Heinrich Heines Gedicht „Vermächtnis“

HEINRICH HEINE

Vermächtnis

Nun mein Leben geht zu End,
Mach ich auch mein Testament;
Christlich will ich drin bedenken
Meine Feinde mit Geschenken.

Diese würdgen, tugendfesten
Widersacher sollen erben
All mein Siechtum und Verderben,
Meine sämtlichen Gebresten.

Ich vermach euch die Koliken,
Die den Bauch wie Zangen zwicken,
Harnbeschwerden, die perfiden
Preußischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt ihr haben,
Speichelfluß und Gliederzucken,
Knochendarre in dem Rucken,
Lauter schöne Gottesgaben.

Kodizill zu dem Vermächtnis:
In Vergessenheit versenken
Soll der Herr eur Angedenken,
Er vertilge eur Gedächtnis.

1851

 

Konnotation

Hier spricht ein moribunder Dichter. Aber Larmoyanz ist seine Sache nicht. Auch als Todgeweihter, der nach 1846 seine Lamentationen „aus der Matratzengruft“ schrieb und damit „die dritte lyrische Säule“ seines Ruhms schuf mobilisierte Heinrich Heine (1797–1856) seine Angriffslust. Der hier seine „letztwillige Verfügung“, das „Kodizill“ formuliert, legt wenig Wert auf Versöhnung.
Das Gedicht ist Bestandteil des „Lazarus“ Zyklus, der einen Teil von Heines Romanzero (1851) bildet, der letzten zu Lebzeiten des Dichters erschienenen Gedichtsammlung. Trotz der Selbststilisierung des Ich zur biblischen Lazarus-Gestalt, die von Jesus von den Toten auferweckt wird, stellt das „Vermächtnis“ nicht die eigenen Leiden in den Vordergrund, sondern die verderbte Gesellschaftsordnung, gegen deren notorische Krankheiten sich Heines Alter ego auflehnt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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