Hertha Kräftners Gedicht „Die Eltern im Herbst“

HERTHA KRÄFTNER

Die Eltern im Herbst

Dann war es Herbst geworden
und da gefiel meinem kleinen Fensterbrettvogel
das Singen nicht mehr.
Aber dafür werden immer im Herbst
die Toten so unruhig,
und da kommt an manchen Abenden
mich mein Vater besuchen
und trägt einen blauen, wollenen Schal,
von dem meine Mutter sagt,
er hätte ihn am Tag meiner Geburt
im Eisenbahnabteil verloren.
Meine Mutter aber
verschenkt in jedem November
ein Stück von meines Vaters weißen Hemden.
Und zur gleichen Zeit
wenn die Toten in ihren Gräbern
sich umdrehn,
bitten die jungen Frauen
ihren Mann um ein Kind.

um 1950

aus: Hertha Kräftner: Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Wieser Verlag, Klagenfurt 1997

 

Konnotation

Die Präsenz der Toten in den Texten der österreichischen Dichterin Hertha Kräftner (1928–1951) ist unübersehbar. Zur traumatischen Urszene ihres Lebens geriet die Begegnung mit russischen Soldaten, die 1945 in ihr Elternhaus eindrangen und ihren Vater tödlich verletzten. Dieser Schock hinterließ tiefe Spuren in ihrem schmalen Œuvre. Eine unheilbare Verstörung, ausgelöst durch die Schrecken der Besatzungszeit und durch quälende Liebesbeziehungen, hat sich in ihre Dichtung eingeschrieben.
In dem um 1950 entstandenen Gedicht kehrt der tote Vater des lyrischen Ich als Phantasmagorie zurück. Die Zeit der Unversehrtheit, symbolisch aufgerufen im „blauen. wollenen Schal“ und den „weißen Hemden“ des Vaters, blitzt als Erinnerungsbild auf. Am Ende folgt eine finstere Phantasie über das Zusammenfallen von Geburt und Tod. Der Unruhe der Toten, in denen die an ihnen begangenen Verbrechen weiter toben (weshalb sie sich „in ihren Gräbern umdrehen“) steht die ungebrochene Erwartung der „jungen Frauen“ auf die Verheißung neuen Lebens gegenüber.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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