Arno Holz’ Gedicht „Einem Fortschrittsleugner“

ARNO HOLZ

Einem Fortschrittsleugner

Dein Hypothesenungeheuer
Hat mich noch niemals recht erbaut.
Der Weltgeist ist ein Wiederkäuer,
Der ewig frisst und nie verdaut?
Still, still, mein Lieber; also spricht
Nur Einer, den der Haber sticht,
Denn könnt’ ich, hoch im Himmel hausend,
Nur um ein lumpiges Zehnjahrtausend
Dein Hirn nach rückwärtshin verrenken,
Du würdest anders drüber denken!

1885

 

Konnotation

Dass sich der „Weltgeist“ letztlich als Vernunft in der Geschichte realisiert, ist ursprünglich die metaphysische Grundfigur in der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831). Wer diesem Geschichtsoptimismus Hegels und der fortschrittsgläubigen Heilsgeschichte seiner linken Schüler Marx und Engels skeptisch gegenüberstand, der bekam es mit dem aufsässigen Berliner Dichter und Sozialisten Arno Holz (1863–1929) zu tun. In seinem Buch der Zeit, das er 1885 zunächst nur in der Schweiz veröffentlichen konnte, liest Holz den „Fortschrittsleugnern“ und den Verächtern des „Weltgeists“ die Leviten.
Seine vitalistisch-aggressiven und politisch drastischen Gedichte nannte der junge Holz „Lieder eines Modernen“. Sein grimmiger Spott gilt hier jenen konservativen Zeitgenossen, die sich auf einen strengen, mathematisch orientierten Positivismus („Hypothesenungeheuer“) verlegen und die Möglichkeit einer Weiterentwicklung der Gesellschaft leugnen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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