Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Lied des Türmers“

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Lied des Türmers

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.
Ich blick in die Ferne,
Ich seh in der Näh
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.
So seh ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir’s gefallen,
Gefall ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle,
Es war doch so schön!

nach 1820

 

Konnotation

In Goethes (1749–1832) Drama Faust II tritt die antike Figur Lynkeus als Türmer auf dessen Aufgabe es ist, wachsam das Geschehen außerhalb der Burg zu beobachten und vor allem die Ankunft Helenas zu melden. Im fünften Akt verkündet dieser Türmer Lynkeus eine Art Weltformel: Es geht um die Einheit von Selbst- und Weltwahrnehmung. In seinem Rundblick vom Turm aus bekundet das lyrische Ich seinen Gefallen an der Welt – die Naturphänomene sind in Harmonie, die Erfahrung von Nähe und Ferne ist gleichermaßen beglückend.
Die Arbeit an Faust II umfasste die letzten Lebensjahre Goethes. Das „Lied des Türmers“, das auch unter dem Titel „Lynkeus der Türmer“ firmiert, zieht die lyrische Summe seines Werks. Während Mephistopheles und Faust in Goethes Drama den Willen zur systematischen Naturbeherrschung verkörpern, ist der Figur Lynkeus eine genuin ästhetische Erfahrung zugedacht: Denn all das Sehen und Schauen des Türmers zielt auf das Bild des Schönen. Und in der Erkenntnis dieses Schönen ruht auch das glückliche Selbstverhältnis des Subjekts.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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