Alexander Nitzbergs Gedicht „… al fine“

ALEXANDER NITZBERG

… al fine

Abends enden die Sinne
aaaaamit dem Tag.
Ich dagegen beginne.

Schrieb nicht ein müder Wandrer
aaaaaziemlich vag,
ich, das wäre ein Andrer?

Was aber wäre das Eine?
aaaaaWohl der Rest,
welchen ich jetzt verneine?

Alles ist eine Wende.
aaaaaDas steht fest,
wenn ich am Morgen ende.

nach 2000

aus: poet Nr. 5. Das Magazin des Poetenladens. Leipzig 2008

 

Konnotation

Der Düsseldorfer Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg (geb. 1969) ist Abkömmling einer russischen Künstlerfamilie und hat seine immensen Kenntnisse der russischen Moderne für seinen eigenen Umgang mit den Kunstmitteln von Reim und Metrum fruchtbar gemacht. In unerschrockenem Traditionalismus versucht er die Frische der alten Formen zu demonstrieren.
In einer Art Kettenreim werden hier die modernen philosophischen Schlüsselkategorien „Das Ich und die Anderen“ (Sartre) bzw. „Das Ich ist ein Anderer“ (Rimbaud) und „Das Eine und die Vielen“ (J.L. Borges) durchgespielt. In einer schönen paradoxen Kreisbewegung wird das Ich auf sich selbst zurückgeworfen. Die Aktivität und Passivität des Subjekts verhält sich dabei umgekehrt reziprok zum gewöhnlichen Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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