Albrecht Goes’ Gedicht „Landschaft der Seele“

ALBRECHT GOES

Landschaft der Seele

Kein Himmel. Nur Gewölk ringsum
Schwarzblau und wetterschwer.
Gefahr und Angst. Sag: Angst – wovor?
Gefahr: und sprich – woher?
Rissig der Weg. Das ganze Feld
Ein golden-goldner Brand.
Mein Herz, die Hungerkrähe, fährt
Kreischend über das Land.

1949

aus: Albrecht Goes: Lichtschatten Du. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1978

 

Konnotation

Für die „sanfte Melodik“ und „angeborene Pietät“ seiner ersten lyrischen Versuche wurde der schwäbische Dichterpfarrer Albrecht Goes (1908–2000) von Hermann Hesse in den höchsten Tönen gelobt. Nachdem er als „Wehrmachtspfarrer“ mit der grausamen Realität des Krieges an der Ostfront konfrontiert worden war, führte für den Dichter kein Weg mehr zurück zu den „Fabuliervergnügungen der Vorkriegszeit“. Aber den hohen Ton der romantischen Seelen-Inspektion hat Goes auch nach 1945 nicht aufgegeben.
Die Spiegelung der Seelenlage des lyrischen Subjekts in der Natur – das ist das Metier des romantischen Dichters, das Goes hier virtuos aufnimmt. Ein poetisches Zeichen für den geschichtlichen Hintergrund, aus dem das 1949 entstandene Gedicht erwachsen ist, sucht man jedoch vergeblich. „Gefahr“ und „Angst“ werden zwar lyrisch aufgerufen, aber nicht in konkreten geschichtlichen Lagen verankert. Im Gegenteil: Der „Brand“, der das ganze „Feld“ verheert, wird sogar mit einer Aureole („golden-goldner Brand “) versehen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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