Carl Hanser Verlag, Ankündigung

 

Luckel

Den Luckel kenne ich, seit ich zehn bin, denn ich ging einige Lenze lang mit ihm in die Schule. Nicht in die ABC-Schule, wo man uns das Alphabet einbleute und Buchstabenmalen das Höchste gewesen ist. Nein, damals, als Luckel und ich Seite an Seite saßen, da begann schon das Sätzebilden und das Sätzebauen, und dabei blieb es eigentlich zeitlebens. Sonst ist dazu nichts zu sagen.
Die wichtigste Begegnung, die zweite, fand mit Zwanzig statt, an einem Spätnachmittag im Mai, und sie blieb entscheidend. Ich habe das Bild noch im Kopf, als sei es heute gewesen: Luckel, den ich lange nicht gesehen hatte, doch sogleich als den Luckel aus Schulzeit und Bibelstunde ausmachte, stand an einem langen Zaun mitten in einem Gemüsebeet, das noch keins gewesen ist, doch bald eins sein sollte, baute, mit dem Kinn auf seinen Spaten gestützt, ein Denkmal des Fleißes und schaute, wohl auf Ablenkung hoffend, vielleicht auch auf Hilfe, den Weg hinauf und hinab. Ich kam von oben, Luckel guckte von unten, ich blieb stehen, Luckel stand schon. So kams zum Plausch. Klagte Luckel ein Leid? Wohl kaum. Doch daß es ihm stank und weshalb es ihm stank, das tat Luckel offen kund: Nachmittag um Nachmittag, ausgenommen die Sonntage und die Tage, an denen es schneite und nieselte, zwang man ihn mit dem Spaten ins Gemüsebeet. Die Familie, die ihn offensichtlich von seinen Leseticks heilen wollte, gab peinlich genau acht, daß Luckel nach den Hausaufgaben etwas Nützliches leistete und nicht wie ein Luftikus, ein Nichtsnutz und Taugenichts Gedichte machte und Gedichte las. Denn Gedichte, und seien sie noch so kunstvoll gebaut, kann man im Gegensatz zu Gemüse und Salat nicht essen. Ich kannte das allzu gut. In Familien wie den seinen und den meinen, da galt ein Buch lediglich dann etwas, wenn es keine Gedichte enthielt und auf dem Einband Ausgaben und Einnahmen stand. Daß die mißachtete Dichtkunst Luckels die Familie einmal an die Spitze von Bestenlisten hieven sollte, das ahnte sie damals wohl nicht.
Ich glaube, es sind jene Nachmittage im Gemüsebeet gewesen, die lange Zeit seine Haltung zu Umwelt und Ökologie etwas ungünstig, um nicht zu sagen negativ beeinflußt haben, und jene, die ihn gut kennen, entsinnen sich noch genau, daß Luckel sich lange Zeit wild entschlossen zeigte, das Haus, das zu bauen von Anfang an seine mal vage, mal feste Absicht gewesen ist, mit dicken Betonschichten und Steineinfassungen zu umgeben, damit da ja kein Halm und keine Blume und kein Baum und kein Kohl wachse und folglich auch niemand auf den Gedanken kommen könne, ihm die Pflege von Wiesen und Gemüsebeeten und Salatköpfen nahezulegen. So kann das jugendliche Wühlenmüssen im Gemüsebeet, wenn es als Gegengewicht zu Dichtkunst und Lesen gedacht ist, Komplexe im Gefolge haben, die auf Psyche und Gemütslage eines Menschen oftmals einen schädlichen Einfluß haben. Zum Glück behielt Luckel sein seelisches Gleichgewicht bei, dank des Dichtens und des wöchentlichen Philosophengangs, zu dem ich ihn von da an pünktlich abholte, ihn somit wenigstens einmal die Woche von seinen unsäglichen Sisyphustätigkeiten loseisend, und siehe, bald gabs auch bei ihm den Wandel und den Wechsel: das Bukolische, von Anfang an Luckels Wesen so gemäß, hielt mit Landhaus und Eigenheim, mit Baumbestand und Komposthaufen, mit Weinobst, Zwetschgen und Blumen Einzug bei ihm und bestätigte damit Luckels alte These vom Zustand und Wandel, dem Publikum zwischen sechsundfünfzig und zweiundsechzig zunächst in Texten und Aufsätzen, danach in einem schmalen Buch kundgetan.
Von jenen Jugendtagen jedoch läßt sich, mit Dickens, leicht abgewandelt, sagen: es ist, vielleicht, die beste Zeit gewesen und die schlechteste Zeit, eine Zeit voll Weisheit und eine Zeit voll Tumbheit; die Epoche des Glaubens und die Epoche des Unglaubens, die Tage des Lichts und die Tage des Dunkels. Nun sind es genau fünfzig Lenze, seit diese Bekanntschaft begann, diese Kollegenschaft, diese Komplizenschaft möchte ich fast sagen. Fünfzig Lenze halten diese Bande des Einklangs nun an und halten sie aus und mag sich Luckels Physiognomie im Laufe von fünf Dezennien auch vielfach gewandelt haben, sein Bild bleibt sich in den Wesenszügen doch gleich und ich sehe es so, in Sätzen gemalt:
Kurz im Wuchs, wuchtig, muskulös mit Bauchansatz, Mund normal, das Kinn nicht allzu stark, grauäugig und aschblond das Haar, das vormals dicht war und nun so spärlich ist, Haltung stramm, doch nicht militärisch, umgänglich und zivil, manchmal abrupt, stur sogar, jähzornig nur im Auto und manchmal als Fotograf, falls das Motiv sich sträubt, oft impulsiv und ständig monogam, ordnungsfanatisch bis zum Wahn, dickköpfig dann und wann, doch voll Humor, mal aalglatt und galant, mal unduldsam und doktrinär, dynamisch, forsch und prall natürlich, saftvollbarock in Wort und Schrift und als Vortragsartist, ißt zum Frühstück schon Wurst, langt kräftig zu, übt Kritik, haßt Unordnung, Wirrwarr und Kritik, hält was von Diskussion doch nichts von Kritik, wirkt rüstig und stabil und fit und ist das auch, plant taktisch-kombinatorisch, ist vital, witzig, sorglos, zugänglich, doch apodiktisch auch, frisch, fröhlich und gar nicht fromm, Sonntagskind und Funkautor mit Sporttick, ha(a)rig von Kopf bis Fuß.

