Claire Golls Gedicht „ZEHN JAHRE SCHON, daß du mich liebst…“

CLAIRE GOLL

ZEHN JAHRE SCHON, daß du mich liebst
Zehn Jahre zehn Minuten gleich
Und immer seh ich dich zum ersten Mal:

Die Tauben voller Rosen
Künftige Tränen hinter der Brille
Wie Diamanten in Vitrinen
In deiner Brust eine Lerche
Und unter den schüchternen Handschuhn
die Zärtlichkeiten der Zukunft

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Daß auf allen Uhren
Die Zeit auf immer stillstand

1926/27

aus: Ivan und Claire Goll: Zehntausend Morgenröten, Limes Verlag, Wiesbaden 1954

 

Konnotation

Nach zwei gescheiterten Ehen hatte die aus Nürnberg stammende „Traumtänzerin“ Clara Aischmann (1891–1977) 1917 in Genf den heimatlosen Dichter Yvan Goll (1891–1950) kennengelernt. Sie hatte seine surrealistischen Gedichte gelesen und ihm in Briefen ihre Begeisterung mitgeteilt. Er war daraufhin zu ihr gereist und hatte ihr spontan eine Liebeserklärung gemacht. Daraus entstand die Verbindung eines in ambivalenter Leidenschaft verbundenen Dichterpaars, das sich mit glühenden Liebesgeständnissen, promiskuitiven Neigungen und heftigen Schuldvorwürfen gegenseitig zusetzte.
Viele ihrer Gedichte, so auch dieser 1926/27 entstandene Text, schrieb Claire Goll gemeinsamen mit ihrem Mann als „Wechselgesang der Liebe“. So wurde früh zum gemeinsamen poetischen Leitmotiv, was Claire Goll 1917 zum lyrischen Markenzeichen ihres Yvan erhoben hatte: „Sein Thema ist immer die Liebe, die Liebe zum Menschen, er spielt es in hundert Variationen…“

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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