Gabriele Eckarts Gedicht „Adieu Land“

GABRIELE ECKART

Adieu Land

Ihr Spitzel und ragenden Mauern
Ihr Losungen: WIR SIEGER DER GESCHICHTE
Und meine falschen Wohltäter
Die mir Nadel und Faden reichten um mir die Lippen zusammenzunähen

Adieu Land
Das langsam erstickt an den unausgesprochenen Dingen
Ich lernte das Fürchten hier
In den Alpträumen rannte ich
Bis jemand wie ein Gott mir eine Strickleiter zuwarf
Doch man hielt mich wenn ich klettern wollte an den Beinen

Ich ziehe meinen Weg
Adieu ihr Freunde
Die ich unterscheiden lernte in der Not
Ihr Wenigen
Ohne die alles vergebens gewesen wäre
Meine Seele mein Leib mein Schrei

1987

aus: Ein Molotowcocktail auf fremder Bettkante. Lyrik der siebziger/achtziger Jahre von Dichtern aus der DDR. Reclam Verlag, Leipzig 1991

 

Konnotation

Die Entschlossenheit, mit faktografischer Literatur den DDR-Alltag von innen zu erforschen, hat man der Schriftstellerin Gabriele Eckart (geb. 1954) ziemlich verübelt. Nachdem man zwei frühe Gedichtbande der Autorin noch toleriert hatte, nahmen die DDR-Zensurbehörden Anstoß an Eckarts Sammlung von Gesprächsprotokollen aus einer havelländischen Obstbau-Produktionsgenossenschaft. Das Buch So sehe ick die Sache konnte 1984 nur in der Bundesrepublik erscheinen. Als man Gabriele Eckart auch noch durch Stasi-Erpressungen zusetzte (sie wurde zunächst als „IM Hölderlin“, später als „OPK Kontra“ geführt), verließ die Autorin 1987 die DDR und ging in die USA.
Die politische Anklage des 1986/87 entstandenen Gedichts verzichtet auf alle Chiffrierungen: Das Heimatland aus „Spitzeln und ragenden Mauern“ hat Gabriele Eckart Alpträume verursacht. Da bleibt nur der Abschied. Der Autorin hatte man, wie aus später veröffentlichten Dokumenten hervorgeht – z.B. aus einem Gedicht ihres Kollegen Adolf Endler (geb. 1930) – auch mit handgreiflichen Attacken zugesetzt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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