Eugen Helmlé

 

DER BRENNENDE BERG

Durchs große Fenster seines Hauses, wie es sich ein Lehrer, der Schriftsteller wurde, Schriftsteller, der Lehrer war, heute mitunter noch bauen kann, zeigte er, wetterleuchtenden Gesichts, auf eine bewaldete Kuppe am nahen Horizont. Das sei der brennende Berg, sagte er, und sein fröhlicher Atem hüpfte. Kaum fragte ich nach der Bewandtnis, saßen wir schon im Auto und fuhren, bald in den Gurten hängend, bald in die Polster gedrückt. Am unteren Ende eines schneckenhaft gewundenen Weges ließen wir das Gefährt und schritten aus. Es war Oktober, und die Laubbäume standen in kaltem Feuer. Schließlich kamen wir zum Kopf eines abschüssigen Hanges. Hier ist es, sagte er feierlich. Uns hinabtastend, gelangten wir an mehrere Öffnungen, die im roten Boden klafften, im Fels. Steckte man die Hand in eine der bemoosten Spalten, spürte man die Wärme des austretenden Dampfes. Er roch, das überraschte mich, nach jungen Pellkartoffeln mit zarter, leicht platzender Haut. Verursacher dieses Naturwunders, wußte mein Begleiter, seien vor Zeiten verschüttete Bergleute. Um sich ein Essen zu wärmen, hätten sie das Flöz entzündet, das noch heute brenne und an ihr Unglück erinnere. Dieser Erscheinung wegen sei vor zweihundert Jahren auch der junge Goethe aus dem Elsaß herübergeritten. Die Erzählung brach ab, denn das Terrain erwärmte sich, und der Erhitzte schlug vor, unsern Durst andernorts zu löschen.

Richard Pietraß

 

MANN OHNE E
Für Ludwig

Achtung
still Alarm o Mann da kommt das Wort
sing sang song sag nur
Tag und Nacht mit Hand im Gang
fährt gut hört gut gibt acht
nach vorn
Lob stob Max Philosoph
Wort Witzwort
Wortwitz Tat Worttat Wohltat Luft
das Buch
das Buch ist wichtig Ludwigs Roman

In Sulzbach im Saarland
wo Ludwig wohnt singt schwingt
pufft knallt von Fall zu Fall
Knall und Fall
toujours am Ball
du bist zart Akrobat
schön in Fahrt
schön obszön
mit Alkohol ist dir wohl

Ludwigs Frau Traumfrau
das Paar flog los hob ab voraus
das Schiff hat Volldampf
Blutdruck hoch
Druckblut hoch
Hörbild Lautbild mit Hans an Bord
o Mann am Anfang war das Wort
sagst du und Ordnung
Brixius
im Flug

