Ludwig Harig: Zu Paul Celans Gedicht „Sprachgitter“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Paul Celans Gedicht „Sprachgitter“ aus Paul Celan: Sprachgitter. –

 

 

 

 

PAUL CELAN

Sprachgitter

Augenrund zwischen den Stäben.

Flimmertier Lid
rudert nach oben,
gibt einen Blick frei.

Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.

Schräg, in der eisernen Tülle,
der blakende Span.
Am Lichtsinn
errätst du die Seele.

(Wär ich wie du. Wärst du wie ich.
Standen wir nicht
unter einem Passat?
Wir sind Fremde.)

Die Fliesen. Darauf,
dicht beieinander, die beiden
herzgrauen Lachen:
zwei
Mundvoll Schweigen.

 

 

Ein Gedicht nach Auschwitz

Es ist dreißig Jahre her, seit ich mit vierzehnjährigen Volksschülern, Mädchen und Knaben, Paul Celans Gedicht „Sprachgitter“ las und auszulegen versuchte. „Interpretation“ ist ein zu dürftiger Begriff, das weitreichende Umfeld erst des Auffassens, Verstehens, Aneignens, dann des Klärens, Erläuterns, Deutens zu beschreiben: Dichterwort und Deutungswort, sach- und sinnverwandt, doch nicht deckungsgleich, im Kern zwar, nicht aber an den Rändern übereinstimmend. Die Annäherung an dieses Gedicht ist ein mühseliges Ackern mit Wörtern auf Wortfeldern, deren Grenzsteine oft ins Uferlose gerückt sind. Lehrer und Schüler zogen auf ein waghalsiges Abenteuer der Enträtselung aus.
Das Kriegsende mit der Befreiung der KZ-Häftlinge lag zwanzig Jahre zurück. Hinter verschlüsselten Wortbildern eines Gedichts suchten wir nach Schreibanlässen und -absichten des Dichters aus jüdischer Familie, der Eltern und Verwandte in Arbeitslagern durch Krankheit und Ermordung verloren hatte. Ich erinnere mich einer lebhaften Deutschstunde, in der Schüler und Schülerinnen den Schauplatz eines gescheiterten Zwiegesprächs entwarfen. Fast mit Händen greifbar beschworen sie den Gefangenen hinter Gitterstäben, seinen irrenden Augenaufschlag, seine gramfeuchten Tränen, seine armselige Hoffnung auf Begreifen der Notlage. Im flackrigen Licht einer Zelle bildete sich die Gestalt des Verstoßenen heraus, nahm mehr und mehr festen Umriß an, wurde zur anwesenden Figur: Wer nach Helligkeit drängt, zeigt sein noch nicht erstarrtes Herz!
Wir begriffen: Ein- und zugleich ausgesperrt harrt auf kalten Fliesen ein sprachlos gewordener Häftling aus in der Zuversicht, sich vielleicht doch mit seinem Gegenüber verständigen zu können. Noch läßt er sich ausforschen, noch läßt er sich prüfen. Eingeklammert zwei Feststellungen und eine Frage des Besuchers vor dem Gitter: Er denkt sich aus, wie er leben würde bei vertauschten Rollen, erinnert sich an gemeinsam durchstandene Unbill, erkennt aber die Sprachnot entfremdeter Freunde. „Herzgrau“, heißt es, ist der Himmel, sind die beiden Lachen, in denen er sich spiegelt: das Firmament verdunkelt, das Auge getrübt, das Blut aus den Adern gewichen. Einander gegenüber stehen sich zwei Menschen, denen „das Herz voll ist“, doch „der Mund nicht übergeht“, weil sie, fremd geworden, am Verstehen zweifeln. Beide, der eine vor, der andere hinter dem Gitter, schweigen verschämt.
Es war nicht einfach, mit Vierzehnjährigen vom Bild auf den Sinn, von der Szene auf das Wesen, vom Sprechen auf die Sprache zu kommen. Wir fragten uns, ob der Dichter in diesem Gefangenen einen KZ-Häftling hinter Stacheldraht, einen Zuchthäusler hinter Gefängnisstäben oder einen Mönch hinter dem Sprechgitter eines Klosters gesehen habe oder ob er nicht vielmehr jeden von uns gemeint haben könnte vor dem undurchdringlichen Zaun, der zwischen uns Sprechenden und der Sprache aufgerichtet ist. Ein Wort sei ja nicht das Ding selbst, das es bezeichnet, bemerkte ich, durch die Buchstaben hindurch müsse man die wirkliche Welt erkennen.
Doch die Schüler waren nicht aufzuhalten, Auschwitz mit seiner Grenzsituation menschlichen Zusammenlebens ins Spiel zu bringen: Ich konnte sie nur zögernd vom Besonderen zum Allgemeinen hinführen. Und so liebäugelten wir mit der Antwort: Wenn die Sprache selbst vergittert ist und wir mit jedem ausgesprochenen Wort an Hindernisse prallen, oft hohe Wälle und dichte Palisaden, hinter denen ein Angesprochener lauscht, aber nicht versteht, dann müssen wir Hilfe bei den Dichtern suchen.
Sie sind am innigsten mit der Sprache verbunden; sie sind es, die das Begreifen stiften. Zauberkräftig verwandeln sie die Gitter der Sprache in Pfeiler eines Geländers, an dem entlang wir den Weg zueinander und zu den Dingen finden. Am Beispiel des Gedichts „Sprachgitter“ ging uns ein Licht auf, daß es nicht barbarisch ist, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, wie Adorno entschied, sondern eine höchst zivilisierte Tätigkeit, den nach Verstehen und Verständigung Lechzenden das Brett vom Kopf zu nehmen, das ihnen die Widersacher der Poesie tagtäglich vor die Stirne nageln.

Ludwig Harigaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Neunzehnter Band, Insel Verlag, 1996

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