Jan Wagners Gedicht „champignons“

JAN WAGNER

champignons

wir trafen sie im wald auf einer lichtung:
zwei expeditionen durch die dämmerung
die sich stumm betrachteten. zwischen uns nervös
das telegraphensummen des stechmückenschwarms.

meine großmutter war berühmt für ihr rezept
der champignons farcis. sie schloß es in
ihr grab. alles was gut ist, sagte sie,
füllt man mit wenig mehr als mit sich selbst.

später in der küche hielten wir
die pilze ans ohr und drehten an den stielen –
wartend auf das leise knacken im innern,
suchend nach der richtigen kombination.

um 2000

aus: Jan Wagner: Probebohrung im Himmel, Berlin Verlag, Berlin 2001

 

Konnotation

Der 1971 geborene Jan Wagner gilt als der artifiziellste Formkünstler innerhalb der jungen Dichter-Szene, weil er auch die Königsdisziplinen der Lyrik beherrscht: die Sestine und den Sonettenkranz. In seinen Gedichten, die mitunter als unspektakuläre Stilleben daherkommen, versucht der Autor dem scheinbar unsensationellen Detail und der ephemeren Einzelheit eine existenzielle Offenbarung zu entlocken.
Die unscheinbaren Dinge, in diesem Fall die Pilze, werden zum stillen Träger der Erinnerung. Und sie stellen das Material bereit für eine kleine Poetik. Denn das Erinnerungsbild an das Pilzesammeln ist nicht bloßes Kindheits-Idyll. Es ist auch Verweis auf die Methode der Gedichte – die Konzentration auf das sinnliche Detail: „alles was gut ist, sagte sie / füllt man mit wenig mehr als mit sich selbst“. Aus der Leuchtkraft der Details entstehen dann neue Geheimnisse – die man staunend zu enträtseln versucht. Wie beim naiven kollektiven Lauschen auf die Vorgänge im Inneren der Pilze.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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