Luftig duftig sahnig klobig rotzig
witzig trotzig anarchistisch
täglich tätig mit Wollust als vorbal
Wortball Sprachritt Schritt
Phallus sublim Inspirations-Schwarm
aus Luft und Ton
Umtrunk statt Umsturz

Las vor
ganz Ohr ganz still im Saal
Ludwig kommt mit Haut und Haar
Applaus

Felicitas Frischmuth

 

ANLÄSSLICH
für Ludwig Harig

sobald das gedicht beginnt, läuft
eine schnecke über den weg, natur-
gesetzt, noch unverletzt, und alle
schöpfungslust wie last ihr haus
um eine spindel gewendelt vom apex
bis zur sohle, obzwar wenngleich die
gar nicht erst vorhanden, weil nicht
vorgesehen, das universum überm
schneckenhaus perpetuell wie über
Johann Peter Hebels hut oder war es
der von August Kopisch, der in aus-
gelesenen lesebüchern geistert? sind
wir denn wirklich noch wer, lauter
namen in den mund zu nehmen, als wären
wir altberechtigt, und schon hastewas-
kannste fallen uns bei seite eins bis
hundertunddrei, wen das noch wundert,
spöttische mißfälligkeiten, abschätzige,
ehrenrührige abkanzelworte wie knochen
hingeworfen, die wahrheit sei schon immer
recht absolutistisch gewesen und wie erst
geworden, was uns nicht anficht, auch wenn
es uns gilt, am leidensdrücker die welt-
beglücker an diesem tag auch, der uns einte,
als bimbam heilig gesprochen grad vor drei
wochen, wir führten, ich kann es bezeugen,
keinen staatsstreich im schilde, nun sind
auch die andern im bilde, nicht wahr? wo
kein staat mehr zu machen, ist kein
staatsbegräbnis zu erwarten in nachbars
garten für den rest des jahrtausends,
wie hieß er nur gleich, na du weißt schon,
kalter hohn, wer und was wen im innersten
zusammenhält, ob es uns gefällt oder auch
nicht, immense(e)r kriechfleiß um jeden
preis, laß liegen, was liegt, laß fliegen,
was fliegt! ich weiß nicht, ob die schnecke
kroch oder schlich, bald schon durch die
pfanne geschwommen, ein wandelnder Wendelin
über die straße, ein leichtsinn, der für
gewöhnlich das leben kostet, vorerst nur
dies: die schnecke kam samt haus, perspektivisch
genabelt, mit einer botschaft von den Demoiselles
d’Avignon gefabelt, wer was, was wer
bezwecken wollte, als sich der bote in sein haus
einrollte, welch zweifelhaftes vergnügen,
die welt von Weimar aus zu betrachten oder
sein haus auf dem kreuz zu tragen, und dieses
eine war dir zu ehren linksgewunden, und ich
denke höchst absichtsvoll, so schwirren und
flirren um uns absonderlich lauter endliche
wesen und dinge vom besen auf die schaufel
zwischen zange und zunge, teils kombiniert,
teils permutiert, unermüdlich lief die schnecke
mehr als leise durch diesen vornehmlich links-
wendigen tag, wir nebeneinander ein stück des
weges auf duzfuß, die wiese, die nahebei grünte
und auf die wir grenzenthoben blickten, lag schon
in Frankreich.

Wulf Kirsten

 

LUDWIGSLUST
Fünf Fünfzeiler für Ludwig Harig

Eins

Den Zeigefinger hoch
Die Stimme tragen lassen
Wir lernen gut und gern
Wir bleiben fest hier
Sitzen

 

Zwei

Die Augen weit
Den Blick frei „schweifen“ lassen
Der Tisch das Buch die Flasche
Die Bilder können laufen
Lernen

 

Drei

Die Ohren offen
Die Zwischentöne färben durch
Gespür für Lautes Leises
Wort für Wort wie Sprache
Wachsen

 

Vier

Und Fuß vor Fuß
Die Spur nie wo verlieren
Geradewegs durch die Geschichten
Schritt für Schritt den Eindruck
Machen

 

Fünf

Tief Luft geholt
Den langen Atem haben
Rund in sich selbst
Und in der Welt zuhaus
Sein

Alfred Gulden

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Zum 90. Geburtstag von Ludwig Harig:

Ein Gespräch mit Literaturredakteur Ralph Schock
SR 2, 18.7.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv
Porträtgalerie

 

Deutsche Dichterflora-Waldundwiesenharig

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Ludwig Harig

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