Norbert Langes Gedicht „Rauhfasern“

NORBERT LANGE

Rauhfasern

Auf dem Dach, dresdner, die Filter, Nächte brannten
ab dazwischen, wir mit glühweinwarmen Tassen,

auf dem Dachfirst hockten, nachts, im Rücken flackernd,
und das Straßeneck, fuhren Autos hinter Bäumen,

Sechzehn Jahr. Ich steckte meinen Mund in deine Haar,

wir zogen in den dritten Stock, vorbei, und standen,
alles weich und aufgerissen, vor Tapeten, rauh

verstreut, dort gab’s Fasane noch auf Einzelstücken,
wir lagen einfach da mit nackten Rücken.

2005

aus: Norbert Lange: Rauhfasern. Lyrikedition 2000. München 2005

 

Konnotation

Alle Zeichen stehen hier auf Zukunft und Aufbruch. Auf dem Dach eines Hauses brütet eine Gruppe junger Erwachsener Pläne aus für einen Neuanfang in einer neuen Behausung. In der Mitte des Gedichts wird dann in Kursivschrift eine intime Szene markiert: eine Wendung hin zur romantischen Individuation. Dann folgt die Versbewegung wieder der kollektiven Verheißung. Aber am Ende bleibt die Utopie der Intimität – die nackten Rücken eines Liebespaares.
Der in Berlin lebende Dichter Norbert Lange (geb. 1978) sucht den intensiven Austausch mit den Formen-Repertoires und Motiv-Arsenalen der poetischen Tradition. Gedichte begreift er prinzipiell als „Palimpseste“, also als Übermalungen bzw. Überschreibungen von historisch immer wieder neu bearbeiten Urschriften. Das ästhetisch Schöne betrachtet er mit Skepsis, ohne es jedoch der vollständigen Zertrümmerung preisgeben zu wollen. „Denn das Schöne“, so hat Norbert Lange seine Poetik zusammengefasst, „verlangt als letzte wichtigste Probe die Zerstörung seiner selbst“.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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