Hellmuth Opitz’ Gedicht „PSST! Es ist Herbst,…“

HELLMUTH OPITZ

PSST! Es ist Herbst,
Madame.
Die Nacht spielt schon ein
kühles Saxophon.
Der Wind wirbelt durch Ihre
Schulterblätter, wenn Sie Atem
holen gehen in dieser
ausgeknipsten Stadt.
Ich weiß: Die Tür
Ihres Geschlechts ist nur
angelehnt, Madame. Von dort
fällt manchmal ein Spalt
Helligkeit in meine
Tunneltage.
Aber Herz beiseite:
Gehen Sie, Madame, gehen
Sie diesen von spitzen Schuhen
angestachelten Gang, den Takt
des Westens.
Die Nacht spielt schon ein
kühles Saxophon.

1996

aus: Hellmuth Opitz: Engel im Herbst mit Orangen. Pendragon Verlag, Bielefeld, erw. Aufl. 2006

 

Konnotation

Der 1959 geborene Dichter Hellmuth Opitz wird für seine Gedichte als heimlicher Heros einer „neuen Verständlichkeit“ bejubelt. Dabei ist die scheinbare Leichtigkeit und Direktheit seiner Gedichte kunstvoll hergestellt. Das Liebesbegehren seiner lyrischen Helden wird in ebenso originelle wie traditionsbewusste Bilder übersetzt, die ihr gelegentliches Pathos durch selbstironische Beiläufigkeit wieder aufheben.
Die Accessoires dieser Liebespoesie werden äußerst lässig herbeizitiert. Das betrifft das „kühle Saxophon der Nacht“ ebenso wie die „Tunneltage“ der Depression. Die Liebesträume des lyrischen Subjekts garniert der Autor mit dezenten erotischen Anspielungen, die auch schon mal einen kalauernden oder obszönen Beiklang haben können; etwa wenn der „Spalt / Helligkeit“ in die Grübeleien des Liebenden fällt. Hellmuth Opitz kultiviert eine ebenso spielerische wie ironisch-elegante Liebespoesie – in einem Genre, in dem fast immer Sentimentalität und Süßlichkeit triumphieren, ist das eine literarische Großtat.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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