Norbert Hummelts Gedicht „aus der tiefe“

NORBERT HUMMELT

aus der tiefe

seit heute weiß ich daß ich farben träume nicht
einfach alles nur in anthrazit sah zwar kein
blut u. keine kohlen glühen doch aus dem seltsam

unterhöhlten schlummer nachdem ich stunden über
nicht zur ruhe fand u. wälzte mich in einem hellen
hunger bis ich dann irgendwann am ende tiefer

sank nahm ich dort unten etwas bis nach oben mit
so wie ich einmal weißt du unser kind das für
mich unberührbar nah im wasser schwimmt schon

vor mir sah als es erst kaum gezeugt war als ein
entrücktes aber klares bild sah ich das zarte maigrün
junger bäume abgetönt vor einem dunklen grund

2005

aus: Norbert Hummelt: Totentanz. Luchterhand Verlag, München 2007

 

Konnotation

Dichtung“, hat Norbert Hummelt (geb. 1962) einmal gesagt, „ist Lichttherapie, auch wenn sie dunkel ist.“ Und poetische Illuminationen erhellen bei diesem Dichter vom Niederrhein immer wieder Urszenen der Kindheit, Begegnungen mit der Mutter und dem Vater und sogar pränatale Zustände. Hummelt evoziert in seinen sanft fließenden Langzeilen „viele zarte wunder“, die sich an der Grenze von Schlafen und Wachen einstellen.
Auch hier, in diesen traumnahen Erkundungen des Vorbewussten, agiert ein Ich, das sich in den Zonen des Dämmerns und der Trance „innerlich den hellen Bildern“ hingibt, wie es in anderem Zusammenhang heißt. Da glühen Farben auf, so auch in jener glücklichen Vision der intimen Nähe des noch embryonalen Kindes. „Aus der Tiefe“ des Leibs und der Seele erreichen den Dichter Offenbarungen – Anlass für die romantische Wiederverzauberung der Welt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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