Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Woher sind wir geboren?…“

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Woher sind wir geboren?
aaaAus Lieb.
Wie wären wir verloren?
aaaOhn Lieb.
Was hilft uns überwinden?
aaaDie Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
aaaDurch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen?
aaaDie Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
aaaDie Lieb.

1786

 

Konnotation

Sechs Verse, die tiefste Existenzfragen stellen, finden hier stets die lapidar-einsilbige Antwort: „Lieb“. Was Goethe (1749–1832) in einem Brief (vom Juni 1786) an Charlotte von Stein als Liebesgedicht deklariert, ist die Neuakzentuierung und Verdichtung eines umfangreichen Poems, das ursprünglich von dem lutherischen Theologen Johann Valentin Andreae (1586–1654) stammt. Das raffinierte poetische Wechselspiel von Frage und Antwort hat den Charakter eines Gebets oder eines Psalms. Angebetet wird die Liebe.
Nur wenige Monate nach der Niederschrift dieses Gedichts, im September 1786, floh Goethe aus Weimar nach Italien – diese Reise besiegelte den vorläufigen Bruch der Beziehung mit seiner Seelenfreundin. Als er im Juni 1788 aus Italien nach Weimar zurückkehrte, war der amouröse Faden neu geknüpft und „die Lieb“ suchte sich ein neues Objekt. An die Stelle der adligen Hofdame von Stein trat nun eine neue Traumfrau: die Putzmacherin Christiane von Vulpius.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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